Antibiotika-Produktion in Österreich: Wo die Medikamente wachsen
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Es liegt etwas in der Luft. Ein leicht süßlicher Geruch zieht durch die Halle und wird intensiver, je näher man den riesigen Stahlbehältern kommt. Die sogenannten Fermenter stehen in Reih und Glied, verbunden durch Rohre, Leitungen und Messinstrumente. Ein tiefes, gleichmäßiges Dröhnen erfüllt den Raum. Es stammt von riesigen Rührwerken, die die Masse im Inneren ständig in Bewegung halten.
Der Zutritt ist nur unter strengen Hygiene- und Sicherheitsauflagen möglich: Helm mit Schutzbrille, Schutzanzug und Plastiküberzieher für die Schuhe sind Pflicht, denn in den Behältern wächst ein Wirkstoff, der in der Medizin bis heute unverzichtbar ist: Penicillin, eines der ältesten und bekanntesten Antibiotika.
Produziert wird der Wirkstoff in Kundl im Bezirk Kufstein, einer Marktgemeinde im Tiroler Unterinntal mit rund 5000 Einwohnern und Blick auf den Wilden Kaiser. Hier liegt der größte Standort des Schweizer Pharmakonzerns Sandoz. Jährlich verlassen rund 240 Millionen Arzneimittelpackungen das Werk. Insgesamt entstehen hier etwa 4000 Tonnen Wirkstoff – genug, um den europäischen Bedarf an Penicillin zu decken.
Antibiotikawerk in Kundl
240 Millionen Arzneimittelpackungen pro Jahr
© Wolfgang Paterno
Antibiotikawerk in Kundl
240 Millionen Arzneimittelpackungen pro Jahr
Das Firmengelände erkennt man bereits aus der Ferne an einem weißen Gebäude mit hohem Turm – dem Schloss Hocholtingen in Kundl. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts wurde hier mit kaiserlichem Privileg Bier gebraut. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte der französische Chemiker Michel Rambaud die bestehenden Strukturen und wandelte die Bierbrauerei dank ähnlicher Fermentationsverfahren in eine Penicillinfabrik um.
Von Bier zu Penicillin
Der Bedarf war enorm: Im Nachkriegsösterreich grassierten Infektionskrankheiten wie Diphtherie, Tuberkulose und Scharlach. Antibiotika zur Behandlung bakterieller Infektionen waren jedoch kaum verfügbar, Penicillin meist nur über den Schwarzmarkt. Eigene Produktionsstätten fehlten, zugleich mangelte es an Geld für Importe. 1948 verließen schließlich die ersten Penicillin-Ampullen das Werk in Kundl.
Penicillin wird wie andere Antibiotika zur Behandlung bakterieller Infektionen eingesetzt, etwa bei Lungenentzündungen, Wundinfektionen oder Harnwegsinfekten. Viele Krankheiten, die zuvor oft tödlich verliefen, wurden dadurch behandelbar.
Der markante Schlossturm steht heute noch – inzwischen jedoch umgeben von modernen Produktionsanlagen und weitläufigen Industriehallen. Das Herzstück der Anlage ist die Fermentation mit den großen Stahlbehältern. Darin verrichtet der wohl wichtigste Mitarbeiter der Anlage seinen Job: Penicillium chrysogenum, ein Schimmelpilz, der unter genau kontrollierten Bedingungen wächst.
„Diesen Pilz kann man nicht kaufen. Wir züchten und optimieren ihn seit rund 80 Jahren“, sagt Cécile Stolz, Produktionsleiterin vor Ort, während sie durch das Werk führt. „Mittlerweile haben wir unseren Pilz zu einem echten High Performer gemacht.“
Fermenter
Die massiven Stahlbehälter sind das Herzstück der Produktionsanlage.
© Wolfgang Paterno
Fermenter
Die massiven Stahlbehälter sind das Herzstück der Produktionsanlage.
