„Ich würde mich schämen!“ – Oberbank-Chef mit harscher Kritik an Regierung
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Herr Gasselsberger, 2026 wird alles besser – ja oder nein?
Franz Gasselsberger
Ich bin ein Anhänger der Saldo-Theorie: Wenn am Ende mehr Positives als Negatives bleibt, dann können wir uns freuen. Und wirtschaftlich gesehen bin ich für 2026 vorsichtig optimistisch: Viele neigen dazu, den aktuellen Zustand einfach in die Zukunft zu projizieren – das halte ich für falsch.
Worauf gründet sich Ihr Optimismus?
Gasselsberger
Auf mehreren Faktoren. Zinssenkungen brauchen Zeit, bis sie wirken – oft ein Jahr. Das Weihnachtsgeschäft läuft besser als erwartet, der Tourismus hat eine gute Buchungslage, und die Kreditnachfrage ist gestiegen: nicht nur bei Wohnbau-, sondern auch bei Kommerzkrediten. Bei uns sind die Neuvergaben in Summe um rund 20 Prozent gegenüber 2024 gestiegen.
Sind das gute oder schlechte Firmenkredite? Also für Investitionen oder um die Krise zu überbrücken?
Gasselsberger
Es wird überwiegend investiert – allerdings nicht in Kapazitätserweiterungen, sondern in Effizienz. Unternehmen investieren in Automatisierung, Rationalisierung, Digitalisierung, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Ziel ist es, die massiv gestiegenen Personal- und Energiekosten abzufedern. Das sind sinnvolle, zukunftsgerichtete Investitionen.
Sie haben zuletzt deutlich mehr Firmenkredite begeben und haben wenig Kreditausfälle, trotz Wirtschaftskrise. Wie passt das zusammen?
Gasselsberger
Das passt sehr gut zusammen. Kreditwachstum ist nur dann gut, wenn auch die Qualität stimmt. Unsere niedrige Quote notleidender Kredite zeigt, dass hier überwiegend tragfähige Geschäftsmodelle finanziert werden. Die wichtigste Sicherheit für eine Bank ist nicht die Hypothek, sondern der Unternehmer und sein Geschäftsmodell.
Ist die Stimmung also schlechter als die Lage?
Gasselsberger
Ja. Die Unzufriedenheit richtet sich stark gegen „die da oben“. Es gibt viel berechtigte Kritik, aber wir vergessen dabei oft, was gut läuft: Wir haben einen funktionierenden Rechtsstaat – den haben 90 Prozent der Länder weltweit nicht. Wir haben engagierte, fleißige Menschen, die Freude an der Arbeit haben; einen starken Mittelstand, einen riesigen Binnenmarkt vor uns. Das kommt in der öffentlichen Debatte zu kurz. Es wird zu einseitig kommuniziert, aber Sie wissen es ja am besten: Nur Bad News sind Good News.
So sehen wir das eigentlich nicht. Sie befragen ja regelmäßig Ihre größten Bankkunden. Was sagen die zur Wirtschaftslage?
Gasselsberger
Wenn ich unsere 1000 wichtigsten Kunden frage – und das tue ich regelmäßig –, dann äußert sich die Mehrheit für 2026 positiv. Man erwartet bessere Auftragseingänge, höhere Umsätze und bessere Erträge. Die Stimmung ist deutlich besser als noch vor einem Jahr. Wenn diese Unternehmen nicht auch einen positiven Saldo sehen würden, würden wir weder diese Kreditnachfrage noch das geringe Kreditrisiko sehen.
In Oberösterreich, Ihrem Heimatbundesland, gab es zuletzt aber massive Umbrüche – KTM ging pleite, große Industriebetriebe mussten Personal abbauen.
Gasselsberger
Man kann die Situation einzelner Unternehmen schwer miteinander vergleichen. Ich wundere mich aber manchmal auch über die Einordnung in der Berichterstattung: Wenn ein Konzern mit 40.000 Beschäftigten 300 Stellen abbaut, ist das eine Schlagzeile – aber die Relation fehlt oft. Und das Wort „Managementfehler“ kommt erstaunlich selten vor. Stattdessen werden Presseaussendungen eins zu eins übernommen und Standortfaktoren für alles verantwortlich gemacht. Klar ist aber auch: Bei Lohnsteigerungen von 18 oder 19 Prozent, explodierenden Energiekosten und einer sehr hohen Steuer- und Abgabenquote müssen Unternehmen reagieren. Wer glaubt, dass Firmen darauf nicht mit Kostensenkungen reagieren, irrt. Personalabbau ist eine mögliche Folge, und ja, die Arbeitslosigkeit wird weiter steigen. Das glaube ich schon.
