Es sind wahrlich große Fußstapfen, in denen Armin Weger heute steht: 1872 gründete Daniel Heinrich Pollak seine „Welt-Schuhfabrik“ in Graz – jene Schuhmanufaktur, die später unter dem Namen „Humanic“ zu einem der bekanntesten österreichischen Schuhhändler werden sollte. In der Nachkriegszeit wurde das Unternehmen sogar zeitweise zum führenden Schuhhersteller Europas. Ab den 1970er-Jahren wurde Humanic mit avantgardistischen Fernsehwerbespots zur Kultmarke. Eingebunden waren unter anderem Künstler wie der Schriftsteller H. C. Artmann oder Regisseur Axel Corti.
Unter der Führung von Michael Mayer-Rieckh entstand 1990 die Dachmarke Leder & Schuh AG mit späterem Fokus auf die Vertriebslinien Humanic und Shoe4you. Die Produktion stellte Mayer-Rieckh 1994 endgültig ein, um sich ausschließlich auf den Handel zu konzentrieren. Mehrere Jahrzehnte lang prägte Michael Mayer-Rieckh das Unternehmen mit seinem zentralisierten, patriarchalen Führungsstil.
Mangels Nachfolge wurde Anfang der 2000er-Jahre erstmals ein familienfremder CEO bestellt, was jedoch bald zu internen Zerwürfnissen und Rechtsstreitigkeiten führte. Parallel wandelte sich der Schuhmarkt, der klassische Lederschuh aus dem Fachgeschäft wurde immer mehr von sportlichen Sneakern aus dem Online-Store verdrängt. Zahlreiche Marken und Filialen verschwanden seither aus den Innenstädten – zuletzt zusätzlich verstärkt durch die Coronapandemie –, und die Leder & Schuh AG schlitterte in immer tiefere Schulden. Die Verbindlichkeiten der Eigentümerholding summierten sich zuletzt auf rund 119 Millionen Euro, das Eigenkapital war mit etwa 33,75 Millionen Euro negativ.
Armin Weger übernahm im Juli 2025 die Leder & Schuh AG als Sanierungsfall und verkaufte das Traditionsunternehmen Anfang 2026 an die slowenische Mass-Gruppe und den Finanzinvestor Advance Capital Partners.
Die 1990 vom Unternehmer Sašo Apostolovski gegründete Mass-Gruppe betreibt für sich allein genommen 79 Geschäfte in Österreich, Slowenien und Kroatien. Mit Leder & Schuh kommen noch 201 Filialen in neun Ländern dazu. Zusammen mit den neuen Eigentümern sei eine Expansion in Form von 60 neuen Filialen von Humanic, Shoe4you, Mass und Sketchers in mehreren Ländern geplant, ließ das Unternehmen zuletzt wissen. Die Leder & Schuh AG werde unter CEO Weger jedoch weiterhin eigenständig operieren.
Welchen Schuh tragen Sie am häufigsten?
Armin Weger
Ich bin sportlich unterwegs. Jetzt trage ich den New Balance 1906. Ich habe ihn in Blau, Grün und Beige, die wechsle ich je nach Outfit. Heute bin ich ganz in Blau, also trage ich den Blauen.
Sind Sie eine Person, die Schuhe auch im Haus trägt, oder ziehen Sie diese an der Eingangstür aus?
Weger
Ich muss sie ausziehen, sonst kriege ich Ärger zu Hause.
Was ist Ihr Bestseller-Schuh?
Weger
Derzeit ist natürlich das Thema Sneaker sehr stark vertreten. Bei den Damen sind vor allem Adidas und New Balance beliebt. Skechers ist bei unserer Vertriebslinie Shoe4you sehr stark. Dann kommen Sandalen, Birkenstock zum Beispiel.
Haben Sneaker andere Schuhmodelle verdrängt?
Weger
Vor drei, vier Jahren waren wirklich fast nur Sneaker beliebt. Mittlerweile geht das zurück, aber wir haben noch immer einen hohen Sneaker-Anteil. Bei den Online-Verkäufen sind die Hälfte Sneaker-Bestellungen.
Ist der Sneaker-Trend eine Style- oder eine Geldfrage?
