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Unterschätztes Risiko: Fehlbehandlungen durch falsche Medikamente

Mehr als 100.000 Menschen müssen jedes Jahr wegen fehlerhafter Medikation ins Spital. Warum die Medizin mit Arzneimitteln überfordert ist.

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Es gab Zeiten, da genügte eine Schuhschachtel. In dieser fanden alle Medikamente Platz, die auf seiner Station im Nachtdienst gebraucht wurden, erinnert sich Wolfgang Hilbe, Primar am Zentrum für Onkologie und Hämatologie der Wiener Klinik Ottakring. Die Auswahl an Antibiotika bestand im klinischen Alltag der 1960er-Jahre aus exakt zwei Präparaten. Mit der Schuhschachtel ging eine Schwester damals von Krankenbett zu Krankenbett.

Inzwischen hat sich die Situation enorm verändert. Insgesamt stehen in Österreich im Moment rund 9300 Arzneimittel zur Verfügung. Jedes Jahr kommen rund 100 neue hinzu. Eigentlich ein Segen für die Medizin. Doch die Fülle an Wirkstoffen hat auch Nachteile: „Wir sind von der Menge und Komplexität des Medikamentenangebots völlig überfordert“, sagt Hilbe.

Ein Tsunami an Wissen

Es gebe einen wahren Tsunami an Wissen über neue Arzneien, doch praktisch niemand in der Medizin könne noch Wirkweise und Vorteile, Nebeneffekte und Wechselwirkungen all dieser Substanzen im direkten Zusammenspiel überblicken. Ob eine Behandlung den erhofften Nutzen bringe, sei allzu oft Glückssache – ein Fall von Versuch und Irrtum.

Die überbordende Menge an Medikamenten ist einer von mehreren Gründen für ein Problem, das als eines der drängendsten in der Medizin gilt, bisher aber kaum öffentlich debattiert wird: die Gefahr von Fehlmedikationen, also das Risiko falscher Verschreibung, Anwendung oder Dosierung von Arzneimitteln – häufig mit der Folge schwerwiegender Komplikationen für Patienten, teils sogar mit letalem Ausgang.

Manchen Statistiken zufolge stirbt in Europa eine Person pro Million Einwohner infolge von Medikationsfehlern. Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation WHO ergeben sogar die Zahl von jährlich mehr als 160.000 Todesopfern in der EU. In den USA rangieren Fehler bei Arzneimitteleinnahmen an dritter Stelle aller Todesursachen – nach Herzleiden und Krebs.

Alwin Schönberger

Alwin Schönberger

leitet das Wissenschafts-Ressort.