Der Blick auf den Dieselpreis an der Zapfsäule löst bei Nikolaus Skarabela keine Panik oder Stresszustände aus. Höchstens Ärger – und ein bisschen Genugtuung. Das ist erstaunlich, denn das oberösterreichische Logistikunternehmen Schachinger, dessen Energie- und Mobilitätsbeauftragter Skarabela ist, gab zuletzt ein Zehntel seines Jahresumsatzes allein für Diesel aus. Man könnte meinen, die aktuelle Energiekrise sei Gift für das Geschäft. Förderlich ist sie tatsächlich nicht. Aber auch nicht existenzbedrohend. Und das liegt daran, dass der Frächter Tag für Tag immer mehr E-Lkw losschickt, um heimische Supermärkte mit Lebensmitteln oder Spitäler mit Medikamenten zu versorgen. Die Diesel-Lkw zieht das Unternehmen nach und nach aus dem Verkehr. Seit heuer kauft Schachinger keine Verbrenner-Lastwagen mehr.
„Anfangs war es eine ideologische Entscheidung. Jetzt ist es eine reine Kostenfrage“, erklärt Skarabela. „Wir bei Schachinger geben Millionen für Treibstoff im Ausland aus. Das ist sinnlos und seit dem Irankrieg wieder wirklich teuer. Es ist auch eine Frage der Wertschöpfung, ob das Geld am Standort bleibt oder ins Ausland fließt.“ Von rund 60 Lkw im Eigenbestand seien bald 25 rein elektrisch. Und auch von den gut 600 Lkw, die für Schachinger täglich Frachtaufträge ausführen, seien immer mehr elektrisch unterwegs.
23. März 2026: Die USA und Israel bombardieren den Iran fast täglich, die Straße von Hormus ist bereits drei Wochen lang gesperrt. Damit ist der Weltmarkt von einem Fünftel des global gehandelten Flüssiggases und einem Viertel jenes Erdöls, das auf dem Seeweg transportiert wird, abgeschnitten. Die letzten Gas- und Öltanker, die noch rechtzeitig durchgekommen sind, erreichen gerade ihre Zielhäfen – alle anderen stecken auf unabsehbare Zeit im Persischen Golf fest. Für Fatih Birol, den Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), ist all das an diesem Tag im März Grund genug, die Welt vor der „schwersten Energiekrise“ seit Jahrzehnten zu warnen. Und davor, dass diese noch viel schlimmer werden könnte als die Energiekrise nach Russlands Überfall auf die Ukraine und die Ölkrise der 1970er-Jahre zusammengerechnet.
In gewisser Weise hatte Birol recht – global betrachtet. Viele asiatische Länder mussten Energie rationieren, Menschen stehen regelmäßig vor leeren Tankstellen, und in zahlreichen Ländern kam es immer wieder zu Stromabschaltungen. Für Europa – und damit auch für Österreich – kam es aber weit weniger schlimm als befürchtet. Bisher zumindest. Von den prognostizierten Kerosinengpässen spätestens im Mai, von leeren Tankstellen, harten Energielenkungsmaßnahmen oder radikalen Preiseingriffen: keine Spur. Treibstoff ist zwar teuer, aber noch immer verfügbar und zumindest für Europäer nicht gänzlich unleistbar. Auch die Inflation steigt wieder – laut Schnellschätzung der Statistik Austria lag sie im Mai bei 3,7 Prozent –, aber eben nicht in einem Ausmaß, wie wir es aus der vorigen Energiekrise kennen.
Das überrascht viele in der Energiebranche. Aber es lässt sich erklären. Fünf Gründe, warum die „größte Energiekrise seit Jahrzehnten“ bisher eigentlich nicht zum Tragen kommt – und wie lange das noch gut gehen kann.
1. Die Ölmärkte tun weiterhin so, als wäre der Krieg bald vorbei
„Ich bin selbst ganz erstaunt, wie sehr alle Marktteilnehmer dem US-Präsidenten noch immer glauben“, sagt Walter Boltz, ehemaliger Vorstand des heimischen Regulators E-Control und Energiemarktexperte. Und tatsächlich machte der Ölpreis jedes Mal, wenn Donald Trump Verhandlungsdurchbrüche oder ein Kriegsende versprach, einen Knick nach unten. Etwa, als Trump Israels Präsidenten Benjamin Netanyahu in einem Telefonat am Montag als „verrückt“ und „undankbar“ bezeichnete und von Israel forderte, die Angriffe auf Hisbollah-Ziele im Libanon einzustellen. Der Ölpreiskurve gefiel das, obwohl Trump schon vieles gesagt hat, das sich kurze Zeit später als unhaltbar oder falsch herausstellte.
Die Ölpreise sind seit Jahresbeginn um die Hälfte gestiegen (siehe Grafik). Phasenweise überschritten sie deutlich die schmerzhafte Marke von 100 US-Dollar pro Fass der Sorte Brent. Aber sie sind nach wie vor weit entfernt von jenen 200 US-Dollar, mit denen einige Analysten großer US-Investmentbanken zu Beginn des Kriegs gerechnet haben. Und der Ölpreis erreichte bisher auch nicht das Level des Jahres 2022 nach Beginn des Ukraine-Kriegs.
