Katzen, Kuscheln, Zauberei: Diese Menschen verdienen ihr Geld mit der Freude anderer
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Es ist gewiss nicht die pure Selbstlosigkeit, die hier am Werk ist. Wer andere zum Lächeln bringt, hat oft selbst einen Grund zur Freude. Philipp, Rebekka, Hakan und Senem haben das sogar zu ihrem Lebensunterhalt gemacht. Ihr Geschäft besteht darin, andere Menschen glücklich zu machen – mit einer Umarmung, mit einer Katze, die ein neues Zuhause findet, oder mit einem zauberhaften Zylinder.
„Da staunt ihr, gell?“
Philipp Kainz ist Zauberer. Irgendwann verdiente er mit seinem Hobby mehr als mit seinem Beruf und machte sich selbständig. Er tritt auf Kindergeburtstagen, Firmenfeiern und in Zaubershows auf.
,,Zieh eine Karte.“ Okay. „Nicht zeigen! Merk sie dir.“ Karo 5. „Jetzt schieb sie wieder zurück in den Stapel.“ Philipp Kainz mischt seine Karten durch. Er tippt sie an, und plötzlich ist die Kartenrückseite nicht mehr rot, sondern schwarz. Dann tippt er noch einmal auf den Stapel und fächert ihn auf. „Ist das hier deine Karte?“ Eine Karo 5 leuchtet zwischen den vielen Kartenrücken auf. Wie hat er das gemacht?
Kainz ist Zauberer. Seit zehn Jahren verdient er damit sein Geld – in Zaubershows, auf Kindergeburtstagen, bei Firmenfeiern. „Bei den Kindern trage ich immer einen Zylinder. Ich liebe es, für Kinder zu zaubern. Sie sind ein sehr ehrliches Publikum. Wenn es ihnen nicht gefällt, stehen sie einfach auf und gehen“, erzählt Kainz. Erwachsene seien deutlich distanzierter und etwas einfacher zu unterhalten. Aber eben auch nie so begeistert wie Kinder. Die Spielkarten hat er mittlerweile in der Innentasche seines Sakkos verstaut.
Die Taschen von Zauberern sind voll mit Zeug: ein rotes Band, ein Gummiohr, drei Sektkorken, ein Doppelmessbecher, Spielkarten, eine winzige Plastikhand. Eigentlich war Philipp Kainz im Brotberuf Sportlehrer an einer Neuen Mittelschule.
„Ich dachte auch nie, dass ich mal Zauberer werde. Aber gezaubert habe ich schon immer, schon als Kind.“ 2012 trat er dem „Magischen Club Wien“ bei. Nach und nach hat er seine Tricks perfektioniert, eigene entwickelt und begonnen, gegen Geld aufzutreten. Zuerst nicht öfter als einmal im Monat, aber „irgendwann habe ich mit meinem Hobby mehr Geld verdient als mit meinem Job“, erzählt er. Seine Frau habe ihn dann zur Selbstständigkeit ermutigt. Für Kindershows verlangt er 340 Euro, Zaubershows oder aufwendige Firmenevents können – je nach Dauer und Anspruch – zwischen 600 und 2000 Euro kosten. Mittlerweile werde er sehr gut gebucht, erzählt er.
Für den letzten Zaubertrick packt Kainz den Doppelmessbecher und die Korken aus. Es ist ein Hütchentrick mit nur einem einzigen Hütchen. Er legt den Messbecher mit der 4-cl-Seite auf den Tisch.
Er ist leer. Als er das Hütchen hebt, liegt ein Korken auf dem Tisch. „Da staunt ihr, gell?“
Das Miezhaus
Im „das House“ in der Wiener Gumpendorfer Straße springen ab und zu Katzen auf die Bar. Die Tiere sind gerettete Straßenkatzen aus Istanbul. Die Gäste können die Tiere auch adoptieren.
