Zum Tod von Liselotte Palme (1949–2014)

Zum Tod von Liselotte Palme (1949–2014)

Zum Tod von Liselotte Palme: Sie prägte das profil von der Kreisky-Ära bis in die Gegenwart.

Sie war keine einfache Kollegin. Um vor ihr als Journalist, zumal als junger, bestehen zu können, musste man konzise in der Analyse, streng im Urteil und fachlich fundiert sein. Das Maß, dem sie sich selbst verpflichtet fühlte, legte sie auch an andere an: Liselotte Palme, Wirtschaftsredakteurin und stellvertretende Chefredakteurin des profil.

Mittwochmittag erreichte uns die traurige Nachricht, dass Liselotte Palme im Alter von 65 Jahren nach schwerer Krankheit in Wien verstorben ist.

„Lilo“, wie sie von allen genannt wurde, startete ihre journalistische Laufbahn 1973 bei der „Presse“, drei Jahre später wechselte sie zum „Kurier“ und 1979 schließlich zu profil, wo sie, mit einer kurzen Unterbrechung, bis zu ihrem Pensionsantritt 2007 bleiben sollte.

Palme war eine Stütze der Wirtschaftsredaktion, für die sie berichtete, analysierte und kommentierte. 1979 erhielt sie den Dr.-Karl-Renner-Förderungspreis, 1999 den renommierten Horst-Knapp-Preis.
Die gebürtige Steirerin schrieb zu Anfang ihrer Karriere über die Verstaatlichtenkrise, die sie für „die Bankrotterklärung eines Systems“ hielt. Zuletzt widmete sie sich intensiv dem damaligen Finanzminister Karl-Heinz Grasser. Ihm und der Verstaatlichtenholding ÖIAG vereitelte sie einen spektakulären Deal: den Verkauf der VoestAlpine an den Magna-Konzern. Unter dem Titel „Codename Minerva“ berichtete Palme im Juni 2003 über die unter strengster Geheimhaltung laufenden Gespräche zwischen der ÖIAG-Führung und Magna-Chef Frank Stronach. Palmes Enthüllungen brachten dem damaligen ÖIAG-Chef Rainer Wieltsch einen Auftritt vor dem Rechnungshofausschuss ein – und das Projekt am Ende zu Fall.

Wie wasserdicht Palmes Kontakte waren, lässt sich im Protokoll eines der größten Wirtschaftsstrafverfahren in der Geschichte der Republik nachlesen: Beim Bawag-Prozess im Herbst 2007 sagte Ewald Nowotny, damals Chef der ehemaligen Gewerkschaftsbank, heute Notenbank-Gouverneur, er habe nicht gewusst, dass im Geldinstitut etwas faul war: „Ich bin mit keinem Wort auf die Problematik hingewiesen worden, erst der Hinweis der profil-Journalistin Liselotte Palme, ich solle mir doch den Bawag-Prüfbericht 2004 der Nationalbank genauer anschauen, hat mich misstrauisch gemacht.“
Genau hinschauen, nachfragen, nicht lockerlassen: Das waren Lilos Qualitäten – Journalismus im besten Sinn. Palme wollte schreiben, erklären, aufdecken. Wohl deshalb war ihr Wechsel auf die andere Seite – 1986 wurde sie Pressesprecherin im Verstaatlichtenministerium unter Rudolf Streicher – nur von kurzer Dauer: Nach nicht einmal einem Jahr saß sie wieder in der profil-Redaktion.

In der Branche galt Palme unumstritten als Grande Dame der Wirtschaftspublizistik. Jungredakteuren trat sie – ganz Doyenne – zwar streng, doch unprätentiös gegenüber; immer neugierig, wie denn die nächste profil-Generation so tickte. Als diese nächste Generation arriviert war und die übernächste folgte, war sie unverändert neugierig und offen. Deutlich Jüngere wirkten oft deutlich älter neben der zeitlos lässigen Lilo.
Ihre journalistischen Stärken wirkten auch nach innen. Für profil-Herausgeber und Chefredakteure war sie gewiss nicht immer eine „pflegeleichte“ Mitarbeiterin. Wer Lilo – und ihren Hund – im Büro aufsuchte, um sie von seiner Meinung zu überzeugen, kehrte oft mit der ihren zurück. Dabei war sie keine, die anderen ihre Auffassung aufzwang. Sie wusste einfach unendlich viel, weshalb sie sich nie in die Verlegenheit der Rechthaberei flüchten musste.

Mit Liselotte Palme haben wir – nach Reinhard Tramontana und Michael Siegert – einen jener Menschen verloren, die profil von der Ära Kreisky bis in die Gegenwart prägten und weiterhin prägen. Ihr ein ehrendes Andenken zu wahren, wird uns leichtfallen. Denn an Lilo Palme kommt man nicht vorbei: Wer im profil-Archiv zu wirtschaftspolitischen Themen recherchiert, wird immer wieder auf ihre Artikel stoßen.

Die profil-Redaktion