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Wissenschaft
06/02/2021

Hirnforscher Haynes: „Geheime Gedanken gibt es nicht“

Hirnforscher John-Dylan Haynes erklärt, wie man per Gehirnscan Terroristen auf die Spur kommt und warum wir Handys nie mit dem Gedächtnis steuern werden.

von Franziska Dzugan

profil: Können Sie Gedanken lesen?

Haynes: Viele Menschen glauben, in ihrem Kopf ein geheimes Kämmerchen zu haben, in das niemand von außen sehen kann. Darin verstecken sie zum Beispiel den Neid auf den erfolgreicheren Kollegen oder die Eifersucht auf einen Nebenbuhler. Tatsächlich kann man solchen Gedanken sehr wohl auf die Spur kommen, indem man jemanden in einem Kernspintomografen untersucht.

profil: Wie geht das?

Haynes: Man muss wissen, wonach man sucht. Jedes Gehirn hat quasi eine individuelle Sprache, die der Computer verstehen lernen muss. Wenn ich und Sie neidisch sind, sehen die Muster in unseren Gehirnen zwar ähnlich aus, aber nicht identisch. Trainiere ich also den Computer auf das Muster Ihres Neides und zeige Ihnen dann Bilder von Ihren Kollegen, kann ich erkennen, auf wen Sie neidisch sind. Man kann übrigens nicht nur Gefühle lesen, sondern auch sprachliche Gedanken, visuelle Erlebnisse oder Erinnerungen.

profil: Was ist mit politischen Einstellungen?

Haynes: Auch das ist möglich. Wir zeigten Probanden Politikerfotos und Logos von CDU und SPD. Wir konnten sowohl ablesen, ob jemand eine bestimmte Partei mochte, einen bestimmten Politiker oder beide. Wir hatten eine Trefferquote von etwa 80 Prozent, das ließe sich aber noch steigern.

profil: Wäre es da nicht einfacher, die Facebook- und Twitterprofile eines Menschen auszuwerten?

Haynes: Durchaus. Wer aber in einem Land lebt, das seine Bürger über die sozialen Medien kontrolliert, der wird seine politische Einstellung im Internet verschleiern. Viel schwerer kann man steuern, wie man auf gewisse Bilder reagiert.

profil: Wird das Auslesen von politischen Einstellungen aus Hirnscans in autoritären Staaten schon praktiziert?

Haynes: Noch ist die Technik für eine breite Anwendung nicht weit genug. Aber wenn sich jemand wirklich bemüht, egal ob ein Staat oder ein Unternehmen, könnte er das durchaus in ein paar Jahren schaffen.

profil: Könnte man jemanden auch ohne sein Wissen überprüfen?

Haynes: Das funktioniert nicht heimlich, etwa im Schlaf, da man dazu ja im Hirnscanner liegen müsste. Das ist wirklich sehr laut. Aber man könnte als Machthaber zum Beispiel alle Regierungsmitglieder eines Regimes zum Hirnscan verpflichten.

"Es ist auch in Demokratien enorm wichtig, möglichst bald Regeln einzuführen"

profil: Kann die Technik auch in Demokratien zum Problem werden?

Haynes: Es ist auch in Demokratien enorm wichtig, möglichst bald Regeln einzuführen. Ein Beispiel: Als in den 1970er-Jahren die Lügendetektortests aufkamen, wurden sie in den USA in Unternehmen breitflächig eingesetzt, etwa wenn etwas gestohlen worden war. Betroffene Mitarbeiter wurden einfach entlassen, obwohl die Polygrafen nicht ausgereift waren. Schließlich wurde das verboten. Von den Nachrichtendiensten CIA, Militär und FBI werden Lügendetektoren aber durchaus verwendet, es gibt sogar eigene Kongresse dafür.

profil: Wie gut funktionieren Lügendetektoren wirklich?

Haynes: Ein klassischer Polygraf misst Atemfrequenz, Hautwiderstand, Herzfrequenz und errechnet daraus einen Erregungszustand. Dieses System kann man überlisten. Ein beliebter Trick ist, das Erregungslevel nach oben zu treiben, indem man seine Zehen in den Schuhen anspannt. So kann man verhindern, gelesen zu werden. Die Gegenmaßnahme sind Fußmatten mit Sensoren, die heute zum Standardequipment gehören. Menschen mit antisozialen Persönlichkeitsstörungen sind oft emotional verflacht und können einen Polygrafen ebenfalls austricksen.

profil: Also ist es sinnvoller, direkt im Gehirn nachzusehen, wo die Lüge produziert wird?

Haynes: Genau. Aber unsere Verfahren sind heute noch nicht so weit, dass man das zweifelsfrei machen könnte. Das muss man ganz ehrlich so sagen.

profil: Könnte man in Zukunft Attentate wie jenes vom 11. September 2001 verhindern, indem man Menschen am Flughafen einem Hirnscan unterzieht?

