Ein Moor von oben
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Mehr fürs Moor: Wie Österreich seine verlorenen Biotope retten will

Schadstoffe in der Luft und zu wenig Wasser im Boden – die Flächen, die für beides eine Lösung bieten können, sind in Österreich zu 90 Prozent zerstört: Moore. Wie eine Revitalisierung aussehen kann und wo die Grenzen sind, erklären Experten.

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AMooRe, PRINCESS, MOIST – was glauben Sie, steckt hinter diesen klingenden Namen? Projekte zur Beforschung von Mooren natürlich. Und bei der geht in Österreich gerade einiges weiter. Das ist auch dringend nötig, denn der Zustand der Moore in Österreich ist schlecht, über 90 Prozent aller Flächen wurden in den letzten rund 200 Jahren trockengelegt. 64 Prozent gelten als mäßig bis stark beeinträchtigt. Und nun hat der WWF auch noch nachgewiesen: Selbst in den lange als unberührt geltenden Alpenmooren wurde den Mooren ganz schön zugesetzt.

Derweil sind Moore richtige Wunderwaffen: Sie binden CO₂ im Boden, regulieren den Wasser-Haushalt der Umgebung und sind ein Hafen für Artenvielfalt.

Drei Prozent aller Emmissionen wegen trockener Moore

Deswegen hat sich Österreich in seiner Moorstrategie 2030+ vorgenommen, mehr für seine Moore zu tun. Die Strategie liegt beim Klima-, und Landwirtschaftsministerium (BMLUK), umgesetzt werden soll sie vor allem durch das 44-Millionen-Euro-schwere Projekte LIFE AMooRe. 60 Prozent des Geldes kommen von der EU. Das BMLUK hat auch eine neue Geo-Datenbank beim Umweltbundesamt in Auftrag gegeben. Damit gibt es nun nach 33 Jahren aktualisierte Informationen zu den rund 44.000 Hektar Moorfläche im Land, das ist etwas mehr als die Fläche von Wien. Insgesamt machen Moore zwar nur rund 0,5 Prozent der Fläche in Österreich aus, doch die hat ganz schön viel Potenzial. 

Denn Moore sind CO₂-Senken, das bedeutet, sie speichern CO₂. Auch auf andere Treibhausgase wie Methan oder Lachgas nehmen sie regulativ Einfluss. Das bedeutet aber im Umkehrschluss auch, wer Moore trockenlegt, setzt CO₂ frei. Neue Zahlen zeigen: Entwässerte Moore in der EU stoßen jedes Jahr rund 232 Megatonnen CO₂-Äquivalent aus – und damit fast doppelt so viel, wie die EU-Mitgliedsstaaten bislang beim UN-Klimarahmen-Übereinkommen angegeben haben. Die Differenz entspricht in etwa den jährlichen Emissionen des gesamten europäischen Flugverkehrs. In Österreich verursachen entwässerte Moorböden rund drei Prozent der nationalen Treibhausgasemissionen. 

Was ist ein Moor?

Moore sind Feuchtgebiete, über die sich über lange Zeit Torf gebildet hat. Ein Feuchtgebiet ist ein Gebiet, in dem Wasser dauerhaft oder regelmäßig eine zentrale Rolle spielt. Ein Sumpf ist ebenfalls ein Feuchtgebiet, aber ohne nennenswerte Torfbildung. Torf ist quasi gespeicherter Kohlenstoff, wenn Mikroorganismen beginnen, die Torfschicht zu zersetzen, wird er freigesetzt.

Moore gehören zu den am stärksten gefährdetsten Lebensräumen in Europa. Und selbst Gebiete, von denen man bisher dachte, sie seien gut geschützt, sind nach neuesten Erkenntnissen schwer beschädigt. Längste Zeit ging die Forschung etwa davon aus, Moore im Alpenraum seien wegen ihrer Lage sicher. Allerdings zeigt eine neue WWF-Studie: Das ist keineswegs so. 

Der WWF hat 190 Hektar an Flächen in Österreichs Alpenraum als Moore bestätigt – das entspricht etwa der Hälfte der Fläche der Wiener Donauinsel. Gerade in den Alpen gibt es noch Erhebungslücken, wie auch das Moorinventar des Umweltbundesamts festhält. 90 Prozent der neu bestätigten Moore befinden sich in keinem guten Zustand, sagt der WWF. Die WWF-Biodiversitäts-Expertin Magdalena Bauer, die am Projekt beteiligt war, erklärt: „Nur neun Prozent wurden als naturnah eingestuft. Das heißt, sie sind in dem Zustand, in dem sie sein sollten. Das ist schon erschreckend.“ Der Moorforscher Stephan Glatzel von der Universität Wien fasst es so zusammen: „Diese heile Welt der Alpenmoore existiert definitiv nicht.” Die Universität Wien ist an AMooRe mit Begleitforschung zum Kohlenstoffhaushalt von Mooren beteiligt.

Das Problem ist in den Alpen neben Infrastrukturprojekten und Klimawandel die Beweidung, die Torfschichten zerstört. Der wissenschaftliche Leiter von AMooRe Christian Schröck erklärt: „Man sieht diese ästhetischen Landschaften im Herbst, diese braunen und roten Farben, und denkt: wunderbar. Aber je besser man die Ökologie dieser Moore versteht, desto klarer wird: Das sind ja kaputte, oft stark beeinträchtigte Moore, die zwar schöne Bilder liefern, ökologisch sind das aber eigentlich Hilfeschreie.“ 

Ein Alpenmoor in Mittersill
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Nur nasse Moore können ihre Funktionen erfüllen

Das Hauptproblem bei Mooren in niederen Lagen ist aber die Trockenlegung der vergangenen Jahrzehnte. Denn nur ein nasses Moor kann seine Funktionen erfüllen. Durch die Eingriffe des Menschens in die Natur geht viel Wasser verloren, etwa durch Entwässerungsgräben, Drainagerohre, Straßenbauten oder die Begradigung von Flüssen.

