Werner Schlager über seine Akademie und das Multiversum-Debakel

Tischtennisstar Werner Schlager hat sich in eine missliche Lage gespielt. Seiner Akademie droht im Gefolge des Schwechater Kommunalpolitik geriet.

Interview: Michael Nikbakhsh

profil: Herr Schlager, die Gemeinde Schwechat hat sich mit ihrem Mehrzweckhallenprojekt Multiversum finanziell überhoben, der Betriebsgesellschaft droht das Aus. Die Werner Schlager Academy ist neben der Stadt und der Sportvereinigung Schwechat einer der drei Gesellschafter. Wie spielt es sich Tischtennis mit einem möglichen Konkurs im Genick?
Werner Schlager: Gar nicht. Ich kann derzeit keinen Schläger angreifen. Die Belastung ist zu groß. Das war auch der Hauptgrund, warum ich bei der Europameisterschaft nicht gespielt habe. Sollte die Betriebsgesellschaft wirklich in Konkurs gehen, würde das mit großer Wahrscheinlichkeit auch die WSA (Anm.: Werner Schlager Academy GmbH, an der Schlager und sein Partner Martin Sörös jeweils 50 Prozent halten) mitziehen. Das wäre das Ende.

profil: Haben Sie Ihre aktive Karriere beendet?
Schlager: Nein. Sie liegt auf Eis. Aber je länger das Ganze dauert, umso schwieriger wird es, wieder zurückzukommen.

profil: Wie konnte die Geschichte überhaupt so ausufern?
Schlager: Das müssen Sie die Verantwortlichen fragen. Wir sind als Mitgesellschafter ganz offensichtlich bei allen wesentlichen Entscheidungen außen vor gelassen worden.

profil: Vom wem?
Schlager: Vom früheren Management, das ja zugleich die Interessen der Stadt vertreten hat.

profil: Sie meinen den früheren Geschäftsführer Franz Kucharowits, enger Vertrauter des scheidenden Bürgermeisters Hannes Fazekas ?
Schlager: Ja. Wir haben erst 2012 erfahren, dass beim Multiversum einiges im Argen liegt. Immerhin ist es uns dann gelungen, eine Gesellschafterversammlung einzuberufen. Die erste nach zwei Jahren Geschäftstätigkeit.

profil: Wie sind Sie mit dem Projekt überhaupt in Berührung gekommen?
Schlager: Die ersten Ideen für eine Tischtennisakademie gab es 2005. Martin Sörös hat sich in weiterer Folge die Unterstützung seitens der Fördergeber Bund und Land Niederösterreich geholt. Dann gab es zwei Interessenten für einen Standort: Stockerau und Schwechat. Wir haben uns dann für Schwechat entschieden, auch deshalb, weil der Bürgermeister großzügige Unterstützung in Aussicht gestellt hatte.

profil: Welcher Art?
Schlager: Es war von Anfang an klar, dass wir die Akademie auf Dauer nur betreiben können, wenn neben Bund und Land auch die Stadt Sportförderungen gewährt, um den laufenden Betrieb zu gewährleisten. Im Gegenzug sollte ein Zentrum für Tischtennissport entstehen, das sowohl Kindergartenkinder als auch Spitzensportler betreut.

profil: Entstanden ist aber sehr viel mehr. Neben der Trainingshalle Ihrer Akademie steht jetzt eine noch einmal so große Mehrzweckhalle für Veranstaltungen aller Art.
Schlager: Ursprünglich war auch nur eine Halle geplant. Es war aber bald klar, dass die Stadt mehr wollte als eine reine Trainingseinrichtung.

profil: Der Schwechater Gemeinderat gab 2007 grünes Licht für den Bau des Hallenkomplexes. Laut dem damaligen Gemeinderatsbeschluss sollte Ihre Akademie für die Nutzung der Infrastruktur jährlich 730.000 Euro Miete zahlen. 2008 schloss Bürgermeister Fazekas aber mit Ihnen eine Vereinbarung, die Sie auf Jahre mietfrei stellte. Können Sie das erklären?
Schlager: Der einzige Grund, warum Bund und Land Niederösterreich Geld in die Hand genommen haben, um den Bau des Hallenkomplexes zu fördern, war Werner Schlager. Ursprünglich waren jeweils 2,8 Millionen Euro zugesagt, wir haben schließlich noch einmal fünf Millionen Euro an Fördermitteln beschafft. Die WSA selbst hat von diesem Geld keinen Cent gesehen, das floss alles ins Multiversum.

profil: Sie haben im Abtausch dafür eine ansehnliche Trainingshalle erhalten.
Schlager: Die Idee war ja, dass wir über Fördergelder unseren Anteil an dem Projekt finanzieren. Im Gegenzug wurden wir von der Miete befreit.

profil: Davon wusste der Gemeinderat aber nichts.
Schlager: Ich habe nie Informationen erhalten, was genau im Gemeinderat beschlossen wurde. Unsere Schnittstellen waren der Bürgermeister und eben Franz Kucharowits. Die beiden haben uns mit Informationen versorgt. Heute wissen wir, dass wir vieles nicht erfahren haben.

