Feilschen fürs Fake
Die Excalibur City ist ein riesiges Einkaufszentrum, dessen Sortiment fast grenzenlos ist: gefälschte Markenklamotten, in Österreich verbotene Feuerwerkskörper, Waffen, sonstiger Ramsch. Die Ware hier kommt meist aus Südostasien, ebenso wie die Standbetreiber selbst. Produkte, die im normalen Handel teurer sind, werden hier zu deutlich niedrigeren Preisen angeboten. Und sogar diese sind flexibel nach unten verhandelbar.
Der Onlinehandel funktioniert ganz anders. Produkte können von Kundinnen und Kunden mit wenigen Klicks direkt nach Hause bestellt werden, den Preis bestimmt jedoch die Plattform und der Algorithmus. Noch etwas ist anders als auf dem Markt: Wenn einem die Ware nicht gefällt, kann man sie ganz einfach und ohne zusätzliche Kosten zurücksenden. Genau diese unkomplizierte Rückgabemöglichkeit ist für viele einer der großen Vorteile des Online-Shoppings. Für einige wenige eröffnet sie ein Einfallstor für Tricks mit der Retourware.
Denn hinter der einfachen Rücksendung eines Pakets steckt ein komplizierter Ablauf. Die retournierte Ware wird ausgepackt, genau kontrolliert und für den nächsten Versand vorbereitet. Was geschieht aber, wenn ein System, das auf Vertrauen zwischen Händlern und Kundschaft beruht, ausgenutzt wird?
Im Rahmen dieser Recherche sprach profil anonym mit mehreren Personen über eine Methode, bei der Originalprodukte mutmaßlich durch nahezu identisch aussehende Waren ersetzt werden. Adrian, 22, der eigentlich anders heißt, berichtet, dass er und andere junge Menschen gezielt nach bestimmten Markenprodukten auf Zalando suchen. Anschließend suchen sie das exakt gleiche Produkt in der Excalibur City – und kaufen es dort deutlich billiger. „Man schaut zuerst, was das Original kostet und ob es sich überhaupt auszahlt“, sagt er.
Die Suche beginnt direkt auf dem Markt, erzählt Adrian. Hier werden Produkte gesucht, die in ihrem Aussehen jenen bekannter Designermarken ähneln und deren Preis deutlich niedriger ist als zum Beispiel beim Online-Händler Zalando. Adrian hat ein Markenshirt, das auf Zalando etwa 200 Euro kostet, hier auf zehn Euro heruntergehandelt. Das Original von Zalando hat er bestellt und behalten, die Fälschung zurückgeschickt. Das erzählt er Profil nur unter Zusicherung vollständiger Anonymität. Denn tatsächlich ist sein Handeln illegal.
Die beiden Produkte hätten sich so wenig voneinander unterschieden, dass die Fälschung bei der Rücksendung einfach niemandem aufgefallen sei. „Man schaut sehr genau, dass es fast gleich aussieht“, sagt er.
Flut an Retouren
Auf Anfrage erklärt Zalando, dass jede zurückgesendete Ware unabhängig vom Preis manuell geprüft werde. „Wir verfolgen das Ziel der ‚Null-Fehler-Quote' und optimieren unsere Prozesse kontinuierlich, um Unstimmigkeiten aufzudecken“, schreibt ein Konzernsprecher. Zalando erklärt, dass mögliche Fälle gefälschter Ware untersucht und weitere Schritte eingeleitet werden könnten.
Bei einem Unternehmen wie Zalando werden Unmengen an Retourware kontrolliert. Das Unternehmen, das 2008 in Berlin gegründet wurde, entwickelte sich vom Online-Schuhhändler zu einer der größten Mode- und Lifestyleplattformen Europas. Zalando gibt an, heute rund 62 Millionen aktive Kundinnen und Kunden mit mehr als 7000 Marken in 29 Märkten zu versorgen. Im Jahr 2025 wurden 278,6 Millionen Bestellungen aufgegeben, das sind 763.000 Bestellungen pro Tag. Rund die Hälfte der Artikel wird zurückgeschickt. Bei einer solchen Größenordnung ist die Retourenabwicklung ein Kernelement des Geschäftsmodells. Wird eine fehlerhafte Rücksendung nicht erkannt, verursacht das für das Unternehmen Kosten – etwa wenn teure Markenware durch Billigkopien ersetzt wird.
Retouren gehören bei Zalando jedoch zum Serviceversprechen. Das Unternehmen wirbt aktiv damit, dass Kundinnen und Kunden mehrere Artikel bestellen, diese zu Hause anprobieren und dann nur jene behalten können, die passen oder gefallen. Jede Rücksendung wird in spezialisierten Retourenzentren kontrolliert und anschließend sortiert. In Österreich steht ein solches Zentrum zum Beispiel in Kalsdorf bei Graz. Ein weiteres befindet sich in Berlin, wo auch die Firmenzentrale ihren Sitz hat. Vor der Wiederaufnahme eines Artikels prüfen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter anderem den Zustand der Ware: Ist sie beschädigt? Gibt es Flecken oder Löcher? Ob es sich um das Original oder eine täuschend echte Fälschung handelt, fällt dabei aber wohl nicht immer auf.
Die Kontrollen sollen jedenfalls sicherstellen, dass alle zurückgegebenen Artikel gründlich geprüft werden, bevor sie dann erneut in den Verkauf gehen. Das System ist jedoch nicht fehlerfrei.
In der Excalibur City geht Adrian weiter durch die Markthallen. Die Fälschungen sind an manchen Ständen ausgesprochen schlecht gemacht, sehr leicht zu erkennen. Aber nicht an allen. Bei einer kleinen, zierlichen Frau im Minikleid findet er eine Longchamp-Tasche, die genauso aussieht wie das Original, das sich seine Freundin wünscht. Für 30 Euro. Ob er keine Angst habe, erwischt zu werden? „Wieso sollte ich? Ich wurde noch nie erwischt.“