James Randi: Magier und Urvater der Skeptiker

Skeptiker James Randi kokettiert mit den Symbolen des Aberglaubens

Skeptiker James Randi kokettiert mit den Symbolen des Aberglaubens

James Randi ist Magier, Hellseher, Entfesselungskünstler – und vor allem glühender Verfechter des rationalen Denkens. Seit Jahrzehnten entlarvt der heute 88-Jährige Scharlatane und prangert Aberglauben aller Art an. Nun erhält er in Wien den ersten Heinz-Oberhummer-Preis. Zeit für ein Porträt des Vaters aller Skeptikerbewegungen.

Da saß er nun, ratlos und verzagt. Er bat um eine Pause, klagte, dass er sich unter Druck gesetzt fühle. Die TV-Zuseher verfolgten an diesem Abend im Jahr 1973, wie Uri Geller die größte Blamage seiner Karriere einsteckte. Johnny Carson, Moderator der legendären „Tonight Show“, hatte Geller in seine Sendung eingeladen. Doch statt den jungen Israeli, der behauptete, allein mit der Kraft seiner Gedanken Löffel verbiegen zu können, zu interviewen, legte Carson ihm einige Gegenstände vor: Besteck, Uhren, Schlüssel, Metalldosen. Geller möge doch seine psychokinetische Begabung live unter Beweis stellen, bat Carson. „Das schreckt mich“, sagte Geller, druckste herum, hielt seine Hand über die Objekte, als warte er auf eine geisterhafte Verbindung zu ihnen. Nichts geschah: Kein Löffel knickte, keine kaputte Uhr begann wieder zu ticken, keine Eingebung verriet ihm, welche der Filmdosen eine kleine Kugel enthielt.

Schuld an der Pleite war ein Mann namens James Randi. Schon in den 1940er-Jahren war Randi als Magier und Gedankenleser aufgetreten, hatte aber stets betont, dass er lediglich Tricks vorführe und sein Publikum geschickt täusche. Randi fand es verwerflich, wenn andere vorgaben, übersinnlich veranlagt zu sein. Er hielt das für Betrug und schamloses Ausnutzen von Gutgläubigkeit, was wiederum Johnny Carson wusste. Vor der Sendung kontaktierte er Randi, und dieser gab ihm ein paar Tipps: Geller solle alle Utensilien erst im Studio bekommen, und er dürfe keine Gelegenheit erhalten, diese zu manipulieren. Solcherart jeder Chance zur Präparation beraubt, ließen Geller seine wundersamen Kräften plötzlich im Stich.


Er fand eine Berufung darin, Hellseher, Geistheiler oder obskure Zeitgenossen mit beißendem Witz, Polemik und großer Geste vorzuführen.

Das TV-Highlight begründete eine Jahrzehnte währende Feindschaft, ein archetypisches Duell zwischen Ratio und dem Übernatürlichen. Geller wurde erstmals peinlich in die Enge getrieben, buchstäblich entzaubert. Randi indes ließ keine Gelegenheit aus, um das Löffelbiegen in aller Banalität zu demonstrieren – und den Medien genussvoll zu erklären, wie man das anstellt: Man biegt den Löffel vor dem Auftritt so lange hin und her, bis Materialermüdung bewirkt, dass er sich leicht verformt oder bricht. Gellers Popularität schadete die öffentliche Demütigung allerdings nicht, zugleich stieg durch das Promi-Match jedoch auch Randis Bekanntheitsgrad, und fortan verlegte er sich darauf, Scharlatane jedweden Zuschnitts zu enttarnen. Er fand eine Berufung darin, Hellseher, Geistheiler oder obskure Zeitgenossen, die Botschaften aus dem Jenseits empfangen wollten, mit beißendem Witz, Polemik und großer Geste vorzuführen und plakativ der Schummelei zu überführen.

Randi freut sich schon auf seinen Besuch in Wien

Randi präsentierte sich als glühender Verfechter der Vernunft und als energischer Kämpfer gegen den Aberglauben, wobei sein Zorn speziell jenen galt, die aus blanker Bereicherungsabsicht handelten. „Das sind meine Feinde“, sagt Randi in einem ausführlichen Skype-Gespräch mit profil. So wurde er zum Pionier aller Skeptikerbewegungen, die heute rund um den Globus danach trachten, pseudowissenschaftlichen Umtrieben harte Fakten entgegenzusetzen. Für sein Lebenswerk erhält der mittlerweile 88-Jährige diese Woche den Heinz-Oberhummer-Award für Wissenschaftskommunikation (siehe Info am Ende), und er wird dafür extra von Plantation, Florida, nach Wien reisen. Der lange Flug mache ihm nichts aus, sagt Randi, denn im Flugzeug schlafe er stets augenblicklich ein und wache punktgenau am Zielort wieder auf. Seine Fans, die ihn wie eine Kultfigur verehren und vorige Woche nach einem Facebook-Posting Randis heftig rätselten, ob er tatsächlich Österreich besuche oder sich nur einen Jux erlaubt habe, dürfen also beruhigt sein: Es war kein Scherz, er kommt wirklich.


