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Wissenschaft
02/25/2022

Übergewicht: Ist mein Kind zu dick?

Eine neue Studie der MedUni Wien beweist: Österreichs Jugend wird immer dicker. Was Eltern gegen die überflüssigen Pfunde tun können.

von Franziska Dzugan

Lisa Gensthaler, Gerhard Prager und ihr Team von der Medizinischen Universität Wien liefern mit ihrer soeben im Fachblatt „Obesity Surgery“ erschienenen Studie den bisher umfassendsten Nachweis, dass die Österreicher immer dicker werden. Sie analysierten das Gewicht, die Größe und den Body-Maß-Index (BMI) aller jungen Männer, die sich zwischen 2003 und 2018 zur Stellung beim Bundesheer einfanden. Insgesamt sammelten sie die Daten von 850.000 18-Jährigen.

Das Ergebnis ist alarmierend: Der Anteil der Fettleibigen unter den jungen Männern hat sich in den vergangenen 15 Jahren von 5,8 Prozent auf 10,4 Prozent fast verdoppelt. Auch der Anteil der Übergewichtigen war von 15,3 auf 20,4 Prozent deutlich angestiegen. (Erwachsene gelten ab einem BMI von 25 als übergewichtig, ab einem BMI von 30 als adipös). Insgesamt ist heute also knapp ein Drittel der jungen, männlichen Erwachsenen zu dick. Bei den jungen Frauen verlaufe die Entwicklung ähnlich, sagen die Studienautoren Gensthaler und Prager. Und: Die Corona-Pandemie habe den Trend in den vergangenen zwei Jahren weiter befeuert.

Aber ab wann ist ein Kind zu dick – und was können die Eltern dagegen unternehmen? profil hat bei Expertinnen und Experten nachgefragt.

Woran erkenne ich, dass mein Kind zu dick ist?

„Wenn das Kind ständig isst und dann die dem Alter entsprechende Kleidungsgröße nicht mehr passt, klassischerweise die Hosen“, sagt Susanne Greber-Platzer, Leiterin der Uniklinik für Kinder- und Jugendheilkunde von MedUni und AKH Wien. Oft verbringen die Kinder zu viel Zeit vor dem Bildschirm, fordern ständig Knabbereien, Fastfood und Süßes. Ein großes Problem sind Süßgetränke: Werden vorwiegend Limonade, Eistee oder Cola getrunken, sollten die Alarmglocken schrillen. Auch vermeintlich gesunde Fruchtsäfte oder Smoothies haben im Kinderzimmer nichts verloren, sie enthalten viel zu viel Zucker. „Grundsätzlich sollten Kinder nur Mineral- oder Leitungswasser oder ungezuckerten Tee trinken“, sagt die Expertin. Um sie von Limonaden oder Fruchtsäften zu entwöhnen, können die Eltern das Lieblingsgetränk mit Wasser verdünnen. Einen BMI-Rechner für Kinder finden Sie hier: https://www.wachstum.at/. Bewertet sollten die Ergebnisse allerdings stets von einer Ärztin oder einem Arzt werden.

Woher kommt das Übergewicht?

In den allermeisten Fällen von zu wenig Bewegung und zu viel ungesundem Essen. Die womöglich wichtigste Erkenntnis aus den Daten des Bundesheeres: „Adipositas trifft häufiger sozial schwächere Familien und Menschen mit niedrigerem Bildungsgrad“, sagt Studienautorin Lisa Gensthaler. Oft fehle das Wissen über gesunde Ernährung oder schlicht die Zeit, sich damit zu befassen. Die Bildschirmzeit tut ihr übriges: Mit jeder Stunde, die die Kinder täglich vor Laptop, Smartphone, TV oder Playstation sitzen, steigt das Risiko, zuzunehmen.

Was können die Eltern tun?