Katzenregel Nummer eins: Die Katzen werden nicht belästigt. Nicht beim Essen oder Trinken, nicht beim Schlafen. Wenn die Tiere wollen, kommen sie zum Kuscheln. Zwingen kann man sie ohnehin zu nichts. Das Café „das House“ in der Wiener Gumpendorfer Straße ist aktuell das Zuhause von Bibi, Mako, Bolin, Fatman, Robin und Simba. Sie waren bis vor Kurzem Straßenkatzen in Istanbul. Jetzt wohnen sie im Katzencafé des Ehepaars Hakan und Senem Tok in Wien und warten auf neue Besitzer. Die Familie hat nämlich schon vier eigene Katzen.
„Wir wollten eigentlich nie explizit ein Katzencafé sein. Wir haben einfach ein Lokal eröffnet. Aber weil die Katzen sich hier frei bewegen können, nennen uns jetzt alle ‚das Katzencafé‘“, erzählt Hakan. Er empfängt profil kurz vor Dienstbeginn, Senem gesellt sich später mit einer Katze im Arm dazu. Das Ehepaar adoptiert seit über zwölf Jahren Straßenkatzen aus Istanbul, päppelt sie auf, impft sie und vermittelt sie, meist über Social Media, an neue Besitzer – vor allem in Österreich und Deutschland. Hakan ist eigentlich Softwareingenieur, Senem war Lehrerin. Kennengelernt haben sich die beiden beim Studium in Wien. Sie lebten eine Zeit lang in Istanbul, vor einigen Jahren kamen sie nach Wien zurück, weil Hakan hier einen Job gefunden hatte. Seit sie zusammen sind, nehmen die beiden Straßenkatzen auf und suchen für sie ein neues Zuhause. Über 500 Tiere haben sie schon kostenfrei vermittelt. „Meine Frau liebt Katzen über alles. Und ich liebe meine Frau und Katzen“, lacht Hakan.
Katzenfamilie
Senem (l.) und Hakan Tok retten seit über zwölf Jahren zusammen Straßenkatzen in Istanbul. „Wenn jemand von uns beiden nach Istanbul fliegt, kommen wir fast immer mit einer Katze zurück - oder mit zwei“, erzählt Hakan. Sie haben 2024 das Lokal „das House“ eröffnet, wo sich die Katzen frei bewegen können.
2024 übernahmen die Toks eine ehemalige Cocktailbar, renovierten sie und richteten sie katzengerecht her. Jetzt gibt es im „das House“ noch immer Cocktails und vormittags Brunch, nur eben mit Katzen. Neben der Bar steht ein großer Kratzbaum in Form einer Weihnachtstanne. An den Fenstern neben den Tischen hängen Katzenkörbchen. Ab und zu springt eine Katze den Besuchern auf den Schoß oder spaziert über die Bar, während der Barkeeper Cocktails mixt. Was Katzen eben so tun.
Die Tiere sind ein Gästemagnet. Im Schanigarten von „das House“ will so gut wie nie jemand sitzen, alle wollen drinnen bei den Katzen sein. „Es kommen auch dauernd irgendwelche Influencer, die wir teilweise gar nicht kennen. Wenn sie ein Video posten, ist ein paar Tage später hier die Hölle los“, erzählt das Ehepaar. Mit dem Café- und Barbetrieb finanzieren sie ihre Katzenrettungsmissionen. Sobald einer von beiden nach Istanbul fliegt, kommt er oder sie mit einer Katze zurück. Oder mit zwei. „Ich glaube, wir gehen unseren Familien damit schon auf die Nerven, aber sie helfen immer wieder mit“, meint Hakan.
Kater Mako ist heute in Kuschellaune, er lässt sich streicheln und schnurrt sogar ein bisschen. Bald wird er zu einem Lokalgast umziehen. Bibi ist gerade nicht so gesellig. Kurz schnuppern, dann springt sie einen Schatten an der Wand an.
