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Gutes Geld
04/20/2022

Manfred Frühwirth: „Anleger überschätzen sich häufig“

Der Professor an der WU Wien mit Fachgebiet Verhaltensökonomie über die psychologischen Fallstricke in der Geldanlage.

von Christina Hiptmayr

profil: In den vergangenen Wochen und Monaten wurde Aktienanlegern einiges abverlangt: An den Börsen gab es ordentliche Ausschläge, massiv verschärft durch den Krieg in der Ukraine. Wie verhält man sich als Anleger in solchen Zeiten?
Frühwirth: Man sollte trotz aller Turbulenzen bei seiner Ziel-Asset-Allocation bleiben – also wie viel Prozent seines Vermögens man in Aktien, Anleihen, Geldmarkt, Rohstoffe und Immobilien stecken möchte. Das ist im Sinne einer guten Diversifizierung wichtig. Das heißt, wenn ich beispielsweise acht Prozent  meines Finanzvermögens in europäischen Aktien halten möchte, und diese Märkte gehen jetzt runter, dann muss ich eigentlich europäische Papiere zukaufen. Was aber aus psychologischen Gründen kaum jemand macht. Umgekehrt: Wenn in den USA eine Boomphase herrscht und man aufgrund der Kursanstiege statt der gewünschten 15 plötzlich zu 25 Prozent in Amerika investiert ist, sollte man US-Titel abstoßen. Auf diese Art schafft man es automatisch, billig zu kaufen und teuer zu verkaufen. Was die aktuelle Krise betrifft: Da muss man einfach durch.  

profil: Häufig tritt in solchen Situationen ein, was mit der Redewendung von den „zittrigen Händen“ beschrieben wird. Anleger, die in turbulenten Zeiten nervös werden und Aktien vorzeitig abstoßen und dabei auf potenzielle Gewinne in der Zukunft verzichten. 
Frühwirth: Und die dabei noch immer zu spät aussteigen. Das hat sich in der Finanzkrise 2007 bis 2009 gezeigt. Viele Kleinanleger haben damals zu den absoluten Tiefständen verkauft. Danach haben sie sich geärgert, als die Kurse wieder raufgegangen sind.

profil: Gibt es bei Wertpapieren so etwas wie Trennungsängste? Nämlich nicht rechtzeitig auszusteigen, weil man vergeblich hofft, dass der Aktienkurs wieder raufgeht – wie es beispielsweise vielen Anlegern in der Causa Wirecard ergangen ist.
Frühwirth: Bei Wirecard ist der sogenannte Bestätigungsfehler schlagend geworden. Fast jeder, selbst die deutsche Bankenaufsicht (konkret: die BaFin), dachte, das sei ein tolles Unternehmen. Und jeder möchte seine Meinung gerne bestätigt wissen. Das führt zu einer selektiven Wahrnehmung. Wenn dann Nachrichten eintreffen, die Zweifel am Unternehmen schüren könnten, wird das unbewusst als nicht so relevant eingeschätzt. Was die Trennungsängste betrifft: Es gibt das Phänomen des Regrets, also des Bedauerns. Zu den schlimmsten Erfahrungen für einen Anleger zählt, Aktien zu verkaufen, die danach steigen. Deshalb vermeidet man es, Entscheidungen zu treffen, weil die sich ja als falsch herausstellen könnten. Ein weiteres Phänomen ist der sogenannte Besitztumseffekt. Der zeigt sich etwa bei Goldmünzen, die man nur ungern wieder verkauft. Selbst wenn der Goldpreis hoch ist und man dringend Geld braucht, verkaufen die Leute lieber Aktien, bevor sie sich vom Edelmetall trennen.

profil: Was sind generell die größten psychologischen Fehler in Sachen Geldanlage?
Frühwirth: Ganz häufig ist die sogenannte Overconfidence, also Selbstüberschätzung. Das verführt die Anleger zum Stock 
Picking. Sich eine bestimmte Aktie rauszusuchen, in der Überzeugung, man ist der Klügste und weiß genau, dass diese steigen wird. Dabei gibt es seit Jahrzehnten Studien, die zeigen, dass das nicht gut funktioniert. Deshalb schneiden auch die meisten aktiv gemanagten Fonds schlechter ab als solche, die einen Index duplizieren. Ein weiterer beliebter Fehler ist der Extrapolationsfehler. Anleger kaufen Wertpapiere, die in der Vergangenheit gut performt haben, weil sie annehmen, dass das auch in Zukunft so weitergeht. Oder das Herdenverhalten: Man kauft das, was die anderen auch kaufen. So war es etwa bei der Dotcom-Blase. 

profil: Wie trickst man denn die Psyche aus und vermeidet solche Fehler?
Frühwirth: Das ist wahnsinnig schwierig, weil das Dinge sind, die tief in uns verwurzelt sind. Ein erster Schritt ist, sich diese Fehler bewusst zu machen. Zweitens: Diversifizieren! Drittens: Auf die Ziel-Asset-Allocation achten und dabei bleiben. Viertens: Kein aktives Management, sondern Indexfonds kaufen. Es gibt noch viele spezifische Tricks gegen einzelne psychologische Fehler. Um etwa Selbstüberschätzung zu vermeiden, sollte man versuchen, sich immer wieder selbst infrage zu stellen und andere Meinungen einholen.