Das Bild zeigt konservierte Gehirne aus der historischen Sammlung am Wiener Spiegelgrund
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Anatomie des Grauens: Österreichs Ärzte im Dienst des Nazi-Regimes

Ein neues Buch beleuchtet die Rolle österreichischer Mediziner in der Nazi-Zeit: als Vollstrecker von Euthanasie und Massenmord.

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Es ist eine Liste des Grauens: Vergiftung, Verbrennung, Elektroschocks, Sterilisation, Ansteckung mit Malaria, Fleckfieber, Tuberkulose und Hepatitis. Man entnahm Menschen Organe und führte schreckliche Experimente an Kindern durch, die häufig mit dem Tod endeten – angeblich im Dienst der Wissenschaft. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Untaten, die Ärzte in der Nazi-Zeit verübten. Abertausende Menschen verschwanden in deutschen und österreichischen Folteranstalten, die  Kranken- und Heilanstalten hießen, und wurden dort oder in Konzentrationslagern ermordet.

All dies geschah im Sinne einer perversen „Rassenhygiene“: um das „Reich“ von vermeintlich erbkranken Personen zu säubern, die Gesundheit des „Volkskörpers“ und die die „Aufartung“ des arischen Genpools zu stärken. Die Nazi-Ideologen initiierten den pseudowissenschaftlich begründeten Massenmord, sehr viele Mediziner führten ihn bereitwillig aus.

„Ohne die Mediziner wäre ein Großteil der Gräueltaten nicht möglich gewesen. Ärzte wurden willige Vorkämpfer der NS-Ideologie“, schreibt Edzard Ernst über dieses dunkle Kapitel seiner Profession. Ernst ist Mediziner und war Zeit seines Berufslebens vor allem auf die wissenschaftliche Untersuchung alternativer Heilverfahren spezialisiert. An der britischen Universität Exeter erforschte er als erster Professor den Nutzen von Homöopathie, Akupunktur und anderen komplementärmedizinischen Methoden, doch schon davor war sein Interesse an der Rolle der Ärzteschaft während der Nazizeit erwacht: am Wiener AKH, an dem er bis 1993 tätig war. Mit einiger Verwunderung stellte er dort fest, dass historische Dokumente über die österreichische Medizin mit dem Jahr 1938 ziemlich jäh versiegten.

Ein Porträt des Mediziners und Buchautors Edzard Ernst.
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Autor und Mediziner Edzard Ernst

„Ohne die Mediziner wäre ein Großteil der Gräueltaten nicht möglich gewesen.“

Das Thema ließ ihn über Jahrzehnte nicht mehr los, und jetzt, seit einiger Zeit im Ruhestand, legt er ein Sachbuch dazu vor. Es ist das erste große Kompendium über österreichische Mediziner und ihre Verbrechen während der Zeit des Nationalsozialismus. Zwar sei er glücklicherweise nicht mehr der einzige, der sich der Aufarbeitung dieses düsteren Abschnitts annehme, auch wenn die Zahl der Publikationen nach wie vor gering sei: Gerade 37 Fachartikel dazu seien in der Medizindatenbank „Medline“ verzeichnet – zwischen 1995 und 2024.

Das soeben erschienene Buch von Edzard Ernst beinhaltet vor allem eine umfassende, alfabetisch geordnete Auflistung von rund 70 der wichtigsten österreichischen Täter aus der Medizin – von A wie Asperger, Hans (auch wenn sich dieser Psychiater, nach dem das gleichnamige Syndrom benannt ist, gerne als Opfer und Widerständler inszenierte) bis W wie Wondraska, Alois, einem niederösterreichischen SS- und KZ-Arzt.

Cover des Buches Entmenschlichte Medizin
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Das neue Sachbuch

Edzard Ernst: „Entmenschlichte Medizin. Österreichs Ärzte im Nationalsozialismus“, Springer Verlag 2026, 387 Seiten, EUR 28,77

Natürlich findet sich auch einer der prominentesten Medizinverbrecher in einem eigenen Kapitel: der Wiener Heinrich Gross, Arzt in der berüchtigten Klinik „Am Spiegelgrund“, wo Patienten selektiert, medizinischen Experimenten unterzogen und getötet wurden. Das übergeordnete Programm trug den Decknamen „Aktion T4“, und es zielte auf die Auslöschung vermeintlich behinderter und anderer unerwünschter Personen ab. Gross war einer jener Täter, die an der Umsetzung der Aktion T4 in Österreich beteiligt waren.

Für breite mediale Aufmerksamkeit sorgte der Fall Gross noch in den 1990er-Jahren, auch deshalb, weil Gross trotz seiner Rolle unter den Nazis später ungehindert glänzende Karriere machen durfte: An seiner früheren Mordstätte, inzwischen Baungartner Höhe genannt, studierte er nun die konservierten Gehirne jener Menschen, an deren Ermordung er mitgewirkt hatte (siehe Bild zu Beginn dieses Artikels). Er publizierte, basierend darauf, wissenschaftliche Arbeiten über „Schwachsinnszustände“, stieg zum Leiter der 2. Psychiatrischen Abteilung auf, verfasste Tausende Gutachten und wurde mit verschiedenen Forschungspreisen ausgezeichnet – eine durchaus typische Laufbahn von österreichischen Nazi-Tätern in dieser Zeit. Im Land saß immer noch der Mythos fest, Österreich sei das erste Opfer Nazi-Deutschlands gewesen.

Heinrich Gross bei einem Gerichtsprozess um seine Schuld an Nazi-Gräueltaten
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Heinrich Gross vor Gericht

Ein typisch österreichischer Fall in dieser Zeit: Täter aus der Nazi-Zeit machten große Karriere im Nachkriegs-Österreich. Gross schrieb Tausende Gutachten, erhielt Auszeichnungen und studierte Gehirne von Menschen, die unter den Nazis ermordet wurden.

Das Buch von Ernst schildert den Beitrag der österreichischen Ärzteschaft von der kruden Ideologie zum systematischen Massenmord: von der „Entjudung“ der österreichischen Medizin innerhalb weniger Monate im Jahr 1938 über die Durchführung von Zwangssterilisationen an mindestens 6000 Personen und grauenvolle Menschenversuche bis zur industriell geplanten „Euthanasie“ und Ermordung Abertausender Menschen, pseudolegitimiert durch Medizin und Wissenschaft.

Gerade die sehr sachliche und lexikalische Aufbereitung des Themas macht die Monstrosität der Taten greifbar. Und lässt, ohne es aussprechen zu müssen, erahnen, was letztlich gemeint sein könnte, wenn wieder einmal von „Umvolkung“ die Rede ist.

Alwin Schönberger

Alwin Schönberger

leitet das Wissenschafts-Ressort.