Das zentrale Ziel des Moorschutzes ist es, diese Eingriffe, wo es möglich ist, zumindest teilweise rückgängig zu machen. Konkret bedeutet das, den Wasserstand wieder anzuheben – etwa durch das Verschließen, Querverbauen oder Verfüllen von Entwässerungsgräben. Damit kann Wasser wieder ins Moor fließen und die Flächen können zum Beispiel in Zeiten ohne Niederschlag länger Feuchtigkeit in der Landschaft halten.

AMooRe will jetzt konkrete Maßnahmen zur Moor-Wiederherstellung entwickeln. Im Zuge des Projekts wurde in Tirol das erste Moor revitalisiert, indem mit der Befüllung eines Grabens der Zustrom von Hangwasser wieder ermöglicht wird. 

Moore stark landwirtschaftlich genutzt

Aber Moor-Wiederherstellung ist auch ein Punkt, an dem es schwierig wird. Denn es gibt ja einen Grund, warum Moore trockengelegt wurden: Viele der Flächen werden landwirtschaftlich genutzt. Durch die Düngung in der Landwirtschaft wird zusätzlich noch mehr CO₂ freigesetzt. Aber wirtschaftlich genutzte Flächen können nicht so einfach wiedervernässt werden.

Zwischen kompletter Wiedervernässung und intensiv genutzten, stark entwässerten Flächen gibt es aber viele Abstufungen. Wo es wegen des Klimawandels zu trocken wird, wachsen Sträucher und Gehölze, offene Moorflächen verbuschen und verlieren nach und nach ihre Funktion. In solchen Situationen kann eine behutsame Nutzung entscheidend sein: Durch regelmäßige Mahd oder eine sehr extensive Beweidung lassen sich offene Moorlebensräume erhalten. Das ist zwar kein Idealzustand, aber so wird  ein Teil der ökologischen Vielfalt bewahrt.

Außerdem ist landwirtschaftliche Nutzung auf wiedervernässten Flächen nur mit deutlich geringeren Erträgen möglich. Ein Ansatz, der dennoch eine Bepflanzung erlaubt, ist die kontrollierte Wiedervernässung: Entwässerte Feuchtflächen ohne Torfboden können so gesteuert bewässert werden, dass eine eingeschränkte Nutzung weiterhin möglich bleibt. 

Und auch Moore können landwirtschaftlich genutzt werden in der sogenannten Paludikultur. Traditionell gibt es diese rund um den Neusiedlersee im Schilfgürtel. Aber es gibt auch neue Initiativen, etwa haben sich beim Mond- und Irrsee, an der Grenze Oberösterreich/Salzburg, landwirtschaftliche Betriebe in einem Verein zusammengeschlossen. So können sie zum Beispiel gemeinsam Spezialgeräte zur Moorflächen-Bewirtschaftung anschaffen.

Vor 30 Jahren hat man noch gesagt, den Mooren gehe es gut, sie bräuchten nichts, weil man sie oft als ein Stück scheinbar intakte Urnatur wahrgenommen hat.”

Christian Schröck

In der Renaturierungsverordnung der EU ist vorgesehen, bis 2030 mindestens 30 Prozent und bis 2050 mindestens 50 Prozent der entwässerten Torfgebiete wiederherzustellen, wobei mindestens ein Drittel wieder vernässt werden muss. Die Landwirtschaftskammer betont dabei: In der Verordnung festgehalten ist explizit die Freiwilligkeit für Landwirte und Grundbesitzer. Diese Zahlen sehen Fachleute aber ohnehin eher als unrealistisch. Schröck: „Wir sollten uns anschauen, wo Moorschutz gesellschaftlich Sinn macht, unabhängig von prozentuellen Verpflichtungen.“ 

Alle Moore wieder zu vernässen ist nicht möglich, sind sich die Fachleute einig. Einerseits, weil sie eben genutzt werden, andererseits, weil der Klimawandel bereits zu viel verändert hat. „Man kann nicht zurück zum ursprünglichen Zustand, das funktioniert nicht”, sagt Schröck. Auch sein Kollege Glatzel betont, jede Fläche ist individuell zu behandeln. Wer in den Wäldern im östlichen Waldviertel wiedervernässt, riskiert, dass die Wälder noch mehr austrocknen, als sie das durch den Klimawandel ohnehin schon tun. Glatzel: „Reden wir wiederum über Flächen im Bregenzerwald, wo es ohnehin viel regnet – dort macht es vielleicht oft keinen großen Unterschied, ob ein Graben geöffnet oder geschlossen ist.” 

Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, trotzdem schauen die Moorforscher positiv in die Zukunft. Denn sowohl das politische als auch das gesamtgesellschaftliche Verständnis für Moore sei gestiegen. Schröck: „Vor 30 Jahren hat man noch gesagt, den Mooren gehe es gut, sie bräuchten nichts, weil man sie oft als ein Stück scheinbar intakte Urnatur wahrgenommen hat.” Das habe sich geändert, die Warnsignale werden nun gehört. Jetzt sei schon in der breiten Gesellschaft angekommen, „dass Moore etwas Besonderes sind." Und geschützt werden müssen.

Maria Prchal

Maria Prchal

ist seit 2025 Redakteurin im Digitalteam. Ihre Schwerpunkte sind unter anderem Sozialpolitik, Klima und technische Themen.