Eine lächerlich geringe Summe. Zum Vergleich: 2021, im letzten Jahr vor Kriegsausbruch in der Ukraine, setzte Ferrexpo etwas mehr als zwei Milliarden Euro um und verzeichnete dabei einen Gewinn von 741 Millionen Euro. Auch im ersten Kriegsjahr 2022 erwirtschaftete der Konzern noch einen Profit von 187 Millionen Euro. Seitdem geht es bergab. Wegen der russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur kommt es immer wieder zu Unterbrechungen bei der Stromversorgung und damit auch zu Ausfällen in der Produktion bei den insgesamt drei Erzminen, die Ferrexpo in der Region Poltawa betreibt.
Gute Verbindungen
Der österreichische Stahlkonzern Voestalpine unterhält seit mehr als 20 Jahren enge Geschäftsbeziehungen in die Ukraine und gehört zu den wichtigsten Abnehmern der Eisenerzpellets von Ferrexpo. Das Verhältnis geht über das von Handelspartnern hinaus. Im Jahr 2013 verkaufte die Voestalpine Konstantin Zhevago ihre Anteile an der Handelsgesellschaft VA Intertrading. Die Intertrading war einst zur Abwicklung von Gegengeschäften für Voest-Exporte in den kommunistischen Osten gegründet worden. Inzwischen handelt das Unternehmen in erster Linie mit Getreide und Ölsaaten. Der Einstieg des Oligarchen stieß damals auf erbitterten Widerstand des Intertrading-Managements und der anderen Minderheitsaktionäre.
Dass es bei Ferrexpo zuletzt nicht ganz rund gelaufen ist, hat man auch in der Stahlstadt Linz registriert. Allerdings betont gelassen. „Ferrexpo ist einer von zahlreichen Erzlieferanten. Hier kam es kriegsbedingt zu gelegentlichen Verschiebungen bei Lieferungen“, so ein Voestalpine-Sprecher auf profil-Anfrage. Spätestens seit Corona haben internationale Konzerne gelernt, mit gestörten Lieferketten umzugehen. Auch die Voestalpine hat ihr Beschaffungsmanagement so aufgestellt, dass sie „jederzeit und kurzfristig auf Veränderungen reagieren kann“.
Auch die finanziellen Schwierigkeiten ihres Lieferanten sind der Voest-alpine nicht entgangen. Laut Ferrexpo werden kurzfristig „mindestens 100 Millionen US-Dollar“ benötigt, um den Betrieb der Gruppe zu sichern. Warum es nicht gelungen ist, das Geld aufzustellen, ist nicht ganz klar. Der Aktienkurs von Ferrexpo an der London Stock Exchange lag im April 2021 – vor dem russischen Überfall auf die Ukraine – bei sechs Euro je Aktie. Heute, fünf Jahre später, liegt der Kurs bei unter 40 Cent. Unter den institutionellen Anlegern finden sich prominente Namen. Die Schweizer Großbank UBS ist mit 3,18 Prozent beteiligt, der US-Investmentfonds BlackRock mit 2,83 Prozent. Auch andere internationale Geldhäuser wie Barclays, BNP Paribas, HSBC oder J.P.Morgan halten Aktien. Zhevago selbst hält über die Holdinggesellschaft Fevamotinico mit Sitz in Luxemburg 49,32 Prozent der Anteile und ist damit der bei Weitem größte Aktionär. Und wohl auch das größte Problem bei der Kapitalbeschaffung. In einer Mitteilung an die Aktionäre vom 22. April mit einem Update über die geplante Kapitalerhöhung sind auch die gegenwärtigen Risiken aufgeführt, denen Ferrexpo ausgesetzt ist. Ein eigener Anhang beschäftigt sich mit nichts anderem als den verschiedenen Strafverfahren, Steuerforderungen, Auslieferungsbegehren und einstweiligen Verfügungen gegen Zhevago und sein Unternehmen. 13 Seiten umfasst die Skandalchronik, nicht gerade ein Verkaufsargument.
