APTOPIX Cape Verde Hantavirus Ship
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APTOPIX Cape Verde Hantavirus Ship
Der Hantavirus-Krimi: Wie es zum Ausbruch an Bord kam
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Es war August, heiß und trocken. Erich Hohenberger verbrachte den Sommerurlaub mit seiner Familie in Kärnten. An einem Tag suchte Hohenberger, Bezirksvorsteher in Wien-Landstraße, in den Wäldern nach Pilzen. Nach dem Urlaub fühlte er sich zunächst gut, nahm noch an einem Fußballspiel in Purkersdorf teil.
Die ersten Beschwerden setzten zwölf Tage nach Ferienende ein. Es begann mit Fieber, zuerst 38 Grad, dann 40, dann 41 Grad. Hohenberger ging es so elend, dass er die Klinik Landstraße aufsuchte. Man nahm ihn sofort stationär auf. Zwei Tage später versetzten ihn die Ärzte in künstlichen Tiefschlaf, für eine ganze Woche. Drei Monate lang blieb der SPÖ-Politiker im Krankenhaus.
„Alle meine Organe waren kaputt“, erinnert sich Hohenberger an die kritische Zeit im Jahr 2003. Später erfuhr er, dass er zwei Tage lang in akuter Lebensgefahr geschwebt war. Während er im Koma lag, hätten die Mediziner, die seinen Tod befürchteten, „alle Hebel in Bewegung gesetzt, um herauszufinden, was ich eigentlich hatte“.
Erich Hohenberger
Der Bezirksvorsteher von Wien-Landstraße infizierte sich 2003 in Kärnten mit dem Hantavirus. „Alle meine Organe waren kaputt“, sagt Hohenberger heute. „Es ist ein heimtückisches Virus.“
Schließlich brachten Laboranalysen Gewissheit: Hohenberger hatte sich eine Infektion mit dem Hantavirus zugezogen, ziemlich sicher beim Sammeln von Pilzen. Typischer Ablauf einer Ansteckung: Beim Pflücken eines Pilzes wirbelt man trockene Erde auf, in der eine Rötelmaus ihre Exkremente hinterlassen hat. Eine kleine Staubwolke steigt auf, durchsetzt von infektiösen Kotpartikeln. Einige dieser Teilchen können dabei eingeatmet werden, und so gelangte das Virus wohl in Hohenbergers Nasenschleimhaut. „Es ist ein heimtückisches Virus“, befindet Hohenberger im Rückblick.
Seit einigen Tagen sorgen Hantaviren für weltweite Aufmerksamkeit. Vergangene Woche wurde bekannt, dass die Infektionskrankheit auf dem Kreuzfahrtschiff „MV Hondius“ ausgebrochen war. Drei Passagiere starben, ein Brite erkrankte schwer, vier weitere Personen eher leicht, darunter zwei Crewmitglieder. Bis Ende vergangener Woche wurden in drei Fällen Hantavirus-Infektionen bestätigt. Das Schiff der Reederei „Oceanwide Expedition“ lag zunächst bei Kap Verde und nahm anschließend Kurs auf die Kanaren, nach einer Reise, die im März im Süden Argentiniens begonnen hatte.
Ausbruch auf See
Was sich an Bord des Schiffes zutrug und wie es zu der Infektionskette kam, lässt sich derzeit nur vorläufig beantworten, auch wenn sich die Indizienkette allmählich verdichtet und ab Mitte der Woche Analysen Aufschluss über den wahrscheinlichen Verlauf brachten. „Auf jeden Fall handelt es sich um ein sehr ungewöhnliches Geschehen“, sagt der Wiener Virologe Norbert Nowotny, der sich seit Jahrzehnten mit zoonotischen Viren befasst: mit Erregern aus dem Tierreich, die unter bestimmten Umständen den Menschen erreichen.
Generell sind Hantaviren gut erforscht. Sie zählen zur Großgruppe der Bunyaviren und kommen weltweit vor. Je nach Region dominieren verschiedene Stämme dieser umhüllten, einsträngigen RNA-Viren, etwa das namensgebende Hantaan-Virus in Asien, benannt nach einem Fluss in Südkorea, weiters Virustypen wie Sin Nombre, Black Creek Canal und Bayou in den USA oder das Puumala- sowie das Dobrava-Belgrad-Virus in Europa. In Mitteleuropa und damit auch in Österreich ist nahezu ausschließlich das Puumala-Virus relevant, das besonders häufig in der Steiermark und in Kärnten vorkommt, obwohl es grundsätzlich im ganzen Land auftreten kann.
profil Nr. 28/2020 Wissenschaft Seite 46
© Walter Wobrazek
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Virologe Norbert Nowotny
„Auf jeden Fall handelt es sich um ein sehr ungewöhnliches Geschehen““, sagt Nowotny. Er befasst sich seit Jahrzehnten mit zoonotischen Erregern: mit Viren, die aus dem Tierreich auf den Menschen übergehen.