Ich möchte zu Stefan Pierer nichts mehr sagen.
Franz Gasselsberger
über seinen ehemaligen Aufsichtsrat
Stichwort KTM – wie sehr hat Sie diese Pleite getroffen?
Gasselsberger
Wir haben das in der Bilanz 2024 verarbeitet, und 2024 war eines der besten Jahre in der Geschichte der Oberbank. Natürlich hat mich die Entwicklung menschlich geschmerzt, aber mehr möchte ich dazu nicht sagen.
Auch nicht zu Stefan Pierer? Der saß ja viele Jahre in Ihrem Aufsichtsrat.
Gasselsberger
Nein, auch zu Stefan Pierer möchte ich jetzt nichts mehr sagen.
Die Regierung plant eine neue Industriestrategie. Was müsste die aus Ihrer Sicht beinhalten – etwa mit Blick auf die Finanzierung oder den Kapitalmarkt?
Gasselsberger
Zunächst einmal: Wenn Banken nicht eingebunden sind, wie soll dann das Thema Kapitalmarkt ernsthaft behandelt werden? Mir ist zumindest nicht bekannt, dass Banken zu Gesprächen eingeladen wurden. Die Probleme sind bekannt: zu hohe Abgabenquote, zu hohe Staatsquote, hohe Lohnnebenkosten, ein massives Ausgabenproblem. Wir geben rund 30 Milliarden Euro mehr aus als vergleichbare Länder – und wachsen trotzdem kaum.
Wo sehen Sie einen etwas konkreteren Reformbedarf?
Gasselsberger
Im Gesundheitswesen, im Bildungssystem, bei Pensionen, bei Förderungen, bei der Bürokratie. Förderungen sind seit der Pandemie um 30 Prozent gestiegen. Digitalisierung und Verwaltungsreform werden seit Jahren diskutiert, aber kaum umgesetzt. Die Politik behauptet, sie habe kaum Spielräume – ja dann muss man sich eben welche schaffen. Das machen wir doch in Unternehmen auch! Ich habe eine gewisse Angst, dass die Industriestrategie ein Papiertiger wird – und die ist, glaube ich, nicht unberechtigt, wenn man sich anschaut, welche ideologischen Welten in dieser Koalition aufeinanderprallen.
Die Regierung muss das Budget konsolidieren und versucht das auch über eine Bankenabgabe. Haben Sie Verständnis dafür?
Gasselsberger
Überhaupt nicht. Solange man nicht ernsthaft an die Ausgaben geht, die derzeit auf Rekordniveau sind, habe ich kein Verständnis für neue Steuern. Banken brauchen Gewinne, um Risiken zu tragen, den Aufschwung zu finanzieren und Sicherheit für Einleger zu bieten. Wir gehören zu den bestkapitalisierten Banken Europas – eigentlich sollte es dafür Anerkennung geben, aber mit Bankenlob gewinnt man keine Wahlen. Gute Gewinne gelten heute als etwas Unanständiges.
Fremdschämen?
Oberbank-Chef Gasselsberger hat naturgemäß wenig Freude mit der Bankenabgabe. "Wir haben eines der höchsten Steueraufkommen Europas und gleichzeitig ein enormes Budgetdefizit. Also ich würde mich schämen!", sagt er im profil-Interview.
Und was die Gewinnabschöpfung von Energiekonzernen angeht? Damit sollen ja niedrigere Preise finanziert werden.
Gasselsberger
Null Verständnis. Wir haben eines der höchsten Steueraufkommen Europas und gleichzeitig ein enormes Budgetdefizit. Also ich würde mich schämen! Erst Ausgaben reduzieren, dann über Einnahmen reden – alles andere ist der falsche Weg.
