Forschungsteam der TU Graz: Julian Jauk, Milena Stavrić, Lukas Gosch.
© Wolfgang Paterno
Forschungsteam der TU Graz: Julian Jauk, Milena Stavrić, Lukas Gosch.
Bauen mit Ton und Pilzen: Grazer Forschende erfinden kühlende Ziegel
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Die großflächigen Tische sind mit Objekten in verschiedensten Erscheinungsformen bepackt, dicht an dicht geschlichtet, teils übereinander gestapelt. Manche besitzen Würfelgestalt, andere gekrümmte Oberflächen, einige sind röhren- oder tonnenförmig, wieder andere erinnern an Wabenstrukturen oder Blumenvasen. Mitunter sind die Objekte glatt, oft jedoch mit geriffelten oder geschwungenen Mustern versehen; manche sind innen hohl, andere mit einem gitterartigen Innenleben ausgestattet.
So vielfältig die handgroßen oder bis zu etwa einem halben Meter messenden Gegenstände sind, die auf den massiven Tischplatten des Instituts für Architektur und Medien der Technischen Universität Graz liegen – sie weisen eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf: Sie alle bestehen aus Ton, teils zu Keramik gebrannt, wurden digital entworfen und mittels 3D-Druck gefertigt, und die gesamte Sammlung dient demselben Zweck: Es handelt sich um innovative Baustoffe, um Module, aus denen sich Fassadenverkleidungen ebenso herstellen lassen wie komplette Wände.
Bauelemente aus dem 3D-Drucker
Solche Module planen die Grazer Forschenden mittels virtueller Architektur. Der 3D-Drucker stellt fast jede gewünschte Form und Oberfläche her.
© Alwin Schönberger
Bauelemente aus dem 3D-Drucker
Solche Module planen die Grazer Forschenden mittels virtueller Architektur. Der 3D-Drucker stellt fast jede gewünschte Form und Oberfläche her.
Herkömmliche Baumaterialien bringen eine Menge Probleme mit sich, sagt Milena Stavrić, während sie in der Institutsküche Kaffee anbietet, in fein verzierten Tassen, die ebenfalls aus dem 3D-Drucker stammen. Stavrić ist Professorin am Institut für Architektur und Medien und leitet den Sonderforschungsbereich „Advanced Computational Design“ an der TU Graz. Die Herstellung von Zement für Beton oder Mörtel verschlinge eine Menge Energie, verursache enormen Ausstoß von Kohlenstoffdioxid und obendrein Altlasten, die schwer wieder in Kreisläufe einzubringen seien. „Wir brauchen deshalb neue Ansätze, um über das Bauen nachzudenken“, meint Stavrić.
Milena Stavrić
„Wir brauchen neue Ansätze, um über das Bauen nachzudenken“, sagt die Architektin und Professorin an der TU Graz.
© Alwin Schönberger
Milena Stavrić
„Wir brauchen neue Ansätze, um über das Bauen nachzudenken“, sagt die Architektin und Professorin an der TU Graz.
Daher experimentiert ihre Forschungsgruppe mit nachhaltigen, ressourcenschonenden Materialien, die seit Tausenden von Jahren bewährt sind, benutzt aber moderne digitale Technologie, um deren Form und Oberflächenbeschaffenheit gezielt zu gestalten und ihnen die gewünschten Eigenschaften zu verleihen: zum Beispiel Belastbarkeit, Tragfähigkeit, Wiederverwertbarkeit, Schallabsorption und sogar natürliche Kühlungseffekte, die keine Energie vergeuden.
Mauer aus dem 3D-Drucker
Im Tiefparterre des Instituts steht ein mächtiges, vier Meter hohes Gestänge voller komplizierter Verstrebungen aus Metall. Inmitten des Konstrukts hängt die Düse des 3D-Druckers, bewegt sich vor und zurück, von einer Seite zur anderen, vollführt kreisende Bewegungen, schwingt träge in verschiedene Richtungen.
Aus der Düse quillt zähe Tonmasse. Schicht für Schicht trägt sie der Drucker auf eine Holzplatte am Boden auf, dirigiert von einem Laptop nebenan. Die Apparatur stellt dabei exakt jene Formen her, die zuvor digital mittels virtuellem Design entworfen wurden: Würfel, Quader, Hohlziegel, Module mit zusätzlichen Armierungen im Inneren, Flächen mit Rillen, muschelartigen Mustern, Vertiefungen oder Einbuchtungen – all die Objekte, die auf den Tischen aufgereiht sind, stammen aus dieser Maschine oder kleineren Ausführungen davon.
Der 3D-Drucker im Einsatz
Aus der Düse quillt weiche Tonmasse. Schicht für Schicht werden Mauer- oder Fassadenelemente ausgedruckt.
© Wolfgang Paterno
Der 3D-Drucker im Einsatz
Aus der Düse quillt weiche Tonmasse. Schicht für Schicht werden Mauer- oder Fassadenelemente ausgedruckt.