Im Jahresschnitt werden in Österreich um die 25 Fälle erfasst, wobei es starke Schwankungen gibt – von lediglich einigen Fällen bis zu mehr als 200 in manchen Jahren. Die Fallzahlen hängen von der jeweiligen Populationsgröße der Überträger ab: von der Dichte der Nagetiere, die wiederum mit dem saisonalen Nahrungsangebot korreliert.
Die Unterscheidung nach Virustypen und Weltregionen ist wichtig, denn abhängig davon variieren die Symptome, der Erkrankungsverlauf und die Bedrohlichkeit enorm. Während die Todesrate durch das bei uns verbreitete Puumala-Virus deutlich weniger als ein Prozent beträgt, sterben in den USA bis zu 40 Prozent der mit den dortigen Varianten Infizierten.
Tod eines Hollywood-Stars
Ein tragischer Fall war jener von Gene Hackman und seiner Frau Betsy Arakawa. Die Leichen des 95-jährigen Schauspielers und der 65-jährigen Pianistin waren im Februar 2025 aufgefunden worden. Eine Autopsie und Ermittlungen auf dem Grundstück in Santa Fe ergaben, dass Arakawa einer Hantavirus-Infektion erlegen war. Hackman starb erst zwei Wochen danach, vermutlich infolge seiner schweren Herzerkrankung.
48th Golden Globe Awards
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48th Golden Globe Awards
Gene Hackman, Betsy Arakawa
Die Leichen des Paars wurden im Februar 2025 auf ihrem Grundstück bei Santa Fe aufgefunden. Arakawa war einer Hantavirus-Infektion erlegen, Hackman seinem Herzleiden.
Dass die verschiedenen Virentypen über die Kontinente reisen, ist praktisch ausgeschlossen. Denn jeder Stamm sei „mit bestimmten Nagetieren assoziiert, die nur in der jeweiligen Region heimisch sind“, erklärt Nowotny. In Österreich ist das hauptsächlich die Rötelmaus, eine Wühlmausart, die sich vorwiegend in Wäldern und waldnahen Wiesen aufhält, jedoch eher selten in Gärten. In den USA, Südamerika oder Asien sind es andere Nagetierarten, die Hantaviren übertragen. Gemeinsam ist ihnen: Sie infizieren sich bei Artgenossen und tragen das Virus als „Reservoirwirt“ lebenslang in sich, ohne selbst zu erkranken.
Rötelmaus
Diese Wühlmausart ist in Österreich der wichtigste Überträger von Hantaviren. Hotspots sind vor allem Kärnten und die Steiermark.
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Rötelmaus
Diese Wühlmausart ist in Österreich der wichtigste Überträger von Hantaviren. Hotspots sind vor allem Kärnten und die Steiermark.
Menschen sind ein „Fehlwirt“ und stecken sich meist an Ausscheidungen der Nagetiere an: Kot oder Urin, sehr selten können auch Verletzungen durch Kratzer oder Bisse von Wühlmäusen Viren aus deren Speichel übertragen. Beschrieben sind auch Fälle, in denen kontaminierte Lebensmittel zu Infektionen führten. Die mit Abstand häufigste Übertragung ist jedoch jene über engetrockneten virushaltigen Kot oder Urin, die als Aerosole inhaliert werden – als Schwebeteilchen in der Luft. Zu den Opfern zählen daher oft Schwammerl- und Beerensucher, Jäger oder auch Jogger auf ihren Routen durch Wälder.
Eine weitere Ansteckungsquelle sind Almhütten oder Schuppen: Wird beim Frühjahrsputz darin fleißig gekehrt, können mit dem Staub virusbeladene Exkremente von Nagern aufgewirbelt und eingeatmet werden. Kot und Urin können relativ lange nach der Ausscheidung infektiös sein. Daher rät Nowotny, bei solchen Putzaktivitäten Handschuhe und die inzwischen wohlbekannte FFP2-Maske zu tragen. Sinnvoll sei auch, die Böden vorher ordentlich mit Wasser zu benetzen, weil dies den Staub binde.
