Pharmakonzern Sanofi: Anatomie eines PR-Desasters

Pharmakonzern Sanofi: Anatomie eines PR-Desasters

Wie sich ein Pharmakonzern redlich bemühte, das Image der Branche zu beschädigen. Alwin Schönberger über ein PR-Desaster erster Klasse.

Pharmakonzerne haben ein mäßig feines Image. Sie gelten als skrupellos und profitgierig, als Unternehmen, die ihre ökonomischen Interessen mit allen Mitteln und ohne Rücksicht auf Verluste, zumal menschliche, durchsetzen. Natürlich sind das platte Klischees, genau wie die Vorstellung von korrupten Politikern und faulen Beamten. Nun möchte der unbedarfte Bürger meinen, dass die Industrie bestrebt ist, dieses unerfreuliche Bild zu korrigieren. Er würde eher nicht vermuten, dass ein Pharmakonzern mit beachtlichem Elan alles in seiner Macht Stehende unternimmt, um das Image haargenau zu bestätigen.

Exakt dies hat jüngst die Österreichfiliale des Medikamentenherstellers Sanofi-Aventis getan - und ein Lehrbuchbeispiel dafür geliefert, wie man, wenn man sich richtig Mühe gibt, exakt das Gegenteil von dem erreicht, was man will.

Bei solch einem Unterfangen hat ein großer Konzern freilich einen gewissen Startvorteil, denn er kann sich teure Berater und Anwälte leisten, die tatkräftig beispringen, wenn man ernsthaft vorhat, mit Vollgas gegen die Wand zu fahren.

Klage gegen kleines Software-Start-up

Die Geschichte begann mit einem profil-Artikel (Heft 16/2015): Da berichteten wir, dass Sanofi ein kleines, innovatives Wiener Software-Start-up namens Diagnosia wegen Ruf-und Kreditschädigung verklagt. Diagnosia bietet auf Basis wissenschaftlicher Studien ein Online-Tool, das Ärzte über Wechselwirkungen von Medikamenten informiert, also verrät, ob sich zwei Arzneien miteinander vertragen oder ob Komplikationen drohen. Dem von Sanofi vertriebenen Schmerzmittel Novalgin attestierte Diagnosia ein geringes Potenzial, in Interaktion mit anderen Wirkstoffen Blutungen auszulösen. Das fand Sanofi nicht zulässig und reichte Klage ein. Nun hätte man die fraglichen Punkte - Blutungsrisiko ja oder nein, für beide Sichtweisen gibt es Indizien, die auf molekularbiologischen Fakten fußen - auf rein fachlicher Ebene debattieren können.

Doch Sanofi fuhr schweres Geschütz auf - und erzeugte solchen Druck, dass Diagnosia, mit wissenschaftlichen Argumenten im Talon, kaum anders konnte, als sich zu wehren. Was dann geschah, ist derart anschaulich, dass eine kleine Bilanz der Ereignisse angebracht scheint: Weil solch delikaten Konflikten eine natürliche Neigung innewohnt, zu den Medien durchzusickern, berichteten zuerst profil, danach "Die Presse","futurezone" und die "ZIB2". Dann griffen deutsche Fachmedien das Thema auf und erörterten, zu welcher Substanzgruppe der Wirkstoff von Novalgin eigentlich gehört - was von hoher Relevanz ist, weil definierten Kategorien von Wirkstoffen üblicherweise konkrete Wechselwirkungen zugeordnet werden. Zeitgleich entfaltete sich bei der Internetenzyklopädie Wikipedia emsiges Treiben: Die Autoren machten sich flugs an die Prüfung der Frage, ob nun nicht auch die von Diagnosia stammenden Daten in den Einträgen zu berücksichtigen seien. Und selbst Experten bei der österreichischen Medizinmarktaufsicht AGES nahmen sich des Themas an.

Harakiri mit Anlauf

Sanofi hatte damit eine große Herausforderung mustergültig bewältigt: Plötzlich wurde hitzig über ein Thema debattiert, das vermutlich keinem Menschen auf dieser Erde je aufgefallen wäre, hätte der Konzern nicht seine Anwälte losgeschickt: Wie riskant ist eigentlich die Einnahme von Novalgin?

Um dem ausgewachsenen PR-Desaster den letzten Schliff zu verleihen, verweigerte Sanofi sowohl profil wie auch der "ZIB2" gegenüber jeden Kommentar.

Selbst in Übersee zog die Sache Kreise: Der US-Journalist Ben Goldacre - 400.000 Follower auf Twitter - vermeldete den skurrilen Rechtsstreit aus Österreich. Der Technologie-Blog "TechCrunch" schrieb über einen "klassischen Fall von David versus Goliath". Und die Consulterplattform "Faktenkontor" konstatierte: "Mit Anwälten drohen, um den eigenen Ruf zu schützen - das geht schnell nach hinten los."

Das Folgende passt zwar gewiss gar nicht zum Thema, aber aus aktuellem Anlass wollen wir es dennoch nicht verschweigen: Die harschen Klagsdrohungen an Diagnosia kamen von Sabine Radl, Geschäftsführerin von Sanofi Österreich. Anfang voriger Woche wurde Radl nun in den Vorstand der Pharmig gewählt. Das ist der Interessensverband der heimischen pharmazeutischen Industrie. In einer ersten Reaktion betonte Radl, ihre zentralen Anliegen seien die "Patientensicherheit" sowie die Wahrnehmung einer "gesellschaftspolitischen Verantwortung".

Wir gratulieren sehr herzlich.