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OeNB-Ökonom: „Wenn der Krieg noch lange dauert, können die Auswirkungen gravierend sein“

Nach dem Ausbruch des Iran-Kriegs hat die Nationalbank ihre Wachstumsprognose nach unten und die Inflationserwartung nach oben korrigiert. Wie hart uns die Krise trifft, hängt davon ab, wie lange dieser Krieg noch dauert, meint OeNB-Chefökonom Wolf Reuter im profil-Gespräch.

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So viele „Was-wäre-wenn“-Szenarien gab es in einer Wirtschaftsprognose schon länger nicht mehr: Was wäre, wenn der Ölpreis das ganze Jahr über jenseits der 100-Dollar-Marke pro Barrel verharrt? Was wäre, wenn die Straße von Hormus, durch die ein Fünftel des weltweit gehandelten Erdöls und LNG transportiert wird, noch länger kriegsbedingt blockiert ist? Was passiert, wenn uns Energiepreise und Inflation erneut um die Ohren fliegen? Für die heimische Wirtschaft verheißt all das jedenfalls nichts Gutes.

Die Österreichische Nationalbank (OeNB) hat am Dienstag als erstes großes Institut ihre Wirtschaftsprognose für 2026 vorgestellt und die ersten Auswirkungen des Iran-Kriegs eingepreist. Demnach soll das Wirtschaftswachstum heuer bei 0,5 Prozent liegen; im Dezember ging die OeNB noch von 0,8 Prozent BIP-Wachstum aus. Die Inflation soll auf 2,7 Prozent steigen, statt der vor dem Iran-Krieg prognostizierten 2,4 Prozent.

Doch auch diese Zahlen stehen unter Vorbehalt. Sollte der Krieg im Iran samt Blockade der Straße von Hormus länger andauern oder sich sogar ausweiten, könnten die Energiepreise weiter steigen. Das wiederum könnte die Inflation laut Negativszenario der OeNB auf 3,8 Prozent erhöhen. Die Wirtschaft würde heuer mit nur 0,2 Prozent Wachstum nahezu stagnieren.

profil sprach mit Wolf Reuter, Chefvolkswirt der Notenbank, über mögliche Krisenmaßnahmen und darüber, auf wie viele Worst-Case-Szenarien wir uns heuer noch einstellen müssen:

Worauf müssen wir mit Blick auf den Iran-Krieg in den kommenden Monaten in Österreich rechnen?

Wolf Reuter

Das ist schwer zu beantworten. Unsicherheit ist das dominierende Element. Aber die höheren Öl- und Gaspreise werden die wirtschaftliche Entwicklung auf jeden Fall dämpfen. Auch die Inflationsraten werden höher ausfallen, als wir das im Dezember noch angenommen haben.

Drohen uns ähnliche Inflationsschocks und Wirtschaftseinbrüche wie nach Beginn des Ukraine-Kriegs 2022 und 2023?

Reuter

Das hängt davon ab, wie lange dieser Krieg dauert und wie lange das Energieangebot beeinträchtigt bleibt. Auch nach dem Ende des Konflikts könnten die Öl- und Gaslieferungen, wenn auch in geringerem Ausmaß, beeinträchtigt bleiben – etwa, weil Energieinfrastruktur in der Region beschädigt wurde. Das ist der entscheidende Faktor dafür, wie stark die Auswirkungen auf Inflation und Wirtschaft ausfallen.

Der Chef der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol, bezeichnete die aktuelle Energiekrise als die größte seit Jahrzehnten. Teilen Sie diese Einschätzung?

Reuter

Wenn der Krieg noch lange dauert und langfristig 20 Prozent des Öl- und Gasangebots wegfallen, dann können die Auswirkungen gravierend sein. In unserem adversen Szenario – mit Ölpreisen von 100 US-Dollar pro Barrel und Gaspreisen von 70 US-Dollar pro Megawattstunde bis Jahresende – geraten wir bereits in die Nähe einer Stagflation, also hoher Inflation bei gleichzeitig ausbleibendem Wirtschaftswachstum. Die Effekte wären noch stärker, wenn diese Energiemengen langfristig ausfallen.

In welchem Ausmaß hat der Krieg unsere Inflation bereits jetzt angeheizt?

Reuter

Die finalen Inflationszahlen für März liegen uns noch nicht vor. Allein auf Basis der Preisanstiege bis zum 11. März rechnen wir damit, dass die Teuerung heuer aufs Jahr gerechnet um 0,6 Prozentpunkte höher ausfallen wird als ohne die Öl- und Gaspreisanstiege.

Welche Maßnahmen sollte die Regierung setzen, um die Auswirkungen dieser Krise abzufedern?

Reuter

Generell sollten Eingriffe so gestaltet sein, dass sie möglichst wenig direkt in die Preise eingreifen. Stattdessen sollte man – unabhängig vom Verbrauch –die am stärksten betroffenen Gruppen entlasten und die Marktmechanismen wirken lassen.

Dann anders gefragt: Was sollte die Regierung keinesfalls tun?

Reuter

Österreich kann sich von globalen Preisentwicklungen nicht abkoppeln. Wir können auch keine eigenen Preise festsetzen. Das würde entweder den Staat sehr teuer kommen, weil Energie zu globalen Preisen eingekauft werden muss, oder dazu führen, dass das Angebot rationiert werden muss. Beides ist ökonomisch nicht sinnvoll. Wenn Eingriffe erfolgen, dann nur befristet, gezielt und zugunsten der am stärksten Betroffenen.

Was kann die EU als Gemeinschaft gegen diese Krise ausrichten?

Reuter

Die EU ist vor allem dort gefragt, wo es bereits integrierte Märkte gibt – etwa im Energie- und Strommarkt. Eingriffe in den Strommarkt sollten jedenfalls auf EU-Ebene abgestimmt erfolgen. Das gilt auch für den Energieeinkauf. Alle anderen fiskalischen Maßnahmen bleiben Sache der Nationalstaaten.

Die Kapitalmärkte rechnen angesichts der steigenden Inflation bereits mit zwei Zinserhöhungen heuer. Sollten sich auch Haushalte auf steigende Zinsen einstellen?

Reuter

Der Rat der Europäischen Zentralbank hat entschieden, von Zinssitzung zu Zinssitzung zu entscheiden und die Lage anhand der jeweils verfügbaren Daten zu beurteilen.

Marina Delcheva

Marina Delcheva

leitet das Wirtschafts-Ressort. Davor war sie bei der „Wiener Zeitung“.