© Stefan Melichar

Wirtschaft
04/06/2021

Unternehmer: Ein Jahr hinter Masken

Wie kommen wir da durch? Das fragen sich auch jene sechs Unternehmer, die profil am Anfang der Pandemie besucht hat. Heute erzählen sie, wie sie die vergangenen Monate gemeistert haben.

von Joseph Gepp, Christina Hiptmayr, Michael Nikbakhsh, Stefan Melichar

Von der Zuckerbäckerin bis zum Rechtsanwalt: Zu Beginn der Corona-Krise, genauer gesagt während des ersten Lockdowns, sprach profil mit sechs Unternehmerinnen und Unternehmern über die neue Situation. Sie erzählten vom plötzlichen und vollständigen Einbruch ihres Geschäfts, redeten über ihre Zukunftsängste, aber zeigten sich auch zuversichtlich, dass alles schon nicht so schlimm kommen werde.

Die äußeren Rahmenbedingungen haben sich seither kaum verändert: Wir stehen bei Lockdown Nummer XY, vom Ende der Krise keine Spur. Im Gegenteil: Die Bekämpfung der Pandemie führte das Land in eine tiefe Rezession. Im EU-Vergleich ist Österreichs Wirtschaft am stärksten eingebrochen.

Daran konnte auch eine Vielzahl unterschiedlicher, oft intransparenter Corona-Hilfen nichts ändern. Noch immer sind 457.000 Menschen arbeitslos oder in Schulungen, 487.000 befinden sich in Kurzarbeit.

Dabei haben die heimischen Unternehmen die volle Breitseite vermutlich noch gar nicht abbekommen: Bisher wurden Zahlungen an Finanzamt sowie Sozialversicherung gestundet und Garantien in Höhe von rund 4,8 Milliarden Euro bewilligt. Werden die aufgeschobenen Zahlungen fällig, wird auch die Zahl der Firmenpleiten wieder hinaufschnellen.

Doch wie haben besagte Kleinunternehmer und Gewerbetreibende die Krise bisher gemeistert? Ein Jahr später kommen sie wieder zu Wort.
 

Irene Potucek, Taxiunternehmerin

2.4.2021: "Wir sind hart getroffen"

Wenn Reisende zwischen zwei Flügen ein wenig Zeit blieb, "haben wir sie vom Flughafen in die Hotels gebracht", erzählt Irene Potucek. "Und vielleicht wollten sie, wenn sie schon hier sind, auch gleich für ein paar Stunden nach Wien zur Stadtbesichtigung". Das waren die alten Zeiten. Potucek betreibt ein Taxiunternehmen nahe beim Wiener Flughafen. 13 Autos, sieben Mitarbeiter, seit vier Jahrzehnten im Familienbesitz. Seit die Krise gekommen ist, ist vieles anders.

Große Teile des Geschäfts sind ersatzlos weggebrochen - da wären etwa Parkplatzvermietungen und vor allem jene zahlreichen Fahrten, die mit dem Flughafen und dessen Reisenden zusammenhängen. Immerhin ein anderes Geschäftsfeld blieb dem Unternehmen erhalten: Potuceks Taxiunternehmen bringt auch Schüler in ihre Schulen und alte Menschen zu Arztpraxen und anderen wichtigen Terminen.

"Das Herz unseres Unternehmens schlägt noch, aber wir sind hart getroffen", fasst es die Unternehmerin zusammen. Drei Mitarbeiter mussten im Zuge der Krise gehen; den Rest kann man sich derzeit nur dank Kurzarbeit leisten. Immerhin sei die Lage seit dem vergangenen Sommer wieder geringfügig besser. Das Geschäft läuft auf kleiner Flamme, auf viel niedrigerem Niveau als früher.

