<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Sein Wille geschehe!

<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Sein Wille geschehe!

Am nächsten Sonntag wählt Niederösterreich. Hoffentlich den Richtigen. Denn wenn nicht, kann es was erleben.

Am Vorabend der Wahl stand der Landeshauptmann in seinem Arbeitszimmer im bescheidenen Regierungsviertel von St. Pölten und betrachtete gerührt die große Karte seiner Besitztümer an der Wand. Er ließ seine Finger zärtlich über das Steinfeld gleiten, streichelte das Mostviertel, dem das wie immer sehr gut gefiel, und hauchte schließlich dem Manhartsberg einen innigen Luftkuss zu. Beinahe hätte er in diesem Moment sogar eine Träne zerdrückt, übermannt von den starken Gefühlen, die er für sich selbst hegte. Andere Monarchen hätten das vielleicht als Zeichen der Schwäche gesehen. Aber Erwin war, wie in so vielen Bereichen, auch da anders. Er war eben nicht nur Pröll – sondern auch Mensch.

Er musste auch zugeben, dass es eine blendende Idee seines vorzüglichen Finanzlandesrats Wolfgang Sobotka ­gewesen war, die Karte hier aufzuhängen. So fühlte sich der Landeshauptmann den Menschen, die zum Teil ja tatsächlich dachten, es ginge hier auch nur im Entferntesten um sie, stets nahe genug, um zu verhindern, dass sie irgendeinen Blödsinn machten. Und außerdem hatte der Kaffeefleck an der Wand, den Sobotka verursacht hatte, als er über einen Haufen isländischer Kronen gestolpert war, die er dem Erwin zum Beweis für seine investorische Weltläufigkeit mitgebracht hatte, ein wenig ausgesehen wie das Profil von Frank Stronach.
Morgen hatte sein Land also die Wahl. Oder zumindest so was in der Art. Erwin hatte ja im Prinzip nicht einmal so viel gegen Wahlen. Allerdings konnte ein Mann, der sich so viel geleistet hatte wie er, ja wohl mit Fug und Recht verlangen, dass von vornherein klar war, wie sie ausgehen würden: mit seiner absoluten Mehrheit. Und wenn sich jemand finden sollte, der daran auch noch eine kleine Seligsprechung dranhängen wollte – wer war Erwin, sich dagegen zu sperren?

Aber leider war das ja unerhörterweise bei dieser Wahl alles andere denn gesichert.

Man musste sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Da gab es tatsächlich, nach 20 Jahren Pröll, also nach 20 Jahren, in denen ein steter Fluss von Milch und Honig Niederösterreich geflutet hatte, vereinzelte Landesverräter, die glaubten, ihn kritisieren zu dürfen. Ihn! Jetzt hatte die Demokratie als solche natürlich andere Schwächen auch noch. Aber keine war so augenfällig wie diese.

„Wer den Landeshauptmann angreift, greift Niederösterreich an!“, murmelte der Landeshauptmann erregt. Allerdings konnte er nicht umhin, sich selber auch ein wenig die Schuld daran zu geben. Warum nur war er nicht dem Vorschlag seines Landesgeschäftsführers Gerhard Karner, diesem weithin gerühmten Vordenker des unaufgeklärten Absolutismus, gefolgt – und hatte so etwas nicht schon längst verbieten lassen? Erwin seufzte tief. Da hatte ihm wieder einmal seine schon legendäre Gutmütigkeit einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Was glaubten diese Figuren eigentlich? Stellten sich frech hin und wollten Sachen wissen, die nun wirklich niemanden etwas angingen. In welche hochseriösen Fonds Niederösterreich listig investiert hatte. Welche Positionen im Lichte des Salzburger Finanzskandals glattgestellt worden waren. Und vor allem, mit welchem Verlust. Ganz so, als handle es sich hiebei nicht um das Privatvermögen der niederösterreichischen ÖVP! Der Landeshauptmann konnte es nicht verhehlen: Manchmal war selbst eine umgängliche Frohnatur wie er knapp daran, am Zustand der Welt zu verzweifeln, wenn er sich mit solchen Ungeheuerlichkeiten konfrontiert sah.
Aber was, wenn morgen das an sich Undenkbare tatsächlich passieren sollte? Wenn sich ein Erwin Pröll morgen Abend den gewohnt kantigen Fragen des Landesstudios Niederösterreich stellen musste, trotz seiner schier übermenschlichen Größe gedemütigt von einem Ergebnis, bei dem ein Vierer vorne stand? So unangenehm diese Vorstellung war: Erwin musste sich wappnen. Er brauchte einen Plan. Am besten auch gleich einen für die Jahre nach dem Wahltag.

Für seine Rache.

Er wäre aber nicht Erwin Pröll gewesen, wenn er da lange überlegen hätte müssen. Er würde das so machen: Er würde darauf pochen, dass er in seiner einzigartigen Karriere siegreiche Wahlschlachten gegen furchterregende Gegner wie Heidemaria Onodi oder Ernst Höger ausgefochten hatte, und darob von St. Pölten aus den großen Maxi spielen, dem völlig egal war, wer unter ihm gerade die Bundespartei führte. Er würde alles verhindern, was sinnvoller Regierungspolitik auch nur irgendwie ähnlich sah, und sich hernach mit gramzerfurchter Stirn beschweren, dass da aber auch schon gar nichts weiterging. Dann würde er …
Ach, er musste da jetzt gar nicht groß ins Detail gehen. Zusammengefasst sah der Plan so aus: Erwin würde ganz genau gar nichts ändern.
Natürlich würden sich dann wieder einige finden, die meinten, das sei nicht fair. Aber eines würden selbst die, sollte das gedankenlose Volk seinem Souverän eine derart schlimme Kränkung zufügen, nicht wegleugnen können: Er hatte nicht angefangen.

rainer.nikowitz@profil.at