Kathryn Bigelows „Zero Dark Thirty“: Die Jagd auf Osama Bin Laden

US-Regisseurin Kathryn Bigelow protokolliert in „Zero Dark Thirty“ die fast zehn Jahre währende Jagd der CIA auf Osama Bin Laden. Heftige politische Kontroversen begleiten den Film.

Die aktuelle Gretchenfrage des politischen Amerika hat mit Gott und Glauben nichts mehr zu tun. Man könnte sie, mit Goethe, so formulieren: „Nun sag, wie hast du’s mit der Folter?“ Diese Frage wird gegenwärtig jedoch weniger an die US-Regierung gerichtet als an eine Filmemacherin: Denn Kathryn Bigelow hat es gewagt, in „Zero Dark Thirty“ jene Ereignisse nachzustellen, die zu Osama Bin Ladens Hinrichtung durch amerikanische Spezialkräfte am 2. Mai 2011 im pakistanischen Abbottabad geführt haben – oder geführt haben könnten. Tatsächlich müssen einige der entscheidenden Details, die Bigelows Drehbuchautor, der mit investigativ-journalistischen Techniken arbeitende Mark Boal, in sein Skript eingearbeitet hat, als unbestätigt gelten. „Zero Dark Thirty“ ist ein Film, der Fakten nutzt, aber auch mit Mutmaßungen arbeitet. Das macht angreifbar.

Die Einsamkeit einer von Jessica Chastain gespielten Beamtin der CIA ist das emotionale Kraftfeld dieses Films: Bigelow zeigt, wie eine zunehmend durchsetzungsfähige Agentin nach Namen, Netzwerken und Terrorplänen der Al Kaida forscht, wie sie ihre ermüdende, auch deprimierende Arbeit zwischen Pakistan und Saudi-Arabien, Jordanien und Kuwait unter Einsatz ihres Lebens verrichtet. Im Zuge des US-Filmstarts Ende Dezember hat der Film einerseits hymnische Kritiken (und fünf Oscar-Nominierungen) provoziert, andererseits für heftige moralische Entrüstung gesorgt, da der Film mancherorts als Plädoyer für den Einsatz von Foltermethoden im Kampf gegen den internationalen Terrorismus verstanden wird.
Es ist unbestreitbar, dass „erweiterte Befragungstechniken“, wie man das im Bush-Amerika euphemistisch nannte, nach den Anschlägen vom 11. September 2001 massiv zum Einsatz kamen. In so genannten „Black Sites“, geheimen US-Gefängnissen außerhalb der USA, wurden Menschen, die man für Al-Kaida-Kontaktpersonen hielt, systematisch gefoltert und erniedrigt, um ihnen Informationen abzupressen.

Distanz und Meinung
Strittig ist nun nur die Frage, ob Boal und Bigelow in „Zero Dark Thirty“ die These vertreten, dass derart strategisch angewandte Gewalt Hinweise produziert habe, die zur Auffindung Osama Bin Ladens geführt hätten. Der Film bleibt in dieser Frage ambivalent: Einer der Namen, die ein Gefolterter schließlich nennt, geht im Strom unzähliger anderer (und anders beschaffter) Spuren auf.
Dennoch genügte dieses Plot-Detail, um einen Sturm des Hasses gegen Bigelow zu entfesseln: Mitglieder der Academy riefen wegen der Folterszenen, die Amerika „beschämen und entwürdigen“, zum Oscar-Boykott des Films auf. Und die feministische Autorin Naomi Wolf nannte Bigelow vor drei Wochen in einem drastischen Brief, den der „Guardian“ veröffentlichte, eine „Leni-Riefenstahl-artige Propagandistin der Folter“; sie habe einen „Werbespot für die Straffreiheit von CIA-Agenten“ gedreht, die „Verbrechen gegen Guantánamo-Häftlinge“ begangen hätten. Sie mache „Helden und Heldinnen aus rassistisch motivierten Gewaltverbrechern“.
Der Film selbst kann solche Anschuldigungen nicht rechtfertigen: „Zero Dark Thirty“ ist weder ein Aufruf zu antiislamistischer Militanz noch explizit pazifistisch. Es ist ein Aktionsfilm im präzisen Sinn des Begriffs: Bigelow stellt Handlungen dar, nicht Meinungen, sie hält Ideologien gegeneinander und zeigt, was dieser Konflikt uns allen antut. Ihre Bilder halten Distanz zur Frivolität des Sadismus. Sie selbst nennt ihren Film eine „zutiefst moralische“ Abhandlung über den Einsatz von Gewalt. Und sie warnt davor, Darstellung mit Empfehlung zu verwechseln. Aber das Problem, das sie ihren Zuschauern bereitet, geht tiefer: Es liegt in ihrer Weigerung, gegen organisierte Körperverletzung, Psychoterror und Waterboarding offen zu polemisieren. Bigelow bildet ab, was sich (vermutlich) ereignet hat – aber in der Welt der Doppelmoral brechen eben weniger jene ein Tabu, die Menschenrechte negieren, als jene, die dies offen thematisieren. Kathryn Bigelow zwingt ihr Publikum nur zu einem: zur Bildung einer eigenen Meinung.

