Ukio-Leaks und Troika-Laundromat: Ein Datenleck, ein Journalisten-Kollektiv, eine Enthüllung

Ukio-Leaks und Troika-Laundromat: Ein Datenleck, ein Journalisten-Kollektiv, eine Enthüllung

Es ist eines der größten Bankdaten-Lecks überhaupt: Rund 1,3 Millionen Transaktionsdaten, welche einen Zeitraum von mehr als einer Dekade umspannen, dazu 238.000 Namen und Unternehmen und Personen, tausende Seiten an Rechnungen, Verträgen, Korrespondenz.

All das entstammt dem Innersten der 2013 in Litauen geschlossenen AB Ukio Bankas und wurde Journalisten des Organized Crime and Corruption Reporting Projects (OCCRP) und der litauischen Website 15min.lt 2018 zugespielt. OCCRP formte einen internationalen Rechercheverbund, aus Österreich beteiligten sich profil und die Plattform „Addendum“ aus der Auswertung des Materials. Mehr als 50 Journalisten von zwei Dutzend Medien waren an dem aufwändigen Projekt „Troika Laundromat“ beteiligt.

Globales Schattenfinanzsystem

Die Daten lassen keinen Zweifel daran, dass in der kleinen litauischen Bank wundersame Dinge geschehen waren. Rund um die Ukio Bankas war im Laufe der Jahre ein globales Schattenfinanzsystem entstanden, das gewissen Kunden (vorwiegend Russen) bei der steuer- oder sonstwie-optimierten Verbringung von Vermögen zu Diensten war. Die Bank servicierte eine nicht überblickende Anzahl von intransparenten Firmen mit Adressen an sonnigen Orten. Panama. Britische Jungferninseln. Zypern. Belize. Offshore-Konstrukte, vertreten durch Treuhänder, Direktoren und „Agents“, gegründet mit dem einzigen Zweck, die wahren wirtschaftlich Berechtigten und die wahre Natur von Zahlungsflüssen zu camouflieren.

Tatsache ist, dass dutzende Briefkästen in Steuerparadiesen Konten bei der Ukio Bankas unterhielten. Tatsache ist auch, dass über diese Konten Milliarden US-Dollar und Euro geschleust wurden. Tatsache ist schließlich, dass die Ukio Bankas ein ziemlich ausgeprägtes Geldwäscheproblem hatte, was letztlich auch deren Liquidation beschleunigte.

Die Spuren reichen bis nach Österreich

Vorliegende Rechnungen und Verträge legen den Schluss nahe, dass im Ukio-Kosmos systematisch Scheingeschäfte zwischen Briefkasten-Firmen inszeniert worden waren, um insbesondere Vermögen aus der Russischen Föderation zu schaffen. In den Datensätzen finden sich reihenweise Rechnungen (nebst zugehöriger Zahlungen) von einer Offshore-Firma an die andere. Über Ukio-Konten wurden Milliarden US-Dollar für den vorgeblichen Handel mit Konsumgütern, Nahrungsmitteln, Einrichtungsgegenständen und Industrieanlagen hin- und her bewegt. Viele dieser Rechnungen erscheinen unplausibel, manche schlicht gefälscht.

Die Spuren reichen bis nach Österreich. Im Fall des 2012 ermordeten Wiener Rechtsanwalts Erich Rebasso lässt sich anhand des Materials nun nachweisen, dass er Geld für Organisierte Kriminalität in Russland wusch (wenngleich er das erst viel zu spät realisierte) und zumindest 100 Millionen US-Dollar russischen Ursprungs zu neun Offshore-Empfängern transferierte. Er nutzte dafür ein Konto bei der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien

Raiffeisen ist auch auf anderer Ebene betroffen. Zahlreiche Briefkästen, deren Namen in den Ukio-Leaks auftauchen, hatten Konten bei der Raiffeisen Zentralbank, nunmehr Raffeisen Bank International (RBI). Unabhängig davon war die RBI geschäftlich auch direkt mit der Ukio Bankas verbandelt, als deren sogenannte Korrespondenzbank.

75 Offshore-Firmen bildeten ein komplexes globales Netzwerk

Der Projekttitel „Troika Laundromat“ bedarf einer Erklärung. Und das hat mit einer weiteren Spur zu tun, die nach Russland führt. Die von OCCRP koordinierten Recherchen gelangten zu dem Ergebnis, dass die frühere Moskauer Privatbankhaus Troika Dialog ausgewählten Kunden, sie werden allesamt der russischen Elite zugerechnet, Zugang zu diesem Schattenfinanzsystem ermöglicht hatte. Laut OCCRP bildeten die 75 Offshore-Firmen ein komplexes globales Netzwerk, das zwischen 2006 und 2013 existierte. In diesem Zeitraum sollen Troika-Angestellte für Kunden annähernd fünf Milliarden US-Dollar dubiosen Ursprungs durch die „Laundromat“-Struktur geschleust haben. Das Geld wanderte teilweise auch wieder in den Wirtschaftskreislauf zurück. „Die Troika-Klienten nutzten die Struktur auch, um Immobilien in Großbritannien, Spanien und Montenegro zu kaufen, sie bezahlten Luxusyachten, Kunstwerke, medizinische Leistungen und WM-Tickets, den Unterricht an renommierten westlichen Schulen für ihre Kinder und spendeten sogar an Kirchen“, schreibt OCCRP auf seiner Website.

Die Troika Dialog Bank stand zu dieser Zeit im Einflussbereich eines Russen mit armenischen Wurzeln Ruben: Vardanyan. Ein erfolgreicher, pro-westlicher Repräsentant des modernen russischen Kapitalismus, Philanthrop und Mäzen. Vardanyan ist die große Bühne gewohnt. Er referierte unter anderem schon vor Staatenlenkern beim Weltwirtschaftsforum in Davos und beim Forum Alpbach in Tirol. Gegenüber dem Rechercheverbund legte Vardanyan Wert auf die Feststellung, dass sich weder er noch seine Bank je etwas zuschulden kommen hätten lassen. Troika Dialog habe zu dieser Zeit nichts anderes getan als andere Investmentbanken. Auf die in den Ukio-Datensätze aufgefundenen Offshore-Firmen angesprochen sagte Vardanyan: „Es handelte sich um technische Dienstleistungsunternehmen von Troika Dialog-Kunden, darunter auch ich. Man könnte es als ,Multi Family Office‘ bezeichnen. Eine ähnliche Praxis gibt es nach wie vor bei ausländischen Banken. Ich wiederhole: Wir haben uns immer nach an die damals geltenden Finanzmarkt-Regeln gehalten.

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Lesen Sie dazu auch hier den Fall des Wiener Anwalts Rebasso in fünf Minuten

Eine Kurzfassung der aufwändigen Recherchen zum Fall Rebasso finden Sie hier.

Lesen Sie hier über die karibischer Offshore-Firmen mit Konto bei der Raiffeisen Zentralbank.