„Politisch sehr kompliziert“
„Eigentlich hat so gut wie jedes Geschäft von Konstantin Zhevago mit einer Pleite geendet“, sagt Oleksiy Movchan. Der 32-jährige ist Abgeordneter im ukrainischen Parlament für die Partei Sluha narodu (deutsch: Diener des Volkes) von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Bei den Wahlen im Jahr 2019 holte er das Mandat im Wahlbezirk 150 in seiner Heimatregion Poltawa. Sein Gegenkandidat war damals ausgerechnet Konstantin Zhevago. Movchan ist derzeit Mitglied einer parlamentarischen Arbeitsgruppe, die damit beschäftigt ist, das Überleben der Ferrexpo-Minen in Poltawa zu sichern. „Das Unternehmen ist extrem wichtig für das Land, liefert Jobs für Tausende Arbeitnehmer“, sagt Movchan.
Glaubt man Movchan, dann sind in erster Linie die Eigentümer schuld daran, dass der Konzern finanziell ausgetrocknet ist. Das ganze System Ferrexpo ist darauf ausgerichtet, möglichst viel Geld abzuziehen, sagt er. Die ukrainischen Bergbauunternehmen verkaufen ihre Eisenerzpellets nicht direkt an Salzgitter, ThyssenKrupp oder Voestalpine. Sondern zu niedrigen Preisen an die eigene Konzernmutter Ferrexpo. Das hat die ukrainischen Finanzbehörden auf den Plan gerufen. Im internationalen Steuerrecht gilt nämlich der Fremdvergleichsgrundsatz. Das bedeutet: Geschäfte zwischen verbundenen Unternehmen müssen zu vergleichbaren Preisen abgeschlossen werden wie zwischen unabhängigen Geschäftspartnern. Verkauft die Mine in Poltawa ihre Produkte beispielsweise unter Marktpreis, dann fallen auch kaum Gewinne an, die in der Ukraine versteuert werden können. Aber selbst die ohnehin mageren Zahlungen an die ukrainischen Tochtergesellschaften sind zuletzt ausgeblieben. Parlamentarier Oleksiy Movchan spricht von „mindestens 500 Millionen US-Dollar“, die Ferrexpo seiner Tochtergesellschaft in Poltava schulden würde.
Zhevago hat dafür gesorgt, dass auch sonst entlang der Wertschöpfungskette kaum jemand mitverdient. 2010 übernahm er den Frachtbetrieb der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft (DDSG). Die First-DDSG Logistics Holding GmbH mit Sitz am Wiener Handelskai ist offenbar nicht auf Gewinn getrimmt. Die Gesellschaft schleppt seit Jahren einen Bilanzverlust von rund 40 Millionen Euro mit sich herum – obwohl sie jahrelang einen erheblichen Teil der Ferrexpo-Eisenerzpellets verschiffte. Kurz: Die gesamte Marge beim Verkauf an den Endkunden kassiert die Ferrexpo AG mit Sitz in der steuerbegünstigten Schweiz. In der Ukraine sind deswegen Verfahren wegen Steuerhinterziehung anhängig. Warum nun auch die Konzernholding Ferrexpo nicht mehr flüssig ist? Sie hat in den zehn Jahren vor dem Krieg insgesamt mehr als eine Milliarde Euro an Dividenden an ihre Aktionäre ausgeschüttet. Kapital, das jetzt fehlt. „Am einfachsten wäre es, wenn es einen Eigentümerwechsel geben würde“, sagt der ukrainische Abgeordnete Oleksiy Movchan. Es gäbe sogar eine Möglichkeit, die Poltawa-Minen mit Kapital zu versorgen. Eigentlich stünde dem ukrainischen Bergbauunternehmen eine Rückerstattung von Mehrwertsteuer in der Höhe von umgerechnet rund 77 Millionen Euro zu. Genug, um die Produktion am Laufen zu halten. Allerdings kann das Geld nicht ausgezahlt werden, solange Konstantin Zhevago mit Sanktionen belegt ist. Das gilt für alle Gesellschaften sanktionierter Unternehmer. Eine Ausnahmeregel für Zhevago wäre „politisch sehr kompliziert“. Das ist noch zurückhaltend ausgedrückt.
