In den Chefetagen der heimischen Großunternehmen sind Frauen nach wie vor die Ausnahme

In den Chefetagen der heimischen Großunternehmen sind Frauen nach wie vor die Ausnahme

In den Chefetagen der heimischen Großunternehmen findet man Frauen nur mit der Lupe. Veränderung: nicht in Sicht.

Lauren Conrad fiel bisher nicht durch frauenkämpferische Haltung auf. Blond, süß und aus wohlhabender Familie, ein perfektes Highschool-Prinzesschen, das nach der Schule wohl den Quarterback heiraten wird, den sie schon als Cheerleaderin gedatet hat. So beschrieb sie zumindest die Klatschillustrierte „Bunte“.

Als Protagonistin der MTV-Realityserie „Laguna Beach“, die das Highschool-Abschlussjahr junger, schöner Menschen zwischen Surfen, Shopping und kleineren Beziehungsdramen begleitete, hat es die mittlerweile 28-Jährige in den USA zur Berühmtheit gebracht. Eine zweite Paris Hilton, die aber im Gegensatz zu ihrer Kollegin nie auf das Höschen vergessen würde. In Anbetracht ihres „Braven-Mädchen-Images“ sollte sie wohl kürzlich in einer Radioshow mit anzüglichen Fragen aus der Fassung gebracht werden. „Was ist deine Lieblingsposition?“, hieß es da. Conrad überlegte für ihren schlagfertigen Konter nur kurz. „CEO“, flötete sie dann.

Im Österreich des Jahres 2014 wäre das ein frommer Wunsch. Das Karriereziel Vorstandsvorsitzende ist für Frauen nicht vorgesehen. Unter den 200 umsatzstärksten Unternehmen des Landes findet sich nur eine einzige: Monika Kircher-Kohl vom Halbleiterhersteller Infineon, die Ende März aus dem Konzern ausscheiden wird. Mit Sabine Herlitschka ist aber bereits für die Nachfolge gesorgt.

An der Spitze wird die Luft dünn
Frauennamen kommen einem allenfalls noch bei den Ausstellungshäusern in den Sinn, die fast schon mehrheitlich (Technisches und Kunsthistorisches Museum oder Nationalbibliothek) in weiblicher Hand sind.
Ganz an der Spitze wird die Luft dünn. Je höher die Berufsposition ist, desto ausgeprägter kommt die Vorherrschaft der Männer zur Geltung. Besonders hierzulande. Aktuelle Studien und Erhebungen zum Thema „Frauen in Führungspositionen“ zeigen samt und sonders: Österreich hinkt im internationalen Vergleich weit nach. Trotz mancher Anstrengungen von Seiten der Politik steht Frauen auf dem Weg nach oben viel im Weg.
„Spaziergang war es auch bei mir keiner“, meint Bettina Glatz-Kremsner (Foto). Als Vorständin der Casinos Austria und der Österreichischen Lotterien ist sie eine der wenigen Österreicherinnen, die es bis ins Topmanagement geschafft haben.

Eine Ende vergangener Woche veröffentlichte Studie der Arbeiterkammer (AK), der „Frauen.Management.Report. 2014“, legt die nackten Zahlen auf den Tisch. Lediglich 34 von insgesamt 606 Positionen in den Geschäftsführungen der 200 umsatzstärksten Unternehmen Österreichs sind mit Frauen besetzt. Das ist ein Anteil von mageren 5,6 Prozent. Wie im Jahr zuvor. In den vergangenen zehn Jahren hat er sich nur um 2,7 Prozentpunkte erhöht.

Traditionell höher ist der Anteil der Frauen in den Aufsichtsräten. Aktuell liegt er bei 13,9 Prozent. Damit werden 250 von 1796 Aufsichtsratsmandaten von Frauen ausgeübt. Im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung von 0,5 Prozentpunkten.

Die in Ungarn aufgewachsene Diplomatentochter Glatz-Kremsner ortet vor allem im hierzulande vorherrschenden Frauenbild die Gründe dafür, dass ihr auf oberster Ebene der heimischen Großunternehmen kaum Geschlechtsgenossinnen gegenüberstehen. „In Ungarn war es immer selbstverständlich, dass alle Frauen gearbeitet haben. Die kulturellen Unterschiede haben sich besonders deutlich gezeigt, als ich in den Vorstand berufen wurde“, sagt die Managerin. Die Reaktionen diesseits und jenseits der Grenze hätten unterschiedlicher nicht sein können. Während die ungarischen Freunde nach ihren Zielen für das Unternehmen gefragt hätten, meinten die österreichischen: „Jössas, was sagt da dein Mann dazu?“