Das Rohmaterial dafür lagert in großen Trögen: weicher, gräulicher, formbarer Ton. Außerdem verfügen die Grazer Forschenden über einen Vorrat eines Rohstoffs, der nicht einmal extra abgebaut oder aus Steinbrüchen geliefert werden muss: Derzeit befinden sich am Institut fünf Tonnen Schlamm aus dem Neusiedler See, der ohnehin abgebaggert werden muss, um der Verlandung des Sees entgegenzuwirken. Hier wird der Abfall zu neuartigen Bauelementen verarbeitet.
„Der Schlamm hat ausreichend Viskosität und die geeignete Plastizität, um mit unseren Maschinen gedruckt werden zu können“, sagt Julian Jauk, Architekt und Spezialist für 3D-Druckverfahren. Zudem seien die Sedimente mit Biomasse vermengt, vor allem mit verrottetem Schilf. Auch dies sei für manche Anwendungen günstig, wenn es etwa darum gehe, eine hohe Porosität der Bauelemente zu erzielen.
3D-gedrucktes Tonmodul
Die Objekte können getrocknet und verbaut oder zu Keramik gebrannt werden.
© Wolfgang Paterno
3D-gedrucktes Tonmodul
Die Objekte können getrocknet und verbaut oder zu Keramik gebrannt werden.
Projektassistent Lukas Gosch hält einen kleinen Würfel empor, hellbeige und fein gerillt. Mit solchen Modulen könne man eine Mauer bauen, sagt Gosch, der sich mit digitaler Fabrikation und Robotik befasst. Die Tonobjekte können ungebrannt oder gebrannt zum Einsatz kommen, je nachdem, ob sie im Innen- oder Außenbereich verbaut werden.
Forscher Lukas Gosch
Der Grazer Forscher demonstriert hier Baumodule, die vom Team hergestellt wurden.
© Alwin Schönberger
Forscher Lukas Gosch
Der Grazer Forscher demonstriert hier Baumodule, die vom Team hergestellt wurden.
In Innenräumen genügen getrocknete, ungebrannte Bauteile. Damit lassen sich ebenfalls komplette, auch tragende Wände errichten, sagt Julian Jauk. Und die Methode bietet im Hinblick auf nachhaltiges Bauen einen entscheidenden Vorteil: Sie erlaubt eine gänzlich rückstandsfreie Kreislaufwirtschaft. Mit ungebranntem Ton gebaute Wände können bei Bedarf abgetragen, mittels Wasser in eine formbare Masse rückgeführt und zu neuen Bauelementen verarbeitet werden – was einer hundertprozentigen Wiederverwertbarkeit gleichkommt.
Julian Jauk am 3D-Drucker
Die vier Meter hohe Apparatur stellt präzise jene Objekte her, die die Forschenden zuvor entworfen haben. Gesteuert wird das Gerät von einem Laptop.
© Wolfgang Paterno
Julian Jauk am 3D-Drucker
Die vier Meter hohe Apparatur stellt präzise jene Objekte her, die die Forschenden zuvor entworfen haben. Gesteuert wird das Gerät von einem Laptop.
Sind indes hohe Belastbarkeit und Witterungsbeständigkeit im Außenbereich gefragt, kommt ein Arbeitsschritt hinzu: der Brennprozess, der Ton in Keramik verwandelt. Derart lassen sich Wandmodule für den Außenbereich herstellen oder Fassadenelemente, deren mittels 3D-Druck verliehene Strukturen bestimmten Zwecken dienen können, etwa Einfluss auf die Licht- oder Schallbrechung.
Noch eine weitere Funktion können die Forschenden in ihre Baustoffe integrieren, und diese klingt in Zeiten häufigerer Hitzewellen besonders attraktiv: Die Tonmodule können der Kühlung von Räumen dienen – ohne dafür eine Klimaanlage zu benötigen, die ihrerseits Wärme erzeugt.
Speziell geformte Module
Wenn man zusätzlich Pilze einwachsen lässt, erhält man stabile, fest miteinander verbundene Elemente.
© Wolfgang Paterno
Speziell geformte Module
Wenn man zusätzlich Pilze einwachsen lässt, erhält man stabile, fest miteinander verbundene Elemente.
Das Prinzip ist im Grunde simpel: Man leitet Wasser durch die Hohlräume im Inneren von Keramikelementen. „Die Klimatisierung basiert darauf, dass Keramik Wasser aufnimmt und durch Verdunstung wieder abgibt“, erklärt Jauk. Dabei trachte man danach, mittels 3D-Druck Formen zu erzeugen, die besonders gute Verdunstungseffekte erzeugen, beispielsweise durch hohe Porosität. „Ein feinporiges, kapillaraktives Material fördert den Kühleffekt, indem es Wasser speichert und kontinuierlich zur verdunstenden Oberfläche transportiert“, sagt Jauk.
Sieben Grad kühler
Erste Tests mit ihrer Wasserkühlung führten die Forschenden am eigenen Institut durch – und zwar im Dachgeschoß, wo sich die meiste Hitze staut. Sie installierten lediglich einige wenige wassergekühlte Keramikmodule, und die Temperatur sank um beachtliche sieben Grad.
