Durchbruch in der Medizin: Die ersten Impfungen gegen Krebs
Personalisierte mRNA-Impfstoffe wirken sogar bei Krebsformen, die bisher ein Todesurteil bedeuteten. Wie die Krebs-Impfungen funktionieren und wann sie zugelassen werden könnten.
Es war kein gutes Jahr für Barbara Brigham. 2020 starben ihre Mutter und ihr Mann nach langer Krankheit, dann erhielt auch sie eine deprimierende Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Immerhin in einem frühen Stadium entdeckt. Brigham, die damals 74 Jahre alt war und im Ruhestand in einer Bibliothek in Long Island, New York, arbeitete, suchte das Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York City auf und fragte nach ihren Chancen.
Der Krebsmediziner Vinod Balachandran unterbreitete ihr einen Vorschlag: Brigham komme als Kandidatin für eine Studie mit einem neuen Wirkstoff infrage: einer Krebsimpfung auf mRNA-Basis – jener Technologie, die als Grundlage der Covid-Impfstoffe weltweit Bekanntheit erlangte. Doch anders als Schutzimpfungen, die präventiv vor Viren schützen, richtet sich die therapeutische Impfung gegen Krebs gegen ein bereits manifestes Leiden.
Die Pensionistin aus New York nahm an einer Studie mit einem der neuartigen mRNA-Impfstoffe teil. Vier Jahre später ist sie immer noch krebsfrei.
Brigham willigte ein, und umgehend begann die Herstellung einer für sie maßgefertigten Krebstherapie. Zunächst, im Herbst 2020, entfernten Chirurgen den Tumor operativ. Dann schnitten sie ein münzgroßes Stück heraus, froren es bei minus 80 Grad Celsius ein und konservierten es in Formalin. Die Gewebeprobe reiste anschließend ins deutsche Mainz: zum Biotechnologie-Start-up BioNTech, das – nur wenig später – den ersten Covid-Impfstoff vorstellen sollte und mit dem Balachandran bereits länger eine Forschungskooperation unterhielt.
Die Forschenden bei BioNTech unterzogen das Krebsgewebe einer genetischen Analyse und skizzierten auf dieser Basis den Bauplan für einen personalisierten Impfstoff mit der Bezeichnung „Autogene Cevumeran“ – präzise zugeschnitten auf Schlüsselstellen in Brighams Tumor. Diese Schlüsselstellen packte das Forschungsteam in einen Abschnitt messenger-Ribonukleinsäure (mRNA). Der Begriff „Messenger“ ist wörtlich zu verstehen: Es handelt sich um eine molekulare Botschaft, die die Körperzellen anweist, bestimmte Eiweißstoffe herzustellen: in diesem Fall Angriffsziele für das Immunsystem, sogenannte Neoantigene.
Der Arzt und Wissenschafter am Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York leitete die Studie, an der auch Barbara Brigham teilnahm.
Bis September 2021 erhielt die Patientin neun Injektionen mit dem Präparat, das ihr Immunsystem gegen neuerlich auftretende Krebszellen scharfstellen sollte. Zusätzlich bekam sie Chemo- sowie eine Dosis einer weiteren Immuntherapie. Alle drei Monate prüften die Mediziner mit CT-Aufnahmen, ob der Krebs zurückkehrte.
Das Ergebnis berichtete soeben das Wissenschaftsjournal „Scientific American“: Bis jetzt ist Brigham frei von Krebs, mehr als vier Jahre nach Beginn der Behandlung – so wie auch sechs weitere von insgesamt 16 Personen, die den Krebsimpfstoff im Rahmen der Studie erhalten hatten.
50 Prozent Erfolgsrate
Können sieben von 16 Personen, also knapp 50 Prozent, als Behandlungserfolg gelten? Es ist zumindest vorsichtiger Optimismus berechtigt:
Bauchspeicheldrüsenkrebs zählt zu den bedrohlichsten Krebsformen, bisher überlebten nur acht Prozent der Erkrankten die ersten fünf Jahre nach der Diagnose. Eine Steigerung der Überlebensrate auf fast 50 Prozent ist daher beachtlich.
Zugleich sind 16 Patientinnen und Patienten eine sehr kleine Gruppe, in der die Statistik durch Zufall und Glück verzerrt sein kann. Könnte Barbara Brigham schlicht zu jener Minderheit zählen, deren Organismus den Krebs ohnehin in Schach gehalten hätte?
