mRNA Vaccine Vial For Cancer Immunotherapy On Blue Background
Bild anzeigen
Wählen Sie profil als bevorzugte Google-Quelle

Durchbruch in der Medizin: Die ersten Impfungen gegen Krebs

Personalisierte mRNA-Impfstoffe wirken sogar bei Krebsformen, die bisher ein Todesurteil bedeuteten. Wie die Krebs-Impfungen funktionieren und wann sie zugelassen werden könnten.

Drucken

Schriftgröße

Es war kein gutes Jahr für Barbara Brigham. 2020 starben ihre Mutter und ihr Mann nach langer Krankheit, dann erhielt auch sie eine deprimierende Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Immerhin in einem frühen Stadium entdeckt. Brigham, die damals 74 Jahre alt war und im Ruhestand in einer Bibliothek in Long Island, New York, arbeitete, suchte das Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York City auf und fragte nach ihren Chancen.

Der Krebsmediziner Vinod Balachandran unterbreitete ihr einen Vorschlag: Brigham komme als Kandidatin für eine Studie mit einem neuen Wirkstoff infrage: einer Krebsimpfung auf mRNA-Basis – jener Technologie, die als Grundlage der Covid-Impfstoffe weltweit Bekanntheit erlangte. Doch anders als Schutzimpfungen, die präventiv vor Viren schützen, richtet sich die therapeutische Impfung gegen Krebs gegen ein bereits manifestes Leiden.

Ein Porträt von Barbara Brigham, deren Bauchspeicheldrüsenkrebs mit einer mRNA-Impfung behandelt wurde.
Bild anzeigen

Brigham willigte ein, und umgehend begann die Herstellung einer für sie maßgefertigten Krebstherapie. Zunächst, im Herbst 2020, entfernten Chirurgen den Tumor operativ. Dann schnitten sie ein münzgroßes Stück heraus, froren es bei minus 80 Grad Celsius ein und konservierten es in Formalin. Die Gewebeprobe reiste anschließend ins deutsche Mainz: zum Biotechnologie-Start-up BioNTech, das – nur wenig später – den ersten Covid-Impfstoff vorstellen sollte und mit dem Balachandran bereits länger eine Forschungskooperation unterhielt.

Die Forschenden bei BioNTech unterzogen das Krebsgewebe einer genetischen Analyse und skizzierten auf dieser Basis den Bauplan für einen personalisierten Impfstoff mit der Bezeichnung „Autogene Cevumeran“ – präzise zugeschnitten auf Schlüsselstellen in Brighams Tumor. Diese Schlüsselstellen packte das Forschungsteam in einen Abschnitt messenger-Ribonukleinsäure (mRNA). Der Begriff „Messenger“ ist wörtlich zu verstehen: Es handelt sich um eine molekulare Botschaft, die die Körperzellen anweist, bestimmte Eiweißstoffe herzustellen: in diesem Fall Angriffsziele für das Immunsystem, sogenannte Neoantigene.

Der New Yorker Krebsmediziner Vinod Balachandran leitete die Krebsstudie, an der Patientin Brigham teilnahm
Bild anzeigen

Bis September 2021 erhielt die Patientin neun Injektionen mit dem Präparat, das ihr Immunsystem gegen neuerlich auftretende Krebszellen scharfstellen sollte. Zusätzlich bekam sie Chemo- sowie eine Dosis einer weiteren Immuntherapie. Alle drei Monate prüften die Mediziner mit CT-Aufnahmen, ob der Krebs zurückkehrte.

Das Ergebnis berichtete soeben das Wissenschaftsjournal „Scientific American“: Bis jetzt ist Brigham frei von Krebs, mehr als vier Jahre nach Beginn der Behandlung – so wie auch sechs weitere von insgesamt 16 Personen, die den Krebsimpfstoff im Rahmen der Studie erhalten hatten.

50 Prozent Erfolgsrate

Können sieben von 16 Personen, also knapp 50 Prozent, als Behandlungserfolg gelten? Es ist zumindest vorsichtiger Optimismus berechtigt:

Alwin Schönberger

Alwin Schönberger

leitet das Wissenschafts-Ressort.