Ukraine-Krise: Sanktionen gegen Russland

Ukraine-Krise: Sanktionen gegen Russland

Die EU zieht Russland die Daumenschrauben an. Die „schwarze Liste“ war nur ein Anfang. Diese Woche will Europa erstmals härtere Sanktionen verhängen. ­Welche Konsequenzen ­drohen? Und für wen?

Macht sich der Konflikt schon bemerkbar?

Als „gedämpft und angespannt“ beschreibt Dietmar Fellner, Österreichs Wirtschaftsdelegierter in Russland, die Stimmung unter heimischen Managern. Russische Geschäftspartner zögern mit Investitionen und haben Projekte auf Eis gelegt. „Wir stellen uns heuer auf ein zehn- bis 20-prozentig geringeres Exportvolumen ein“, meint der Abgesandte der Wirtschaftskammer. Nicht nur wegen drohender Sanktionen. Die russische Wirtschaft geriet bereits im vergangenen Jahr ins Stottern. Durch die Abwertung des Rubels und die Krise auf der Krim verschärfte sich die Situation zusehends. Anlass zu übermäßiger Besorgnis sieht Fellner jedoch nicht. Schließlich seien 2009 die Exporte als Folge der Finanzkrise sogar um 30 Prozent eingebrochen, ein Jahr später hätten sie sich aber wieder ­erholt.

Wie verflochten ist ­Österreichs Wirtschaft mit der russischen?

Relativ eng. Russland ist mittlerweile zehntwichtigster Handelspartner Österreichs. Heimische Unternehmen exportierten 2013 Waren im Wert von 3,5 Milliarden Euro nach Russland. Vor allem Maschinen und Anlagen, gefolgt von chemischen Produkten und Pharmazeutika. Im Gegenzug führte Österreich vergangenes Jahr russische Waren im Wert von 3,2 Milliarden Euro ein. Der größte Brocken (2,8 Milliarden Euro) entfiel ­dabei auf Energie­importe.

Als Zielland für Direkt­investitionen liegt Russland sogar an fünfter Stelle. Laut Angaben der Oesterreichischen Nationalbank beläuft sich der Wert der österreichischen Investitionen in Russland in Summe auf 7,9 Milliarden Euro. Davon stammen fast drei Viertel aus der Finanzwirtschaft. Dem gegenüber stehen 10,4 ­Milliarden Euro an Investments von russischen Handels- und Industrieunternehmen in Österreich. Als große Arbeitgeber stechen diese jedoch nicht hervor: Sie sind meist in eine Holdingstruktur eingegliedert, um von hier aus die Finanzen der Auslandstöchter zu verwalten.

Wer ist betroffen?

In erster Linie die Banken. Die Russlandtöchter von UniCredit Bank Aus-tria und Raiffeisen gehören zu den größten Banken des Landes. Erstere hat Kredite in Höhe von rund zwölf Milliarden Euro aushaftend. Bei Raiffeisen beläuft sich das Volumen auf zehn Milliarden. Für beide Institute war Russland bisher ein guter Boden. Zuletzt stammte ein Viertel des Betriebsergebnisses der Bank Austria von dort. Und die Raiffeisen Bank International erzielte im vergangenen Jahr sogar zwei Drittel ihres Gewinns in Russland. Wirtschaftssanktionen wird Putins Regierung nicht tatenlos zusehen. Und Vergeltungsmaßnahmen könnten auf den ­Finanzsektor zielen: Von Sondersteuern über Einschränkungen im Zahlungsverkehr bis hin zu Enteignungen. Nach massiven Firmenwertabschreibungen in der Ukraine könnten den Kreditinstituten nun auch Korrekturen bei ihren russischen Töchtern ins Haus stehen. Dazu äußern will sich aktuell jedoch keine der beiden Banken. Ihre Russland-Risiken haben sie sich in Summe mit knapp einer Milliarde Euro bei der Kontrollbank absichern lassen. Sollte es tatsächlich zu staatlichen Einschränkungen oder gar Beschlagnahmungen kommen, werden ­diese Haftungen schlagend.

Und die anderen ­Branchen?

Es herrscht Zweck­optimismus. An Rückzug denkt aktuell niemand. Für Franz Struzl, Vorstandschef des Feuerfestkonzerns RHI, bleibt Russland weiterhin ein Wachstumsmarkt. Das Unternehmen hält dort im Stahl- und Zementbereich einen Marktanteil von acht Prozent. „Sollte es jedoch zu Sanktionen gegen die russische Stahlindustrie kommen, würden wir das definitiv spüren. Das wäre ungut“, so Struzl.

Der Ölfeldausrüster CatOil wiederum verweist auf Aufträge in Rekordhöhe. „Aus ­aktueller Sicht sehen wir keine Auswirkungen auf unser Geschäft. Wir müssen aber mögliche Risiken betrachten. Dazu zählt, dass uns die Einfuhr neuer Bohranlagen verwehrt werden könnte“, sagt CatOil-Vorstand Manfred Kastner. Zudem haben die USA mit dem Ölkonzern Rosneft bereits einen wichtigen CatOil-Kunden auf ihre Sanktionsliste gesetzt. Gut möglich, dass die EU gleichzieht.

Für die Immofinanz ist Russland der wichtigste Einzelmarkt. Die Gesellschaft besitzt fünf große Einkaufszentren in Moskau. „Weder ein schwacher Rubel noch latente Kriegsängste in der Bevölkerung sind unserem Geschäft zuträglich“, meint Immofinanz-Sprecherin Bettina Schragl. Aktuell liege der Vermietungsgrad jedoch bei 98 Prozent.

Behält das wirtschaft­liche Interesse die ­Oberhand oder ­
gewinnt die Moral?

Unter Österreichs Wirtschaftstreibenden muss man Sanktionen-Befürworter bis dato mit der Lupe suchen. „Sie bringen nicht das Ergebnis, welches man sich erwartet, sondern bewirken nur eine Störung der Wirtschaft“, meint Fellner. Man werde sich selbstverständlich an alle Vorgaben der EU halten, beteuern die Unternehmen. Wer Geschäfte in oder mit unzuverlässigen Staaten macht, sollte dies auch in sein Risikomanagement einrechnen. Die deutsche Industrie, welche sich bisher für einen konzilianten Umgang mit Moskau starkgemacht hat, ist bereits umgeschwenkt: Man werde Sanktionen zu 100 Prozent mittragen, hieß es zuletzt. Trotz drohender ­Umsatzeinbußen und dem möglichen ­Verlust von Arbeitsplätzen.

(Red.)