Neandertaler
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Neandertaler: Neue Erkenntnisse über Europas Frühmenschen

Aktuelle Studien beleuchten Leben, Sex und Ende der Neandertaler. Unsere Verwandten waren keineswegs dumpfe Höhlenmenschen.

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Die Neandertaler sind unter uns. Nicht, dass leibhaftige Exemplare unserer ausgestorbenen Verwandten umherstreunen würden, aber deren genetisches Erbe schlummert in allen modernen Menschen außerhalb Afrikas: in Form von ein bis zwei Prozent Neandertaler-DNA im Genom. Diese Erbgutschnipsel wirken bis in die Gegenwart nach: Sie beeinflussen das Immunsystem sowie den Stoffwechsel des Homo sapiens und trugen dazu bei, dass heutige Europäer helle Haut besitzen.

Wie die Neandertaler-Gene in unser Erbgut gelangten, ist aufgrund von Genom-Analysen schon länger erwiesen: durch artübergreifenden Sex. Die beiden Menschen-Spezies paarten sich in verschiedenen Epochen und Weltregionen miteinander. Erst vor einigen Wochen jedoch beschrieben Forschende, wie die Rollen bei dem Gen-Transfer verteilt gewesen sein dürften. Meist waren Neandertaler-Männer mit Frauen aus Homo-sapiens-Gruppen zugange, wie das Fachjournal „Science“ berichtete.

GERMANY NEANDERTHAL GENOTYPE
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Wie kann man solche Details über sexuelle Affären herausfinden, die viele zehntausend Jahre zurückliegen? Hoch sensitive Genanalytik macht es möglich: Das Forschungsteam verglich Proben moderner Menschen mit DNA aus Neandertaler-Funden. Die Methodik und die darauf aufbauende Argumentation waren komplex, vereinfacht ausgedrückt lag der Schlüssel zu den jüngsten Erkenntnissen auf dem X-Chromosom: Weil Frauen zwei davon vererben, Männer aber nur eines, schlug sich dies in der Menge an Neandertaler-DNA nieder, die sich auf dem X-Chromosom moderner Menschen verewigte. Daraus ließ sich eben die These ableiten, dass vor allem Neandertaler-Männer mit Homo-sapiens-Frauen Nachwuchs zeugten.

Plumpe Vettern? Mitnichten!

Die Studie ist eine von vielen, die in jüngerer Zeit das Wissen um unsere urzeitlichen Cousins bereicherten. Gerade in den vergangenen Wochen erschienen in dichter Abfolge neue Arbeiten über die Neandertaler, die vor 400.000 bis ungefähr 40.000 Jahren Europa und Teile Südwest- und Zentralasiens besiedelten – und damit länger auf dem Planeten überdauerten, als der moderne Mensch existiert. Längst ist evident, dass Homo neanderthalensis, so die offizielle Artbezeichnung, keineswegs ein primitiver Urmensch war, zu plump und geistesschlicht für ein länger währendes erfolgreiches Dasein. Immer neue Entdeckungen geben Einblicke in seine Lebensweise, in Werkzeuggebrauch, Ernährung und Medizin, Kunst und Kommunikation – liefern aber auch Erklärungsansätze, warum die Menschenart, die über längere Zeitabschnitte parallel zum Homo sapiens lebte, letztlich unterging.

Diese Frage wird seit Langem leidenschaftlich debattiert. Wie kam es, dass die Neandertaler, die Europa über enorme Zeitspannen dominierten und dabei allen widrigen Bedingungen trotzten, relativ abrupt aus dem Stammbaum der Menschenarten verschwanden? Waren Klimakatastrophen schuld? Oder lag es an der überwältigenden Konkurrenz durch den Homo sapiens, der Kontinentaleuropa vor rund 45.000 Jahren erreichte, nach langer Wanderung in mehreren Wellen aus Afrika über die Levante und Westasien? Waren die Neandertaler dem modernen Menschen, seiner disruptiven Technik und sozialen Organisation einfach nicht gewachsen?

Die Karte zeigt die Ausbreitung der Neandertaler von Westeuropa bis Sibirien.
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Zwei neue Studien, beide Ende März erschienen, liefern nun Indizienketten, die das Aussterben der Neandertaler erklären könnten. Beide beruhen auf genetischen Untersuchungen winziger Fundstücke, eines davon ein Knochensplitter von nur 2,5 Zentimeter Länge. Er stammt aus der Denisova-Höhle in Sibirien, die an eine weitere aus der Evolutionsgeschichte getilgte Menschenart erinnert: die Denisova-Menschen. Letztere fanden vor rund 100.000 Jahren genauso Unterschlupf in der Höhle wie Neandertaler.

Alwin Schönberger

Alwin Schönberger

leitet das Wissenschafts-Ressort.