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Wissenschaft
07/29/2020

"Das Lorenz-Böhler-Spital stirbt"

Harald Hertz war lange Jahre Leiter des Krankenhauses mit Weltruf, das nun umfassende Kompetenzen an das Krankenhaus Meidling abgeben soll. In profil erklärt er, warum diese Sparmaßnahme untragbar sei für die Patienten der Millionenstadt Wien.

von Franziska Dzugan

profil: Sie waren 18 Jahre lang Chef am Unfallkrankenhaus Lorenz Böhler. Sehen Sie, wie viele Kritiker auch, den "langsamen Tod" des Spitals heraufdräuen?

Hertz: Leider ja. Das Krankenhaus stirbt. Dabei ist es das führende Unfallspital Europas. Wir waren die Ersten, die einen modernen Schockraum hatten, in dem Schwerverletzten das Leben gerettet wird.

profil: Künftig soll das Krankenhaus Meidling für die Unfallchirurgie zuständig sein, das Unfallkrankenhaus Lorenz Böhler für Ambulanz und Nachsorge. Kann so eine Arbeitsteilung funktionieren?

Hertz: Nein. Wenn ein Verletzter in die Ambulanz kommt, müssen die Ärzte im Lorenz Böhler ihn künftig möglicherweise abweisen und weiter nach Meidling transportieren - ans andere Ende der Stadt.

profil: Wäre es eine Option, dass sich das Lorenz Böhler nur auf die Nachsorge spezialisiert?

Hertz: Ein Patient will doch von dem Arzt weiter betreut werden, der ihn operiert hat! Ihn kurz nach der OP in ein anderes Haus zu verlegen, ist vielleicht für die Finanzen des Betreibers, der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA),gut, für die Patienten ist es untragbar. Auch an das Verschleppen von Krankenhauskeimen muss man hier denken. Es ist mir unverständlich, warum man das Lorenz Böhler dermaßen amputieren will. Mir kommen die Tränen, wenn ich so etwas höre.

profil: Wie erklären Sie sich die Umverteilung der Kompetenzen nach Meidling?

Hertz: In Meidling gibt es ebenfalls Schockräume, die aber wenig ausgelastet waren. Zum Glück hat die Zahl der Schwerverletzten abgenommen. Die Gründe sind Geschwindigkeitsbeschränkungen, dichterer Verkehr, weniger Arbeitsunfälle wegen der Präventionsarbeit der AUVA. Das ist natürlich wunderbar. Für das nunmehrige Aushungern des Lorenz Böhler kann es nur finanzielle Gründe geben.

profil: Die Corona-Krise hat gezeigt, wie wichtig Spitalsbetten sind, auch wenn sie teuer sind.

Hertz: Das Lorenz Böhler war die ganze Zeit hindurch coronafrei. Dort konnte operiert werden. Das ist unbezahlbar. Es ist keine gute Idee, dem Haus nun die Hälfte der Anästhesisten zu streichen.

profil: Die Mitarbeiter sollen künftig zwischen den beiden Häusern alle drei Monate rotieren. Die Belegschaft wehrt sich. Zu Recht?

Hertz: Absolut. Stellen Sie sich vor, Sie sind gut eingearbeitet, mit allen Abläufen und Kollegen vertraut. Es gibt eingespielte Teams. Dann müssen Sie in ein völlig anderes System wechseln, sich umstellen, einarbeiten, bevor Sie wieder ins alte System wechseln. Wir haben das in meiner Zeit einmal auf Wunsch der Mitarbeiter ausprobiert. Es hat nicht funktioniert.

profil: Warum nicht?

Hertz: Wir haben einige Kollegen nach Meidling geschickt, weil es dort Spezialisten für die Wirbelsäule gab. Umgekehrt kamen Ärzte wegen unserer Kompetenzen beim Knie zu uns. Zum kurzfristigen Lernen war das wunderbar, auf längere Sicht erwies es sich aus den genannten Gründen als nicht sinnvoll.

profil: Rudolf Silvan, SPÖ-Mandatar und Mitglied des Verwaltungsrats der AUVA, hat die Online-Petition "Rettet das Lorenz-Böhler-Unfallkrankenhaus" ins Leben gerufen. Werden Sie unterschreiben?

Hertz: Natürlich. Ich glaube aber nicht, dass das etwas bringt. Hier hilft nur noch die Politik. Die Stadt Wien müsste ein Veto einlegen.

profil: Danach sieht es nicht aus. Gesundheitsstadtrat Peter Hacker hat sich für die Zusammenlegung ausgesprochen.

Hertz: Mit dem langsamen Schließen des Lorenz Böhler tut man der Bevölkerung Wiens nichts Gutes. Stattdessen bräuchte das Lorenz Böhler engere Kooperationen, etwa mit der Klinik Donaustadt (früher SMZ Ost, Anm.).Das war lange geplant, wurde aber nie umgesetzt. Im Lorenz Böhler fehlen eine Neurochirurgie und eine Allgemeine Chirurgie. Man kann heute nicht mehr alle Unfallpatienten nur mit Unfallchirurgen versorgen. Das könnte man lösen, indem man bei schweren Fällen Spezialisten aus Donaustadt holt.


HARALD HERTZ, 70

Der Unfallchirurg war in den 1990er-Jahren Chef des Unfallkrankenhauses Salzburg, 1997 bis 2014 leitete er das Lorenz-Böhler-Spital in Wien-Brigittenau. Seit 2010 ist Hertz Chefarzt des Wiener Roten Kreuzes.