Die lange Skandalchronik
Zhevago gilt in der Ukraine als politische persona non grata. Weniger, weil er dem Lager der umstrittenen früheren Ministerpräsidentin Julija Tymoschenko zugerechnet wird, sondern wegen seiner umstrittenen Geschäftspraktiken. Als Hauptaktionär der ukrainischen Finance and Credit Bank schleuste er ab 2012 über Kreditverträge mit der österreichischen Meinl Bank hohe Beträge auf Offshore Konten. Es handelte sich um sogenannte Back-to-Back-Geschäfte. Vereinfacht ausgedrückt: Die Finance and Credit Bank verpfändete Bankvermögen an die Meinl Bank. Diese vergab dafür einen Kredit an eine Offshore-Gesellschaft, die Konstantin Zhevago zuzurechnen ist. Der Kredit wurde nie bedient, die Finance and Credit Bank musste zahlen. Aus Bankvermögen wurde durch dieses Spiel über die Bande Privatvermögen. Zhevagos Privatbank musste 2015 auf Anordnung der ukrainischen Zentralbank zusperren. Die ukrainischen Strafverfolgungsbehörden werfen Zhevago und anderen früheren Managern der Finance and Credit Bank vor, insgesamt beinahe 100 Millionen Euro veruntreut zu haben.
Zhevago bestreitet die Vorwürfe. Im Dezember 2022 wurde er im französischen Nobel-Skiort Courchevel auf Antrag der ukrainischen Behörden kurzfristig festgenommen, kam jedoch gegen Zahlung einer Kaution frei. Frankreich liefert den Oligarchen nicht an die Ukraine aus. Im März 2026 reiste deshalb der ukrainische Generalstaatsanwalt Ruslan Kravchenko zur Beschuldigteneinvernahme von Zhevago nach Paris. Eine profil-Anfrage an Zhevagos französisches Anwaltsteam blieb unbeantwortet. Ferrexpo reagierte ebenfalls nicht.
Auch die seinerzeitige Übernahme der Bergbau- und Aufbereitungsanlage in Poltawa durch Zhevago beschäftigt seit Jahren die Gerichte. Ehemalige Eigentümer hatten Zhevago geklagt. Im April 2023 entschied der Oberste Gerichtshof zugunsten des Oligarchen. Das Urteil hatte nicht lange Bestand. Im Gegenteil: Es offenbarte den größten Justizskandal in der jüngeren Geschichte der Ukraine. Wie die Antikorruptionsbehörde NABU aufdeckte, waren in den Wochen davor insgesamt 2,7 Millionen US-Dollar (2,3 Millionen Euro) an Schmiergeldern verteilt worden. Der Großteil der Summe soll an Wsewolod Knjasew gegangen sein, den Präsidenten des Höchstgerichts. Die Ermittler vermuten, dass die Bestechungsgelder von Zhevago stammen. Er bestreitet das.
Minen-Magnat Konstantin Zhevago wird in naher Zukunft wohl nicht in die Ukraine einreisen. Ob er noch zum „Monaco Bataillon“ gehört, ist unklar. Er unterhält auch in Dubai einen Wohnsitz, wo zuletzt auch seine 65-Meter-Yacht ankerte.
Mit 247 Meter Länge ist das Frachtschiff „Iron Destiny“ („Eisernes Schicksal“) deutlich größer. Es liegt derzeit im Hafen von Istanbul. Am 20. April hat Ferrexpo den Frachter verkauft, um liquide zu bleiben. So viel ist sicher: Der Erlös von 7,7 Millionen Dollar wird nicht lange reichen.