Reaktionen, die Birgit Noggler nur allzu gut kennt: „Man wird immer noch als Exot betrachtet.“ 2008 übernahm sie den Finanzbereich der Immofinanz AG. In einer Phase, als das Unternehmen von einem Anleger- und dem Buwogskandal gebeutelt wurde und sich in seiner schwersten Krise befand. Seit 2011 ist sie Vorstandsmitglied. Noch heute bekomme sie manchmal, wenn sie bei geschäftlichen Verhandlungen im Namen des Unternehmens Entscheidungen trifft, „vorwiegend von älteren Herren“ zu hören: „Da muss ich noch mit Ihrem Kollegen reden.“ Ein Umstand, der sie mehr amüsiert, denn ärgert.

Noggler gehört einer raren Spezies an. In der AK-Studie schneiden die an der Wiener Börse notierten Unternehmen noch deutlich schlechter als die Top 200 ab. Bedingt durch den Wechsel von Ulrike Baumgartner-Gabitzer vom Verbund zum Netzbetreiber Austrian Power Grid, ist hier der Frauenanteil auf Vorstands-ebene sogar rückläufig. Nur noch 3,1 Prozent aller Posten sind weiblich besetzt. In absoluten Zahlen: Unter 195 Vorständen finden sich nur sechs Frauen.

Kaum Bewegung auch bei den Aufsichtsrätinnen: Nur knapp zwölf Prozent, also 69 von 577 Mandaten, sind in weiblicher Hand. 2013 waren es 11,5 Prozent.

Ein beschämendes Ergebnis. Schließlich sollen die Unternehmen gemäß Corporate Governance Kodex – der freiwilligen Selbstverpflichtung zu guter Unternehmensführung – bei der Zusammensetzung des Aufsichtsrats „Aspekte der Diversität im Hinblick auf die Vertretung beider Geschlechter … angemessen berücksichtigen“. Die Definition, was als „angemessen“ zu verstehen ist, unterbleibt.

Zudem müssen börsennotierte Unternehmen laut Kodex seit 2010 in ihren Berichten offenlegen, „welche Maßnahmen zur Förderung von Frauen in Aufsichtsrat, Vorstand und in leitenden Stellungen gesetzt werden“. Bloß: Jedes neunte Unternehmen ignoriert diese Bestimmung gänzlich. Jedes fünfte kommt zwar der Berichtspflicht nach, schreibt aber lapidar, dass es weder konkrete Maßnahmen noch Ziele zur Förderung von Frauen setzt.
Eine Missachtung der Standards bleibt sanktionslos.

„Unter den börsennotierten befinden sich sehr viele Unternehmen aus klassisch männerdominierten Branchen. Wenn man aber die Gesamtheit aller österreichischen Unternehmen betrachtet, liegen wir gar nicht so schlecht“, wendet Elisabeth Zehetner, Bundesgeschäftsführerin von „Frau in der Wirtschaft“ der WKO ein. Der Anteil der handelsrechtlichen und der gewerberechtlichen Geschäftsführerinnen betrage immerhin jeweils rund 15 Prozent.

Was aber zu einem Gutteil darauf zurückzuführen ist, dass sich die überwiegende Mehrheit dieser Unternehmen in Familienbesitz befindet. Das erleichtert Frauen – konkret: Töchtern, Gattinnen – den Zugang zu Führungspositionen erheblich.

Im Frauenministerium ist man „not amused“
SP-Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek drängt seit Langem darauf, Frauenquoten festzuschreiben. Doch die ÖVP blockte ab, man dürfe die Handlungsfreiheit der Wirtschaft nicht beschränken. Im März 2011 kam man zu einem Kompromiss: eine Quote für die Aufsichtsräte staatsnaher Unternehmen. In Summe betrifft das 55 Unternehmen – wie etwa ÖBB, Asfinag, die Oesterreichische Nationalbank oder die Bundesimmobiliengesellschaft –, an denen der Bund mindestens 50 Prozent hält. Bereits im vergangenen Jahr war die Quote mit einem Frauenanteil von 33 Prozent in den Aufsichtsräten übererfüllt. Das 35-Prozent-Ziel bis 2018 dürfte also zu schaffen sein. „Öffentliche Unternehmen nehmen eine Vorreiterrolle ein“, lobt AK-Studienautorin Christina Wieser.
Doch obwohl alle Ressorts per Beschluss angehalten sind, die vorgegebenen Quoten fristgerecht umzusetzen, fuhr VP-Landwirtschaftsminister Andrä Rupp-rechter der Frauenministerin erst kürzlich in die Parade. Als eine seiner ersten Amtshandlungen installierte er bei der Neubestellung des Aufsichtsrates der Bundesforste seinen Kabinettschef sowie den Präsidenten der Salzburger Landwirtschaftskammer. Damit bleiben die Bundesforste auch weiterhin rein männliches Revier.

