<i><small>Autodrom: David Staretz</small></i>
Winteröffnung

Gerade ein Cabriolet und ausgerechnet von Opel ist die Überraschung der Jahreszeit. Vor allem, wenn man den gewissen Knopf drückt.

Opel, das ist die Marke, der es kaum gelingt, Begehrlichkeiten herzustellen. Dabei ist das Publikum eh so dankbar. Unglaublich, was der Manta damals für ein Erfolg war. Aber seither hat sich kaum etwas Aufregendes getan. Der Astra, einst als Golf-Konkurrent positioniert, ist weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Der Insignia, die erwachsene Limousine, hat immerhin einen Achtungserfolg erreicht. Mocca, Adam – man sieht sie häufig in der ­Werbung. Dennoch muss man erst in der Preisliste nachsehen, was es bei Opel noch alles gibt. Tigra. Hm. Dachte man schon eingestellt. Agila, Antara, Meriva, Zafira – vielleicht liegt’s an den Namen? Ampera, das Elektrowunder. War schon vom Markt, wurde dann von Fachjournalisten zum „Auto des Jahres“ gewählt. Kurios.

Doch plötzlich drehen sich die Leute um nach einem dunkelbraunen Opel, der sich gerade entfaltet wie ein ­Pelerinenmonster – hoch auf kargem Stoff und Gestänge, mit Schaubühnen-Eleganz erhebt sich das Stoffgebilde, gibt vier Kopfstützen und zwei, wenn nicht gar vier Passagiere frei. Spielerische Willkür des Fahrers enthebt sie gerade des schützenden Daches und der leichte Nieselregen senkt sich ins teure, wasserabstoßende Sitzleder namens Brandy und auf die mürrischen Passagiere. Doch umso besser weiß man es zu schätzen, wenn sich nach kurzer Ungemütlichkeit das Dach wieder schützend über seine Inwohner senkt. Mit ­dezentem, aber festem Zurrgeräusch schraubt es sich an den Windschutzscheibenrahmen und nach kurzer Nachdenkphase gleiten die vier Seitenscheiben hoch. Jetzt schätzt man die enorm effiziente Innenraumheizung, die dreistufige Sitzheizung umso mehrCabrios im Winter – ich liebe das. Sie können uns so treffend vor Augen führen, was Autos für wunderbare, schützende Gehäuse sind – und zurückgeschraubt auf die elementaren Freuden hat man geringe Bedürfnisse, rasant zu fahren, riskant zu überholen, Kolonnen zu springen. ­Cabrios sind dazu erschaffen, dass wir uns des angenehmen Lebens freuen, das rechne ich ihnen hoch an. Vor allem, wenn die Erschaffung beider Welten so leicht gemacht wird – in knapp 17 Sekunden öffnet oder schließt sich das Dach, bis hinan zu Tempo 50, was die einstige Angst nimmt, dass man an der Ampel nicht rechtzeitig fertig würde und mit peinlich ausgefahrenem Gestell bei Grün losfahren müsse.

Weitere Steigerung angewandter Cleverness: Per Fern­entriegelung (die über geradezu beängstigend weite ­Strecke wirkt) kann man das Dach schon im Herangehen an das parkende Auto öffnen – eine nette Geste an die Gäste, denn dachfrei steigt es sich viel leichter ein. Langsam schrauben sich die Vordersitze bei geklappter Lehne nach vorn. Man muss schon zuvor den Abstand für die Fondpassagiere eingestellt haben, damit die Sitze nicht gnadenlos zu weit nach hinten rangieren gegen die Beine der Zugestiegenen. Ein bisschen Panik ist immer dabei. Aber wenn man sich 700 Euro erspart, kommt man mit herkömmlichen Vordersitzen aus. Elektrische Gurtreicher bedienen die vorderen Passagiere, so was wird gern genommen.

Die beiden Türen zählen wahrscheinlich zu den dicksten Bertas der Automobilgeschichte, schwingen spektakulär weit aus, machen aber das Aussteigen beim Schräg­parken in engen Lücken zum Limbo.

Dennoch, obwohl 4,70 Meter lang, fühlt sich der Wagen weich nur vom Fahrwerk her an. Angesichts der Sportlichkeitswelle, die uns erfasst hat, freuen wir uns über ­echte Sänften. Auch die Lenkung ist entsprechend leichtgängig, ruckt nur unangenehm in der Mitte, als wollte sie sich nicht gern aus dem Geradeauslauf lösen lassen. Typisch Elektroservo, die haben meist so eine Macke. Extraweich lässt sich auch das präzise Sechsganggetriebe schalten, inklusive ­Retourgang. Der baugemäß schlechten Sicht nach hinten wird durch die Rückfahrkamera abgeholfen, die vorderen Glaszwickel unter den massiven A-Säulen sind gut gemeint, geben aber kaum Sicht frei.

1600 Kubikzentimeter Hubraum wirken etwas dürftig für 170 Benziner-PS und lassen zurecht auf Turboladung schließen. Naturgemäß ist das Drehmoment im unteren Drehzahlbereich gering, was man fallweise in der Stadt im zweiten Gang oder bei schlecht angesetzten Überholmanövern zu spüren bekommt. Auch der Verbrauch ist nicht ganz überzeugend, knapp neun Liter stehen in der Praxis dem angegebenen Durchschnittswert von 6,3 l gegenüber.

Dem Cascada gelingt es dennoch, sich schnöder Krittelei zu entheben, weil er insgesamt eine geschmeidige Erscheinung ist und durch seine schiere Präsenz und Attraktivität erfreut. Freilich muss man, sofern der Verkäufer überzeugend war und Extras über 10.000 Euro schmackhaft machen konnte, mit einem Kaufpreis von knapp 40.000 Euro rechnen. Immerhin hat man dann neben Navi mit Sprachsteuerung und elektrischen Nappaledersitzen, Tempomat mit Abstandswarner und Premium-Akustikverdeck auch ein beheiztes Lenkrad im Portfolio.

david.staretz@profil.at