Weger
Ich glaube, das ist eine Style- Frage. Ein Paar Sneaker kostet ja auch nicht mehr so wenig – 80, 90 Euro aufwärts. Die jüngere Zielgruppe ist sehr Sneaker-affin, die etwas ältere gönnt sich eher einen schönen Schuh, etwa Pumps. Mittlerweile frischt auch Birkenstock den Markt auf. Früher war das der „Krankenhausschuh“, jetzt ist es ein super Trendmodell.
Im Juli werden Sie ein Jahr im Amt des Vorstands sein. Sie haben das Unternehmen in diesem Jahr nach 153 Jahren im Familienbesitz verkauft. Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?
Weger
Sehr gut. Entscheidend war für mich, das zu respektieren, was diese Firma über 150 Jahre geleistet hat. Ich habe mir viel Zeit gelassen, Gespräche geführt, analysiert, im Archiv recherchiert. Wir haben viele Prozesse intern verändert. Ich bin zufrieden mit dem ersten Jahr.
Hatten Sie von Anfang an den Auftrag, das Unternehmen verkaufsfähig zu machen?
Weger
Der Auftrag war, zu überlegen, wer der richtige Partner sein könnte.
War das für die Familie ein schwerer Schritt?
Weger
Ich glaube, für die Familie ging es darum, das Unternehmen in stabilen Händen zu haben, mit einem Partner, der ernsthaftes Interesse hat, das Unternehmen gemeinsam weiter voranzubringen. Die Herausforderung ist, eine 150-jährige Tradition und nun meine Perspektive mit 35 Jahren Unternehmenskultur des neuen Eigentümers Mass zu verbinden – zweieinhalb Kulturen. Entscheidend ist, dass man die Kulturen beider Unternehmen respektiert und schaut, wo Synergien sind und wo ein Unternehmen für sich eigenständig bleibt. Die ersten Monate nach dem Kauf nehmen wir uns gemeinsam Zeit, um zu analysieren und zu sehen, was der beste Ansatz ist.
Das Unternehmen hatte schon davor mit hohen Schulden und Verlusten zu kämpfen. Was hat Sie dazu bewogen, trotzdem den Vorstandsposten anzunehmen?
Weger
Ein Traditionsunternehmen wie dieses hat mich emotional berührt. Der Reiz war, meine Erfahrungen in das Unternehmen einzubringen, um es zukunftsfit zu machen. Ich hatte mehrere Anfragen, aber hier hat es „gematcht“. Für mich sind Menschen entscheidend, die das Unternehmen bewegen, und ich habe hier tolle Menschen gefunden, die das ernst nehmen. Herausfordernde Situationen sind für mich kein Ausschlusskriterium, man muss überlegen, wie man sie ändern kann.
Wie wollen Sie Leder & Schuh aus dieser Krise herausführen?
Weger
Der wichtigste Schritt war die Übernahme durch die neuen Eigentümer. Sie haben auch unsere Schulden übernommen. Jetzt müssen wir natürlich performen, aber die Altlast bei den Banken ist einmal weg. Zweitens: Wir müssen profitabler werden. Bei den Humanic- und Shoe4you-Brands wollen wir auf vier bis fünf Marken reduzieren und sie klar nach Zuständigkeiten positionieren: U&Me als sehr starke Kindermarke, Kate Gray für Fashion und Trends, Lazzarini für den klassischen Brown Shoe und Pat Calvin für moderne Sneaker. Im Retail-Bereich – online und im Geschäft – wollen wir Prozesse effizienter gestalten, also auch automatisieren und digitalisieren und Zielgruppen fokussiert abholen.
Stichwort Digitalisierung: Wer kauft überhaupt noch Schuhe im Geschäft?
Weger
Viele. Der stationäre Handel lebt nach wie vor. Wir haben 201 Stores in neun Ländern mit hohem Kundenaufkommen, aber wir müssen die Zukunft sehen. Und wir verbinden unsere Verkaufskanäle auch. Sie können zum Beispiel online einen Schuh reservieren und im Store abholen oder ihn nach Hause senden lassen. Retouren über die App, alles sehr bequem. Wir haben auch Megastores mit 400 Quadratmetern, die wir mit dem Online-Einkauf verbinden.