Haynes: Davon sind wir sehr weit entfernt. Aber es gibt Studien in diese Richtung. Ein Computer kann die Sprache eines Gehirns lernen, ohne jedes kleinste Detail zu kennen - ähnlich wie beim Lernen einer fremden Sprache. Das bei jedem Fluggast oder auch nur bei Verdächtigen zu machen, ist illusorisch.

profil: Sie machten eine erstaunliche Entdeckung bei Experimenten mit Liebespaaren. Was hat Sie so überrascht?

Haynes: Wir wissen, dass sich Liebespaare besonders gut in die Stimmung des anderen einfühlen können. Wir wollten herausfinden, ob sich Gefühle von Gehirn zu Gehirn übertragen lassen. Wir wiesen also einen Partner an, möglichst traurig oder fröhlich in eine Videokamera zu blicken. Der andere lag im Kernspintomografen und bekam die Aufgabe, sich in das Gefühl des anderen hineinzuversetzen. Das funktionierte so gut, dass wir das übertragene Gefühl im Hirnscan deutlich sehen konnten.

profil: Kann man ein Gefühl einer bestimmten Hirnregion zuordnen?

Haynes: Man dachte lange, dass es "emotionale Zentren" im Gehirn gibt, etwa die Amygdala für die Angst oder die Insula für den Ekel. Tatsächlich ist inzwischen klar, dass Gefühle ebenso wie Gedanken weit über das Gehirn verteilt sind.

profil: Im Hollywoodfilm "Minority Report" wird ein Ehemann festgenommen, als er gerade mit dem Messer ausholt, um seine Frau zu ermorden. Wird man irgendwann Straftaten verhindern können, bevor sie passieren?

Haynes: Auch davon ist man sehr weit entfernt. Man kann bereits gewisse Grundtendenzen der Persönlichkeit erkennen, die auf eine Neigung zu Straftaten hinweisen können, wie etwa eine antisoziale Persönlichkeitsstörung. Konkrete Handlungspläne auszulesen, ist unmöglich, ebenso wie zu erkennen, ob Sie nur eine Gewaltfantasie haben oder ob Sie diese tatsächlich umsetzen wollen.

profil: Könnte man einem Verdächtigen Bilder von einem Tatort zeigen und im Hirnscan feststellen, ob er dort war?

Haynes: Das ist eine Technik, die deutlich näher liegt als Gewaltprävention durch Hirnscans. Denn das Gehirn sendet bei räumlicher Wiedererkennung sehr spezifische Signale. Aber der Teufel steckt im Detail. Für eine Studie bat ich meine Mitarbeiter, ihre Wohnungen abzufotografieren. Wir wollten die Probanden in diese Wohnungen bringen, ihnen dann die Fotos im Tomografen zeigen und im Scan erkennen, ob sie dort waren oder nicht. Das Problem war: Die Mitarbeiter erkannten anhand der Fotos ihre eigenen Wohnungen selbst kaum. In Berlin hat jede zweite Wohnung Parkettböden, Stuckdecken und Billy-Regale von Ikea.

profil: Könnte man im Scan erkennen, ob jemand zu einem gewissen Zeitpunkt in der Wohnung war?

Haynes: Nein, und das ist das nächste Problem. Festzustellen, dass die Person irgendwann einmal in den Räumlichkeiten war, beweist noch gar nichts.

profil: Es gab Überlegungen, mit dieser Methode festzustellen, ob jemand in einem Terrorcamp der Al Kaida war. Wie realistisch ist das?

Haynes: Wenn es unverwechselbare Anhaltspunkte gibt, etwa ein bestimmtes Bild in den Räumlichkeiten, dann wäre das möglich. Der Computer muss nur erkennen, ob jemand etwas wiedererkennt oder nicht. Das ist relativ leicht.

profil: Kann man bei einem Hirnscan betrügen?

Haynes: Ja. Erstens, indem man sich im Scanner bewegt und kein scharfes Bild liefert. Damit kann man sich allerdings auch verdächtig machen. Zweitens kann man sich ablenken, indem man intensiv an etwas denkt, das einen emotional stark bewegt hat. Etwa an die Geburt des eigenen Kindes im Kreißsaal.

profil: Sind solche Ablenkungsmanöver zu verhindern?

Haynes: Ja. Man kann die Bilder vom Terrorcamp völlig unvermittelt einspielen, sodass sich die Person nicht darauf vorbereiten kann.

profil: Wird man demnächst das Handy per Gedanken steuern können?

Haynes: Hightech-Unternehmen wie Facebook versprechen das seit Langem, haben aber die Probleme unterschätzt. Im Alltag ist es viel leichter zu sagen: "Alexa, zeig mir den Weg zum Bahnhof!"

profil: Der berühmte Physiker Stephen Hawking, der sich durch seine ALS-Erkrankung am Ende gar nicht mehr bewegen konnte, probierte die Gedankensteuerung aus.

