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Wissenschaft
08/10/2021

Das Klima und wir: Wie sich die Klimakrise ganz konkret auswirkt

Was haben ein türkischer Gastronom und ein burgenländischer Weinbauer gemeinsam? Fünf Betroffene aus aller Welt erzählen, wie sich der Klimawandel auf sie auswirkt.

von Joseph Gepp, Christina Hiptmayr, Clemens Neuhold, Franziska Tschinderle

SEBASTIAN HEINZEL, PAPIERINDUSTRIELLER, OBERÖSTERREICH

Wer heute Papier erzeugt, muss sich überlegen, wo übermorgen noch das passende Holz wächst - und die Fabriken langfristig stehen werden. "Die Hitze macht Bäume anfälliger für den Borkenkäfer. In Tschechien und Deutschland sterben ganze Landstriche ab." Sebastian Heinzel, 43, ist Chefstratege und Gesellschafter des Papierkonzerns Heinzel Group mit Werken in Oberösterreich, Bayern und Estland. Vor einigen Jahren arbeitete er als Journalist bei profil. Neben Holz verbraucht seine Branche große Mengen an Wasser, Chemikalien sowie Energie. Entsprechend teuer wird den Konzern jede Tonne CO2 bald zu stehen kommen, die in seinen Fabriken ausgestoßen wird. Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer muss Familienunternehmen wie die Heinzel Group im Sinn gehabt haben, als er jüngst vor überbordenden Umweltauflagen für den heimischen Wirtschaftsstandort warnte. "Wir dürfen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten", sagt Mahrer. Europa sei nur für acht Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich (bei 16 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung) und brauche deshalb nicht Musterschüler zu spielen. Heinzel stimmt nicht in das Lied mit ein. "Wir müssen Ernst machen mit dem Klimaschutz und sind weiterhin bereit, die nötigen Investitionen zu tragen. Der CO2-Ausstoß muss weiter deutlich runter: Das sind wir der nächsten Generation schuldig." Dass Heinzel wie ein Öko-Aktivist klingt, mag auch mit den überraschend positiven Nebenwirkungen zu tun haben, die das gestiegene Umweltbewusstsein auf sein Geschäft hat: Den Imagewandel von Papier als Holzfresser zum coolen Plastik-Ersatz. Der weltweite Trend "Raus aus Plastik" führe seit zwei Jahren zu einer deutlich steigenden Nachfrage nach Papierverpackung.

RIYA CHAKMA, STUDENTIN, RANGAMATI, BANGLADESCH

"Seit zwei Wochen regnet es jeden Tag 24 Stunden durch", sagt Riya Chakma. Die Studentin, 23, lebt in Rangamati, einer Stadt im Hochland von Bangladesch, rund 80 Kilometer von der Küste entfernt. Wenn der Regen die Bäume entwurzelt oder die Hänge zu rutschen beginnen, dann fällt der Strom aus und sie hat schlechtes Internet. Bangladesch ist besonders hart vom Klimawandel betroffen. Hochwasserereignisse häufen sich, dazu kommen Wirbelstürme. Vergangenes Jahr stand ein Drittel des Landes unter Wasser. Ganze Dörfer sind in den Fluten verschwunden, andere wurden von der Außenwelt abgeschnitten. Die Familie von Chakma hat ihr Haus auf einem Hügel gebaut und blieb von den Fluten verschont. Bangladesch ist einer der am dichtesten bevölkerten Staaten der Welt. Auf einem Gebiet etwa doppelt so groß wie Bayern leben 163 Millionen Menschen, mehr als in Russland. Mit der Flut müssen die Menschen noch näher zusammenrücken - oder die Flucht ins benachbarte Indien wagen. Experten gehen davon aus, dass zwei Drittel des Landes bis 2050 unbewohnbar werden. Auch Chittagong, die Küstenstadt, in der Riya Chakma studiert, ist von Überschwemmungen betroffen. "Dann steht uns das Wasser am Eingang der Universität bis zu den Knien", erzählt die Politik- und Wirtschaftsstudentin am Telefon. Der Klimawandel sei oft ein Thema in der Klasse: "Industriestaaten wie die USA oder China tragen stärker zur globalen Erderwärmung bei. Aber wir sind es, die darunter schon jetzt leiden. Das frustriert mich."