In der Praxis tun also noch immer viele Ölhändler so, als wäre der Krieg bald vorbei. Außerdem ist die Straße von Hormus nach einigen Anläufen für nachhaltige Friedensverhandlungen zwar nicht frei passierbar, aber zumindest durchlässiger als noch vor einigen Wochen. „In der Realität wird diese Sperre brüchiger“, sagt Johannes Benigni, Energieexperte beim Unternehmensberater JBC Vienna. Pro Tag würden derzeit 20 bis 30 Tanker den Persischen Golf verlassen – deutlich weniger als in Friedenszeiten, aber immerhin. Damit sanken zuletzt auch die Versicherungsprämien für Energiefrachtschiffe wieder etwas.
2. Der Ölverbrauch sinkt
Zuerst die schlechte Nachricht: Österreich hat seit Kriegsbeginn am 1. März rund 450 Millionen Euro an Mehrkosten für Ölimporte ausgegeben (siehe Grafik). Das errechnete kürzlich die Österreichische Energieagentur. Im Vorjahr gab das Land 7,5 Milliarden Euro für fossile Importe aus, 5,7 Milliarden davon allein für Erdöl. Heuer dürfte es wegen des Preisanstiegs noch mehr werden.
Aber: Der Ölverbrauch sinkt seit 2019 kontinuierlich – in Österreich um ein Fünftel, so die Energieagentur. Der Irankrieg hat diesen Trend noch einmal verstärkt. Seit Kriegsbeginn sei die Treibstoffnachfrage hierzulande um 5 bis 15 Prozent gesunken, meint Energieexperte Benigni. Ein Trend, der sich global fortsetzt. Laut dem aktuellen „Oil Market Report“ soll die Ölnachfrage allein im ersten Quartal weltweit um zwei Prozent gesunken sein.
Und: „Wenn der Dieselverbrauch zurückgeht, aber die Raffineriekapazitäten gleichbleiben, dann reduziert das den Druck auf die Preisentwicklung“, erklärt Christoph Dolna-Gruber von der Energieagentur. „Selbst bei Kerosin scheint zumindest in Österreich noch niemand großen Stress zu haben.“ Das liegt auch daran, dass man sich hier über die Raffinerie in Schwechat zu 95 Prozent selbst mit Kerosin versorgen kann, sofern Erdöl ins Land fließt. Das ist nicht in allen EU-Staaten so. Aber Europa braucht in allen Bereichen – im Verkehr, beim Heizen, in der Industrie – heute deutlich weniger Erdöl als vor der Pandemie und vor dem Ukraine-Krieg. Engpässe haben daher bisher zwar sehr schmerzhafte Preiseffekte, sind aber nicht existenzbedrohend.
„Die Wahrscheinlichkeit, dass es heute so schlimm wie 2022/23 wird, ist sehr gering.“
Walter Boltz, Energieexperte
3. Andere Länder haben ihre Kapazitäten massiv hochgefahren
Das klingt nach Sorgen aus einer Parallelwelt: Vor dem Irankrieg befürchteten globale Öllieferanten noch einen Preisverfall. Ein sinkender Ölverbrauch traf damals auf ein drohendes Überangebot. Die Welt ist heute eine andere, denn die Nachfrage nach Erdöl und Flüssiggas ist bei weitem nicht so stark gesunken, dass sie den Wegfall von einem Fünftel beziehungsweise einem Viertel der weltweiten Lieferungen kompensieren würde.
Doch kurz nachdem die ersten Öl- und Gastanker an der Durchfahrt durch die Straße von Hormus gehindert wurden, haben viele Erdöllieferanten ihre Förderkapazitäten massiv erhöht. Die USA, Kanada, Argentinien und Brasilien fördern derzeit auf Anschlag und haben so einen Teil der Engpässe ausgeglichen. Nachdem die USA die Sanktionen auf russisches Öl aufgehoben haben, stiegen auch die Ölliefermengen aus Russland wieder. Seit Kriegsbeginn haben sich die Einnahmen des Kreml aus fossilen Exporten so gut wie verdreifacht.
Außerdem hat die IEA im März die größte Freigabe einer globalen Ölreserve in ihrer Geschichte bekanntgegeben: 400 Millionen Barrel Öl. Auch die Bundesregierung hat 325.000 Tonnen Öl aus der Pflicht-Notstandsreserve freigegeben.
All das verschafft Zeit und drückt die Preise, auch wenn das an der Zapfsäule nicht immer so ausgesehen haben mag. Aber die globalen Ölreserven gehen irgendwann zu Ende. „Es hängt noch immer alles davon ab, wie lange dieser Krieg noch dauert und wann die Golfstaaten wieder Erdöl transportieren können“, meint Boltz. Ein Spiel auf Zeit also – mit Konsequenzen, die noch schlimmer werden können.