Ausgeschlossen ist das nicht. Andererseits: Forschende, die nicht an der Studie beteiligt waren, werten das Resultat jedenfalls als „proof of concept“: als Beleg dafür, dass sich das Immunsystem gezielt gegen Krebszellen lenken lässt. Bei acht der 16 Personen löste die Impfung einen Anstieg von T-Lymphozyten aus, jenen Immunzellen, die Krebs attackieren – sogar in enormem Ausmaß um den Faktor 20.000. Dieser Immun-Boost traf auf sechs von sieben Patienten zu, die am Ende der Beobachtungszeit krebsfrei waren. Es ist somit sehr wahrscheinlich, dass tatsächlich die Impfung ursächlich für deren günstigen Verlauf war.
Das ist ein beeindruckendes Ergebnis. Was wir hier sehen, hat sicher Durchbruchspotenzial und könnte ein Gamechanger werden.
Johannes Zuber, Research Institute of Molecular Pathology (IMP)
„Das ist ein beeindruckendes Ergebnis. Es ist kaum anders erklärbar, als dass Wirksamkeit besteht“, sagt Johannes Zuber, der am Wiener Research Institute of Molecular Pathology (IMP) an zellulären Krebsimmuntherapien forscht und selbst in keine der laufenden mRNA-Studien eingebunden ist. „Was wir hier sehen, hat sicher Durchbruchspotenzial und könnte ein Gamechanger werden.“
Eine größere Phase-II-Studie mit rund 260 Teilnehmern in zehn Ländern soll nun prüfen, ob sich die ersten Ergebnisse erhärten lassen. Autogene Cevumeran ist aber längst nicht der einzige Krebsimpfstoff, der im Moment getestet wird. Andere Präparate sind sogar deutlich weiter gediehen und zeigen teils äußerst ermutigende Resultate. Laut „Scientific American“ laufen derzeit in den USA, Europa und Asien rund 50 klinische Studien, die mRNA-Impfungen gegen mehr als 20 Krebsarten erproben, darunter gegen Melanome, Darm-, Lungen-, Nieren- und Brustkrebs. Bereits in den nächsten zwei bis drei Jahren, so die Prognose, könnten die ersten Wirkstoffe zugelassen werden, spätestens aber Ende des Jahrzehnts.
Letzte Etappe vor der Zulassung
Einer der aussichtsreichsten Kandidaten stammt von Moderna in Cambridge, Massachusetts, dem zweiten Pionier im Bereich der mRNA-Impfstoffe. Moderna testet gerade ein Präparat namens mRNA-4157 (V940) gegen Melanome, die aggressivste Form von Hautkrebs. Eingeschlossen sind rund 1100 Patienten in einer Phase-III-Studie – der letzten Etappe vor einer möglichen Marktzulassung.
Bereits Phase II, durchgeführt an 157 Personen, war vielversprechend verlaufen. Einer der Patienten, die teilnahmen, ist der Lehrer und Musiker Steve Young, 53, aus dem britischen Hertfordshire. Im September 2023 war bei ihm ein mehr als vier Millimeter großes Melanom diagnostiziert worden. Auch in seinem Fall entfernten Mediziner den Krebs operativ und sequenzierten dessen DNA, bevor auf Grundlage der genetischen Analyse ein personalisierter Krebsimpfstoff hergestellt wurde.
Der britische Musiker erhielt ab April 2024 neun Injektionen mit einem neuen mRNA-Impfstoff gegen Hautkrebs.
Ab April 2024 erhielt Young am University College London Hospital einmal pro Monat eine Injektion, über einen Zeitraum von neun Monaten. Nach Abschluss der Therapie präsentierte er sich wohlauf in der Öffentlichkeit, trat mit King Charles vor die Presse und kündigte die Aufnahme eines neuen Albums an.
Insgesamt ergab die Studie ziemlich beeindruckende Ergebnisse, gemessen an der Letalität dieser Form von Hautkrebs: eine Halbierung der Rückfalls- und Todesrate im Vergleich zu konventionellen Therapien und eine Verminderung der Bildung von Metastasen um gut 60 Prozent. Dies sei eines der „aufregendsten Resultate, die wir seit langer Zeit gesehen haben“, meinte Studienleiterin Heather Shaw.
mRNA-4157 (V940) wird seit vergangenem Juni außerdem gegen Lungenkrebs getestet. Auch diese Studie befindet sich bereits in der fortgeschrittenen Phase III. 680 Patientinnen und Patienten erhalten den Impfstoff zusammen mit einem weiteren Immuntherapeutikum, einem sogenannten Checkpoint-Inhibitor namens Pembrolizumab.
