Graue Eminenz: Kehrt Rainer Seele als OMV-Aufsichtsrat zurück?
Die teilstaatliche OMV bekommt bald einen neuen Chef. Im Konzern sorgt aber gerade ein umstrittener Ex-Chef für Gang-Getuschel: Kommt Rainer Seele zurück und regiert künftig als Aufsichtsrat mit?
Ein CEO-Casting ist eine diskrete Angelegenheit. Die Kandidaten und Kandidatinnen für den OMV-Chefposten, der heuer neu besetzt wird, kamen nicht immer durch den Haupteingang. Und auch nicht immer nach Wien. Manchmal traf man einander in Abu Dhabi, wo Miteigentümerin Adnoc (Abu Dhabi National Oil Company) ihren Sitz hat. Dann mal in Deutschland. Und immer äußerst diskret. Zu viel Wirbel im Vorfeld und zu viele Spekulationen in der Presse tun dem Börsenkurs nicht gut.
Ein paar Namen geisterten dennoch durch die Wirtschaftspresse. Die Frage, wer nach Alfred Stern, der seinen Rückzug schon frühzeitig bekannt gab, Vorstandsvorsitzender der teilstaatlichen OMV wird, ist ein Politikum. Die halbe Republik spricht mit. Die Position ist auch mit Blick auf die Geopolitik von höchster Bedeutung für Österreich. Als aussichtsreiche Kandidaten galten zuletzt Borealis-Chef Stefan Doboczky und die Petrom-Chefin Christina Verchere. Aus dem Rennen dürfte jedenfalls Thomas Gangl sein, der von 2019 bis 2021 im OMV-Vorstand und dann bei Borealis war. Die Entscheidung soll, wie profil erfuhr, bei der nächsten Aufsichtsratssitzung im Februar bekannt gegeben werden. „Die Bestellung eines neuen CEO fällt in die Zuständigkeit des Aufsichtsrats. Zu laufenden Personalverfahren äußern wir uns nicht im Detail. Sobald eine Entscheidung getroffen ist, wird diese vom Unternehmen kommuniziert“, sagt ein Sprecher dazu.
In der OMV spukt jetzt auch ein ganz anderer Name durch die Gänge: Rainer Seele. Und die Frage: Könnte der Ex-Generaldirektor schon bald wieder über den Aufsichtsrat in die OMV hineinregieren? Denn dort wird im Frühling ein Adnoc-Posten frei, und Rainer Seele ist in Abu Dhabi besonders umtriebig.
Seeles Werk
Sehr beliebt ist der Name des Ex-OMV-Chefs weder in der Belegschaft noch bei einigen Aktionären. Seele war von 2015 bis 2021 OMV-Chef. Nach seinem Abgang verweigerte die Hauptversammlung Seele zunächst die Entlastung für das Geschäftsjahr 2021; diese erfolgte erst ein Jahr später. Offiziell ging es um interne Compliance-Untersuchungen. Seele wurde auch vorgeworfen, Umweltschützer bespitzelt zu haben. Inoffiziell spielte offenbar auch seine Russland-Strategie eine Rolle.
Das zerrissene Bild zeigt Wladimir Putin und andere bei der Unterzeichnung eines Abkommens mit Österreich und der EU.
Freundschaft
2018 besiegelten Gazprom-Boss Alexei Miller (vorne links) und Ex-OMV-Chef Rainer Seele abermals die österreichische-russische Gasfreundschaft und verlängerten den Gasliefervertrag zwischen OMV und Gazprom bis 2040. An der feierlichen Unterzeichnung nahmen auch Russlands Präsident Wladimir Putin und Ex-Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) teil. Mittlerweile wurde der Liefervertrag aufgelöst.
Seeles Russland-Bilanz ist durchwachsen: Ab 2015 führte er die OMV noch näher an Russland und dessen staatliche Gazprom heran. Er verlängerte 2018 den mittlerweile beendeten Gasliefervertrag zwischen OMV und Gazprom bis 2040 und erhöhte gleich noch einmal die Liefermengen. Und das, obwohl der alte Vertrag noch bis 2028 gültig gewesen wäre. Er beteiligte sich mit der OMV am Bau der Nord-Stream-2-Pipeline, die Gas von Russland nach Deutschland liefern sollte. Die Pipeline wurde 2023 – mutmaßlich von ukrainischen Akteuren – gesprengt. Er kaufte das Gasfeld Juschno-Russkoje in Sibirien, das mittlerweile von der Russischen Föderation enteignet wurde. Dafür wollte er die OMV-Gasfelder in Norwegen an Russland verkaufen, was von der norwegischen Regierung aus Gründen der nationalen Sicherheit gestoppt wurde. Und er soll kein großer Fan der Erschließung des OMV-Neptun-Gasfelds im Schwarzen Meer gewesen sein, das ab 2027 nichtrussisches Gas für Rumänien und andere EU-Staaten liefern soll.