22.3.2020: "Bleiben Sie zu Hause, wir bringen Ihnen das"

Eigentlich hätte der 15. März 2020 für Irene Potucek ein Festtag sein müssen. Schließlich markierte dieses Datum das 40-jährige Gründungsjubiläum ihres Taxi- und Kleinbusunternehmens - ein gewachsener Familienbetrieb mit fünf festen Angestellten und acht Aushilfskräften, die bei Bedarf beigezogen werden. Nun trat am 15. März allerdings die Spitze der Bundesregierung vor die Kameras und verkündete weitere einschneidende Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus. Irene Potucek steht damit vor der schwierigsten Situation ihrer Unternehmensgeschichte.

Normalerweise habe sie in ihrem Taxibüro 200 bis 250 Anrufe pro Tag, erzählt die Firmenchefin. Am vergangenen Dienstag bis ungefähr 14.00 Uhr - dem Zeitpunkt des Interviews - seien es vielleicht zehn gewesen. Einerseits fallen Fahrten zum nahe gelegenen Flughafen Wien weg. Schließlich kommen dort - bedingt durch das Coronavirus - viel weniger Flüge an. Andererseits haben sich aber auch die Touren innerhalb der Kleinstadt Fischamend, wo das Unternehmen ansässig ist, reduziert. Ein wichtiger Kundenkreis sind hier Senioren, die derzeit - als besondere Risikogruppe - aufgerufen sind, nach Möglichkeit zu Hause zu bleiben. Die Firma Potucek hat bisher schon ein Lieferservice für diverse Besorgungen angeboten. Das ist auch aktuell ein Thema: "Wir sagen: Bleiben Sie zu Hause, wir bringen Ihnen das", erzählt die Chefin.

Bei den Fahrten wird nunmehr speziell auf die Sicherheit geachtet: Die Taxis würden entsprechend gereinigt, die Mitarbeiter an Vorsichtsmaßnahmen erinnert, etwa Türschnallen nicht mit bloßen Händen anzugreifen, sagt Potucek. Man achte darauf, Abstände einzuhalten. Was dabei hilft: Bei einem Teil der Flotte, die insgesamt 14 Autos umfasst, handelt es sich um größere Fahrzeuge. Was das Personal betrifft, werde man - angesichts der Situation - die Aushilfskräfte vorerst auf ein Minimum reduzieren müssen, meint die Firmenchefin. Sie berücksichtige dabei, ob jemand die Taxifahrten lediglich als Zweitjob betreibe - und somit auch noch über eine andere Einkommensquelle verfügt. Fix angestellte Mitarbeiter, die damit einverstanden seien, hätten sich Urlaub genommen. "Wir haben wirklich ein super Team, das Verständnis hat", betont Potucek.

Hilfreich ist, dass das Unternehmen über die vergangenen Jahrzehnte mehrere Standbeine etablieren konnte. Eines davon sind offizielle Schülerfahrten, die - um die Betreuung von Kindern aufrechtzuerhalten - auch weiterhin stattfinden. Dieser Auftrag ist - zumindest bis nach den Osterferien - in der bisherigen Form gesichert und eine wichtige Grundlage für das Unternehmen. Für einen weiteren Geschäftszweig, der erst vor zwei Jahren - quasi als drittes Standbein - aufgebaut wurde, erwartet Irene Potucek vorerst allerdings ein deutliches Minus: Ein eigener Parkplatz mit Shuttleservice zum Flughafen sei derzeit -bis auf zwei Autos, die dort für mehrere Monate abgestellt wurden - leer. "Wir müssen schauen, was kommt", fasst die Firmenchefin die Situation zusammen: "Die Hoffnung geben wir nicht auf."

