Geht nicht Lungenkrebs generell zurück?
Schernhammer
Insgesamt ist das der Fall. Hineingezoomt in die jüngere Altersgruppe gibt es aber ein Segment mit einem Anstieg, das sind die 45- bis 49-Jährigen. Das könnte dafür sprechen, dass das die ausschleichende Generation ist, die noch relativ viel geraucht hat. Relevant ist sonst sicher Dickdarmkrebs, auch Eierstockkrebs bei den 20- bis 29-Jährigen. Hier zeigen die Zeitreihen einen Anstieg im Vergleich zu früher.
Es wäre aber eine Fehlannahme zu glauben, dass heute jüngere Personen öfter Krebs bekommen als ältere. Die Mehrzahl aller Krebsfälle entfällt auf ältere Menschen, oder?
Schernhammer
Daran hat sich nichts geändert. Was man außerdem nicht vergessen darf: Wir reden teilweise von recht seltenen Krebserkrankungen. Wenn wir in einem kleinen Land wie Österreich seltene Krebserkrankungen untersuchen, noch dazu bei jungen Leuten, stehen Trends oft auf wackeligen Beinen. In den jüngeren Altersgruppen geht es manchmal um einige wenige Fälle pro Jahr. Wenn sich da ein wenig verändert, schaut es schnell nach einem starken Ausschlag aus.
Welche Krebsformen betrifft das zum Beispiel?
Schernhammer
Bauchspeicheldrüsenkrebs zum Beispiel oder auch Magenkrebs. Das sind keine häufigen Krebsformen. Wenn ich die Zahlen bei den 20- bis 24-Jährigen erhebe, sind es einige wenige Fälle. Da ist es hilfreich, international zu vergleichen und zu schauen, ob es übereinstimmende Entwicklungen gibt.
Sollte man Krebs-Screenings auf jüngere Personengruppen ausdehnen?
Schernhammer
Es sind vielfach so seltene Erkrankungen, dass ein breites Bevölkerungs-Screening nicht zielführend ist. Es wird eher darum gehen herauszufinden, was die Risikofaktoren sind. Dann kann man die Risikogruppen bei den Jüngeren einengen und eventuell bei ihnen mehr screenen.
Wenn bestimmte Krebsformen so selten sind, fragt man sich, wie relevant die Daten überhaupt sind.
Schernhammer
Sie sind in mehrfacher Hinsicht relevant für die Jüngeren. Gerade ist Tatiana Schlossberg (die Enkelin von John F. Kennedy war 35 Jahre alt, Anm.) an Krebs gestorben, Krebs bei jüngeren Menschen macht eindeutig Schlagzeilen. Das Thema rechtfertigt sicher, darüber zu berichten. Global betrachtet, tritt bei ungefähr einer Million Menschen unter 30 Jahren Krebs auf, das ist schon eine beachtliche Zahl. Und die Zahl der Neuerkrankungen bei den unter 50-Jährigen hat seit den 1990er-Jahren um rund 80 Prozent zugenommen. Das interessiert junge Leute sicherlich, die ja noch dazu heute oft besonders gesundheitsbewusst sind.
Was sind die Erklärungen für diese Entwicklung?
Schernhammer
Übergewicht ist sicher einer der Hauptpunkte, hier gibt es den Zusammenhang mit Entzündungen im Körper. Relevant sind natürlich auch zu wenig Bewegung und übermäßiger Alkoholkonsum.
Wird heute nicht weniger getrunken als früher?
Schernhammer
Ja, das stimmt schon. Aber das Desinteresse an Alkohol ist ein relatives rezentes Phänomen und wir reden von unter 50-Jährigen. Vermutlich spielt Alkohol bei den Älteren dieser Gruppe noch eine etwas größere Rolle. Was auch nicht unplausibel ist, sind Zusammenhänge mit dem Mikrobiom. Gerade in den 1990er-Jahren sind Antibiotika sehr häufig und mitunter ohne ausreichende Abwägung verschrieben worden. Antibiotika können die Darmflora stören. Ebenso gibt es die Theorie über Zusammenhänge mit Kaiserschnitten, die sich ebenfalls durch Einflüsse aufs Mikrobiom erklären. Dazu passt auch Colibactin.
Was ist das?
Schernhammer
Eine Substanz, die von E.-coli-Bakterien produziert wird und häufiger vorkommt, wenn die Leute Antibiotika genommen haben oder durch Kaiserschnitt geboren wurden. Natürlich ist auch die Ernährung wesentlich, zum Beispiel ultraverarbeitete Lebensmittel und zu wenig Ballaststoffe. Gerade bei Dickdarmkrebs spielen diese Umstände eine Rolle.
Studien zeigen, dass Österreich beim Gesundheitsbewusstsein keinen Vorbildcharakter hat.
Schernhammer
Man könnte sicher darauf hinweisen, dass wir in Österreich schlechter unterwegs sind bei manchen Faktoren: beim Rauchen oder auch bei den HPV-Impfquoten, die wiederum die Häufigkeit von Cervix-Karzinomen beeinflussen. Die Krebsraten gehen hier zwar zurück, aber wir haben im Europavergleich trotzdem eine relativ schlechte Durchimpfungsrate. Neue Studien zeigen übrigens, dass offenbar bereits eine einzige Impfung genügt. Es müssen also nicht zwei sein. Dieses Wissen reduziert vielleicht die Barriere.