Eine Vielzahl von Studien mit Krebs-Impfstoffen
Man könnte weitere Beispiele aufzählen: etwa eine kleine Studie am Dana-Farber Cancer Institute in Boston, Massachusetts, mit dem Impfstoffkandidaten NeoVax gegen Nierenzellkarzinome, wobei sämtliche neun teilnehmenden Personen auch nach drei Jahren tumorfrei blieben; oder eine große Initiative des britischen National Health Service mit dem Titel „NHS Cancer Vaccine Launch Pad“, die in den kommenden fünf Jahren bis zu 10.000 krebskranke Personen mit mRNA-Impfstoffen behandeln will.
In Summe bedeuten die Erkenntnisse der jüngsten Studien: Derzeit besteht reale Hoffnung, ein neues Kapitel der Krebstherapie aufzuschlagen, basierend auf einer innovativen Generation von Wirkstoffen, die verspricht, Tumore effektiver zu bekämpfen als bisher. Und das scheint nicht nur für einzelne Krebsformen zu gelten, sondern für eine ganze Reihe, darunter besonders gefährliche wie Bauchspeicheldrüsen-, Haut- und Lungenkrebs.
Das bedeutet gewiss nicht, dass die Welt kurz davor steht, Krebs zu besiegen oder dass die Krankheit ihren Schrecken bald verliert. Die aktuellen Ergebnisse könnten aber einen erheblichen Fortschritt beim Kampf gegen eine Plage anzeigen, bei der Erfolge in der Regel in wenigen Monaten gewonnener Lebenszeit gemessen wurden.
Wie aber funktionieren die Impfstoffe? Und welche Umstände führen zur Annahme, dass tatsächlich ein Paradigmenwechsel bevorsteht?
Traditionell gab es für jene gut 20 Millionen Menschen, die jährlich weltweit neu an Krebs erkranken (in Österreich sind es rund 50.000), drei Optionen: Operation, Chemo- und Strahlentherapie. Über die Zeit gelang es, die Therapien zu verbessern, doch zugleich sind sie sehr belastend, und bei manchen Krebsarten versagen sie nach wie vor weitgehend – vor allem bei vielen Formen von Lungen-, Darm- oder, wie bei Barbara Brigham, Bauchspeicheldrüsenkrebs. Schon länger versuchen Mediziner, alternativ oder ergänzend dazu das Immunsystem gegen den Krebs zu lenken. Schließlich ist es der Job der Körperabwehr, Schadstoffe aller Art aufzuspüren und zu vernichten.
Ein kniffliger Job für das Immunsystem
Das Immunsystem mit seiner Armee verschiedenster Zellen vollführt dabei permanent eine schwierige Gratwanderung: Es muss präzise erkennen, welche Stoffe es bekämpfen oder aber verschonen soll, und es muss zuverlässig zwischen „körperfremd“ und „körpereigen“ unterscheiden. Attackiert es Fremdsubstanzen nicht entschlossen genug, kapituliert der Körper vor Viren und sonstigen infektiösen Erregern. Feuert die Abwehr jedoch über Gebühr auf alles, was ihr in die Quere kommt, schädigt sie körpereigenes Gewebe – die Folge können Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder Multiple Sklerose sein.
Und Krebs? Die Krankheit ist eine Art Zwitter zwischen körpereigen und körperfremd. Sie entspringt körpereigenem Gewebe, in dem sich Zellen infolge einer kritischen Häufung genetischer Mutationen verändern und ein zügelloses Wachstum auf Kosten des übrigen Organismus betreiben – und so zur Bedrohung werden, obwohl sie dem Körper entstammen. Für das Immunsystem ist Krebs daher ein diffuses Ziel.