Sie haben dem SPÖ-Finanzminister Markus Marterbauer anfangs Vorschusslorbeeren gegeben und ihn einen „guten Mann“ genannt. Finden Sie das noch immer?
Gasselsberger
Er ist fachlich sehr kompetent und rhetorisch hervorragend. Er kann komplexe Sachverhalte verständlich erklären. So ein Talent haben nicht viele. Aber er ist ideologisch sehr klar positioniert. Das ist auch gut so. Nur ist er in der Einstellung konsequent und ordnet vieles dem Sozialstaat unter. Ich bin auch für einen Sozialstaat – wir haben als Bank die höchsten Sozialleistungen für Mitarbeiter unter allen Banken. Aber zuerst muss das Geld verdient werden. Auf Dauer geht sich ein System nicht aus, das jedes Jahr fünf bis sechs Prozent des BIP allein für Pensionen braucht.
Aber ist er noch ein „guter Mann“?
Gasselsberger
Wenn er die Interessen der Wirtschaft in Zukunft stärker berücksichtigt als jetzt, würde ich ihm noch ein „Ja“ geben.
Zuletzt gingen einige sehr große Immobilienunternehmen pleite. Man denke an René Benko. Wie geht’s dem Immobilienmarkt?
Gasselsberger
Der Wohnbau zeigt wieder Bewegung, die Preise stabilisieren sich und ziehen teils leicht an. Schwieriger bleibt der gewerbliche Bereich: Büro, Handel, Logistik. Die Erholung wird dort noch dauern und hängt stark von Zinsen und Konjunktur ab. Wir sind auch in anderen Ländern tätig – in Ungarn und Tschechien läuft der Immobilienmarkt sehr gut. Auch der Konsum und die Wirtschaftslage sind viel besser als bei uns.
Warum läuft es in diesen Ländern besser als in Österreich?
Gasselsberger
Niedrigere Staatsverschuldung, niedrigere Steuern, mehr Netto vom Brutto, gute Infrastruktur, hohe Industriekompetenz. Die Menschen haben exzellente Sprachkenntnisse.
Diese Länder haben aber auch keinen Sozialstaat, den Sie zuerst so gelobt haben.
Gasselsberger
Ich glaube, dieser Sozialstaat ist bei uns zunehmend eine Hypothek.
Anders als Ihre Bankenkollegen waren Sie ein Fan der sogenannten KIM-Verordnung (strengere Kreditvergabekriterien, Anm.), die jetzt ausgelaufen ist.
Gasselsberger
Ja natürlich! Ganz ehrlich: Wenn jemand mehr als 40 Prozent seines Haushaltseinkommens für einen Kredit zahlen muss, dann sollte man der Person keinen geben. Wenn das auch noch ein Alleinverdiener ist und er seinen Job verliert, dann wird das schnell sehr schlimm für die ganze Familie.
Ob in Österreich die Wirtschaft anzieht, hat viel mit Deutschland zu tun. Auch dort ist Ihre Bank tätig. Was tut sich da?
Gasselsberger
Die Stimmung bei den Unternehmen ist dort teils noch schlechter als bei uns. Strukturreformen bleiben aus, Großprojekte dauern zu lange. Es krankt dort an denselben Dingen wie bei uns. Ich glaube, Wachstum wird es geben, aber deutlich weniger als in anderen europäischen Ländern.
Vielleicht ist das unser letztes Interview mit Ihnen. Ihr Vertrag läuft 2027 aus. Fällt Ihnen der Abschied schwer?
Gasselsberger
Nein. Ich habe drei Ziele gehabt: die Unabhängigkeit der Bank sichern – erledigt. Den Generationenwechsel begleiten – erledigt. Die Reputation wahren – daran arbeite ich bis zum Schluss. Es gibt keine Wehmut. Mit 68 ist es Zeit zu gehen. Gespielt wird aber mit Tempo bis zum Schluss.
Marina Delcheva
leitet das Wirtschafts-Ressort. Davor war sie bei der „Wiener Zeitung“.
Anna Thalhammer
ist seit März 2023 Chefredakteurin des profil und seit 2025 auch Herausgeberin des Magazins. Davor war sie Chefreporterin bei der Tageszeitung „Die Presse“.