Dabei beginnt der eigentliche Produktionsprozess nicht mit dem ausgewachsenen Pilz, sondern mit dessen Sporen. Diese werden in einem unternehmenseigenen Kryolager bei minus 135 Grad Celsius aufbewahrt. „Für einen Fermenter, der zwischen 160 und 250 Kubikmeter groß ist, werden zehn bis 20 Liter Sporenflüssigkeit benötigt“, schildert Stolz. Um den Pilz dazu zu bringen, diese Menge zu produzieren, wird er gezielt kultiviert. Dabei kommt eine spezielle Reissorte zum Einsatz, die optimale Wachstumsbedingungen bietet. Dieser Nährboden wird mit einer exakt dosierten Nährlösung versetzt und anschließend mit Sporen beimpft.
Anschließend wächst der Pilz so lange, bis die vorhandenen Ressourcen vollständig verbraucht sind. „Sobald der Pilz die Oberfläche und alle verfügbaren Nährstoffe aufgebraucht hat, gerät er unter massiven Überlebensstress, und genau dann setzt ein letzter Mechanismus ein: Er vermehrt sich und bildet neue Sporen“, erklärt Stolz.
Mitarbeiter in der Fabrik
Für Personal wie auch Besucher gelten strenge Hygienevorschriften.
© Wolfgang Paterno
Mitarbeiter in der Fabrik
Für Personal wie auch Besucher gelten strenge Hygienevorschriften.
Dann werden die gebildeten Sporen mit einer Lösung vom Substrat abgeschwemmt und schrittweise weitervermehrt, bis genügend Material vorhanden ist, um die großen Fermenter zu beimpfen. Der Produktionsprozess beginnt dann in kleineren Vorstufengefäßen: „In diese Gefäße geben wir die Sporen zusammen mit einer Nährlösung. Dort fangen sie an, auszukeimen, produzieren jedoch noch kein Penicillin“, so Stolz. Nach etwa einem Tag werden die Pilzkulturen in die nächstgrößeren Fermenter überführt, wo sie weiterwachsen.
Ein Pilz unter Stress
Nun startet die eigentliche Produktionsphase: Der Pilz erhält zwar weiterhin Nährstoffe, wird aber gezielt unter Stress gesetzt, um die Penicillinbildung anzuregen. „Penicillin stellt der Pilz nur her, wenn er das Gefühl hat, dass seine Nährstoffe knapp werden“, erläutert Stolz. Diese Etappe dauert je nach Ansatz sieben bis 14 Tage. Am Ende entsteht ein bräunlicher Fermentationsbrei. Darin sind mit bloßem Auge kleine Kügelchen erkennbar, die dem Gemisch eine leicht körnige Struktur verleihen.
Schließlich wird aus der Flüssigkeit der Wirkstoff Penicillin gewonnen und mithilfe von Enzymen weiterverarbeitet. So entsteht unter anderem Amoxicillin, die Basis für zahlreiche Medikamente wie Tabletten oder Kindersäfte.
Entscheidend für deren Produktion ist das präzise Zusammenspiel von Nährstoffzufuhr, pH-Wert und Temperatur. Nur wenn alle Bedingungen exakt auf den jeweiligen Pilzstamm abgestimmt sind, lässt sich eine hohe Ausbeute an Penicillin erzielen. Deshalb werden die Vitalparameter des Pilzes laufend überwacht, die Nährstoffzufuhr gezielt gesteuert und alle Abläufe genau aufeinander abgestimmt. Dieses fein austarierte System ist laut Stolz „einer der Gründe, warum wir heute noch in Kundl produzieren können“.
Standortleiterin Stephanie Jedner
„Wir erreichen mit unseren Wirkstoffen und Fertigformen rund 400 Millionen Patienten in über 100 Ländern.“
© Wolfgang Paterno
Standortleiterin Stephanie Jedner
„Wir erreichen mit unseren Wirkstoffen und Fertigformen rund 400 Millionen Patienten in über 100 Ländern.“
Die Antibiotika werden aus Kundl in alle Welt geliefert. „Wir erreichen mit unseren Wirkstoffen und Fertigformen rund 400 Millionen Patienten in über 100 Ländern“, sagt Stephanie Jedner, Standortleiterin von Sandoz in Kundl. „Europa und die USA zählen dabei zu den wichtigsten Märkten.“
Sandoz, früher Teil des Pharmakonzerns Novartis und seit Herbst 2023 eigenständig börsennotiert, stellt vor allem Arzneimittel her, deren Patentschutz abgelaufen ist – sogenannte Generika und Biosimilars. Anders als forschende Pharmaunternehmen entwickelt das Unternehmen keine neuen Wirkstoffe, sondern produziert bestehende Substanzen in großen Mengen. So lassen sich die Kosten pro Einheit senken.