Im Moment ist die Forschungsgruppe im Begriff, ein größeres Pilotprojekt zu realisieren: Am Platz vor der Technischen Universität will sie eine ganze Kühlwand errichten. Eine Pumpe soll in dem Fall dafür sorgen, dass Wasser in die Kühlwand eingeleitet wird. Anschließend sinkt es im Inneren der Module durch die Schwerkraft langsam ab, gibt dabei Verdunstungskälte ab und wird anschließend wieder emporgepumpt.
Objekte aus dem 3D-Drucker
Wasserkühlung nutzt das Prinzip, dass das Material Feuchtigkeit aufnimmt und durch Verdunstung wieder abgibt. Hohe Porosität verstärkt den Effekt.
© Wolfgang Paterno
Objekte aus dem 3D-Drucker
Wasserkühlung nutzt das Prinzip, dass das Material Feuchtigkeit aufnimmt und durch Verdunstung wieder abgibt. Hohe Porosität verstärkt den Effekt.
Gute Porosität gewährleistet auch die Beimischung eines weiteren Materials, mit dem die Grazer experimentieren: Manchmal mengen sie Holzmehl in den Ton. Hauptzweck ist, abgesehen vom Einfluss auf das Hohlraumvolumen, ein optimales Nährmedium für einen weiteren Werkstoff zu schaffen: für Pilze, deren Fadengeflecht in die Tonelemente einwachsen kann. „Der Sinn ist, die mechanischen Eigenschaften der Elemente zu verbessern, zum Beispiel im Hinblick auf Zug- und Druckkräfte“, sagt Lukas Gosch.
Pilze statt Mörtel
Die Verwendung von Pilzmyzelien, von fadenförmigen Pilzzellen, ist im Moment generell ein großes Thema in der Materialforschung. Aus Pilzen können Platten zur Wärmeisolation oder Schalldämmung wachsen, Lederersatzstoffe lassen sich ebenso herstellen wie dünne Plättchen, die als Trägermaterial für Computerchips dienen und Plastik ersetzen.
Das Team um Milena Stavrić nutzt Pilze beispielsweise, um Tonmodule zu verstärken und fest miteinander zu verbinden, ohne dafür Mörtel zu benötigen – einen CO2-intensiven Baustoff, der überdies erhebliche Entsorgungsprobleme bereitet. Hana Vašatko, Expertin für Myzelien am Institut, versetzt dazu das Ton-Sägemehl-Gemisch mit Pilzsporen, was „Impfen“ heißt. In der Folge sprießen Hyphen, feine Pilzfäden, die die tönernen Bauelemente allmählich durchdringen und fixe, starre, hoch belastbare Verbindungen bilden. „MyCera“ nennen die Grazer den derart entstandenen Werkstoff, eine Wortkombination aus Myzelium und Keramik.
Zum Einsatz kommen dabei Austernpilze, die mehrere Vorteile bieten: Sie wachsen schnell, sind als Speisepilze gesundheitlich unbedenklich sowie relativ unempfindlich gegen Schädlinge. Ist die gewünschte Durchdringung der Tonelemente erreicht, lässt sich das Pilzwachstum stoppen.
Julian Jauk, Milena Stavric, Lukas Gosch
Das Forschungsteam der TU Graz, das Baustoffe aus Ton und Pilzen entwickelt. Außerdem gehört der Gruppe die Pilzexpertin Hana Vašatko an.
© Wolfgang Paterno
Julian Jauk, Milena Stavric, Lukas Gosch
Das Forschungsteam der TU Graz, das Baustoffe aus Ton und Pilzen entwickelt. Außerdem gehört der Gruppe die Pilzexpertin Hana Vašatko an.
So könnte Bauen mit Ton und Pilzen folgendermaßen funktionieren: Mit Myzelium beimpfte Tonmodule reifen zu verstärkten Wandmodulen, aus denen Mauern errichtet werden können. Verkleidet werden sie mit ebenfalls von Pilzen durchwachsenen Fassadenelementen, die zudem gebrannt werden, was besonders günstige Porosität und dadurch zum Beispiel vorteilhafte Isolationseffekte erzielt. Und sämtliche Baustoffe sind demontier- und wiederverwendbar, wobei die ungebrannten Teile im 3D-Drucker neuerlich in gewünschte Formen gebracht werden können.
Freilich: Im Moment konzentrieren sich die Grazer auf Pilotprojekte, in denen die Baustoffe in überschaubarer Größenordnung erprobt werden. Auf welche Weise sich die Methode skalieren und auf die Dimension tatsächlicher Baustellen übertragen lässt, sollen künftige Forschungen zeigen. „Immerhin sind wir in der glücklichen Lage, dass wir solche Grundlagenforschung betreiben können“, sagt Julian Jauk.
Wobei viele Beispiele aus der Vergangenheit zeigen: Eine Menge innovativer Produkte, die heute gängiger Standard sind, nahm ihren Ausgang bei genau solchen Experimenten im Labor.
Alwin Schönberger
leitet das Wissenschafts-Ressort.