LEVENT AKBULUT, GASTRONOM, BODRUM, TÜRKEI

"Wir warteten auf Löschflugzeuge. Aber sie kamen nicht. Also fuhren wir zum Feuer und versuchten, es praktisch mit bloßen Händen zu stoppen. Wir hatten nur Schaufeln." Levent Akbulut betreibt einen Beach Club im Zentrum des türkischen Urlaubsortes Bodrum an der Ägäisküste. Als sich die erste Feuerwand dem Zentrum auf bis zu zehn Autominuten nähert, weiß er: Jetzt geht es um alles. Er teilt seine 30 Mitarbeiter zu Sonderschichten ein und muss sie nicht lange bitten. Es geht um ihre Existenz. "Wir haben drei Monate Zeit, um Geld fürs ganze Jahr zu verdienen", erzählt Akbulut stellvertretend für Millionen Türken, die vom Tourismus leben und die nun eine große Frage plagt: Wie geht das alles weiter mit den Feuern, der extremen Hitze, dem Klimawandel? Am Dienstag kommen Löschflugzeuge aus anderen Ländern. Auch das zweite Feuer ist unter Kontrolle. Die Lage nicht. Die Helfer und die evakuierten Menschen brauchen Wasser, Essen, Schlafplätze. Auch der Club muss nebenher weiterlaufen. Mittwochnachmittag ist Akbulut nur noch müde. Ein paar Stunden Schlaf. In der Nacht auf Donnerstag bricht das nächste Feuer aus, 45 Minuten entfernt. Dieses Mal ist der Wind der Stadt gnädiger. Er weht die Flammen weg. Der Tourismus hat sich nach der ersten Flucht vor dem Feuer gerade erst wieder erholt. Akbulut merkt es an den Reservierungen. Bleiben sie? Und wenn der Wind dreht? "Die Gäste sind gerade nicht mehr so entspannt wie vor den Feuern. Mir fallen ihre ängstlichen bis traurigen Blicke auf."

SOULEYMAN A., LANDWIRT, BURKINA FASO, WESTAFRIKA

Souleyman A.,35, Bewohner eines UNHCR-Flüchtlingscamps, trägt einen weißen Turban, sitzt vor einer schlammbraunen Wand und blickt in die Kamera eines Smartphones. Vor der Tür erstreckt sich das Lager mit 11.000 Menschen - Flüchtlinge aus dem benachbarten Mali, einem von der globalen Klimaerwärmung am stärksten betroffenen Länder der Welt im Westen Afrikas. 80 Prozent der Bevölkerung leben von Landwirtschaft und Viehzucht. Bis vor wenigen Jahren war Souleyman einer von ihnen. "Wir hatten Felder, auf denen wir Sorghum Hirse anbauten",so der dreifache Familienvater zu profil. Aber weil der Regen ausblieb, wuchs nichts mehr. Sechs von acht Regionen waren von einer verheerenden Dürre betroffen, erzählt er. "Der Großteil unserer Schafe und Kühe ist gestorben, der Rest weggelaufen." Wegen der bewaffneten Aufstände war es unmöglich, die Herde suchen zu gehen. Klimawandel und Krieg - das hängt in Mali eng zusammen. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie des Stockholm International Peace Research Institute. Das Ergebnis: Wo Felder vertrocknen und Quellen versiegen, entzünden sich Kämpfe um Ressourcen. Wetterextreme heizen die Gewalt weiter an. "Ich kann erst dann zurück, wenn es Frieden gibt", sagt Souleyman, "und wieder Regen."

Lesen Sie mehr dazu in der aktuellen profil-Titelgeschichte "Klimarettung: Schaffen wir das noch?"

Die ganze Geschichte finden Sie in der profil-Ausgabe 32/2021 - hier als E-Paper.

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