Johannes Zink, Rechtsanwalt

2.4.2021: "Wir sind gewachsen"

Vor einem Jahr habe er vieles zu negativ gesehen, entschuldigt sich Johannes Zink gleich zu Beginn des Gesprächs. "Gott sei Dank habe ich mich getäuscht", sagt der Rechtsanwalt. Seine Berufsgruppe sei bisher sehr gut durch die Pandemie gekommen. Prozessanwälte, denen er im schlimmsten Szenario sogar einen Totalausfall prophezeit hatte, hatten kaum Einbußen zu verzeichnen. "Nachdem während des ersten Lockdowns der Betrieb an den Gerichten auf das Nötigste beschränkt war und Verhandlungen zum größten Teil vertagt wurden, ist man dann recht schnell wieder zu einer Normalität zurückgekehrt", erklärt Zink. Glücklicherweise sei es im Herbst auch nicht - wie von ihm vermutet - zu Masseninsolvenzen gekommen. "Die Wirtschaftshilfen haben nicht so schlecht gegriffen. "Die Verlierer dieser Krise seien deshalb die Insolvenzrechtler: "Vor zwölf Monaten hatte ich noch vermutet, dass die sich dumm und dämlich verdienen werden", so der Anwalt, der Partner in der Sozietät Held Berdnik und Astner (hba) ist. In seiner Kanzlei sei die Auslastung indes nun höher als je zuvor. "Wir sind gewachsen, haben zusätzliche Mitarbeiter auf- und Büroflächen dazugenommen", sagt Zink. Das liegt nicht nur an den clamorosen Causen - hba vertritt etwa das Land Burgenland gegen den Investor Michael Tojner in Sachen gemeinnützige Wohnbaugesellschaften sowie die ÖBAG in der Causa Casinos -, sondern daran, dass es aufgrund der Pandemie beziehungsweise der Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung zu einer Vielzahl von Rechtsstreitigkeiten gekommen sei.

Zinks Aufgaben als Mitglied des Krisenstabes des Landes Burgenland haben sich indes mittlerweile erledigt: "Alle relevanten Rechtsfragen wurden abgearbeitet. Trotz einer Vielzahl neuer zu erstellender Bescheide ist bei den Behörden mittlerweile eine unglaubliche Routine eingezogen", so der Anwalt.

22.3.2020: "Insolvenzverwalter werden sich dumm und dämlich verdienen"

In der sonst so umtriebigen Kanzlei in Sichtweite der Wiener Votivkirche herrscht eine seltsame Ruhe. Der Empfang ist unbesetzt, nur selten huscht jemand über die Gänge. Von den rund 20 Mitarbeitern der Wiener Sozietät Held Berdnik Astner und Partner (hba) arbeitet etwa die Hälfte von zu Hause aus, der Kontakt zu den Klienten wird mittels Telefon und Videokonferenzen gehalten. Nachdem der Betrieb an den Gerichten auf das Nötigste beschränkt und Verhandlungen zum größten Teil abgesagt beziehungsweise vertagt wurden, dürften Rechtsanwälte derzeit nicht allzu viel zu tun haben. Sollte man meinen. So wurden auch in Österreichs derzeit wohl prominentestem Verfahren, der Causa Casinos, zuletzt alle Einvernahmen abgesagt. hba-Partner Johannes Zink, der die Staatsholding ÖBAG in diesem Fall vertritt, ist dennoch schwer beschäftigt. Er ist Mitglied des Krisenstabs des Landes Burgenland. Als solches hat er dafür zu sorgen, dass die zur Bekämpfung des Coronavirus gesetzten Maßnahmen auch juristisch halten. "Wir müssen uns nun mit Rechtsfragen beschäftigen, über die wir uns noch nie zuvor Gedanken gemacht haben", erzählt der Anwalt. Mit so einem Mandat muss sich Zink um seine ökonomische Zukunft wohl keine Sorgen machen. Doch ob Anwälte zu den Krisengewinnern oder -verlierern zählen werden, hängt maßgeblich vom jeweiligen Rechtsgebiet ab. "Prozessanwälte beispielsweise sind arm dran. Die werden wohl fast einen Totalausfall haben", sagt Zink. Für andere wiederum stünden goldene Zeiten bevor: "Insolvenzverwalter werden sich in sechs Monaten dumm und dämlich verdienen", meint der Jurist. Denn auch wenn die Regierung nun milliardenschwere Hilfspakete schnürt - viele Unternehmen werden die Krise nicht überleben.