Weltweit betreibt das Schweizer Unternehmen 15 Produktionsstandorte, die meisten davon in Europa, darunter in Deutschland, Polen und Slowenien. Weitere Werke befinden sich in Indien, den USA, der Türkei und Spanien. Der größte Standort des Unternehmens liegt jedoch in Tirol.
Fatale Abhängigkeit
Anders als bei vielen anderen Herstellern, bei denen einzelne Produktionsschritte auf verschiedene Länder verteilt sind, bleibt in Kundl die gesamte Produktion unter einem Dach vereint – vom Wirkstoff bis zum fertigen Medikament. Damit ist das Werk der letzte vollintegrierte Hersteller für Penicillin in Europa. Jedner: „Würde der Standort in Kundl als die letzte große europäische Produktion für Penicillin wegfallen, wären wir zu 100 Prozent von Asien abhängig.“
Diese Abhängigkeit ist längst keine abstrakte Gefahr mehr, sondern bereits in Europa spürbar. In den vergangenen Jahren häuften sich in zahlreichen EU-Staaten Lieferengpässe bei essenziellen Arzneimitteln, darunter auch bei Antibiotika. Ein Grund dafür ist, dass viele pharmazeutische Wirkstoffe heute aus Indien und China kommen.
Lange Transportwege sind besonders störanfällig. Kommt es in Produktion, Logistik oder Handel zu Unterbrechungen, wirken sich diese rasch auch auf die europäischen Märkte aus. Schon die Blockade zentraler Handelsrouten wie des Suezkanals oder Spannungen rund um die Straße von Hormus können den Nachschub erheblich beeinträchtigen. Wie schnell sich solche internationalen Abhängigkeiten auf die heimische Produktion auswirken können, zeigte sich während der Pandemie in ganz Österreich und zu Beginn des Ukrainekrieges auch am Standort Kundl.
Penicillin-Flasche
Kundl ist der einzige europäische Standort, an dem das Antibiotikum zur Gänze hergestellt wird.
© Wolfgang Paterno
Penicillin-Flasche
Kundl ist der einzige europäische Standort, an dem das Antibiotikum zur Gänze hergestellt wird.
„Wir bekommen täglich neun Lkw-Ladungen Zucker für die Fermentation. Fällt diese Lieferung aus, können wir den Betrieb nur noch kurze Zeit aufrechterhalten, im Extremfall höchstens etwa eine Woche“, erklärt Produktionsleiterin Stolz. Eine stabile Versorgung ist daher essenziell.
Als es infolge des Krieges zu Lieferengpässen kam, musste das Unternehmen rasch umdenken. „In dieser Situation mussten wir kreativ werden und mit Innovationskraft reagieren, unter anderem durch den verstärkten Einsatz von Laktose“, berichtet Standortleiterin Jedner. Der Milchzucker aus einer nahen Molkerei in Wörgl wurde zwar schon vor dem Ukrainekrieg in der Fermentation verwendet, seither fließen jedoch deutlich größere Mengen in die Herstellung.
„Es ist wichtig, dass man sich in Europa unabhängig mit pharmazeutischen Wirkstoffen versorgen kann“, meint Jedner. „Wir wollen einen unabhängigen Produktionsstandort beibehalten, auch um Transportkosten und logistische Komplexität zu vermeiden.“
Neben den Rohstoffen ist auch Energie ein zentraler Kostentreiber. „Das bereitet uns extreme Kopfschmerzen“, sagt Jedner. Während die Preise für Antibiotika nahezu unverändert blieben, erfuhren die Energiekosten seit Kriegsbeginn in der Ukraine eine Verzehnfachung – und gerade Prozesse wie die Fermentation sind besonders energieintensiv. Der Standort Kundl verbraucht pro Jahr ungefähr so viel Energie wie die Stadt Innsbruck. Und während österreichische Hersteller Energie teuer zukaufen müssen, verfügen asiatische Produktionsstätten oft über eigene Kraftwerke, und in China bekommen die Fabriken Energie stark vergünstigt oder sogar kostenlos. Die Produktion in Europa gerate folglich zunehmend unter Druck. Viele Wirkstoffproduktionen wurden daher in den vergangenen Jahrzehnten aus Kostengründen nach Asien verlagert.
