Nachruf auf eine Legende: Verhaltensforscher Wolfgang Schleidt verstorben
Am Samstag gab noch eine Familienfeier in größerer Runde. Wolfgang Schleidt hatte sich schon länger darauf gefreut. Danach ging er zufrieden schlafen und wachte nicht mehr auf. Am vergangenen Sonntag, den 7. Juni, starb Schleidt im 99. Lebensjahr. Er war der letzte Forscher aus dem engsten Kreis um Konrad Lorenz, dem Begründer der Verhaltensforschung.
Wolfgang Schleidt mag weniger bekannt gewesen sein als andere Mitglieder der Kerngruppe um Lorenz wie Otto Koenig oder Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Doch er war ebenso bedeutend wie seine Kollegen – sowohl was die wissenschaftlichen Beiträge zur Verhaltensforschung betrifft als auch im Hinblick auf seine Rolle in der Gruppe.
Schleidt war über weite Strecken deren Rückgrat und Seele, und er wirkte nicht nur als Forscher, sondern auch als Mann fürs Praktische und packte an, wo immer es nötig war. Und es war oft nötig in einer Zeit, in der Forschung vielfach aus Improvisation bestand und die Begründer einer jungen Disziplin ihre Apparaturen und ihr Equipment selber bastelten.
Lust an intellektueller Reibung
Die Karriere von Schleidt überspannte Dekaden. Sie begann in Wien, führte nach Deutschland, dann für 20 Jahre in die USA und schließlich wieder zurück nach Wien, wo er als Direktor des Konrad-Lorenz-Instituts für vergleichende Verhaltensforschung die Nachfolge seines Mentors Lorenz antrat. Seine Laufbahn währte von den 1940er-Jahren bis zu seiner Pensionierung 1992 – und weit darüber hinaus.
Noch im Alter von 90 Jahren verfasste er Fachartikel und berichtete mit beinahe kindlicher Begeisterung davon, wenn es ihm gelungen war, sie in einem Wissenschaftsjournal zu veröffentlichen. Die darin dargelegten Thesen gingen nicht immer mit der gängigen Lehrmeinung konform, doch das war typisch Wolfgang Schleidt: Er hatte immer Lust an intellektueller Reibung und den Impuls, gegen den Strich zu bürsten, und er tat es stets mit überbordender Energie und schelmischer Freude.
Manche Kolleginnen und Kollegen verdrehten angesichts mancher Thesen ein bisschen die Augen, aber stets freundschaftlich und wohlwollend, weil sie alle Schleidt große Sympathie entgegenbrachten und seine nie versiegende Neugier und seinen unerschöpflichen Enthusiasmus bewunderten. Er sprühte unablässig vor neuen Einfällen und forderte sein Gegenüber gerne heraus, verschiedenste Ideen umfänglich zu debattieren – ob Botanik, die Beziehung von Homo sapiens und Neandertaler oder jene von Mensch und Wolf, eines seiner Lieblingsthemen. Schleidt ging von einer Koevolution von Mensch und Wolf aus, wobei beide Spezies voneinander profitiert hätten und so allmählich aus dem Wolf der Hund wurde.
Wolfgang Schleidt
Der Österreicher war einer der letzten klassischen Naturforscher. Er blieb neugierig und produktiv bis ins hohe Alter und verfasste im Alter von 90 Jahren noch wissenschaftliche Artikel.
Man konnte solche Themen stundenlang mit ihm diskutieren, im geräumigen, von Büchern und viel Holz dominierten Wohnzimmer seines Bauernhofes in Niederösterreich. Schleidt saß im Schaukelstuhl an einem massiven, langen Tisch, den er noch in seiner Zeit als Professor in den USA selbst gebaut hatte. Am Tisch stand meist Kaffee, darunter lag gerne Retrieverhündin Emily. Wenn man Schleidt gegenüber saß, war angeregte Konversation fast uneingeschränkt möglich, obwohl er nahezu taub war. Doch er hatte sich das Lippenlesen beigebracht.
Sein Gehörschaden war Fluch und Segen zugleich. Geboren am 18. Dezember 1927 in Wien, wurde er noch in der letzten Kriegsphase eingezogen. Eine Detonation in unmittelbarer Nähe, als er lediglich an einem Spital vorbeispazierte, schädigte seine Trommelfelle für immer. Von da an hörte er tiefe Frequenzen kaum mehr, doch plötzlich hatte er ein Sensorium für Töne im Ultraschallbereich. Die außergewöhnliche Gabe war Basis seines ersten wissenschaftlichen Erfolgs.