Gegen die Unterkuschelung
Im „Kuschelraum“ treffen regelmäßig einander fremde Menschen zum Kuscheln. Mit Erotik oder Sexualität haben die Workshops nichts zu tun - die Kleidung bleibt in jedem Fall an.
,,Nach Covid war ganz Wien einfach massiv unterkuschelt“, sagt Rebekka Lamowski. Deshalb veranstaltet sie seit 2022 im „Kuschelraum“ in Wien-Rudolfsheim monatliche Kuschelpartys. Wer zu ihr kommt, hat ein Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Geborgenheit. Erotik, Sex oder Berührung ohne Konsens sind tabu. Bis zu 20 Menschen, oft einander völlig fremd, treffen sich am Sonntagnachmittag, um drei Stunden lang miteinander zu kuscheln. Dann gehen alle wieder ihrer Wege.
Kuscheln beruhigt; in Stresssituationen kann es die Herzfrequenz und den Blutdruck senken. Der Körper stößt weniger vom Stresshormon Cortisol aus und dafür mehr Oxytocin. Das „Glückshormon“ wird in der Forschung mit Bindung und sozialer Nähe in Verbindung gebracht. Deshalb sind die Seminarteilnehmer am Ende oft ganz high vom vielen Kuscheln. „Es ist total schön, wenn die Menschen mit einem Buddha-Lächeln hinausgehen“, sagt Lamowski.
Kuschel-Therapeutin
Rebekka Lamowski veranstaltet seit 2022 monatliche Kuschelparties in Wien. ,,Die Menschen kommen aus ganz unterschiedlichen Gründen. Alle, die hierherkommen, verbindet ein tiefes Bedürfnis nach körperlicher Nähe", erzählt sie. Und das sie aus unterschiedlichen Gründen privat nicht immer ausleben können.
Im Brotberuf ist sie eigentlich Unternehmensberaterin. 2015 begann sie in Berlin, selbst Kuschelpartys zu besuchen, sieben Jahre später eröffnete sie den „Kuschelraum“ in Wien. „Alle Menschen, die hierherkommen, verbindet ein tiefes Bedürfnis nach körperlicher Nähe, das aber nicht sexuell ist.“ Die Besucher sind zwischen Mitte 20 und Ende 60. Manche sind frisch getrennt und möchten ihren Liebeskummer lindern. Andere sind alleinerziehende Mütter oder ältere Menschen, die allein leben und schon sehr lange nicht mehr in den Arm genommen wurden. Manche Besucher sitzen im Rollstuhl. „Ich erfahre nicht oft, warum jemand da ist. Aber es soll sich jeder aufgenommen fühlen.“
Mit der körperlichen Nähe ist es so eine Sache; viel kann schnell unangenehm werden. Deshalb werden die Hausregeln gleich zu Beginn der Workshops klar kommuniziert: Die Kleidung bleibt in jedem Fall an. Immer fragen, ob man jemanden zum Beispiel an der Hand berühren darf. Es darf nur passieren, was man wirklich will. „Wir sind kein Dating-Workshop.“ Die Abgrenzung ist der Workshopleiterin wichtig. Wegweisen musste Rebekka noch nie jemanden. Ab und zu musste sie dem einen oder anderen Besucher diskret einen Pfefferminzkaugummi zustecken.
Aber warum kuschelt man mit Fremden? „Im Erwachsenenleben tabuisieren wir das Thema oder bringen es automatisch mit Sexualität in Verbindung. Aber das sind zwei verschiedene Dinge. Ich selbst habe dabei sehr viel über meine Wünsche und vor allem über meine persönlichen Grenzen gelernt“, sagt sie. Und ihren Gästen macht sie jedenfalls viel Freude. Man nennt das wohl: Win-win-Situation.
Marina Delcheva
leitet das Wirtschafts-Ressort. Davor war sie bei der „Wiener Zeitung“.