Als William Turner 1833 seinen „Sunset“ malte, veränderten Aschewolken des Vulkans Babuyan Claro das Licht.

© akg-images/picturedesk.com

Klima
04/28/2022

Wie tragen Ölgemälde zum Verständnis der Klimakrise bei?

Klima-Chronisten: Im Jahr 1816 fiel der Sommer aus, und in den Werken großer Meister verfärbten sich die Himmel.

von Christina Hiptmayr

„Erster schöner Tag“, notierte Johann Wolfgang von Goethe am 28. Juni des Jahres 1816 in sein Tagebuch. Viele weitere solcher Tage sollten nicht folgen. In weiten Teilen Europas herrschten Kälte und Dauerregen, die Sonne blieb über Wochen unsichtbar. In Norditalien, der Schweiz und im Osten der USA schneite es bis in den Juli hinein und ab Ende August schon wieder. Auf die 
Unwetter folgten Ernteausfälle, Hungersnöte, Seuchen und Wirtschaftskrisen.

Fast überall auf der Welt schlug das Klima Kapriolen: In China verwüsteten Überschwemmungen die Ernten. In Indien dagegen kam es zu Dürren, weil der Monsunregen ausblieb. Das „Jahr ohne Sommer“ – mit in Westeuropa bis zu drei Grad tieferen Durchschnittstemperaturen – ging in die Geschichte ein. Und auch in den Gemälden der großen Meister fand es seinen Niederschlag.

Die Wetterkrise von 1816 ist für Historiker und Meteorologen so etwas wie das Lehrbeispiel einer global wirksamen Klimakatastrophe. An ihr lässt sich untersuchen, wie bereits vermeintlich geringe Temperaturschwankungen heftige Auswirkungen haben können. Welchen Einfluss klimatische Veränderungen auf Gesellschaften haben und wie diese auf solche reagieren. Über den Grund für den folgenreichen Ausfall des Sommers herrschte unter Zeitgenossen völliges Unwissen.

Erst rund 100 Jahre später lieferte der amerikanische Physiker William Jackson Humphreys eine Erklärung: Er führte die Klimaveränderung auf den Ausbruch des Vulkans Tambora im Jahr 1815 im heutigen Indonesien zurück. „Solche Anomalien gab es nach großen Vulkanausbrüchen häufiger. Aufgrund der gewaltigen Menge an Aerosolen, die dabei in die Atmosphäre entlassen wurden, kam auf der Erdoberfläche weniger Sonneneinstrahlung an“, sagt Johannes Preiser-Kapeller von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Der Byzantinist und Umwelthistoriker ist Gast in der aktuellen Folge von Tauwetter, dem profil-Podcast zur Klimakrise, in der es um historische Klimaveränderungen geht. 

Der Ausbruch des Tambora begann am 5. April 1815 und dauerte zehn Tage. Zehntausende Inselbewohner starben. Die Eruption war so gewaltig, dass der Vulkan von zuvor 4000 Meter Höhe auf 2850 Meter schrumpfte. Dabei wurden 140 Kubikkilometer Staub, Asche und Schwefelverbindungen in die Luft geschleudert und über den gesamten Globus verbreitet. Die Äquatornähe begünstigte die Verteilung des Vulkanstaubs.

Die Partikel trübten die Atmosphäre ein und blockierten das Sonnenlicht, was zur Abkühlung des Weltklimas führte. Die großen Aschemengen sorgten aber auch für spektakuläre Sonnenuntergänge und ungewöhnlich gefärbte Himmel. Was dazu führte, dass nun auch alte Ölschinken zu Untersuchungsgegenständen für Meteorologen wurden.  

Als etwa Caspar David Friedrich 1815 und 1816 seine „Ansicht eines Hafens“ in Greifswald oder den „Morgennebel in Neubrandenburg“ mit dramatisch gefärbtem Firmament malte, zeichnete er damit auch ein Phänomen, das der Tambora im fernen Indonesien bewirkt hatte. Ein Forschungsteam um den Physiker Christos Zerefos vom National Observatory in Athen analysierte Landschaftsmalereien der vergangenen fünf Jahrhunderte wie jene von Friedrich und William Turner und verglich die Entstehungszeiten der Werke mit den Daten der großen Vulkanausbrüche seit 1500.

Das Ergebnis: Je enger diese zusammenlagen, desto stärker die Verfärbung. Feinste Nuancen in der Farbgebung können Hinweise auf klimatische Veränderungen liefern. Entscheidend dabei ist laut den Wissenschaftern die Verteilung der Rot- und Grün-Anteile. Sie lässt Rückschlüsse auf unsichtbare Schwebstoffe zu, von denen die Lichtbrechung beeinflusst wird. Die Maler folgten also keinem künstlerischen Modetrend, sondern betätigten sich unbewusst als Chronisten der Klimageschichte. Und überliefern damit über die Zeit hinweg für Klimaforscher und Historiker wichtige Umweltinformationen.