Noch dazu haben Krebszellen teuflische Strategien entwickelt, um die körpereigene Abwehr auszutricksen: Zum Beispiel bilden sie an ihrer Oberfläche Proteine aus, die typisch für gesunde Körperzellen sind und dem Immunsystem signalisieren: Alles okay, es gibt hier nichts zu sehen. Forschende wiesen sogar nach, dass Tumore Immunzellen, die sonst angreifen würden, manipulieren und für ihre Zwecke einspannen, um ihre Nährstoffversorgung zu verbessern. Tumore beherrschen die Kunst des Tarnens und Täuschens, um unter dem Radar des Immunsystems zu bleiben und ihre Bekämpfung zu vereiteln.
Meister des Tarnens und Täuschens
Dennoch gelang es in den vergangenen Jahrzehnten, Immuntherapien gegen Krebs zu entwickeln. Dazu zählen monoklonale Antikörper, CAR-T-Zellen und Checkpoint-Inhibitoren. Letztere sind jene Immunpräparate, die nun auch in Kombination mit den neuen Impfungen zum Einsatz kamen.
Checkpoint-Moleküle kann man sich als natürliche Bremse des Immunsystems vorstellen. Sie sollen verhindern, dass die T-Zellen der Abwehr (T steht für die Thymusdrüse, der diese Zellen entstammen) in einer überschießenden Reaktion körpereigenes Gewebe angreifen. Diesen sinnvollen Mechanismus nutzen aber auch Krebszellen aus, um den T-Zellen zu entgehen. Die Wirkstoffgruppe der Checkpoint-Inhibitoren zielt darauf ab, diese Bremse der Immunabwehr gleichsam zu lösen – und die T-Zellen in Alarmbereitschaft zu versetzen.
Krebs gleicht einer Armee von Feinden. Und einer nach dem anderen fällt inzwischen.
Johannes Zuber, Krebsforscher in Wien
In kleinen Schritten erzielte die Medizin mit Immuntherapien schon beachtliche Erfolge, teils sogar einzelne spektakuläre Ergebnisse, wie Johannes Zuber berichtet. Allerdings dürfe man sich Krebs nicht als einheitliche Krankheit vorstellen, sondern als Konglomerat verschiedener Formen, die sich nicht nur je nach betroffenem Organ unterscheiden, sondern innerhalb dessen noch in mannigfaltige Subtypen aufspalten. „Krebs gleicht einer Armee von Feinden“, sagt Zuber: „Und einer nach dem anderen fällt inzwischen.“
Habe man dem Gros der Betroffenen früher keinerlei Hoffnung machen können, sei man heute immer öfter in der Lage, Wirkstoffe anbieten zu können – zumindest Patienten mit speziellen Unterformen von Krebs, auch wenn dies bei gravierenden Arten wie Lungenkrebs nur für einige Prozent der Erkrankten eine Heilungsaussicht bedeute. Um beim Bild zu bleiben: Die Reihen der Feinde haben sich gelichtet, aber die Armee ist immer noch groß.
Ein zentrales Problem in all jenen Fällen, in denen bisherige Therapien versagen, ist, dass es nicht gelingt, dem Immunsystem ein klares Ziel zu präsentieren. Und an diesem Punkt kommen die neuen Krebsimpfungen ins Spiel. „Die Daten deuten darauf hin, dass mRNA die beste Option sein könnte, um Krebs mittels Immunmodulation zu bekämpfen“, so Zuber.
Eine Botschaft an die Proteinfabrik
Die Idee einer Krebsimpfung reicht Jahrzehnte zurück. In den 1970er-Jahren saß eine junge, aus Ungarn emigrierte Biochemikerin in ihrem Labor an der University of Pennsylvania und verbiss sich in ihre Vision. Katalin Karikó war überzeugt, dass mRNA ein Universalwerkzeug sein könnte, um zahlreiche Krankheiten zu bekämpfen. Es war ein naheliegender Gedanke, dem damals jedoch kaum jemand Beachtung schenkte. Doch Karikó erkannte das medizinische Potenzial der Tatsache, dass unser Körper mittels messenger-Ribonukleinsäure ständig Bauanleitungen für Proteine an die Körperzellen schickt – und zwar für sämtliche lebenswichtigen Stoffe.
Denn alles Leben ist Protein, ob Haut, Haare oder Muskeln. Die mRNA teilt unseren Zellen, den Proteinfabriken des Körpers, mit, welche Art von Eiweißstoffen sie anfertigen und dem Organismus zur Verfügung stellen sollen. mRNA ist gewissermaßen die Software des Lebens. Zugleich beruhen die meisten Krankheiten auf Proteinen, von den Ablagerungen an Nervenzellen bei Demenz bis zu Pollenkörnern, die Allergien auslösen. Und auch Krebszellen tragen verschiedenste Eiweißstoffe auf ihrer Oberfläche.
