<i><small>Autodrom: David Staretz</small></i>
Flinkes Origam

Viel Aufwand für wenig Dach. Der neue 911 Targa zelebriert Unvernunft mit Aufwand und Präzision.

Targa – das waren einst diese trapezoiden Porsches (911, sonst gab es ja noch keine) mit dem platten Einlegeteil. Aufrecht stand der flache Bügel im Raum und hielt die Heckverglasung fest im Griff. Steil fiel die Heckscheibe nach hinten ab, reichlich uncharmant und wie mit dem Lineal gezeichnet. Sicherheitscabrio nannte man dies damals – wobei es vor allem darum ging, die Karosseriesteifigkeit dank Stahlklammer zu gewährleisten. Damals, 1965 bis 1982 (also nach der Ära des 356), entsprach Targa der einzigen Möglichkeit, einen Porsche auch offen zu fahren. Erst das Porsche 911 Cabrio schaffte ab 1982 radikale Kopffreiheit, nur mehr hartnäckige Freunde der praktischen Form wollten danach noch das Dachbrett (Targa = Schild) abnehmen und unter der Bughaube verstauen.

Also spielte man den Targa modisch frei, indem man ihn ab 1995 zu einer Art Schiebedachvariante umarbeitete, die durchaus ihren Reiz hatte: Allein, wie die C-Säule beim Typ 993 auf den hinteren Wagenkörper auftraf, brachte Schärfe ins brave Porsche-Heck.

Auch jetzt geht es eigentlich um das Design. Dank einer spektakulären Panorama-Heckscheibe, die in Form und Ansatz an die Corvette C6 erinnert, und dank des silbrig markanten Dachbügels, des klassischen Targa-Merkmals bis 1975, erhalten das gesamte 911-Profil und die Heckansicht neue Akzente, erlauben frische Sichtweisen auf einen Porsche 911.

Porsche-Designer Grant Larsen spielte mit den Möglichkeiten der neuen Form, indem er sie geschmeidig hielt und den Akzent zwischen steilem Bügel und fließender Glasheckscheibe herausarbeitete. Drei Lamellen trägt der Bügel, drei Lamellen strukturieren den Heckdeckel. Der Schriftzug wurde zeitgemäß modifiziert. Larsen witzelt mit gespielter Entschlossenheit: „Meistens geben uns die Techniker ihre Anforderungen vor. Aber diesmal hauten wir auf den Tisch!“ Tatsächlich scheint sich das Design so frei wie selten entwickelt zu haben. Wohl auch auf Kosten der Gewichteinsparung, vorgegeben durch das schwere Glasteil. Alles in allem legte man 20 Kilogramm gegenüber dem vergleichbaren (Allrad)-Cabrio zu, womit man in Bereiche um 1650 kg vorstößt.

Projektleiter Mössler erzählt, dass man deshalb auch mit einer händischen Öffnungsvariante per klassischem Dachbrett kokettiert habe. (2006, so erfahren wir, hat Porsche ein eigenes Roof Strategy Workshop veranstaltet, um sich über sämtliche mögliche Dachvarianten klar zu werden.) Doch schnell stellte sich in der Projektphase heraus, dass Nostalgie und Leichtbau ihre Grenzen haben: Der Kunde (nicht unbedingt ein Europäer) möchte nicht mit Heimwerkercharme umworben werden.

Wenn es doch so schön auf Knopfdruck geht: Spektakulär hebt sich die Glasscheibe ab, mit flinkem Origami entfaltet sich im Bügelrohr die Kinematik des Daches, das sich als stoffbespannter Magnesium-Zweiteiler entpuppt und vollautomatisch ins motornahe Backrohr geschoben wird. Satt senkt sich zum Abschluss das Glas ins stimmige Gesamtbild, wobei die Seitenscheiben ungerührt geschlossen bleiben. In 19 Sekunden ist der Himmel freigezaubert, allerdings nur bei stehendem Wagen. Denn allfällige Fliehkräfte einer nur mit Tempo 30 gefahrenen Kurve könnten das unter massiver Glaslast stehende Gestänge verbiegen. (Und es wird, wenn auch nur für wenige Sekunden, die dritte Bremsleuchte verdeckt, was wiederum die Zulassungsbehörde auf den Plan gerufen hätte.)

Wie offen ist nun Targa? Porsche hat nachgemessen: Genau 0,911 Quadratmeter. In der Praxis gibt es freilich Einschränkungen: Nur bei hochgezogenen Seitenscheiben bleibt man vom Fahrtwind verschont. Somit nähert sich die Angelegenheit dem Fahren mit offenem Schiebedach, aber das war ja bei Targas nie anders. Ein händisch hochklappbarer Windabweiser am oberen Windschutzscheibenrahmen soll das typische Schiebedach-Wummern verhindern, was ihm tatsächlich gelingt, allerdings rauscht er selber hörbar im Fahrtwind.

Das spektakulär freigeformte, optisch einwandfreie ­Panoramaglas kann übrigens nur ein Hersteller auf der Welt: die Firma Trösch in der Schweiz, spezialisiert auf Klein­serienfertigung. Denn dass der 911 Targa ein Bestseller wird, glaubt man nun doch nicht.

Der 911 wird als Targa 4 und Targa 4 S angeboten, also wahlweise mit 350 und 400 PS, jedoch immer mit Allradantrieb, was eine clevere Marketingentscheidung darstellt: Der Porsche für alle Wetter. Und rund 1000 Euro billiger als das Cabrio.

Nur eines hat man nicht recht bedacht: „Der Vorführeffekt ist so spektakulär, dass die Besitzer bisweilen die Batterie erschöpfen, weil sie ihren Freunden und Nachbarn immer wieder die Dach-Nummer vorführen müssen.“

david.staretz@profil.at