Bereits als Teenager trat er in Nachtclubs als Hellseher und Gedankenleser auf.

Bei ihm kann man freilich nie wissen. Randi scherzt gerne, auch über sich selbst und sein fortgeschrittenes Alter. Er habe eben sein elftes Buch fertiggestellt, berichtet er. Es umfasse 29 Kapitel, und er hoffe sehr, es werde nicht sein letztes sein. Er zwinkert schelmisch, spottet über Alternativmedizin, schimpft über Donald Trump, diesen Clown, der den Klimawandel leugne und Impfungen für Teufelszeug halte, und wirkt mit seinem langen, weißen Bart wie ein verschmitzter Kobold. Randi nimmt seinen Einsatz gegen Parawissenschaften sehr ernst, hat 4000 Bücher zum Thema archiviert, kokettiert zugleich mit den Symbolen des Aberglaubens, umgibt sich bisweilen mit der Aura eines Hexenmeisters, als wolle er sein Gegenüber provozieren: Seht her, wie ich euch narren kann! „Schauen Sie, was hier steht“, sagt Randi während des Videotelefonats und hält seine Kaffeetasse in die Kamera. Die Aufschrift verrät, dass die billige Tasse in einem früheren Leben eine kostbare Ming-Vase gewesen sei.

Randi glaubt natürlich nicht an Reinkarnation. Er findet, dass die eine, echte, gegenwärtige Wirklichkeit, die uns zur Verfügung steht, großartig genug ist, und will seinen klaren Blick darauf durch nichts trüben lassen. Aus diesem Grund hat er nie geraucht, Alkohol getrunken oder sonstige Drogen genommen. „Ich will niemals die Verbindung zur Realität verlieren“, sagt er.
Randi kam 1928 in Kanada als Randall James Zwinge zur Welt. Bereits als Teenager trat er in Nachtclubs als Hellseher und Gedankenleser auf. Als „The Great Randall“ war er so überzeugend, dass manch einer nicht akzeptieren wollte, dass er lediglich Tricks und Techniken anwandte. Zwinge erkannte, wie leicht man Menschen hinters Licht führen und ausbeuten kann, wenn einen keine Skrupel plagen.

Er wandte sich der Entfesselungskunst zu. Unter dem Bühnennamen „The Amazing Randi“ ließ er sich in Särge und Stahltanks sperren, gefesselt in Swimmingpools versenken, mit Ketten umwickelt über den Niagarafällen aufhängen. Er brach einige Rekorde seines Vorbildes Harry Houdini, der ebenfalls leidenschaftlich gegen Spiritismus, Esoterik und vermeintlich echte Zauberer ins Feld gezogen war und Wissenschafter beraten hatte. Im Grunde ist es gar nicht so überraschend, dass just professionelle Magier ein Faible für eine streng vernunftorientierte Sichtweise der Welt entwickeln. Schließlich sind sie Experten darin, Illusionen zu erzeugen und ihr Publikum zu täuschen, quasi gewerbsmäßig zu betrügen – und gerade sie wissen, wie sehr man Menschen an Vermögen wie auch Psyche schädigen kann, wenn man ihnen die Existenz rational nicht erklärbarer Phänomene oder okkulter Sphären vorgaukelt.

Als die Gesellschaft im Lauf der 1960er- und frühen 1970er-Jahre von einer sonderbaren Lust am Übernatürlichen erfasst wurde, exponierte sich Randi als nüchterner Spielverderber, der nicht nur Scharlatanerie im Allgemeinen anprangerte, sondern anschaulich vorführte, mit welch simplen Tricks die vermeintlich Superbegabten arbeiteten. Die meisten dieser Kniffe, so Randi, fänden sich schon in Büchern aus dem 17. Jahrhundert. Sehr eindrucksvoll etwa, wie Randi vor laufender Kamera eine blutige Operation mit bloßen Händen nachstellt und dabei tief im Gedärm seines Patienten zu wühlen scheint – genau wie jene Wunderheiler, die behaupteten, tatsächlich chirurgische Eingriffe vorzunehmen, ohne Narkose, versteht sich.


Erschien etwas unerklärlich, sagte sich Randi stets: Sehen wir uns das näher an.

