INTERVIEW MIT VIROLOGE FLORIAN KRAMMER
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INTERVIEW MIT VIROLOGE FLORIAN KRAMMER
Virenexperte Florian Krammer: „Eine Grippe-Pandemie ist nicht unwahrscheinlich“
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Florian Krammer, 43, ist der prominenteste Infektiologe Österreichs. Er ist Professor für Impfstoffkunde an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York City. Krammer ist gebürtiger Steirer, studierte an der Wiener Universität für Bodenkultur und wechselte 2010 nach New York. Seit 2024 ist er außerdem wissenschaftlicher Leiter des neu gegründeten Ignaz-Semmelweis-Instituts in Wien. Er hat mehr als 400 wissenschaftliche Arbeiten zu unterschiedlichen Viren veröffentlicht und zählt zu den gefragtesten Infektionsexperten.
Anlass für das folgende Gespräch sind die Ausbrüche von Infektionskrankheiten in jüngster Zeit, darunter die sich dramatisch entwickelnde Ebola-Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo und in Uganda sowie der Hantavirus-Ausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff. Doch welche dieser Viren können global zum Problem werden? Und welche Erreger haben wirklich das Potenzial zur Pandemie?
Lässt sich abschätzen, wie dramatisch der jüngste Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo wird?
Florian Krammer
Hier stellen sich einige Probleme. Es ist nicht ganz klar, wann der Ausbruch begonnen hat, und er ist spät entdeckt worden. Außerdem ist es eine Bürgerkriegsregion. Das macht es schwierig, Fälle zu verfolgen. Aber man geht davon aus, dass es der zweitgrößte Ebola-Ausbruch werden könnte, wenn nicht gar der größte.
Der bisher größte fand in Westafrika 2013 bis 2016 statt.
Krammer
Damals gab es etwa 28.000 Infizierte und rund 11.000 Tote. Es scheint, als würde der aktuelle Ausbruch ebenfalls groß werden. Ein weiteres Problem ist, dass die Impfstoffe für die Zaire-Spezies des Virus geeignet sind, nicht aber für die nun zirkulierende Bundibugyo-Spezies. Außerdem ist das amerikanische Hilfsprogramm USAID eingestellt.
Und das Virus breitet sich in der Region aus.
Krammer
Es gibt mittlerweile Fälle in Kampala, der Hauptstadt von Uganda. Bei hoher Menschendichte in einer Großstadt ist es schwieriger, die Ausbreitung zu stoppen. Grundsätzlich aber lässt sich Ebola im Vergleich zu Covid oder Influenza leicht aufhalten, weil es sich über andere Übertragungswege verbreitet.
Einsatz gegen Ebola
Der Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo wurde sehr spät entdeckt. Das Virus konnte sich daher eine Weile unbemerkt ausbreiten.
© AFP/APA/AFP/GLODY MURHABAZI
Einsatz gegen Ebola
Der Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo wurde sehr spät entdeckt. Das Virus konnte sich daher eine Weile unbemerkt ausbreiten.
Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Ebola zu einem globalen Problem wird?
Krammer
Sie ist gering. Man muss zwar damit rechnen, dass sich die Epidemie lokal weiter ausbreitet, dass es einen Export in andere afrikanische Länder gibt und dass Leute, die in den betroffenen Regionen waren, Infektionen mitbringen, wie jetzt ein amerikanischer Arzt. Ich glaube aber nicht, dass eine Pandemie ins Haus steht. Das Virus ist relativ leicht einzudämmen.
Indem man die Leute isoliert?
Krammer
Handschuhe und Schutzbekleidung schützen vor Infektionen. Das Virus wird normalerweise nicht über die Luft übertragen. Abstand halten und Hygiene beachten reicht im Prinzip.
Außerdem sind Ebola-Infizierte kaum mehr mobil.
Krammer
Das trifft nur auf die letzte Phase der Erkrankung zu. Gerade am Anfang ähneln die Symptome der Influenza, und da kann man bereits ansteckend sein. Zu der Zeit ist noch nicht offensichtlich, dass man Ebola hat. Man kann sich also anstecken, sich gesund fühlen, in ein anderes Land fliegen und dort erkranken. Und die Todesrate ist leider sehr hoch.
