Gender-Debatte: Wiener Techniker Cercle als exklusivster Männerbund des Landes

Gender-Debatte: Wiener Techniker Cercle als exklusivster Männerbund des Landes

Spitzenpolitik, Großindustrie, Wissenschaft - der Wiener Techniker Cercle ist der exklusivste Männerbund der Republik.

Michael Spindelegger erlebte am 25. Jänner 2014, wie er selbst erklärte, "sein erstes Mal“. Es war ein recht kurzes Debüt. Ob es ihn restlos glücklich machte? Man weiß es nicht. Noch während des Ereignisses meinte er: "Ich bedanke mich und hoffe, es wird viel konsumiert.“ Dass sich der Vizekanzler bei der Eröffnungsrede am Techniker Cercle (offiziell: Ball der Industrie und Technik) ein wenig maulfaul zeigte, tat der guten Stimmung keinen Abbruch. Ohnehin fehlt selbst den soigniertesten Gästen an so einem Abend die Geduld für lange Vorträge. Die nicht immer ganz exakt gesetzten Schrittkombinationen des Jungdamen- und Jungherrenkomitees vermögen viel mehr zu fesseln. Und kaum dürfen mit "Alles Walzer!“ auch alle anderen ihre Tanzkünste unter Beweis stellen, ist das Parkett im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins üblicherweise prall gefüllt. Mit Damen im bodenlangen Abendkleid, ihre Partner in Frack oder Smoking. Eine Kunst, wer seine Drehungen absolvieren kann, ohne mit anderen Paaren zusammenzustoßen.

Der Techniker Cercle (TC) - ausgerichtet vom gleichnamigen Verein - gehört neben Opern- und Philharmonikerball zum glänzenden Dreigestirn im Wiener Ballkalender. Für die Mitglieder des elitären Zirkels ist der Ball unangefochtener Höhepunkt des Jahres. Hier genießen sie - vor 3000 Gästen und damit vor ziemlich vielen, die in der Republik Rang und Namen haben - ihren großen Auftritt.

Damen höchstens als optischer Aufputz
Im Rest des Jahres halten sie sich dezent im Hintergrund. Man ist gerne unter sich. Frauen sind nicht zugelassen. Der Techniker Cercle ist einer der letzten Herrenclubs in Österreich. In diesen Vereinen versammelt sich, wer wirtschaftlich oder politisch etwas zu melden hat. Sie sind Kontaktbörse, Kumpelrunde und Machtzentrum. Die Rolle der Damen beschränkt sich auf jene des optischen Aufputzes bei einzelnen Veranstaltungen. Und das soll sich auch in Zukunft nicht ändern, daran hält der Techniker Cercle fest.

Man mag das für antiquiert halten, für TC-Vizepräsident Harald Meixner (im Brotberuf Ziviltechniker) ist es Tradition: "Schließlich gab es in unseren Anfängen keine Technikstudentinnen.“

Der Verein wurde am 11. Juni 1874 gegründet. Damals schlossen sich Studenten der Technischen Hochschule Wien zusammen, um mit den Erlösen einer Ballveranstaltung mittellose Kommilitonen zu unterstützen und Studenten aus der Provinz gesellschaftlichen Anschluss zu verschaffen. Frauen öffnete erst 1919 ein Erlass den Weg an die Technischen Hochschulen. Freilich nur so weit, "als sie den männlichen Hörern keine Studienplätze wegnähmen“.

"Harmonie im Freundeskreis erhalten"
Inzwischen sind rund 25 Prozent aller Studierenden an der Technischen Universität Wien weiblich. Noch immer kein berauschender Anteil, aber immerhin. Den Techniker Cercle, der sich zu "Liberalität und Toleranz“ bekennt, ficht das nicht an. Frauen aufnehmen? Kein Thema. "Einigen unserer älteren Mitglieder würde das nicht gefallen“, meint Meixner. Und Manfred Nehrer, TC-Präsident und Architekt, ergänzt: "Die Harmonie im Freundeskreis soll erhalten werden.“

Damit diese Eintracht nicht gestört wird, werden neue Gefährten höchst selektiv ausgewählt. Ein potenzielles Mitglied muss von mehreren "Paten“ empfohlen werden. Über den Vorschlag wird im Präsidium abgestimmt. Ziel sei es schließlich, das "Sozialprestige des Technikerstandes zu heben“, erklärt der ehemalige TU-Rektor und TC-Mitglied Peter Skalicky.