Manuela Eichner, Konditorin

2.4.2021: "Die Feiern kehrten zurück, aber klein"

Weihnachtskekse, Hochzeitstorten mit kunstvollem Rosen-Dekor oder gleich dem ganzen Brautpaar als Marzipan-Statuette: Derlei Leckereien bietet Manuela Eichner an, Betreiberin des "Marzipan-Ateliers" in der niederösterreichischen Kleinstadt Fischamend. Als vor einem Jahr die Corona-Krise ausbrach, fiel ihr Geschäft nahezu komplett aus. "Firmungen, Erstkommunionen, Hochzeiten, so gut wie alles war abgesagt", sagt die Zuckerbäckerin. Die totale Flaute hielt bis Herbst an; danach begann es wieder leicht aufwärtszugehen. "Die Leute hatten genug davon, gar nichts machen zu dürfen. Die Feiern kehrten zurück, aber recht klein." Seither habe es zwar keine einzige Woche gegeben, in der gar nichts zu tun war, erzählt Eichner. Aber die Dimensionen sind völlig andere als vor der Krise. Früher buk Eichner in starken Wochen circa 15 Torten - und eine davon gab bis zu 50 Portionen her. Heute sind es drei Torten, und keine langt für mehr als 15 Portionen.

Eichner kommt trotzdem wirtschaftlich einigermaßen über die Runden. Ihre kleine Zuckerbäckerei ist ein Ein-Frau-Betrieb, noch dazu angebaut ans private Wohnhaus, sodass die laufenden Kosten gering sind. Sie wolle durchhalten, bis die Situation besser werde, sagt sie. Immerhin: Rund um Weihnachten gab es plötzlich ein unerwartetes Hoch in der Mehlspeis-Manufaktur: "Ich kann mir die Gründe nicht ganz erklären - aber meine Kunden kauften genauso viele Weihnachtskekse wie sonst auch immer."

22.3.2020: "Es kommt, wie es kommen wird"

Was die Corona-Krise für sie geschäftlich bedeutet, hat Manuela Eichner gleich in den ersten Stunden erfahren, in denen in Österreich die weitreichenden Gegenmaßnahmen in Kraft waren. Zwar unterliegt ihr Ein-Frau-Betrieb keiner behördlichen Sperre. Allerdings: In Zeiten der um sich greifenden Sorgen und der Ein-Meter-Abstände macht keiner Party. Und das merkt Konditorin Eichner, die in ihrem "Marzipan Atelier" kunstvolle Torten für Hochzeiten, Geburtstage und sonstige Festivitäten bäckt, ganz unmittelbar. Üblicherweise verkaufe sie - je nach Saison - etwa fünf bis 15 Torten pro Woche, erzählt Eichner. Derzeitiger Auftragsstand auf absehbare Zeit: null. Diese Woche habe es drei Abbestellungen und zwei abgesagte Vorbesprechungen gegeben. Bereits am Montag in der Früh - am Tag eins der dramatischen Krisenmaßnahmen - waren damit praktisch fünf Aufträge weg. Auch für die bevorstehende Hochsaison sieht es im Moment nicht besonders rosig aus: Kunden, die für Mai vorbestellt hätten, würden bereits vorfühlen, ob sie gegebenenfalls abbestellen könnten.

Manuela Eichner versucht, die Situation einigermaßen gelassen zu sehen: Die Backstube gehöre ihr und sie habe keine Angestellten. Wenn sich die Lage allerdings längere Zeit so darstelle, müsse sie ihr Gewerbe ruhend stellen. "Es kommt, wie es kommen wird", meint die Zuckerbäckerin. Sollte die allgemeine Feierlaune jedoch rascher als erwartet zurückkehren, ist die Unternehmerin gut gerüstet und auch nicht von allfälligen Engpässen im Handel betroffen: "Ich habe immer zwischen zehn und 15 Kilogramm Mehl zu Hause", sagt Eichner. Und auch andere Zutaten wie Zucker, Marzipan und Schokolade sind gut haltbar und ausreichend auf Lager.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.