Ungarn: Journalisten der Zeitung „Népszabadság“ kontern

Die letzte Ausgabe

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Die Redakteure der eingestellten ungarischen Tageszeitung „Népszabadság“ kontern Heinrich Pecina. Die Aussagen des Gründers des Wiener Investmenthauses Vienna Capital Partners seien falsch und irreführend.

Sehr geehrte Damen und Herren!
In Budapest in der suspendierten Redaktion von NÉPSZABADSÁG wurde Ihr Interview mit Herrn Heinrich Pecina, Eigentümer von unserer Tageszeitung, mit sehr großem Interesse gelesen. Die Erklärungen von Herrn Pecina sind auf bedauerliche Weise falsch und irreführend.

Dieses Schreiben erreichte die profil-Redaktion vergangene Woche. Zur Erinnerung: Die linksliberale, regierungskritische ungarische Traditionszeitung hat vor gut zwei Wochen überraschend ihr Erscheinen eingestellt. Aus politischen Gründen, glauben die einen. Aus wirtschaftlicher Notwendigkeit, behaupten die anderen. Redakteure und Mitarbeiter wurden jedenfalls vom Management vorab nicht darüber informiert.

Die Tageszeitung steht im Besitz der Mediaworks-Gruppe. Diese wiederum ist eine Tochter des von Heinrich Pecina gegründeten Investmenthauses Vienna Capital Partners (VCP). Der Wiener Unternehmer hatte sich vergangene Woche exklusiv in profil zu den Vorgängen geäußert. Bei der Belegschaft sorgten seine Ausführungen – vorsichtig ausgedrückt – für Verstimmung.

András Dési arbeitet seit 26 Jahren bei „Népszabadság“. Das ist mehr als sein halbes Leben. Nach mehreren Korrespondentenjobs, unter anderen in Deutschland, war der 50-Jährige zuletzt als Reporter und stellvertretender Ressortleiter für Internationale Politik tätig. „Wir wurden düpiert “, meint Dési. Man sei empört, wie herablassend Pecina über die Redaktion gesprochen habe. Zudem seien seine Aussagen nicht schlüssig, manche Behauptungen schlicht falsch, erklärt Dési namens der Redaktion.


Die Behauptung über einen jährlichen Verlust von einer Million Euro könne man nicht nachvollziehen.

In den letzten 18 Monaten seien bei „Népszabadság“ mehrere Kostensenkungsmaßnahmen durchgeführt worden, erzählt der Redakteur. Diese Sparmaßnahmen hätten dazu beigetragen, dass Pecina erst vor einem Monat der Einstellung von acht weiteren Mitarbeitern für die Online-Redaktion zugestimmt habe. Die Behauptung über einen jährlichen Verlust von einer Million Euro könne man nicht nachvollziehen. Schließlich seien auch keine weiteren Sparmaßnahmen gefordert worden, weil die wirtschaftlichen Erwartungen des Eigentümers bereits erfüllt worden waren.

„Allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres betrug der operative Verlust des Geschäftsbereiches ‚Népszabadság’ laut Vorstand der Mediaworks mehr als 340 Millionen ungarische Forint (Anm.: rund 1,1, Millionen Euro)“, heißt es in einer Stellungnahme der VCP. „Ja, es gibt wirtschaftliche Probleme, es gibt ein Defizit. Aber dann muss das Management handeln“, kontert Dési. Das sei nicht geschehen.

Und während Pecina im profil-Interview behauptet hatte, die Redaktion hätte kein Interesse an der Zeitung, sagt der Journalist: „Weder mir noch meinen Kollegen wurde der Vorschlag eines Management-Buy-outs unterbreitet“. Im Gegenteil: Chefredakteur András Murányi habe angeboten, Pecina die Marken- und Verlegerrechte an „Népszabadság“ um einen symbolischen Euro abzulösen. Dieser habe abgelehnt. „Wenn die Zeitung wirklich so wertlos ist, wie Herr Pecina behauptet, warum verkauft er sie uns dann nicht?“, will Dési wissen. Nachfrage bei VCP. Murányi habe zwar Interesse an einer Übernahme bekundet, eine diesbezüglich anberaumte Sitzung aber kurzfristig abgesagt, erklärt ein Sprecher des Investmenthauses. Dem Vorstand von Mediaworks seien seither weder Vorschläge inhaltlicher noch terminlicher Natur unterbreitet worden. Welche konkreten Vorschläge umgekehrt vonseiten des Managements an die Redaktion gingen, lässt man bei VCP offen.

Die Fronten scheinen verhärtet, die Lage verworren. Kursierende Verkaufsgerüchte will man bei VCP nicht kommentieren. „Die Redaktion wäre jedenfalls daran interessiert, die Zeitung weiterzuführen“, sagt Dési. Man denke über Crowdfunding nach und versuche, Investoren zu gewinnen.


Ein Gutes habe die Sache. In Ungarn sei eine riesengroße öffentliche Debatte in Gang gekommen.

Aus Wien kommen nun versöhnlichere Töne: „Es ist weiterhin die Absicht des Mediaworks-Managements, ‚Népszabadság’ auf eine neue, profitable Basis im Rahmen der Mediaworks-Gruppe zu stellen“, erklärt der VCP-Sprecher. Mediaworks sei weiterhin offen, gemeinsam mit der Chefredaktion eine tragfähige Lösung für die Zukunft der „Népszabadság“ zu erarbeiten.

Denn eines ist gewiss: Der Wirbel um das ungarische Blatt traf Pecina zur Unzeit. Als eine Redakteursdelegation seinen Firmensitz gegenüber der Wiener Albertina aufsuchte, wurde den Ungarn beschieden, Pecina sei dienstlich verreist. Tatsächlich befand er sich zu diesem Zeitpunkt in Klagenfurt. Vor Gericht, wo er sich gemeinsam mit anderen Personen im Rahmen eines Untreue-Verfahrens rund um die Hypo Alpe-Adria verantworten muss (Pecina hat als einziger Angeklagter ein Geständnis abgelegt, profil berichtete).

Ein Gutes habe die Sache, meint Dési. In Ungarn sei eine riesengroße öffentliche Debatte in Gang gekommen. Das habe sich vorvergangenes Wochenende in Budapest gezeigt, wo sich Tausende bei einer Demonstration für Pressefreiheit starkmachten. Selbst Sympathisanten der Regierungspartei Fidesz seien „empört, auf welch niederträchtige Weise die Zeitung nach 60 Jahren Bestehens umgebracht“ worden sei.