Die am besten sichtbaren Zeugnisse der Asbest-Vergangenheit stechen allerdings dann ins Auge, wenn man zum Beispiel Ortschaften des ländlichen Niederösterreichs durchquert: Dächer, Fassaden und ganze Häuser sind nach wie vor großflächig in alte Eternitplatten verpackt, mitunter scheinen halbe Dörfer aus nichts anderem zu bestehen.
All dies geht letztlich auf einen Mann zurück: auf Ludwig Hatschek, den findigen, entschlossenen Unternehmer, der nach einem Baustoff für die Ewigkeit sann, ohne zu ahnen, welch toxisches Erbe die Nachwelt davontragen sollte. Seine Nachfahren mühten sich nach Kräften, den Schaden einzudämmen.
Eine vielversprechende Geschäftsidee
Die Geschichte begann in Linz, wo Hatscheks Familie, ursprünglich aus Mähren stammend, eine Bierbrauerei betrieb. Ludwig interessierte sich wenig für Bier und sah sich nach Alternativen um. Als bei Vöcklabruck eine alte Papiermühle zum Verkauf stand, schlug er kurzerhand zu. Fast zeitgleich erwarb er Maschinen, die der Verarbeitung von Asbest dienten. Es gab damals bereits Asbest-Spinnereien, die das faserförmige Silikat-Mineral verwerteten, sehr gebräuchlich war es aber noch nicht. Für industrielle Anwendungen schien besonders eine Asbest-Variante attraktiv: Chrysotil, der Weißasbest.
Hatschek gründete die „Erste österreichisch-ungarische Asbestwarenfabrik“ und experimentierte mit verschiedenen Produktionsverfahren. Anfangs brachte keines den durchschlagenden Erfolg. Erst sechs Jahre und zahlreiche Versuche später stieß Hatschek auf den Portlandzement, bestehend vorwiegend aus Kalzium, Silizium und Aluminium. Die Beimischung von zehn Prozent Asbestfasern ergab das fantastische Material, nach dem er gesucht hatte. 1903 benannte er seine Firma in „Eternit-Werke Ludwig Hatschek“ um. Der Erfolg war beeindruckend und ist eines jener historischen Beispiele dafür, wie eine Erfindung aus Österreich Weltkarriere machte.
Asbestzement kam bei Eisenbahnstationen zum Einsatz, wurde von Stararchitekten wie Otto Wagner, Clemens Holzmeister und Le Corbusier verwendet und international exportiert. Allein 1913 lieferten die Hatschek-Werke zwölf Millionen Quadratmeter an Dachdeckungen aus.
Millionen Quadratmeter Dachflächen
Die häufig gewellten Dachschindeln sind zusammen mit den Eternit-Platten an Fassaden die augenscheinlichsten Überreste der frühen Eternit-Ära. Besonders zwischen den 1950er-Jahren und 1990 kamen gigantische Mengen zum Einsatz. Pro Jahr dürften in Österreich bis zu 40.000 Tonnen Asbest verbaut worden sein, für Dächer, Fassaden, Rohre oder auch Blumentröge. Die Eigenschaften des Materials waren tatsächlich bestechend: Mit Asbest versetzter Zement war unglaublich hitze- und chemiebeständig, zugleich korrosions- und witterungsresistent, gut isolierend, wasserdicht und außerdem noch leicht.
Dass die Wunderfaser auch erhebliche Nachteile hat, ist im Grunde lange bekannt. Erste Hinweise gab es schon Anfang des 20. Jahrhunderts aufgrund von Berichten über Atemwegserkrankungen bei Asbestarbeitern. Allerdings hatte das Material damals noch kaum Bedeutung, weshalb diese Beobachtungen kaum Aufmerksamkeit erfuhren. So weit bekannt, wusste auch Ludwig Hatschek nichts davon.
Über die Jahrzehnte verdichtete sich allerdings die Faktenlage immer mehr, wissenschaftliche Studien wiesen zunehmend präziser nach, wie die winzigen Fasern in die Atemwege eindringen, wogegen das Immunsystem machtlos ist. Schließlich war evident, dass Asbest vor allem Lungen- und Rippenfellkrebs sowie Asbestose auslösen kann, was zu einer Vernarbung des Lungengewebes führt. 1970 wurde Asbest als krebserregend eingestuft, seit 1990 gilt ein Verbot in Österreich, seit 2005 in der gesamten EU.
Ein gewaltiger Kraftakt
Mit den Folgen des großen Asbest-Booms schlugen sich vor allem Ludwig Hatscheks Nachkommen herum. Besonders sein Enkel Fritz Hatschek investierte enorme Mühen und viel Geld, um die Produkte des Unternehmens asbestfrei herzustellen. Es war ein gewaltiger, ein ganzes Jahrzehnt dauernder Kraftakt, getragen von intensiven Forschungen. Bereits gegen Ende der 1980er-Jahre konnte die Fabrik auf Asbest verzichten. Zugleich förderte Fritz Hatschek im Rahmen einer Stiftung die Erforschung der Berufskrankheit Asbestose. Vieles deutet darauf hin, dass sich die Unternehmerfamilie Hatschek ihrer historischen Verantwortung stellte.
Am Standort Vöcklabruck werden noch heute Dach- und Fassadenelemente unter dem Markennamen hergestellt, allerdings sind die ehemaligen Hatschek-Werke nun im Besitz eines Schweizer Unternehmens. Auch Eternit existiert nach wie vor. Zahlreiche Anbieter vertreiben und installieren Produkte unter diesem Markennamen, freilich seit Langem asbestfrei und somit unbedenklich.
Die Ära Hatschek ist dennoch in zahlreichen Gemeinden präsent. Gefahr geht von festen Platten oder Schindeln kaum aus, solange sie verbaut sind. Problematisch ist ein Zerbrechen bei Beschädigungen oder bei der Demontage: Durch Brüche oder Abrieb können darin gebundene Asbestfasern freigesetzt werden. Seit Jahresbeginn gelten in Österreich bei Sanierungen neue, verschärfte Vorschriften für Professionisten. Nur noch spezialisierte Arbeitskräfte dürfen mit den Gefahrenstoffen hantieren. Die Regelung zeigt neuerlich, wie dauerhaft die vermeintlich famosen Eigenschaften des einstigen Wundermaterials fortwirken.