Eigentlich hätte der Irankrieg China mitten ins Mark seiner Wirtschaftsleistung treffen sollen. Immerhin ist das Reich der Mitte der mit Abstand wichtigste Abnehmer iranischen Öls: 90 Prozent der Ölexporte steuern chinesische Häfen an. Aber nichts dergleichen geschah. „Es hat alle überrascht, wie gut China auf diesen Schock vorbereitet war“, erklärt Johannes Benigni.
Das liegt daran, dass China seine Ölreserven in den vergangenen Jahren so gut aufgefüllt hat wie kein anderes Land der Welt. In einem Bericht von Dezember 2025 rechnet die IEA vor, dass die globalen Ölvorräte im Vorjahr um 1,2 Millionen Barrel pro Tag gestiegen sind. 1,1 Millionen davon bunkerte China ein. Öl war billig, also warum nicht für schlechte Zeiten einspeichern? Damit begann der Iran-Krieg für China mit einer Ölreserve, die für 82 Tage reichen sollte – weit mehr als in anderen Ländern. Und genug, um den Druck am globalen Markt zu lindern und den immensen Energiehunger vorerst aus eigener Kraft zu stillen.
„China hat auch Erdöl an andere asiatische Länder verkauft, die viel stärker von der Irankrise betroffen waren“, erklärt Benigni. Und so richtig eingestellt hat der Iran seine Öllieferungen ins befreundete China auch nicht. Wie gesagt: Die Sperre der Straße von Hormus wird immer brüchiger, und der eine oder andere Öltanker steuert nach wie vor chinesische Häfen an.
„Wir haben fast Glück, dass dieser Krieg im Frühling begonnen hat und nicht im Herbst.“
Christoph Dolna-Gruber, Energieexperte
All das reicht natürlich nicht, um eine globale Energiekrise abzuwenden. Aber es reicht, um sie zumindest eine Zeit lang zu lindern. Allerdings gehen auch Chinas Reserven irgendwann zu Ende – und dann kann es wieder teurer für alle werden.
5. Der Erneuerbaren-Anteil steigt beständig
„Wir haben fast Glück, dass dieser Krieg im Frühling begonnen hat und nicht im Herbst“, meint Dolna-Gruber von der Österreichischen Energieagentur mit Blick auf die vielen Sonnen- und Windstunden, in denen hierzulande grüner Strom erzeugt wird. „Das heißt, wir haben gerade weniger Stunden, in denen wir Gas für die Stromerzeugung brauchen, was sonst den Strompreis steigen lassen würde.“ Das Stromsystem in ganz Europa steht heute wesentlich besser da als 2022. Die Gasquellen wurden in allen EU-Ländern diversifiziert, und fossile Energieträger wurden in einem Ausmaß durch erneuerbare Energiequellen ersetzt, das in der Krise eben doch einen Unterschied machen kann. Würden die Erneuerbaren noch stärker ausgebaut, würde der Strompreis weiter sinken.
Der Anteil erneuerbarer Stromerzeugung in Österreich liegt laut dem Übertragungsnetzbetreiber Austrian Power Grid (APG) aktuell bei 98 Prozent. Ein Wert, der im Herbst und Winter – wenn es weniger Sonne und Wind gibt – wieder sinken wird, der uns vorerst aber billiger durch diese Krise bringt. Und nicht nur uns: Mittlerweile sind 60 Prozent des EU-Bahnnetzes elektrifiziert. Spanien hat in den vergangenen vier Jahren so viele Windräder und PV-Anlagen installiert, dass es mehr als die Hälfte des Jahres gänzlich ohne Gas und andere fossile Energieträger in der Stromerzeugung auskommt.
Und so ist in dieser Energiekrise etwas passiert, was bei der vorigen noch undenkbar war: Der Gaspreis hat sich vom Strompreis entkoppelt. Wenn also Gas wieder teurer wird, steigt der Strompreis nicht im gleichen Ausmaß – zumindest bei genügend Sonnenlicht, Wind, sonstigen erneuerbaren Energieträgern und entsprechenden Speicherkapazitäten. „Im Herbst könnten Gas- und Strompreis wieder steigen, wenn der Krieg weitergeht. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es heute so schlimm wie 2022/23 wird, ist sehr gering“, beruhigt Boltz.
Zurück nach Oberösterreich, zu Schachinger Logistik, wo fast die Hälfte der eigenen Flotte elektrisch fährt. Das Unternehmen baut an seinem Standort in Hörsching nach eigenen Angaben den größten Batteriespeicher Österreichs, der an die betriebseigene Photovoltaik-Anlage angebunden ist. Spätestens ab Oktober will das Unternehmen damit stromautark sein - die billigste Variante, zu laden. „Es geht um Planbarkeit und Unabhängigkeit. Wir hatten erst vor fünf Jahren die letzte große Ölkrise, jetzt wieder eine, und die nächste kommt bestimmt“, meint Nikolaus Skarabela.
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Marina Delcheva
leitet das Wirtschafts-Ressort. Davor war sie bei der „Wiener Zeitung“.