Im Frauenministerium ist man „not amused“.

Zwar können Aufsichtsräte nicht ins operative Geschäft eines Unternehmens eingreifen, aber sie bestellen das Vorstandspersonal. Je mehr Frauen in die Aufsichtratsgremien einziehen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese auch mehr Frauen in die Führungsebene der Konzernzentralen berufen. So weit die Hoffnung von Heinisch-Hosek, die mit ihrer Forderung nach einer Quote auch für die viel wichtigere Vorstandsebene einst abgeblitzt war.

Bislang erfüllt sie sich nicht. Während sich seit Einführung dieses Instruments der Anteil der Frauen in Aufsichtsräten verdoppelt hat, erhöhte sich jener der weiblichen Vorstände und Geschäftsführerinnen um nur vier Prozentpunkte. Exakt 13 Frauen sitzen derzeit an den Hebeln der staatsnahen Unternehmen.

„Eine Quote bringt nichts“, meint indes WKO-Frau Zehetner. „Privatunternehmen muss es unbenommen sein, sich die besten Köpfe aussuchen zu können.“ Zudem würden von der Quote nur sehr wenige Frauen profitieren, auf die jeweils mehrere Mandate entfielen. Ein Argument, das bei Männern erstaunlicherweise nur selten Anwendung findet. So sitzt etwa Veit Sorger, ehemaliger Chef der Industriellenvereinigung, in neun Aufsichtsräten; Ex-Porr-Vorstand Horst Pöchhacker in sechs und Ex-Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner in fünf. Um nur einige zu nennen.

Über den Sinn von Frauenquoten in den Führungsetagen wird seit Jahrzehnten debattiert. Sie sind die wirksamste, aber für viele auch eine bedrohlich anmutende Speerspitze im Kampf gegen die Benachteiligung von Frauen im Berufsleben. Auch unter jenen Frauen, die sich bereits an der Spitze befinden, ist die Haltung höchst heterogen. „Quotenfrau“ will sich keine nennen lassen. Kathrin Zechner jedoch outet sich als „explizite Verfechterin“: „Denn sobald der Druck nachlässt, geht auch der Frauenanteil zurück.“ Sie selbst habe die „gläserne Decke“ nie gespürt, aber oft genug beobachtet, wie sich andere daran die Köpfe gestoßen haben. „Im Zweifel wird immer noch pro Mann entschieden“, so die ORF-Fernsehdirektorin.

Die längste Tradition haben Quoten in der Politik. Fast alle Gruppierungen verordneten sich ein Mindestmaß an Frauen. Quer durch Europa erreichen Regierungen und Parlamente Frauenanteile, von denen die Wirtschaft nur träumen kann.

Spricht man mit Personalberatern, wird schnell klar: Am Mangel qualifizierter Frauen hat es bisher nicht gelegen, dass sie nicht zum Zug kamen. Mehr als die Hälfte aller Universitätsabsolventen sind weiblich. Frauen studieren schneller und bekommen die besseren Noten. „Bis in die mittlere Managementebene sind sie auch sehr gut vertreten“, sagt Barbara Potisk-Eibensteiner, Vorständin beim Feuerfest-Hersteller RHI. Doch das erste Kind bedeute für die meisten immer noch einen Karriereknick, erklärt die Mutter einer neunjährigen Tochter. Ohne familiäre Unterstützung wäre ihre eigene Berufslaufbahn möglicherweise auch anders verlaufen.
Die rigideste Quotenregelung bleibt zahnlos, wenn Frauen deshalb auf die Karriere verzichten, weil die Öffnungszeiten von Kindergärten nicht zur Realität des Arbeitsalltages passen.

ÖBB-Personenverkehrs-Chefin Birgit Wagner sieht auch die Unternehmen gefordert: „Wer ein kleines Kind hat, kann nicht bis acht oder neun Uhr abends arbeiten.“ Eine Veränderung in der Meeting-Kultur, Telearbeitsplätze und Telefonkonferenzen etwa. „Bisher ist es den österreichischen Unternehmen nicht gelungen, ein solches Umfeld zu schaffen“, so Wagner.

Foto: Monika Saulich für profil