War sein prominentester Kontrahent Uri Geller – der erfolglos versuchte, Randi auf 15 Millionen Dollar zu verklagen –, war sein ekelhaftester ein gewisser Peter Popoff. Der Mann mit dem Charisma eines drittklassigen Gebrauchtwagenverkäufers gab vor, Menschen heilen zu können, indem er Nachrichten direkt von Jesus empfange. Popoff veranstaltete in riesigen Hallen Spektakel, die Elemente einer Massenhysterie hatten. Lahme, Blinde, von Krebs oder chronischen Leiden gepeinigte Menschen strömten herbei, Popoff lief durch den Saal, brüllte Bibelworte und rief Namen im Publikum auf. Dann schrie er, augenscheinlich von Jesus Christus persönlich instruiert, die genaue Wohnadresse der jeweiligen Person ins Mikrofon und sagte ihr auf den Kopf zu, woran sie erkrankt sei. Schließlich klatschte er dem Patienten die Hand gegen die Stirn, kreischte „Halleluja“ und verkündete, er sei geheilt. Um den Effekt zu maximieren, zerbrach er die Krücken von Gehbehinderten und ließ die kurzfristig Euphorisierten ein paar Schritte gehen, bevor er sie auffing, weil sie sonst umzufallen drohten.

James Randi, der Skeptiker und Atheist, mochte nicht an göttliche Therapien glauben. Es gebe gewiss eine sehr profane Erklärung für die Wundertaten. Randi fand sie in Gestalt von Popoffs Frau. Diese ließ das Publikum am Saaleingang zunächst kleine Karten ausfüllen, auf denen Name, Adresse und Beschwerden notiert wurden. Per Funk sagte die Frau dann Popoff ein, der ein kleines Empfangsgerät im Ohr trug. Er musste nur noch wiedergeben, was seine Frau jeweils von den Karten ablas. Als Randi die von ihm aufgezeichneten Funkbotschaften im Fernsehen abspielte, war Popoff erledigt. Nachdem er mit seiner Betrugsmasche Millionen verdient hatte, musste er Konkurs anmelden.

Erschien etwas unerklärlich, sagte sich Randi stets: Sehen wir uns das näher an, und zwar mit Messinstrumenten und den Methoden der wissenschaftlichen Forschung, mit Experimenten, Versuchsreihen und empirischer Beobachtung. Da war etwa ein Russe, der vorgab, mit purer Gedankenkraft Blutdruck oder Gehirnströme steuern zu können. Randi stellte ihm im Rahmen eines Experiments unterschiedliche Aufgaben, etwa: Heben Sie jetzt den Blutdruck; ändern Sie jetzt bitte gar nichts. In einem strikt getrennten Nebenzimmer saß die Versuchsperson, die beeinflusst werden sollte und deren Körperfunktionen unter ärztlicher Aufsicht aufgezeichnet wurden.

Anschließend fragte Randi die Ärzte, welche Parameter ihrer Meinung nach in welcher Situation durch den Mentalisten manipuliert worden waren. Resultat: Dessen Erfolgsquote lag unter der Zufallswahrscheinlichkeit.


Manches testete Randi auch am eigenen Leib, zum Beispiel, was passiert, wenn man auf der Bühne vor vollem Zuschauerraum eine potenziell letale Dosis homöopathischer Schlaftabletten schluckt.

Zwei ältere Frauen wiederum behaupteten, anhand eines Porträtfotos Angaben über die darauf abgebildete Person machen zu können. Randi legte ihnen die Aufnahme eines jungen Mannes vor und ließ sie raten. Anders als die üblichen Klienten verkniff er es sich jedoch, die ersten diffusen Annahmen der Frauen zu bestätigen oder zu verneinen, wodurch er Hinweise geliefert hätte und die Wahrsagerinnen sich weiter vorantasten hätten können. Er saß nur stumm da und notierte, was die Damen sagten. Diese beschwerten sich bitter, dass Randi so unkooperativ sei. Am Ende gaben sie ein paar Allgemeinplätze zu Protokoll, hatten jedoch keinen Schimmer vom zweifellos auffälligsten Merkmal des Mannes auf dem Foto: Es handelte sich um einen bekannten amerikanischen Massenmörder.

Manches testete Randi auch am eigenen Leib, zum Beispiel, was passiert, wenn man auf der Bühne vor vollem Zuschauerraum eine potenziell letale Dosis homöopathischer Schlaftabletten schluckt. Natürlich geschah nichts, weshalb Homöopathie für Randi nichts anderes ist als Astrologie oder Wünschelrutengehen – irrationaler Hokuspokus. Jedes Mal, wenn das H-Wort fällt, schlägt er sich gegen den Kopf, lacht leise und sagt: „Was für Unsinn.“ Für sarkastisch gepolte Skeptiker wie ihn sind da einschlägige Witze wie dieser aufgelegt: Da ja die Wirkung von Homöopathie mit höherer Verdünnung zunehmen soll – stirbt man folglich an einer Überdosis, wenn man vergisst, die Präparate einzunehmen?