Der Mann, der die Sprache der Mäuse hörte
Ende der 1940er-Jahre, nach seinem Studium der Zoologie und Anthropologie, arbeitete Schleidt für Otto Koenig und half beim Aufbau der Botanischen Station am Wilhelminenberg in Wien. In dieser Zeit fiel ihm auf, dass Rötelmäuse hohe Fieptöne ausstießen. Doch niemand außer ihm konnte diese Töne hören. Daher konstruierte Schleidt aus allerlei gebrauchten Bauteilen einen Apparat, der hochfrequente Töne in das für Menschen wahrnehmbare Spektrum übertrug. So bewies er, dass Mäuse mittels Ultraschall kommunizieren. Schleidt wurde damit zu einem Pionier der Bioakustik, der Lautäußerung von Tieren. In dieser Sparte gelangen ihm noch zahlreiche weitere fundamentale Entdeckungen, besonders jene der sogenannten „tonic communication“, bei der Artgenossen beispielsweise beruhigende Signale austauschen können.
Wenig später unterstützte er Konrad Lorenz, der die Familienvilla in Altenberg bei Wien renovierte und in eine Forschungsstation verwandelte. Die Forscher verspachtelten und strichen Wände, ersannen Experimente, debattierten jüngste Erkenntnisse der Ethologie, dachten über Instinktverhalten und tierische Kommunikation nach. Schleidt baute, was immer für Lorenz’ Studien vonnöten war, zum Beispiel ein Mäuseterrarium aus einem rostigen Bettgestell von der Müllhalde. Lorenz nannte es das Mausoleum.
Als der spätere Nobelpreisträger eingeladen wurde, ein Institut für Verhaltensforschung in Deutschland aufzubauen, ging Schleidt mit ihm, zunächst nach Buldern in Westfalen, dann nach Bayern. Wieder mussten die Österreicher renovieren, diesmal ein Gebäude, in dem es anfangs nicht mal Strom gab. Von der Decke rann Wasser, das im Winter gefror. Aus der Bruchbude wurde, nicht zuletzt dank Schleidts Einsatz als passionierter Handwerker, das international renommierte Max-Planck-Institut Seewiesen. Der Name war eine Erfindung von Wolfgang Schleidt. Ein Ort namens Seewiesen existiert in Wirklichkeit nicht. Schleidt fand, er passe gut zur Landschaft.
Pionier und Original
Wolfgang Schleidt mit profil-Redakteur Alwin Schönberger bei einer Buchpräsentation im Jahr 2016.
Nach der Zeit in Bayern, gemeinsam mit Lorenz und Eibl-Eibesfeldt, folgte Schleidt einem Ruf in die USA, zuerst an die Duke University in North Carolina, dann an die University of Maryland. Zwei Jahrzehnte blieb Schleidt, kehrte dann nach Wien zurück, als Direktor des Konrad-Lorenz-Instituts im Rahmen der Akademie der Wissenschaften.
Anschließend, im Ruhestand, zog sich Schleidt als Privatgelehrter, wie er zu sagen pflegte, auf seinen Bauernhof zurück, den er selbstverständlich ebenfalls selbst renoviert hatte. Mehr als weitere Jahrzehnte gab er keine Ruhe, entwickelte Thesen, formulierte Ideen, verfasste Artikel, debattierte neckisch mit der Kollegenschaft, aufgrund des beeinträchtigten Gehörs meist per E-Mail, als einer der sehr frühen Anwender des Mediums.
Naturforscher alter Schule
Bemerkenswert neugierig sei er stets gewesen, sagt eine ehemalige Studentin, zugleich habe er einen auf die Palme treiben können. Ein genialer Narr, lautet eine andere Zuschreibung, ganz und gar liebe- und respektvoll gemeint.
Wolfgang Schleidt war einer der letzten Naturforscher im klassischen Sinn, ein Gelehrter alter Schule, ausgestattet mit einem fundamentalen Interesse an allem, was mit der belebten Natur zu tun hat. Und mit einem immer wachen, jederzeit zu intellektuellem Schabernack aufgelegten Geist. Er war ein Original im allerbesten Sinn des Wortes.