Europäischer Mediengipfel: Die Lech-Blase

Europäischer Mediengipfel Lech am Arlberg - Medienforum.

Europäischer Mediengipfel Lech am Arlberg - Medienforum.

Prologe, Diskussionen und Keynotes prominenter Redner: Das war der diesjährige Europäische Mediengipfel in Lech am Arlberg. Abseits der Lech-Blase stand allerdings etwas ganz anderes im Vordergrund: Knallharte PR.

Schneeregen in Wien, also rein in die gefütterten Stiefel und den dicken Wintermantel, der Koffer wird nachgezogen. Nach fünfeinhalb Stunden Zugfahrt erreiche ich den Bahnhof Langen am Arlberg. Ein Bus bringt mich nach Lech.

„In Wien findet alles statt,“ sagt Susanne Glass, Studioleiterin ARD Tel-Aviv. Gerade noch war sie Teilnehmerin einer Podiumsdiskussion, jetzt gibt sie mir ein Interview. Ich frage sie, warum der Europäische Mediengipfels bereits zum zehnten Mal in Lech am Arlberg stattfindet. Glass war von Anfang an dabei, sie antwortet mir: „Die dreitägige Veranstaltung soll bewusst Abstand vom stressigen Alltag bieten. Lech ist ein Ort für Sport und Urlaub auf eine intelligente Art und Weise.“ Ist das der einzige Grund?


Wie passt die Eröffnung der Skischaukel inhaltlich zum Mediengipfel? Offenbar steht PR über Content.

Harald Welzer, Soziologe und Sozialpsychologe hält einen Prolog über die „Offene Gesellschaft". Am Ende macht er auf seine Initiative aufmerksam. Sie trägt denselben Namen, wie das Thema seiner Eröffnungsrede. Als nächstes kommt die Diskussionsrunde mit Armin Wolf. Das Thema „Umgang mit Hass im Netz“ interessiert das Publikum. Mich nicht. Alles, was Wolf zu dem Thema sagt, habe ich bereits vor dem Mediengipfel gehört, gelesen oder gesehen.

„Abfahrt in zehn Minuten“ kommuniziert der Busfahrer. Die Veranstaltungsteilnehmer werden von Lech in Vorarlberg nach St. Christoph in Tirol chauffiert. Dort soll der Europäische Mediengipfel weitergehen. Moderne hohe Räume, meterlange Ölgemälde, ein rosa Kunstwerk hängt von der Decke. Im arlberg1800, einer Kunst- und Konzerthalle in St. Christoph, sind die titellosen Gemälde von Herbert Brandl ausgestellt. Pünktlich zum Empfang erscheinen die Landeshauptleute Markus Wallner aus Vorarlberg und Günther Platter aus Tirol. Sie bewerben die Skischaukel am Arlberg und füllen gleich zwei Programmpunkte. Ich verstehe nicht, wie das inhaltlich zum Mediengipfel passt. Offenbar steht PR über Content.

Hintergrund: Parallel zum Europäischen Mediengipfel wird die Skischaukel am Arlberg eröffnet. Sie vereint die zwei wichtigsten Skigebiete in Vorarlberg (St. Anton) und Tirol (St. Christoph) und ist damit Österreichs größtes zusammenhängendes Skigebiet: 305 Pistenkilometer, 87 Lifte und Bahnen. Der Zusammenschluss wurde von den Stubener und Zürser Bergbahnen getragen, Kosten: 45 Millionen Euro.


Ich verlasse Lech und mit dem Skiort auch meine frühere Einstellung zum Europäischen Mediengipfel.

Ich bekomme den Eindruck, dass diese Veranstaltung nur einem Zweck hat: PR machen für Lech. Im Interview mit der Tiroler Tageszeitung widerspricht Hermann Ferchner, Geschäftsführer Lech-Zürs Tourismus meiner These. Die Veranstaltung zahle in die Marke Lech-Zürs ein und ermögliche das Treffen mit Meinungsmachern. Es ginge nicht vordergründig darum, „Betten zu füllen und billige PR zu kriegen.“

Wer im Plenum sitzt, twittert. Die Veranstaltungsteilnehmer verlinken sich gegenseitig und retweeten, was ihnen gefällt. Eine Medienakademie aus Jungjournalisten veröffentlicht Kurzfilme und Interviews. Der Europäische Mediengipfel und damit Lech am Arlberg stehen drei Tage lang konzentriert in den Medien. Außerdem steigen mit so einer Veranstaltung die Nächtigungszahlen, was den Tourismusverband nur freuen kann.

„Junge Leute hier in Lech.“, ist die Message dieser Veranstaltung. Ich bin eine von 15 Studierenden aus Österreich, die vom Europäischen Parlament eingeladen wurden, am Mediengipfel teilzunehmen. Den Grund, warum sich Lech über so junges Publikum freut, kann ich nachvollziehen. Jeder Skiort will jung sein. Immerhin sind wir die nächste Generation von Wintertouristen. Nach drei Tagen knallharter PR weiß ich allerdings nicht, ob ich zu diesen Touristen gehören möchte. Ich verlasse Lech und mit dem Skiort auch meine frühere Einstellung zum Europäischen Mediengipfel.