Die Biochemikerin aus Ungarn begann bereits in den 1970er-Jahren, mRNA zu erforschen – mit dem Hauptziel, neue Krebstherapien zu entwickeln. Inzwischen erhielt Kariko dafür den Nobelpreis.
Die Biochemikerin aus Ungarn begann bereits in den 1970er-Jahren, mRNA zu erforschen – mit dem Hauptziel, neue Krebstherapien zu entwickeln. Inzwischen erhielt Kariko dafür den Nobelpreis.
Karikós Ansatz war bestechend: Was wäre, wenn man gezielt eine mRNA-Botschaft verfassen könnte, die unsere Körperzellen beauftragt, selbst Wirkstoffe gegen Krankheiten herzustellen, also gleichsam eine körpereigene Apotheke konstruieren könnte? Es wäre nichts anderes, als sich für therapeutische Zwecke ein allgegenwärtiges Prinzip der Natur zunutze zu machen, auf dem die Existenz des Menschen ebenso beruht wie jene von Tieren und Pflanzen. „mRNA ist schlicht ein Molekül des Lebens“, sagt Zuber. „Wir nehmen es jeden Tag zu uns. Man kann sich gar nicht mRNA-frei ernähren.“
Von der plausiblen Idee zur praktischen Anwendung war es ein weiter Weg voller technischer Hürden. Karikó schuftete im Labor, und allmählich interessierten sich auch andere Forschende für das Thema. Es war eine kleine Gruppe von Leuten, die sich „mRNA-People“ nannten, einander alle kannten und außerhalb ihres Zirkels kaum wahrgenommen wurden. Dazu zählten Wissenschafter um Stephen Hoge, die später in den USA Moderna gründen sollten, genau wie das deutsche Forscherpaar Uğur Şahin und Özlem Türeci, die in Deutschland die mRNA-Technologie vorantrieben und 2008 das Start-up BioNTech ins Leben riefen.
Der Hauptfokus aller dieser Bestrebungen lag von Anfang an auf Impfstoffen gegen Krebs. Dann kam die Coronapandemie, und alles war anders.
Nobelpreise für die mRNA-Forschung
In Deutschland wie in den USA machten sich die mRNA-Forschenden im Jahr 2020 fast augenblicklich daran, Impfstoffe gegen das Coronavirus zu entwickeln. Das Prinzip war dasselbe: Nun ging es darum, eine mRNA-Botschaft zu formulieren, die den Körperzellen befiehlt, Schlüsselstellen des Virus herzustellen: Spike-Proteine, mit denen das Virus an menschliche Körperzellen andockt. In Impfstoffe verpackt, ließ sich das Immunsystem auf Basis der per Impfung verabreichten Spike-Proteine dazu erziehen, Abwehrkräfte gegen Coronaviren aufzubauen – ohne dass man, wie bei traditionellen Impfungen üblich, ganze Virusbestandteile injizieren musste.
Plötzlich war die mRNA-Technologie weltweit im Gespräch. Befürworter lobten ihre Eleganz und Effizienz, eine kleine Szene hartnäckiger Gegner schimpfte über brandgefährliches Teufelszeug, Katalin Karikó und ihr Forschungspartner Drew Weissman erhielten den Medizin-Nobelpreis, und an Start-ups wie BioNTech und Moderna floss stattliches Kapital, mit dem sie die Krebsforschung beschleunigten. Es war daher ziemlich erwartbar, dass Krebsimpfstoffe bald Gestalt annehmen würden – was nun in den vergangenen Monaten auch geschah.
Die beiden Forschenden gründeten in Deutschland BioNTech und begannen vor rund 20 Jahren damit, Impfstoffe gegen Krebs zu entwickeln.