Dennoch verschwinden rundherum immer mehr Stores und ganze Schuh-Unternehmen wie Stiefelkönig oder Salamander. Wie verhindern Sie, dass Leder & Schuh das gleiche Schicksal ereilt?
Weger
Ich kann einmal sagen: Uns gibt es noch. Wir haben es geschafft, mit neuem Eigentümer. Mir tut es um jeden einzelnen Schuhhändler leid, den es nicht mehr gibt, denn da hängen viele Menschen dran. Meistens spielen verschiedene Dinge zusammen, warum Händler verschwinden: Krisen, Timing, aber auch ein Stück weit Pech ist oft dabei. Aber der Handel steht generell, da muss man nicht euphorisch wirken. Vor allem seit Corona hat es den stationären Handel brutal geschleudert. Die Frequenzen in den Städten gehen zurück, der Kunde hat einen höheren Anspruch, und die Digitalisierung hat einen Sprung gemacht. Wer digital nicht aufgestellt war oder Prozesse nicht im Griff hatte, bekam große Probleme. Dazu kommen gestiegene Gehälter, Energiekosten, Spritpreise – das alles muss der Handel kompensieren, ohne mehr Marge zu bekommen. Einige Kundinnen und Kunden fragen sich, warum sie in die Stadt fahren sollen, wenn sie alles online bekommen. Das ist eine Herausforderung, der wir uns jetzt stellen müssen.
Wir spüren eine Zurückhaltung – der Kunde schaut genau aufs Geld.
Armin Weger, Vorstand Leder & Schuh AG
Trotzdem wollen Sie neue Geschäfte eröffnen. Wie geht das mit der Kundennachfrage nach Digitalisierung zusammen?
Weger
Man braucht Anlaufstellen. Wir sind nicht unerfolgreich mit unseren Stores. Letztes Jahr war ein schwieriges Jahr, aber wir sind mit einem einstelligen Plus rausgegangen. Mit dem ersten Quartal 2026 sind wir auch nicht unzufrieden. Und viele reine Online-Händler befassen sich jetzt intensiv mit stationären Flächen. Sie merken, allein der Online-Shop genügt nicht, du brauchst Flagships. Eine Stadt ganz ohne Geschäfte wäre auch schwierig. Wir müssen Inspiration bieten.
Sie sagen, der Schuhhandel spürt die derzeitige Wirtschafts- und Energiekrise. Wie äußert sich das?
Weger
Das ist ein schleichender Prozess, der jetzt anfängt. Wir spüren eine Zurückhaltung – der Kunde schaut genau aufs Geld. Benzinpreise und Inflation spürt man sofort, das macht etwas mit den Menschen. Dazu kommen wirtschaftliche und geopolitische Krisen. Diese äußeren Einflüsse darf man nicht unterschätzen. Man darf aber auch nicht stillstehen, sondern muss Lösungen finden.
Zu den äußeren Einflüssen zählt wohl auch die billige Konkurrenz aus China. Hat man da als traditionelle Schuhmarke überhaupt noch eine Chance am Markt?
Weger
Ja, auf alle Fälle. Qualität setzt sich immer durch. Natürlich hat sich am Markt vieles verändert. Es wird härter. Es gibt mehr Mitbewerber, etwa China, aber auch andere.
Wie zum Beispiel?
Weger
Zum Beispiel der Secondhand-Markt. Das ist ein Milliardenmarkt, der gerade bei der jüngeren Generation wächst. Da müssen wir uns überlegen, wie wir uns annähern – etwa mit Reparaturservices. Früher hat man Schuhe selbstverständlich zum Schuhmacher gebracht, heute muss man ihn oft suchen. Das sind Chancen für uns, Service anzubieten. Wir müssen neu denken, auch was Secondhand betrifft. Wir haben noch keine Lösung, aber wir müssen uns damit beschäftigen.
Zur Person
Armin Weger (53) übernahm die Leder & Schuh AG mit ihren Vertriebsmarken Humanic und Shoe4you im Juli 2025 als Sanierungsfall. Bereits zuvor war er in Führungspositionen im internationalen Mode- und Sporthandel tätig gewesen, zuletzt beim deutschen Mode- und Sporthaus Engelhorn in Mannheim und beim norddeutschen Einzelhändler Dodenhof.