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KTM: Wie die Insolvenz einen ganzen Ort aus der Spur brachte

Vor einem Jahr legte KTM eine der größten Firmeninsolvenzen Österreichs hin. Seitdem kämpft das Unternehmen um den Neustart. Die Einschnitte waren massiv – und die Folgen der Pleite reichen bis in die Schulkantinen von Mattighofen. Ein Ortsbesuch.

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Das Schulessen kostet jetzt pro Portion um 50 Cent mehr. Eigentlich wollte die Stadtverwaltung von Mattighofen nicht bei der Schule sparen, aber das Budget ist gerade klamm. Auch der Eintrittspreis fürs Schwimmbad wird erhöht. Eigentlich hätten die höheren Ticketpreise erst nach der Sanierung kommen sollen. Jetzt wird das Schwimmbad bis auf Weiteres gar nicht renoviert. Die Tickets werden trotzdem teurer. Wie fast jede Kommune in Österreich kämpft auch die rund 8000 Einwohner zählende Gemeinde in Oberösterreich mit hohen Ausgaben und sinkenden Einnahmen. „Uns fehlt eine Million Euro im Budget, jetzt müssen wir den Gürtel enger schnallen“, sagt Bürgermeister Daniel Lang.

Eine sogenannte Abgangsgemeinde ist Mattighofen allerdings nicht. Sie kann sich also noch aus eigener Kraft finanzieren. Aber nach Jahren der sorgenfreien Budgeterstellung muss der Gemeinderat gerade jeden Cent mehrmals umdrehen und jede Ausgabe infrage stellen. Das hat die Stadtverwaltung mit dem lokalen Platzhirsch gemeinsam: dem österreichischen Motorradhersteller KTM. Vor genau einem Jahr schlitterte die KTM AG, zu der auch die Marken Husqvarna und GasGas gehören, in die Insolvenz und konnte gerade noch durch eine 800 Millionen Euro schwere Finanzspritze und die damit einhergehende Übernahme durch den indischen Automobilkonzern Bajaj gerettet werden.

Das Schicksal von Mattighofen ist eng mit dem von KTM verbunden. Wenn es dem Unternehmen gut geht, geht es auch der Gemeinde gut. Wenn es bei KTM schlecht läuft, beginnt Mattighofen beim Schwimmbad, beim Essen auf Rädern und beim Schulessen zu sparen. Allein durch den Personalabbau bei KTM verliert die Stadt eine Million Euro aus der Kommunalsteuer – pro Jahr. Hinzu kommen kleinere Firmen, die gut dotierte Aufträge verloren haben. Familien und Mitarbeiter des Werks, die weggezogen sind, weil sie hier keine Arbeit mehr haben oder weil die wirtschaftliche Lage schlicht zu unsicher ist. Bis hin zu Bauträgern, die Wohnungsprojekte auf Eis gelegt haben, weil nicht klar ist, ob der neue Wohnraum in Zukunft so dringend gebraucht wird.

Es hätte aber auch viel schlimmer kommen können. KTM hätte statt in die Sanierung in die Abwicklung schlittern können. Nur um Haaresbreite ist das nicht passiert. Ist ein Jahr nach der viertgrößten Firmenpleite der Zweiten Republik alles wieder gut? Oder war es nur eine Rettung auf Zeit?

Marina Delcheva

Marina Delcheva

leitet das Wirtschafts-Ressort. Davor war sie bei der „Wiener Zeitung“.