„Bei uns kommen immer wieder Beschwerden wegen des Zwangs zur Selbsterledigung von Überweisungen am Automaten herein. Wir erleben bei Banken nämlich eine inakzeptable Entwicklung: Kundinnen und Kunden werden zu unbezahlten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ihrer Bank gemacht. Statt Service gibt es nur noch Selfservice“, sagt Korosec.
Wer auch im Alter seine Finanzen selbst regeln möchte, dessen Welt schwindet. Nicht nur der eigene Bewegungsradius wird kleiner, auch das Angebot der Banken. Im Jahr 2025 gab es in Österreich noch etwas mehr als 5000 Bankfilialen, heute sind es 3400. Auch die potenziellen Ansprechpartner sind weniger geworden. Im selben Zeitraum sind im Bankensektor rund 10.000 Arbeitsplätze verloren gegangen.
Der digitale Burggraben
Die Oesterreichische Nationalbank hat kürzlich eine Studie zur „Betroffenheit von digitaler finanzieller Exklusion“ veröffentlicht. Sozialforscher haben untersucht, wie gut oder schlecht verschiedene Bevölkerungsgruppen mit Online-Banking, bargeldlosem Bezahlen oder Shopping im Internet umgehen können. Das Thema ist bis jetzt kaum erforscht. Bei einer Befragung gaben mehr als die Hälfte der über 80-Jährigen an, dass sie digitale Angebote wie Shopping im Internet oder Online-Banking nicht selbstständig nutzen können oder wollen. Zwar bieten die meisten Banken persönliche Beratungstermine an. Der Weg über die automatisierte Telefon-Hotline überfordert die Hochbetagten aber oft. Derzeit leben in Österreich etwas mehr als 550.000 Menschen in diesem Alter. 2040, wenn die ersten Baby-Boomer ihren Achtziger feiern, werden es 745.000 sein. Zwar steigt mit jeder Generation die digitale Kompetenz. Körperliche Einschränkungen oder Demenzerkrankungen machen aber auch vor ihnen nicht Halt.
„Älteren oder in ihrer Mobilität eingeschränkten Menschen Zugang zu ihrem Einkommen zu verschaffen, bestimmt seit ein paar Jahren immer stärker meinen Arbeitsalltag“, erzählt ein Sozialarbeiter, der namentlich nicht genannt werden möchte. Sozialarbeiter oder Heimhilfen dürfen die Bankomatkarten ihrer Kunden nicht nutzen und deren PIN-Codes nicht wissen. Das führt dazu, dass zwar öfter durchaus Geld am Konto liegt. Allerdings: Die einen können das Geld körperlich nicht mehr von der Bank holen, die anderen dürfen es dienstrechtlich nicht. „Auch diese Woche stehen wieder Bankbesuche an. Ich betreue eine ältere Dame, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen kann. Bisher hat ein Bekannter ihre Bankomatkarte gehabt und Bargeld für sie behoben, nach einem Streit lehnt sie seine Unterstützung ab“, so der Sozialarbeiter. Wegen einer beginnenden Demenzerkrankung hat er bereits eine Erwachsenenvertretung angeregt. Bis darüber entschieden ist, vergehen aber oft Monate. Grundsätzlich könnte man mit einer Vollmacht bei der Bank zwar Geld abheben, in der Praxis scheitert das Vorhaben aber oft an schlecht informierten Schaltermitarbeitern. Filialen mit gut ausgebildetem Personal empfehlen Sozialarbeiter-Kollegen untereinander weiter. Dafür nimmt man oft lange Wege in Kauf. „In meinem Fall hat es trotzdem nichts genützt. Die Unterschrift auf der Vollmacht unterscheidet sich zu stark von der Unterschrift, die bei der Bank aufliegt. Das ist nicht ungewöhnlich, mit der Verschlechterung von Sehkraft und Koordination oder nach Schlaganfällen verändert sich oft das Schriftbild“, so der Sozialarbeiter. „Für Banken gelten sehr hohe Schutzvorschriften“, erklärt eine Sprecherin des Bankenverbandes. In Akutsituationen hilft daher nur Improvisation: Zuletzt hat der Filialleiter einer Bank kurzerhand einen Hausbesuch gemacht.
Das letzte Hemd hat ein Wallet
Rainer Schuster kennt eine andere Seite des Problems. Der Wirtschaftsinformatiker leitet Vertrieb und Marketing des Familien-Weinguts Kummer-Schuster in Halbturn. „Wir haben der Oma regelmäßig Bargeld für Einkäufe ins Heim gebracht. Drei Monate später kam dann per Post eine Art Abrechnung, wofür Geld ausgegeben wurde: Apotheke, Fußpflegerin, Drogeriemarkt. Das war eine reine Zettelwirtschaft“, erzählt Schuster. Betagte Menschen brauchen auch in Pflegeeinrichtungen Geld: für Einkäufe, fürs Kaffeehaus, die Fußpflege. Die Heimbetreiber verwalten Geld für die Bewohner und bewegen sich dabei in einer rechtlichen Grauzone. „Oft geben Heimbewohner ihre Bankomatkarte mit PIN-Code weiter, und dann geht der Zivildiener Geld abheben“, so Schuster. Mit zwei Partnern hat er eine App namens Pflegenavi entwickelt. Das System funktioniert wie eine virtuelle Prepaid-Karte. Dadurch ist gewährleistet, dass niemand auf die Pension oder das Vermögen der betagten Menschen zugreifen kann. Die Ausgaben sind für Angehörige jederzeit einsehbar.
Isabella Gruber führt das Haus Schönbrunn, ein Pflegeheim der Caritas mit 85 Plätzen, seit Jänner ist das System Pflegenavi im Einsatz. „Bisher hat das Unternehmen Geld vorgestreckt, wenn beispielsweise die Friseurin zu zahlen war. Das ist intern relativ aufwendig verbucht worden, und mit der nächsten Monatsrechnung wurde das zurückgezahlt.“
Nun ist das nicht mehr notwendig. Und, so Gruber: „Wir unterstützen unsere Bewohnerinnen und Bewohner dabei, finanziell möglichst autonom zu bleiben.