Klingende Namen aus vielen Bereichen
Doch längst beschränkt sich der Zirkel nicht nur auf Techniker. Unter den Mitgliedern finden sich zahlreiche Juristen, Mediziner, Banker und Ökonomen. Der Techniker Cercle kann mit unzähligen klingenden Namen aufwarten: Mathematiker Rudolf Taschner, Quantenphysiker Anton Zeilinger und Ex-ÖIAG-Aufsichtsratspräsident Peter Mitterbauer gehören ebenso dazu wie Gebrüder-Weiss-Finanzvorstand Wolfram Senger-Weiss, Raiffeisenbanker Georg Kraft-Kinz und der Wiener Weihbischof Stephan Turnovszky.

Viele von ihnen pflegen ein äußerst reges Club-leben. Man trifft dreimal pro Monat - immer Mittwochs - zusammen, hört Vorträge zu Themen wie "Chemische Synthese im 21. Jahrhundert“ oder lässt sich bei Exkursionen zum Ausbildungszentrum der Landesverteidigungsakademie die "technischen Möglichkeiten des Führungssimulators als Übungsgerät in der taktischen Kriegführung“ näherbringen.

"Meistens gibt es etwas zu essen und dann wird über Gott und die Welt geredet“, erzählt Skalicky. Weihbischof Turnovszky, ein studierter Chemiker, schätzt die "Gespräche aus dem Grenzbereich von Technik und Theologie“. Die jüngeren Mitglieder nutzen die Institution als Kontaktschmiede und profitieren vom Fachwissen der älteren.

Der Einfluss des Clubs lässt sich auch an der Gästeliste des Balles ablesen. Österreichs Spitzenpolitik und Wirtschaftselite findet sich regelmäßig ein. Man pflegt einen gewissen Dünkel. Die Nouveau-riche-Vulgarität des Opernballs wird abgelehnt. "Unsere Besucher wissen es zu schätzen, dass sie nicht in einem Atemzug mit Baumeister Lugner genannt oder mit einer ehemaligen Ski- oder Fußballgröße fotografiert werden“, sagt Nehrer.

Partnerzuteilung nach Schema
Der besseren Gesellschaft gilt der Ball als Heiratsmarkt. Junge Frauen, die im Debütantinnenkleid eröffnen wollen, müssen sich einem Vorstellungsgespräch unterziehen. Dann wird ihnen ein mutmaßlich passender Partner - nach den Kriterien Alter, Größe, Charakter und Herkunft - zugeteilt. Zur Verfestigung der Beziehung findet bis in den Sommer hinein ein umfangreiches Rahmenprogramm mit gemeinsamen Cocktail-abenden oder Gokart-Rennen statt.

"Viele unserer Mitglieder haben ihre Gattinnen im Eröffnungskomitee kennengelernt“, sagt Meixner. Es sei doch schön, dass einander hier Menschen treffen, welche dieselbe Gesinnung haben. Also sollten auch die Damen eine gewisse Technikaffinität vorweisen können? "Nein“, meint Meixner, "aber sie müssen einen Techniker aushalten können.“

Leitl als Stammgast
In den ersten Jahren der Zweiten Republik war es Usus, dass die jeweiligen Bundespräsidenten oder Bundeskanzler den Ball eröffneten. In der jüngeren Vergangenheit übernahmen neben Spindelegger EU-Kommissar Johannes Hahn, Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner oder die damalige Außenministerin Benita Ferrero-Waldner diese Aufgabe. Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl (Foto) ist ohnehin Stammgast. Als die Veranstaltung einmal terminlich mit dem Ball der Oberösterreicher in Wien kollidierte, zog er die Gesellschaft der Techniker jener seiner Landsleute vor. Landeshauptmann Josef Pühringer soll nicht erfreut gewesen sein.

Doch auch abseits der Großveranstaltung folgt man dem Ruf der Techniker. Nachdem Sebastian Kurz 2011 als Staatssekretär für Integration angelobt worden war, führte einer seiner ersten Wege erneut in die Wiener Hofburg. Nicht wieder zum Bundespräsidenten im Leopoldinischen Trakt, sondern in die Clubräume des Techniker Cercles. Dort referierte er über seine Vorhaben im neuen Amt. Ähnlich hielt es Sabine Seidler, als sie 2011 zur Rektorin der TU Wien gewählt wurde. Die Herren wollten über die Pläne der ersten Frau an der Spitze informiert werden.

Und da sollte man sie nicht verstimmen. Schließlich ist der Techniker Cercle der größte private Spender der TU. Der Reinerlös des Balles - in den vergangenen Jahren jeweils rund 170.000 Euro - kommt statutengemäß der Universität zugute. Über die Verwendung der Mittel darf Seidler aber selbst entscheiden.

Mitarbeit: Christina Feist

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