Komplettproduktion
In Kundl werden Antibiotika zur Gänze hergestellt. Sonst sind viele Produktionen längst nach Asien verlagert.
© Wolfgang Paterno
Komplettproduktion
In Kundl werden Antibiotika zur Gänze hergestellt. Sonst sind viele Produktionen längst nach Asien verlagert.
Umso wichtiger wird Effizienz. Ein Beispiel dafür: „2004 haben wir noch sieben Kilo Zucker pro Kilo Penicillin gebraucht“, berichtet Produktionsleiterin Stolz. „Durch Verfahrensoptimierungen sind wir inzwischen bei etwa fünf Kilo.“
Allerdings: Beliebig hochfahren lassen sich die Mengen auch bei klügster Innovation nicht, allein schon deshalb, weil die begrenzte Lagerung dies nicht erlaubt. „Wir haben keine Überkapazitäten, um einfach zusätzlich auf Vorrat zu produzieren“, erklärt Jedner: „Wenn wir die Produktion für ein Land erhöhen, dann fehlt diese Menge zwangsläufig in einem anderen.“
Nicht zuletzt deshalb plädiert die Standortleiterin für stärkere Maßnahmen auf europäischer Ebene: „Es muss mehr getan werden, um die Produktion in Europa zu halten, sonst wird der Druck aus Asien zu groß.“
Schwerfälliges Europa
In der Praxis sind es oft Kleinigkeiten, die eine flexible Versorgung über Ländergrenzen hinweg erschweren und mit der eigentlichen Medikamentenherstellung gar nichts zu tun haben: Ein zentrales Problem sind die national unterschiedlichen Beipackzettel und Verpackungen, denn in Europa gelten nach wie vor länderspezifische Vorgaben. Die Folgen solch regulatorischer Altlasten trugen zu den Engpässen während der Pandemie bei: Fehlte bloß der Beipackzettel in deutscher Sprache, war ein Medikament nicht verfügbar. „Eine deutsche Packung sieht anders aus als eine spanische oder slowenische. Das sind eigentlich lösbare Probleme, aber Europa ist hier oft sehr schwerfällig“, kritisiert Jedner.
Die Europäische Union versucht inzwischen, auf Abhängigkeiten und Schwachstellen zu reagieren, etwa mit der Rückverlagerung von Produktionen, einer breiteren Aufstellung der Lieferketten und dem geplanten „Critical Medicines Act“. Dieser soll die Verfügbarkeit, Versorgungssicherheit und Produktion kritischer Arzneimittel in Europa gezielt stärken. Ziel ist es, die Abhängigkeit von asiatischen Herstellern zu verringern, Lieferketten krisenfester zu machen und die Herstellung essenzieller Medikamente wieder stärker in Europa zu verankern.
So will die EU forcieren, was in Kundl seit Langem tägliche Praxis ist. Heuer begeht Sandoz gleich drei Jubiläen: 140 Jahre Unternehmensgeschichte in der Schweiz, 80 Jahre Tätigkeit im Bereich Antibiotika und 20 Jahre im Bereich Biosimilars.
In der Halle in Kundl liegt nach wie vor ein süßlicher Geruch in der Luft, die Rührwerke dröhnen, in den Fermentern wächst unter strengen Bedingungen frisches Penicillin heran. Hier wird greifbar, was Versorgungssicherheit im Kern bedeutet: eine Produktion im Herzen Europas, die Tag für Tag läuft.
Mavie Michelitsch
seit Februar 2026 Volontärin bei profil.