Sterns Beitrag
Kurz: Die Entscheidungen, die unter Seele getroffen wurden, haben den Konzern seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine über zwei Milliarden Euro gekostet. OMV-Chef Alfred Stern verbrachte den Großteil seiner Amtszeit damit, hinter Seele aufzuräumen und die OMV aus den Fängen Russlands zu lösen. Mit der russischen Gazprom kommuniziert die OMV seit geraumer Zeit nur noch vor dem Schiedsgericht.
„Insgesamt hat OMV vier Schiedsverfahren eingereicht, davon sind drei beendet. Zu den finanziellen Auswirkungen kommuniziert OMV im Rahmen des Jahresabschlusses“, schreibt ein Pressesprecher auf Nachfrage. Detail am Rande: Die OMV ist bisher das einzige europäische Unternehmen, das im Zuge eines Schiedsverfahrens tatsächlich Geld aus Russland bekommen hat. 230 Millionen Euro wurden wegen ausgebliebener Gaslieferungen für den deutschen Markt mit Zahlungsverpflichtungen an Gazprom für Gaslieferungen nach Österreich aufgerechnet. Heute bezieht die OMV kein russisches Pipelinegas mehr.
Alfred Sterns Vertrag als Vorstandsvorsitzender endet heuer. Er hat schon im Vorjahr frühzeitig angekündigt, dass er für keine zweite Amtszeit zur Verfügung stehe und seine Nachfolge möglichst reibungslos regeln wolle.
Aber zurück zu Seele und den Gerüchten um eine mögliche Rückkehr. Nach seinem Abgang aus der OMV schlug Seele in Abu Dhabi auf, wo er heute lebt. Dort ist er Adnocs Mann für das Chemiegeschäft. Er verhandelte aufseiten der Emirate die 40 Milliarden Euro schwere Fusion der Chemietöchter von OMV (Borealis) und Adnoc (Borouge) zum neuen Mega-Chemiekonzern Borouge International mit. Jetzt soll Rainer Seele die Chemiesparte bei XRG managen. Das ist eine von Adnoc gegründete Investmentgesellschaft, die das Chemieimperium Abu Dhabis künftig lenken soll. Demnächst sollen auch die Anteile an Borouge International und an der OMV von Adnoc zu XRG wandern. Adnoc ist mit 24,9 Prozent an der teilstaatlichen OMV beteiligt. OMV und Adnoc halten jeweils 46,94 Prozent an Borouge International, die ihren Sitz in Wien haben wird.
Vakante Posten
Und hier schließt sich der Kreis. Im Mai soll Adnoc-Mann Khaled Salmeen aus dem OMV-Aufsichtsrat ausscheiden. Er verhandelte aufseiten der Emirate federführend den Borouge-Borealis-Deal. Ende des Vorjahres verkündete er, dass er sein Aufsichtsratsmandat zwar erfüllen, sich dann aber zurückziehen wolle. Als besonders aussichtsreicher Nachfolger für Salmeen gilt jetzt eben Rainer Seele. Als XRG-Manager würden die OMV- und Borouge-International-Anteile ohnehin in seine Zuständigkeit fallen.
Ganz neu wäre das Vorgehen auch nicht. Kurz vor Weihnachten berichteten deutsche Medien, dass Seele Aufsichtsratsvorsitzender des deutschen Chemiekonzerns Covestro wird, nachdem dieser von Adnoc übernommen wurde.
Will Seele tatsächlich in den OMV-Aufsichtsrat einziehen und bald wieder mehr Zeit in Wien verbringen? Eine Anfrage an XRG blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Bei einer wegweisenden Entscheidung wird er jedenfalls nicht mitreden, nämlich jener über den neuen oder die neue OMV-Chef(in). Die liegt in der Hand des noch amtierenden Aufsichtsgremiums. Hat Alfred Stern mit seinem ungewöhnlich früh angekündigten Abgang aus der OMV für diesen Fall etwa vorgesorgt? Bei der OMV weist man das entschieden zurück und will ganz grundsätzlich die Entscheidungen des Aufsichtsrats nicht kommentieren. In der Branche ist freilich bekannt, dass Stern und Seele zwar einen professionellen, aber doch einen betont kühlen Umgang miteinander pflegen.
Wer auch immer die Geschicke der OMV künftig lenken wird: Die neue Spitze übernimmt jedenfalls ein offenes Schiedsverfahren – und vielleicht auch die eine oder andere offene Rechnung mit Russlandbezug.
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(profil.at)
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Stand:
Marina Delcheva
leitet das Wirtschafts-Ressort. Davor war sie bei der „Wiener Zeitung“.