Eine Krebsimpfung ist allerdings eine weitaus größere Herausforderung als eine gegen ein Virus. Letztere ist ein Standardprodukt, ein Vakzin gegen Krebs hingegen muss hochgradig personalisiert sein. Denn Tumorzellen verändern sich permanent. Sie mutieren unablässig, und zwar bei jedem Menschen anders – womit Krebszellen ein sehr bewegliches Ziel sind. Wegbereiter des mRNA-Verfahrens wie Moderna, BioNTech oder CureVac, ebenfalls ein deutsches Start-up, das kürzlich von BioNTech übernommen wurde, konzentrierten sich daher auf solche Mutationen, um maßgeschneiderte Therapien für einzelne Personen zu entwickeln.
Denn Krebszellen tragen infolge individueller Mutationen Molekülstrukturen an der Oberfläche, die man Neoantigene nennt und auf deren Erkennung sich das Immunsystem trainieren lässt.
Diese Zielerfassung soll die Impfung leisten. Daher muss zunächst der Tumor eines individuellen Patienten genetisch analysiert werden, um die konkreten Mutationen respektive Neoantigene darin aufzuspüren. Dies gilt als kniffligste Aufgabe. Denn setzt man auf ungeeignete Neoantigene, ist die Immunabwehr gleichsam blind. Welche dieser Moleküle man aussucht, hängt auch stark von der Krebsform ab. Hautkrebs beispielsweise ist extrem mutationsfreudig, ein einzelner Tumor kann bis zu 10.000 Neoantigen-Schnipsel an der Oberfläche tragen. Der Vorteil ist, dass dadurch eine große Auswahl an Zielen zur Verfügung steht. Doch welche in diesem Dschungel molekularer Marker sind die besten? Bauchspeicheldrüsenkrebs hingegen weist relativ wenige Mutationen auf, was die Suche zwar übersichtlicher macht – dafür aber das Arsenal an Angriffspunkten einschränkt.
Entscheidend für die Wirksamkeit der Krebsimpfungen ist somit die Wahl passender Neoantigene. Das sei so etwas wie der Heilige Gral dieser Impfstoffe, sagt Johannes Zuber. Mittlerweile helfen Computeralgorithmen und künstliche Intelligenz den Forschenden, auf Grundlage sequenzierten Tumorgewebes wichtige Mutationen und die bestgeeigneten Neoantigene zu identifizieren.
Der Rest der Herstellung ist dank moderner Molekularbiologie inzwischen – vergleichsweise – einfach: DNA-Analysen sind heute kostengünstig und eine Frage maximal weniger Tage, manche Institute dechiffrieren Erbgut binnen Stunden. Anschließend müssen die dabei ermittelten Neoantigene in einen mRNA-Strang integriert werden, was heute vielfach automatisiert geschieht: Neoantigen für Neoantigen wird derart die molekulare Botschaft an die Körperzellen buchstabiert. In kleine Fettkügelchen verpackt, ist dies das Herzstück der Impfung, die die Körperzellen anleitet, T-Zellen herzustellen, die wiederum exakt auf die tumorspezifischen Neoantigene des individuellen Patienten abgestimmt sind.
Bei Barbara Brigham und den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Studie, die auf den BioNTech-Impfstoff Autogene Cevumeran ansprachen, dürfte die Strategie geklappt haben: Die Zahl der T-Zellen gegen deren jeweilige Tumor-Neoantigene wuchs enorm: Vor Beginn der Behandlung zirkulierte im Blut unter 500.000 Immunzellen nur eine einzige derart spezialisierte T-Zelle, nach der Impfserie war es eine unter 20 bis eine unter 50.
Ein Boost für das Immunsystem
Ähnlich vielversprechend sind die Zwischenergebnisse mit dem Moderna-Impfstoff gegen Melanome, die zeigen, dass sich das Rückfallrisiko halbieren lässt – bei einer Krebsart, die bisher meist ein Todesurteil bedeutete. Bis zu 34 Neoantigene enthielten die Vakzine für Patienten wie Steve Young, gegen 15 bis 20 dieser Merkmale stellte sich eine starke Antwort der T-Zellen ein. Das seien „riesige Schritte vorwärts“, zitierte das Wissenschaftsjournal „Spektrum der Wissenschaft“ den deutschen Krebsmediziner Niels Halama, die Resultate seien „sehr bedeutsam“. Die größte Hürde für weitere Fortschritte ist in den USA wohl die Trump-Administration, die die mRNA-Forschung zuletzt buchstäblich in Trümmer geschlagen hat.