Haynes: Er versuchte es mit einer Hirnsteuerung, entschied sich aber stattdessen für Sensoren, die die Bewegungen seines letzten beweglichen Muskels in der Wange ablasen. Damit steuerte er seinen Sprachcomputer. Das war ganz schön mühselig.

profil: Hätte er sonst eine Haube mit EEG-Sonden tragen müssen?

Haynes: Ja, Gedanken steuern funktioniert nur so oder über implantierte Chips direkt im Gehirn. Damit kann man schon heute eine Armprothese oder einen Rollstuhl in Echtzeit bewegen. Aber auch hier gilt: Wer noch Nervenreste im Stumpf hat, kann diese zum Steuern der Prothese verwenden. Das ist schonender, als ein Hirnimplantat einzupflanzen.

profil: Wie gut funktionieren Hirnimplantate bei Parkinsonpatienten?

Haynes: Durch die Krankheit wird in den Basalganglien des Gehirns zu wenig Dopamin produziert. Das führt dazu, dass es Patienten schwerfällt, eine Bewegung zu zünden. Die Elektroden stimulieren lokale Netzwerke, was sensationelle Erfolge bringt. Die Patienten kommen wieder vom Fleck.

"Musk müsste also Tausende Elektroden implantieren, was vollkommen undenkbar ist"

profil: Elon Musk stellte vergangenen Sommer Schweine mit Gehirnimplantat vor. Daraus konnte man die Bewegungen der Schweine auslesen - quasi ein Fitnesstracker im Kopf. Wie revolutionär ist das?

Haynes: Nicht so sehr. Diese lokale Intervention ist nichts Neues. Allerdings schwebt Elon Musk ein weitreichendes Gehirn-Computer-Interface vor. Das Problem dabei: Gedanken sind über das gesamte Gehirn verteilt. Musk müsste also Tausende Elektroden implantieren, was vollkommen undenkbar ist.

profil: Es gibt die Idee, Chips mit Nanopartikeln ins Gehirn zu schleusen - über eine Spritze und den Blutkreislauf. Was halten Sie davon?

Haynes: Nichts. Erstens gibt es die Blut-Hirn-Schranke, die den Eintritt größerer Partikel ins Gehirn verhindert. Zweitens entsteht durch solche Eingriffe ein Schlaganfallrisiko. Das ist absolute Zukunftsmusik.

profil: Viele Unternehmen werben mit Neuromarketing. Funktioniert diese Werbestrategie?

Haynes: Nein. Um zu erfahren, ob Sie diesen oder jenen Tee lieber haben und warum, brauche ich Sie nicht im Kernspintomografen untersuchen. Nachfragen ist weitaus erfolgreicher.

"Wir halten uns bei Kaufentscheidungen für mündiger, als wir tatsächlich sind"

profil: Muss man Angst haben vor versteckten Werbebotschaften, die auf das Unterbewusste abzielen?

Haynes: Unterschwellige Werbung mit Reizen, die man überhaupt nicht wahrnimmt, bringt nichts - das haben zahlreiche Studien gezeigt. Ein größeres Problem sind Reize, die wir bewusst mitbekommen, dabei aber nicht merken, wie sehr sie uns manipulieren. Ich greife zum Beispiel zu einer Müslischachtel, weil sie rechts im Regal steht und nicht links, oder weil sie einen Hasen auf der Packung hat und ich das mit Natürlichkeit assoziiere. Wir halten uns bei Kaufentscheidungen für mündiger, als wir tatsächlich sind.

profil: Nach allem, was Sie über das Gehirn wissen: Wie frei ist unser Wille eigentlich?

Haynes: Es gibt um die Willensfreiheit eine große Verwirrung. Das liegt daran, dass Menschen darunter sehr verschiedene Dinge verstehen. Die einen sagen: "Wenn der Fortgang der Welt schon vorherbestimmt wäre, wäre ich ja meiner Freiheit beraubt." Die anderen sagen: "Was stört es mich, wenn die Welt vorherbestimmt ist, solange ich das tun kann, was ich möchte?" Vorherbestimmung muss also nicht als Gefängnis empfunden werden, solange wir so entscheiden, wie es mit unseren Zielen, Wünschen und Bedürfnissen vereinbar ist. Man könnte also etwas salopp formulieren: Solange mein Gehirn Entscheidungen fällt, mit denen ich einverstanden bin, was soll ich mich daran stören?

John-Dylan Haynes, 50, rückt regelmäßig die von Marc Zuckerberg, Elon Musk und anderen Tech-Unternehmern angekündigten Utopien ins Licht der Realität - "auch wenn ich mich damit immer wieder zum Buhmann mache". Er ist Direktor des Berlin Center for Advanced Neuroimaging und Professor am Bernstein Center for Computational Neuroscience der Charité Berlin. Am 31. Mai erscheint sein Buch "Fenster ins Gehirn": Ullstein, 304 Seiten, 24,70 Euro.

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