<i><small>Cyberama von Thomas Vašek</small></i>
Sex mit Google

Wie die Datenbrille unser Sexleben verändern könnte.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten beim Sex die Perspektiven tauschen. Sie würden also alles sehen, was Ihr Partner gerade sieht. Wie sein Blick über Ihren Körper wandert, wie Sie selbst gerade zittern, stöhnen oder zusammenzucken. Und Sie selbst sehen Ihren eigenen begehrenden Blick. Die App „Glance“ für Google Glass soll das möglich machen. Dazu müssen nur beide Sexpartner eine Datenbrille tragen, das jeweilige Sichtfeld wird per Streaming auf die Brille des anderen übertragen. Außerdem gibt es Musikbegleitung und auf Wunsch Stellungstipps in Echtzeit. Und wer Lust auf Zuschauer hat, kann per Smart­phone auch noch einen Dritten zuschalten. Zugegeben, das klingt alles ziemlich krank. Die Kulturkritiker werden an „Glance“ ihre Freude haben: Das passende Sexspielzeug für die narzisstische Ego-Gesellschaft! Der Geschlechtsakt als perverser „Selfie“, natürlich zum Hochladen ins Netz. Die symbolische Botschaft ist klar: Der „Glance“-Nutzer treibt es nicht mit seinem Partner, sondern mit seiner Google-Brille. Man kann es allerdings auch anders sehen. Aus der Sicht des amerikanischen Philosophen Thomas Nagel hat sexuelles Verlangen mit wechselseitiger Wahrnehmung zu tun. Man fühlt sich von einer anderen Person erregt, zugleich spürt man das Begehren des anderen, was wiederum das eigene Begehren steigert, und so weiter; die gleiche „Erregungsspirale“ durchläuft auch der andere. Insofern bietet „Glance“ einen interessanten Perspektivenwechsel: Wie erlebt mich mein Sexpartner aus seiner Sicht? Und erregt es mich, zu sehen, wie mein Partner mich erregt? Oder will man das gar nicht sehen? Auch wenn Sie diese Fragen unspannend oder verwirrend finden: „Google Glass“ wird unsere Wahrnehmung, unser Erleben der Welt verändern. Und zwar nicht nur im Bett. Die Welt mit den Augen eines anderen zu sehen – das ist ein interessantes, zutiefst philosophisches Experiment. Was denken Sie darüber?

thomas.vasek@profil.at