Beschwerdefrei bis lebensbedrohlich
Es gibt im Wesentlichen zwei Arten von Gesundheitsfolgen. In Europa und Asien vorkommende Virustypen können neben Beschwerden wie hohem Fieber, Grippegefühl, Kopfschmerz und Übelkeit vor allem kleine Einblutungen in die Schleim- und Bindehäute und eine Schädigung der Niere verursachen. Dieses Symptombild heißt Hämorrhagisches Fieber mit renalem Syndrom (HFRS).
Ausmaß und Schwere dieser Erkrankung schwanken stark und hängen vom jeweiligen Patienten ab. Manche Infektionen verlaufen fast symptomfrei, während andere einen gravierenden Verlauf nehmen wie bei Erich Hohenberger. In seinem Fall war sechs Jahre nach dem Klinikaufenthalt sogar eine Nierentransplantation nötig – und er hatte, sagt er, enormes Glück, dass seine Frau ihm eine passende Niere spenden konnte.
Doch selbst wenn man nichts von der Infektion bemerkt, können Nierenwerte Aufschluss über eine zuvor durchgemachte Ansteckung geben, weiß Virologe Nowotny aus eigener Erfahrung. Bis heute seien bei ihm bestimmte Nierenparameter außer der Norm, was darauf hindeute, dass er sich das Virus einst bei Forschungstätigkeiten in den 1990er-Jahren zugezogen habe, ohne es damals zu realisieren.
Hantaviren
Das Bild zeigt den in den USA vorkommenden Stamm „Sin Nombre“. Einzelne Virustypen treten nur in bestimmten Regionen auf, abhängig von den Überträgern.
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Hantaviren
Das Bild zeigt den in den USA vorkommenden Stamm „Sin Nombre“. Einzelne Virustypen treten nur in bestimmten Regionen auf, abhängig von den Überträgern.
Nord- und südamerikanische Hantaviren hingegen greifen besonders die Lunge an. Dieses Hantavirus-Kardiopulmonale Syndrom (HCPS) geht ebenfalls mit Fieber, Schüttelfrost und Übelkeit einher, es gibt jedoch keine Blutungen. Dafür entwickeln viele Erkrankte Husten, Atemnot, Wassereinlagerungen in der Lunge und Lungenentzündungen. In diesen Fällen liegt die Todesrate deutlich höher: bei 25 bis zu 40 Prozent.
Für sämtliche Formen gilt: Behandeln lassen sich Erkrankungen nur symptomatisch, doch es gibt keine spezifische Therapie und keine Impfung gegen das Hantavirus.
Welcher Virusstamm an Bord der MV Hondius gelangte, scheint inzwischen geklärt. Das Ergebnis der Analysen, die heute flott mit Polymerase-Chain-Reaction (PCR) oder genetischer Sequenzierung des Virus- Genoms durchführbar sind, passt auch zu anderen Erkenntnissen darüber, was sich während der Schiffsreise zugetragen haben dürfte.
Chronik der Ereignisse
Die Reise begann im März im Süden Argentiniens, wo die Urlauber Gelegenheit zu Wildtierbeobachtungen hatten. Am 1. April legte das Schiff von Ushuaia in Argentinien ab, nach einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO mit 88 Passagieren und 59 Besatzungsmitgliedern an Bord, insgesamt Personen aus 23 Nationen. Die Route schloss eine Reihe von Stopps in entlegenen und ökologisch vielfältigen Destinationen ein.
Fall eins war ein 70-jähriger Niederländer. Am 6. April klagte er über Fieber, Durchfall und Kopfschmerzen. Fünf Tage später verschlechterte sich sein Zustand dramatisch, der Mann bekam kaum mehr Luft. Er starb noch am selben Tag. Fall zwei war seine Frau: Erst fast zwei Wochen später setzten ihre Beschwerden ein. Man brachte sie von Bord und flog sie von der Insel St. Helena zur Behandlung nach Johannesburg. Noch während des Flugs ging es mit ihrer Gesundheit rapide bergab. Die 69-Jährige starb am 26. April in der Notaufnahme.
Kreuzfahrtschiff MV Hondius
Die Fahrt begann im Süden Argentiniens. Dort kommt auch jener Hantavirustyp vor, der in seltenen Fällen von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.
© AFP/APA/AFP
Kreuzfahrtschiff MV Hondius
Die Fahrt begann im Süden Argentiniens. Dort kommt auch jener Hantavirustyp vor, der in seltenen Fällen von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.