Über die Jahre ging Randi Kooperationen mit Gleichgesinnten ein, darunter Persönlichkeiten wie der Science-Fiction-Autor Isaac Asimov und der Astronom und Schriftsteller Carl Sagan. 1996 initiierte Randi die Gründung der James Randi Educational Foundation, die mit einer aufsehenerregenden Ankündigung an die Öffentlichkeit ging: Sie lobte eine Million Dollar für denjenigen aus, der ein paranormales Talent unter Beweis stellen könne, für das sich keine rationale Erklärung finden lässt.

Meist stellten sich dieser „One Million Dollar Paranormal Challenge“ harmlose Leute, die wirklich glaubten, übersinnlich begabt zu sein – und deprimiert abzogen, wenn sie bei kontrollierten Tests versagten. Diese Menschen taten Randi leid. Nie jedoch nahmen professionelle Scharlatane die Herausforderung an – mit einer Ausnahme: Eine Frau, die ihren Kunden viel Geld dafür abknöpfte, dass sie angeblich mit dem Reich der Toten kommunizieren konnte, beanspruchte die Million zunächst, ließ dann aber nie wieder von sich hören – angeblich habe sie Randi nicht kontaktieren können. Dieser spottete sogleich: Die Dame könne Verbindung mit Toten aufnehmen, aber ihn nicht erreichen? Außerdem finde er es bemerkenswert, dass die Toten immer nur vage Nachrichten (Mir geht’s gut. Hab euch alle lieb) senden, nie aber konkrete Informationen. Warum verrate keine verblichene Oma, wo genau sie ihr Testament gebunkert habe? Etwa: Bibliothek, zweites Regal links.


Ist alles hartnäckige Aufklären, jeder Appell an die Vernunft letztlich vergeblich?

Jedenfalls musste Randi die Million nie herausrücken, und seine Organisation stellt heute vor allem Videos, Podcasts, Bücher, E-Books zur Verfügung. Randi reifte über die Zeit endgültig zum Wissensvermittler. Bildung sei der Schlüssel, sagt er, es brauche Lehrer, die Appetit auf Wissen machen, die Neugier befeuern, Begeisterung für das Entdecken der Geheimnisse der Natur wecken.

Aber er könne doch gar nicht ausschließen, dass Übersinnliches sehr wohl existiere, wird Randi oft vorgehalten. Richtig, sagt er dann. Allerdings seien im Regelfall alle rationalen Argumente selbst für die seltsamsten Phänomene stets überzeugender und zudem einfacher als jeder paranormale Ansatz. Er könne auch nicht ausschließen, dass es den Weihnachtsmann gibt, so Randi, doch generell seien Sichtungen von dicken bärtigen Männern mit roter Zipfelmütze auf andere Weise leichter erklärbar.

Beobachten wir aber derzeit nicht sogar eine wachsende Begeisterung für das Irrationale, wie der Glaube an Chemtrails oder eine flache Erde zeigt? Ist alles hartnäckige Aufklären, jeder Appell an die Vernunft letztlich vergeblich? Wollen die Menschen Mythen anhängen, haben sie ein Problem mit der kalten Realität? „Oh ja“, sagt Randi. Dennoch weiß er genau, was ihn motiviert, jeden Tag weiterzumachen. Nach seinen Shows kommen häufig Leute zu ihm. Manche haben Tränen in den Augen, umarmen ihn und beteuern, dass sich soeben ihre Sicht auf die Welt fundamental geändert habe. Diese Reaktionen genügen ihm völlig. Und sie rühren ihn nicht nur, sondern spornen ihn weiter an.

Infobox: Der Lohn des Zweifels

Am Donnerstag dieser Woche nimmt James Randi in Wien den ersten Heinz Oberhummer Award für Wissenschaftskommunikation entgegen. Der von Martin Puntigam initiierte Preis, im Gedenken an den im Vorjahr verstorbenen Physiker und Mitgründer der Science Busters ins Leben gerufen, ist mit 20.000 Euro dotiert und soll alljährlich die international besten Wissensvermittler auszeichnen. Dass Randi die Ehrung erhält, ist nur logisch: Als Pionier auf dem Gebiet kritischen, naturwissenschaftlichen Denkens war er auch Inspirationsquelle für Oberhummer. Die Preisverleihung, bei der Randi Kostproben seines Könnens als Magier zeigen wird, wird von einem Auftritt der Science Busters umrahmt und findet am 24. November ab 20.00 Uhr im Stadtsaal statt, 1070 Wien, Mariahilfer Str. 81.