Der Film basiere auf „Berichten aus erster Hand“ und „wahren Begebenheiten“, heißt es zu Beginn in „Zero Dark Thirty“ – und erinnert so an die aktuelle, noch ungeklärte Unterstellung, die Filmemacher hätten sich Zugang zu vertraulichen Geheimdienst- und Militärdokumenten verschafft. Wenige Sekunden später setzt das Grauen ein. Bigelow lässt die Leinwand schwarz und eine Montage letzter telefonischer Panikmeldungen aus den brennenden Twin Towers hören. Schnitt ins Innere einer Black Site: Es wird gefoltert und verhört, eine nervöse Handkamera registriert das Geschehen. Bigelows Realismus vertraut auf die diskursive Kraft der Sachlichkeit. In kühnen Zeitsprüngen jagt „Zero Dark Thirty“ durch ein knappes Jahrzehnt und liefert kritische Detailaufnahmen der amerikanischen Anti-Terror-Bürokratie: Der Film zeigt, wie Spuren im Sand verlaufen und anderen nicht konsequent genug nachgegangen wird, wie auch die Effizienz der CIA von Macht- und Hierarchiespielen behindert wird.

Art of Darkness
Seit ihrem Regie-Oscar für den Bombenentschärfungs-Thriller „The Hurt Locker“ ­gehört Kathryn Bigelow, 61, unzweifelhaft zu den mächtigsten Menschen in der ame­rikanischen Filmindustrie. Vor wenigen Tagen erst erschien ihr Bild, begleitet von dem Wortspiel „Art of Darkness“, am Cover des renommierten US-Nachrichtenmagazins „Time“. Ganz in Weiß, sehr ernst und mit kaltem Blick starrt sie da der Kamera entgegen. Als Malerin begann sie um 1970 aktiv zu werden; nicht mehr als neun Kinoarbeiten hat sie in mehr als drei Dekaden realisiert, aber ihr Einfluss ist unübersehbar. In ihrem Debüt, der Rockerstudie „The Loveless“ (1982), entdeckte sie den Schauspieler Willem Dafoe; mit „Near Dark“ inszenierte sie 1987 einen postmodernen Vampirfilm, mit „Blue Steel“ zwei Jahre später einen kühlen Cop-Thriller; das Surfer-Drama „Point Break“ (1991) und der aktionistische Science-Fiction-Reißer „Strange Days“ (1995) festigten ihren guten Ruf. Danach stagnierte ihre Laufbahn 14 Jahre lang: Mit dem Psychokrimi „Das Gewicht des Wassers“ (2000) und dem U-Boot-Historienfilm „K-19 – Showdown in der Tiefe“ (2002) blieb sie glücklos. Erst 2009 gelang ihr mit dem Irakkriegsfilm „The Hurt Locker“, ihrer ersten Zusammenarbeit mit Autor Mark Boal, die imposante Rückkehr in die A-Liga. Mit sechs Oscars deklassierte Bigelow damals sogar Ex-Ehemann James Cameron, der mit „Avatar“ als Favorit angetreten war , deutlich.

Der am chauvinistischen US-Action-Kino orientierte Stil der Regisseurin ist feministisch unterfüttert. Starke Frauenfiguren sind ein Kenn- und Markenzeichen einiger zentraler Bigelow-Filme: Jessica Chastain ist in diesem Schaffen nun nur die jüngste Manifestation weiblicher Durchschlagskraft und Wehrhaftigkeit – die Liste reicht von Jamie Lee Curtis in „Blue Steel“ und Lori Petty in „Point Break“ bis zu Angela Bassett in „Strange Days“. Bigelows jüngster Film ist übrigens kein Hollywood-Produkt, sondern als unabhängiges Unternehmen entstanden, gestützt von einer weiteren entschlossenen Frau im Team: Die gerade 26-jährige Produzentin Megan Ellison, Tochter des Oracle-Gründers und Milliardärs Larry Ellison, finanziert seit 2010 vorzugsweise exzentrische Filmprojekte – Paul Thomas Andersons Scientology-Parabel „The Master“ (2012) wurde ebenso von ihr koproduziert wie der Meta-Western „True Grit“ (2010).
Mit der historischen Operation der Navy SEALs, einer Spezialeinheit der US-Kriegsmarine, in Abbottabad kulminiert „Zero Dark Thirty“. Bigelow setzt ihr Finale noch einmal überraschend nüchtern in Szene: Das giftige Grün der Bilder, die die Nachtsichtgeräte liefern, trägt dazu bei, die Tristesse des Unternehmens zu betonen. Von Heroismus keine Spur. Der Film bietet weder vor noch nach der Erschießung Osama Bin Ladens Triumphgeheul, kein Gefühl der Befriedigung und kein nationales Pathos. Bigelow lässt ihr Publikum nicht aufgepeitscht, sondern bedrückt zurück – kein geringes Wagnis für einen Film, der seine hohen Produktionskosten wieder einspielen muss, aber der einzige Weg, diese Geschichte in Würde abzuschließen.

Kann Folter also, als Verstoß gegen alle demokratischen Richtlinien, einer höheren Ethik dienen? Bigelow beantwortet diese Frage nicht. Die Regisseurin delegiert das Problem, von dem sie weiß, dass sie es nicht lösen können wird, weiter an ihr Publikum. So bleibt sie ganz bei Goethe, der Fausts Margarete bekanntlich gleich im Anschluss an ihre berühmte Frage eine dunkle Ahnung in Worte fassen ließ: „Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“