Ein drittes Todesopfer stammte aus Deutschland. Nach einer Lungenentzündung trat der Tod bei der Frau am 2. Mai ein. Fünf weitere Personen erkrankten unterschiedlich schwer: Darunter waren ein Schweizer sowie in britischer Arzt, mit Symptomen einer Lungenentzündung nach Südafrika evakuiert wurde, wobei sich der Zustand des 56-Jährigen Mitte voriger Woche stabilisierte. Zwei Crew-Mitglieder litten hingegen unter leichten Beschwerden.
Eine dichte Indizienkette
Dass der Übeltäter ein Virustyp des amerikanischen Kontinents gewesen sein muss, ist allein aufgrund der schweren Lungensymptomatik evident. Aber woher kam das Virus? Von Landgängen? Waren Nagetiere an Bord? Ist kontaminiertes Essen Schuld? Die letzten beiden Varianten lassen sich ziemlich sicher ausschließen: An Bord eines Schiffes kann es gelegentlich Ratten oder klassische Hausmäuse geben. Letztere übertragen praktisch nie Hantaviren, Ratten zwar den Hantaan-Stamm, der aber nicht die Lunge angreift. Für Nager wie Wühlmäuse dagegen ist ein Schiff ein unwirtlicher Ort. Sind keine problematischen Nager an Bord, kann Essen auch nicht kontaminiert werden.
Also bleiben wohl die Landgänge, die, soweit bekannt, in exotische Gefilde führten. Aber ist es denkbar, dass sich alle Personen beim selben Ereignis infizierten? Die relativ langen Intervalle zwischen dem Symptombeginn der verschiedenen Personen sprechen nicht prinzipiell dagegen: Die Inkubationszeit beträgt, individuell sehr verschieden, drei Tage bis zu vier Wochen. Weniger wahrscheinlich mutet die These allerdings dadurch an, dass die Passagiere dasselbe Programm absolviert haben müssten wie die Besatzungsmitglieder – und dass letztere zusammen mit Touristen Wildtierexkursionen unternahmen, wäre eher nicht zu erwarten.
Es ist noch ein weiteres Szenario möglich. Es wäre extrem selten, könnte aber in diesem Fall nach gegenwärtiger Ansicht der WHO-Ermittler tatsächlich zutreffen: eine Übertragung von Mensch zu Mensch. Solch ein Transfer wird bei einem einzigen Hantavirusstamm vermutet: dem Andes-Typ. Und dieser ist in Südamerika nicht nur allgemein verbreitet, er wurde inzwischen auch in Proben von Patienten nachgewiesen.
Die Wanderung des Virus
Somit wäre folgende Verkettung von Umständen plausibel: Das niederländische Ehepaar infizierte sich in Argentinien mit dem Andes-Virustyp, etwa in einem Wildtierhabitat. An Bord erkrankte zuerst der Mann, der dann seine Frau ansteckte. Während der Schiffsreise reichten die beiden das Virus an andere Passagiere und Mitglieder der Crew weiter, wobei es zu sehr engem Kontakt zu anderen Personen gekommen sein muss, in welchen Situationen auch immer. Anders kann eine Übertragung nicht stattfinden.
Daher ist es auch unwahrscheinlich, dass von den infizierten Personen eine Gefahr ausgehen könnte, sobald sie in Teneriffa von Bord gehen und in medizinische Betreuung überstellt werden. Als dieser Plan bekannt wurde, äußerten Politiker der Kanaren umgehend Bedenken. Doch dass die Vorfälle auf der Hondius sich weiter ausbreitende humane Infektionsketten plötzlich in Gang setzen könnte, ist praktisch ausgeschlossen – vielmehr dürften sie ein Beleg dafür sein, dass selbst das unwahrscheinlichste Ereignis irgendwann eintritt, wenn in einem singulären Fall die Rahmenbedingungen gegeben sind.
Auch wer gerne Österreichs Wälder durchstreift, muss nicht ständig eine Ansteckung fürchten, sagt Virologe Nowotny. Allerdings schade es nicht, sich besonders in den heimischen Hotspots in der Steiermark oder Kärnten eines potenziellen Risikos bewusst zu sein – auch wenn Infektionen in unseren Breiten sehr selten so schwer verlaufen wie bei Erich Hohenberger.
Der Bezirksvorsteher ist froh, die gravierende Episode überstanden zu haben. Er könne sogar wieder Fußballspielen, sagt der bald 76-Jährige. Lotto spiele er hingegen nie. Denn seinen Sechser habe er bereits gezogen – in Form der Nierenspende seiner Frau.
Alwin Schönberger
leitet das Wissenschafts-Ressort.