profil: Dass die Gemeinde ihrerseits Geld in die Hand nehmen sollte, um den laufenden Betrieb Ihrer Akademie zu unterstützen, wurde so übrigens auch nicht im Gemeinderat besprochen.
Schlager: Das kann ich, wie gesagt, nicht beurteilen. Tatsache ist, dass wir eine prinzipielle Zusage des Bürgermeisters hatten, an die er sich plötzlich nicht mehr gebunden fühlte. Kurz vor der Eröffnung des Multiversum im Jänner 2011 sagte der Bürgermeister zu Martin Sörös wörtlich: „Ihr kriegt’s von mir kein Geld.“ Zu dem Zeitpunkt hatten wir bereits begonnen, ein internationales Trainerteam zusammenzustellen. Das mussten wir alles aus eigener Tasche finanzieren. Wir haben zwar in weiterer Folge häppchenweise Zahlungen erhalten, aber bis heute sind Rückstände von ungefähr 600.000 Euro aufgelaufen.

profil: Welchen Sinn hätte es für die Gemeinde gemacht, Ihre Akademie wirtschaftlich auszuhungern?
Schlager: Ganz einfach: Schwechat hat dank mir großzügige Förderungen von Bund und Land erhalten und damit einen luxuriösen Hallenkomplex realisiert. Heute weiß ich, dass man mich als Partner aber gar nicht wollte. Dem Bürgermeister ging es anscheinend nur darum, mich als Fördertool zu missbrauchen.

profil: Zwischenzeitlich hat der Bürgermeister seinen Rücktritt erklärt. Er konnte bis zuletzt nicht schlüssig erklären, warum die über ein Leasingmodell finanzierte Errichtung des Multiversum mit 55 Millionen letztlich fast doppelt so viel Geld gekostet hat, als ursprünglich budgetiert. Dazu kommen erhebliche Verluste aus dem laufenden Betrieb, die ebenfalls nicht einkalkuliert waren.
Schlager: Wir waren nicht in die Finanzierungsverhandlungen eingebunden und haben auch den Leasingvertrag nie gesehen, obwohl wir immer wieder Unterlagen angefordert haben. Es gab hier eine klar umrissene Hierarchie. Ihr kümmert euch ums Tischtennis, wir machen den Rest.

profil: Schlussfolgerung: Ohne Werner Schlager gäbe es zwar kein Multiversum, ohne Werner Schlager hätte die Stadt aber auch ein massives Problem weniger.
Schlager: Man kann mich dafür nicht verantwortlich machen. Der Bürgermeister hat es sehr geschickt verstanden, mir die Schuld in die Schuhe zu schieben. Mit dem Hinweis, die WSA würde keine Miete bezahlen. Obwohl er selbst die WSA mietfrei gestellt hatte. Abgesehen davon war der genannte Betrag von 730.000 Euro im Jahr ohnehin vielfach überhöht. Es war klar, dass das eine Scheinfinanzierung zu Gunsten des Multiversum war. Aus unserer Sicht wusste die Stadt, was sie da tut.

profil: Darüber lässt sich streiten.
Schlager: Tatsache ist, dass die Multiversum Betriebsgesellschaft zwischen 2011 und 2012 in Summe mehr als acht Millionen Euro Minus hatte und heuer noch einiges dazukommt. Daran kann die WSA nie und nimmer schuld sein. Das Projekt war schlicht falsch kalkuliert. Es ist jetzt offensichtlich, dass in den Projektbudgets ein hoher zweistelliger Millionenbetrag gefehlt hat.

profil: Die Online-Enzyklopädie Wikipedia notiert zum Sportler Werner Schlager: „Schlager ist bekannt als raffinierter Taktiker und gefährlicher Aufschläger.“ War der Geschäftsmann Schlager zu naiv?
Schlager: Ich war definitiv zu vertrauensselig.

profil: Interessant. Genau das sagte jüngst auch Hannes Fazekas, als wir ihn auf die Umtriebe von Franz Kucharowits ansprachen. Gegen Kucharowits, einst auch stellvertretender Stadtamtsdirektor ermittelt die Staatsanwaltschaft Korneuburg wegen mutmaßlicher Untreue.
Schlager: Fazekas hat Kucharowits bedingungslos vertraut, keine Frage. Ich kann nicht beurteilen, wie viel er selbst von all dem wusste. Aber er kann es sich nicht so leicht machen zu sagen, dass er gar nichts wusste. Er hat zuletzt den Aufklärer gespielt, in Wahrheit war er es, der nur blockiert hat. Ich bin da anscheinend an einen Provinznapoleon geraten …

profil: … der sich ein Denkmal setzen wollte.
Schlager: Das hat er geschafft. Im negativen Sinne.

Zur Person
Werner Schlager, 41. Der gebürtige Wiener Neustädter gilt als einer der weltbesten Tischtennisspieler. Die Liste seiner Titel ist lang: Weltmeister 2003, Doppel-Europameister 2005, Gewinner der European Champions League 2007/2008, Vize-Europameister 2008. Seit 1998 spielt er für die Sportvereinigung Schwechat, ebenda hat er auch seine Werner Schlager Academy eingerichtet, deren Zukunft höchst ungewiss ist. Schlager, Träger des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich, wurde 2003 in China zum populärsten ausländischen Sportler gewählt. In diesem Jahr schaffte er es auch an die Spitze der Weltrangliste, aktuell belegt er Platz 63.

Foto: Florian Rainer