© Mads Claus Rasmussen / Ritzau Scanpix / AFP

Wissenschaft
03/04/2021

Klimawandel: Zuerst Eiseskälte, jetzt Wärmerekorde

Der Meteorologe Gerhard Wotawa erklärt, was Österreich in den nächsten Jahren bevorsteht - und was man dagegen tun könnte.

von Franziska Dzugan

profil: Zuletzt hatten wir Winterwochen mit Schnee in Texas und Griechenland, auch in Österreich war es extrem kalt. Jetzt bricht der Februar Wärmerekorde. Wie sehr ist das auf den Klimawandel zurückzuführen?

Wotawa: Sehr! Er ändert die Zirkulationsmuster in der Atmosphäre. Im Winter gibt es am Nordpol den Polarwirbel, in dem Ostwind herrscht und in dem sich die Luftmassen immer weiter abkühlen. Heuer wurde der Jetstream, das sind die Winde an seinen Rändern, schwächer. Die Grenze fehlte, die kalte Luft schwappte in den Süden. Die Folge war Eiseskälte in Texas und Griechenland, während sich der Pol erwärmte, weil die kalte Luft fehlte. Gleichzeitig drängt derzeit heiße Luft aus Afrika nach Europa. Wir hatten in den Bergen auf 1500 Metern zuletzt Temperaturen um zwölf Grad - das ist um 20 Grad mehr als im Februar-Schnitt.

profil: In einer international beachteten Studie haben Ihre Kollegin Lucrezia Terzi und Sie gezeigt, dass sich die subtropischen und tropischen Zonen immer weiter nach Norden ausbreiten. Welche Folgen hat das für Österreich?

Wotawa: Das bedeutet Hitze- und Dürreperioden im Sommer. Im Winter haben wir seltenere Kälteeinbrüche, dafür heftigere. Ein Beispiel: Wir maßen heuer am Dachstein Kälterekorde, nur eine Woche später wurde in der Ramsau der Februar-Wärmerekord gebrochen. Problematisch ist auch der Staub, der vergangene Woche von der Sahara aus weite Teile Europas überzog. Die Staubschicht heizt das Klima weiter an, und solche Föhnströmungen aus Afrika nehmen zu.

SCHNEEFÄLLE - SALZBURG

profil: Während die Erderwärmung global etwa ein Grad beträgt, sind es in Österreich bereits zwei. Warum das?

Wotawa: Landmassen erwärmen sich schneller als Wasser, Österreich liegt mit zwei Grad im europäischen Durchschnitt. Noch dramatischer ist die Situation in Russland, wo bereits jetzt eine Erhöhung von vier bis sechs Grad in Sibirien herrscht. Weniger betroffen sind die Tropen und die Ozeane. Die Problematik hat sich in den vergangenen 20 Jahren zugespitzt. Die österreichischen Klimaszenarien haben 2015 einen Temperaturanstieg zwischen 0,5 und zwei Grad für 2020 vorhergesagt - erreicht haben wir die Obergrenze.

profil: Wie warm wird es in Österreich noch werden?

Wotawa: Wenn wir das global gesteckte Ziel von zwei Grad Erderwärmung tatsächlich schaffen, ist es hierzulande 2050 im Jahresschnitt etwa vier Grad heißer. Diesen Wert können wir dann bis Ende des Jahrhunderts halten. Schaffen wir das nicht, fehlt uns bisher die Vorstellungs kraft für die Folgen, vor allem für die Zeit gegen Ende des Jahrhunderts.

profil: Österreich hat verhältnismäßig viel Waldfläche. Wird uns das helfen?

Wotawa: Grundsätzlich ja. Wenn wir unsere Wälder klimafit machen, indem wir schon jetzt auf resistente Baumarten setzen und auf Vielfalt statt der immer noch häufigen Fichten-Monokulturen.

profil: Durch die Energiewende weichen Ölheizungen oftmals Holzöfen, die ebenfalls CO2 in die Luft blasen. Ist das nicht kontraproduktiv?

Wotawa: Kurzfristig betrachtet schon. Indem Wälder nachwachsen, nehmen sie aber wieder CO2 auf. Über die Jahrzehnte gesehen entsteht da eine Balance - wenn die Waldwirtschaft nachhaltig betrieben wird.

profil: Forscher der Uni Kopenhagen haben eine Modellrechnung vorgelegt, wonach das schnelle Schmelzen der Pole den Golfstrom auslöschen könnte. Hätte das auch Auswirkungen auf Österreich?

Wotawa: Westeuropa würde das mehr spüren als Österreich, aber auch hier würde es mehr Stürme und Niederschläge im Winter geben. Im Sommer wäre der subtropische Einfluss noch stärker.

profil: Die Tourismusbranche würde sich über mehr Schnee freuen.

Wotawa: Möglich. Wünschen sollten wir uns den Ausfall des Golfstroms aber auf keinen Fall. Das würde die Karten völlig neu mischen, die Lage wäre unumkehrbar.

 

"Wir müssen den Flächenfraß stoppen"

profil: Durch die Pandemie kam der Flugverkehr quasi zum Erliegen, der Straßenverkehr anfangs auch. Ein Grund zur Freude?

Wotawa: Der Straßenverkehr ist inzwischen stärker als zuvor, weil die Menschen aus Angst vor dem Virus lieber mit dem Auto fahren als mit Bus oder Bahn. In puncto CO2-Ausstoß ist der fehlende Flugverkehr natürlich zu begrüßen, auch durch die fehlenden Kondensstreifen, die die Atmosphäre tendenziell wärmen.

profil: Tut die schwarz-grüne Regierung genug gegen den Klimawandel?

Wotawa: Ich sehe manche Einzelmaßnahmen. Aber es fehlt die große Vision, wie wir vom CO2 wegkommen können. Außerdem ist Österreich Europameister bei der Verbauung. Wir müssen den Flächenfraß stoppen, das wäre eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste Maßnahme hierzulande. Durch mehr Grünflächen lassen sich Hitzewellen lokal gut abfedern. Leider sehe ich hier immer noch keine Verbesserungen.

profil: Das Vorjahr war beispielhaft für ein klimaerwärmtes Jahr in Österreich. Was bleibt Ihnen als Meteorologe von 2020 in Erinnerung?

Wotawa: Dass im März die Austrocknung des Neusiedler Sees drohte. Normalerweise sollte er um diese Jahreszeit gut gefüllt sein.


Gerhard Wotawa, 53, ist im Vorstand des österreichischen Klimaforschungsnetzwerks Climate Change Centre Austria (CCCA) und an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) für den Bereich "Daten, Methoden und Modelle" verantwortlich.

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