Eine Vielzahl weiterer Impfstoffe ist freilich in der Pipeline: In einer Phase-II-Studie testet BioNTech Autogene Cevumeran derzeit auch gegen Darmkrebs, Moderna erprobt ihr Vakzin mRNA-4157 gegen sogenannte nicht kleinzellige Lungenkarzinome, Nieren- und Blasenkrebs. Und die Duke University in Durham, North Carolina, arbeitet daran, Impfstoffe gegen bestimmte Formen von Brustkrebs zu entwickeln, die 20 bis 30 Prozent der Patientinnen betreffen. Daten über Erfolgsraten aus diesen Studien liegen derzeit noch nicht vor.
Angriff an zwei Fronten
Die meisten von ihnen kombinieren, um die Effektivität zu erhöhen, Impfstoffe mit Checkpoint-Inhibitoren wie Pembrolizumab. Die Forschenden trachten derart danach, Krebs von zwei Seiten zu attackieren: Die Impfungen sollen das Immunsystem gezielt gegen Krebszellen lenken, zugleich will man jene Bremsen der Abwehr lösen, die Tumore missbrauchen, um ihrer Zerstörung zu entgehen.
Trotz aller Zwischenerfolge gibt es auch Einschränkungen. So funktionieren die neuen Waffen kaum bei größeren, soliden Tumoren – vermutlich, weil Immunzellen keinen Zugang finden, wenn sie mit zu einer gewissen Größe herangewachsenen Gewebeklumpen konfrontiert sind. Weiters stehen die Chancen zwar gut, wenn Krebs in einem relativ frühen Stadium entdeckt wird, aber deutlich schlechter, wenn er schon fortgeschritten ist oder gestreut hat. Denn dann treten viele zusätzliche Mutationen auf, die sich kaum mehr beim Design eines Impfstoffs abdecken lassen.
Auch der Zeitfaktor könnte eine Rolle spielen: Zwar gelingt die Herstellung personalisierter Impfstoffe heute in wenigen Wochen. Für manche Patienten kann das trotzdem zu viel Zeitverlust sein. Außerdem stellen sich rechtliche Fragen: Wie lässt man eine Therapie zu, die es genau einmal gibt, in der Größenordnung einiger Milliliter, für exakt einen Patienten?
Eine neue Ära der Krebsmedizin
Nicht zuletzt deshalb forscht beispielsweise BioNTech zusätzlich an einer zweiten Klasse von Krebsimpfstoffen, die nicht personalisiert sind, sondern eine gewisse Zahl ausgewählter Neoantigene enthalten, die bei bestimmten Krebsformen gehäuft auftreten, teils bei 90 Prozent aller Patienten. Im Moment laufen Phase-II-Studien mit solchen „Off-the-shelf-Präparaten“ gegen fortgeschrittene Melanome, nicht-kleinzellige Lungenkarzinome sowie Krebsarten, die den Kopf-, Hals- und Mundbereich betreffen. Ein Vorteil dieser Präparate ist auch, dass dafür nicht nur Patienten infrage kommen, die sich einer Operation unterzogen haben.
Wie auch immer sie aussehen werden – schon die bisherigen Resultate sind trotz aller Relativierungen beeindruckend und könnten tatsächlich eine neue Ära der Krebstherapie einläuten: bei besonders aggressiven Tumoren 50 Prozent krebsfreies Überleben nach mehr als vier Jahren; Halbierung der Rückfallwahrscheinlichkeit; mehr als 60 Prozent Rückgang der Metastasenbildung bei Hautkrebs.
Und wie auch immer sich die Situation bei Barbara Brigham und Steve Young weiter entwickelt – Fakt ist, dass sie bereits Jahre an Lebenszeit gewonnen haben, die ihren Leidensgenossen früher nicht vergönnt war. Young spielte in dieser Zeit Konzerte in Camden im Norden Londons, trat zusammen mit Nik Kershaw auf und stellte ein neues Album mit dem Titel „Famous For A Day“ vor.
Barbara Brigham, mittlerweile 79, erlebte in den vergangenen Jahren mit, wie ein Enkel das College abschloss und heiratete, ein weiterer Enkel sein Studium beendete und ein drittes Enkelkind zur Welt kam. Sie besuchte Dutzende von Basketball- und Volleyballspielen und trifft sich einmal wöchentlich mit einer Runde von Freunden. Ihr Motto, erzählte sie „Scientific American“, sei: „Jeden Tag ein kleines Abenteuer.“