„Das wichtigste ist es, Struktur in den Alltag zu bringen“, sagt die Kinderärztin Susanne Greber-Platzer. Jeder Tag sollte einem Plan folgen: Gemeinsam frühstücken, nach der Schule körperliche Aktivität, wie zum Spielplatz, Radfahren oder in einen Sportkurs, danach erst Hausübungen machen. Abends sollten Eltern und Kinder möglichst gemeinsam das Essen zubereiten und einnehmen. Ein kleines Stück Süßes sollte maximal einmal täglich auf den Tisch kommen, zum Beispiel als kleine Nachspeise. Wichtig sei ebenfalls, mit den Kindern über ihren Tag, ihre Ängste und Sorgen zu sprechen. „Häufig ist übermäßiges Essen eine Strategie, mit Problemen fertig zu werden“, so die Expertin.

Was tun gegen Mobbing in der Schule?

Keinesfalls sollte man nur zusehen und die Kinder das alleine regeln lassen. „Man muss möglichst früh eingreifen“, rät Greber-Platzer. Etwa, indem man bei Elternabenden auf ein bestehendes Problem aufmerksam macht und die Klassenlehrerin einschreitet. In Extremfällen kann auch ein Schulwechsel helfen, vorausgesetzt dies wurde gut vorbereitet.

Kann sich Übergewicht „rauswachsen“?

Bei Kindern bis zu fünf Jahren gilt: Sind sie im Vergleich zu ihren Altersgenossen zu dick, sollte man versuchen, das aktuelle Gewicht zu halten. Durch das Wachstum kann sich das Übergewicht dann erübrigen. Ab dem Volksschulalter sollte man bei einer Adipositas (Fettleibigkeit) aktiv dagegen steuern. „Es reicht nicht, auf den pubertären Wachstumsschub zu warten“, sagt die Expertin Greber-Platzer.

An wen sollten sich Eltern um Hilfe wenden?

Die erste Anlaufstelle sind der Kinderarzt oder die erfahrene Hausärztin. Sie können das Ausmaß des Übergewichts erfassen, Tipps geben und den Kontakt zu Kinder-Adipositas-Ambulanzen herstellen, die in allen Bundesländern etabliert sind. Dort stehen Ärzte, Diätologen und Psychologen bereit, die gesamte Familie bei der Umstellung des Lebensstils zu begleiten. Denn eines ist klar: Kinder und Jugendliche können ihre Essgewohnheiten und ihr Bewegungspensum nicht ohne die konsequente Unterstützung ihrer Eltern oder Bezugspersonen verändern.

Sind Magenoperationen ein Ausweg für dicke Kinder?

„Operationen zur Gewichtsreduktion werden grundsätzlich nur durchgeführt, wenn ein Jugendlicher ausgewachsen ist“, sagt der Chirurg und Leiter der Adipositas-Ambulanz an der Uniklinik Wien, Gerhard Prager. Das sei bei adipösen Kindern manchmal früher der Fall als bei Normalgewichtigen. Um eine Lebensumstellung kommen aber auch operierte Menschen nicht herum. Denn wer die Mahlzeiten nicht konsequent anpasst, kann den chirurgisch verkleinerten Magen wieder ausdehnen.

Wie kann man Kinder zu mehr Bewegung animieren? Wie sinnvoll ist die Body-Positivity-Bewegung auf Social Media? Lesen Sie demnächst mehr dazu in der Printausgabe des profil.

Tipp: Am 4. März ist Welt-Adipositastag. Zwischen 17 und 20 Uhr gibt es online Livevorträge von Expertinnen und Experten der Meduni Wien mit der Möglichkeit, Fragen zu stellen.

Am 1. April findet im AKH vor Ort eine Veranstaltung zum Thema Adopositas statt, bei der Expertinnen und Experten sowie Betroffene Auskunft geben. Auch in den anderen Bundesländern öffnen Adipositas-Zentren ihre Türen.

Alle Informationen finden Sie hier: https://www.meduniwien.ac.at/adipositastag/