Infektionsexperte Florian Krammer
„Grundsätzlich glaube ich schon, dass es zu mehr Ausbrüchen kommt.“
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Infektionsexperte Florian Krammer
„Grundsätzlich glaube ich schon, dass es zu mehr Ausbrüchen kommt.“
Sehen wir gerade eine Häufung an Ausbrüchen von Infektionskrankheiten? Gerade erst standen Hantaviren im Blickpunkt.
Krammer
Grundsätzlich glaube ich schon, dass es zu immer mehr solchen Ausbrüchen kommt. Dazu tragen Faktoren wie höhere Bevölkerungsdichte, mehr Tierhaltung und ein immer weiteres Vordringen in Ökosysteme bei. Aber dass Ebola und Hanta hintereinander auftreten, ist reiner Zufall.
Welche Erreger lauern noch in Dschungelgebieten, die das Potenzial zu großen Ausbrüchen hätten?
Krammer
Da gibt es sicher viel. Viren mutieren ja auch. Was vor 100 Jahren kein Potenzial besaß, könnte heute theoretisch Potenzial haben. Allerdings: Ein tödliches Virus irgendwo im Dschungel, mit dem niemand in Berührung gerät, ist irrelevant. Ein Problem entsteht erst immer dann, wenn Menschen damit in Kontakt kommen.
Meist über Tiere, die das Virus in sich tragen.
Krammer
Ebola ist solch eine Zoonose. Man nimmt an, dass man das Virus durch Kontakt mit infizierten Wildtieren bekommt, zum Beispiel durch Bushmeat, also Fleisch von Wildtieren, die als Nahrungsquelle dienen. Das Interessante bei Ebola ist, dass nur bei einer Virusspezies erwiesen ist, dass sie ursprünglich in Fledermäusen vorkommt, bei den anderen kennt man die sogenannte Reservoirspezies nicht, obwohl man Fledermäuse als Urheber vermutet.
„Das Nipah-Virus ist nicht weniger gefährlich als Ebola, was die Mortalitätsrate betrifft. Es ist von Mensch zu Mensch übertragbar.“
Florian Krammer
Welche Erreger sollte man sonst genauer beobachten?
Krammer
Das Nipah-Virus hat sicher gewisses Potenzial. Es ist von Mensch zu Mensch über die Atemwege übertragbar. Nipah ist nicht weniger gefährlich als Ebola, was die Mortalitätsrate betrifft. Ein anderes Virus ist Hendra, das man aber ziemlich unter Kontrolle hat. Hendra zirkuliert in Flughunden in Australien. Die Flughunde hängen in Obstbäumen und fressen Früchte. Dabei fällt angefressenes Obst herab, zusammen mit infektiösen Ausscheidungen der Flughunde. Dort grasen Pferde, die sich anstecken, und über diese wiederum Menschen. Mittlerweile gibt es eine Impfung für Pferde, und man hat Zäune um die Obstbäume errichtet, sodass sich keine Pferde mehr anstecken können.
Gibt es Neues aus dem Reich der Coronaviren?
Krammer
Coronaviren sind nach wie vor problematisch, MERS zum Beispiel, das Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus, ein Verwandter des seit der letzten Pandemie bekannten Virus. Bei Influenzaviren wiederum besteht eine sehr große Vielfalt in allen möglichen Tieren, da könnte jederzeit etwas passieren. Aber die wahren Probleme kommen ja oft überraschend.
Mit dem Coronavirus hätte auch niemand gerechnet, oder?
Krammer
Doch, absolut. Mit dem Coronavirus SARS-1 ab 2003 gab es schon einen Schuss vor den Bug, dann kam MERS. Und Fachartikel wiesen auf die Gefahr einer Coronavirus-Pandemie hin. Das hat nur niemand besonders ernst genommen.
Florian Krammer
H2N2 ist meiner Ansicht nach ein heißer Kandidat. Das Virus hat 1957 eine Pandemie ausgelöst.
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Florian Krammer
H2N2 ist meiner Ansicht nach ein heißer Kandidat. Das Virus hat 1957 eine Pandemie ausgelöst.
Welche Influenzaviren sollte man unter Beobachtung halten?
Krammer
H2N2 ist meiner Ansicht nach ein heißer Kandidat. Das Virus hat 1957 eine Pandemie ausgelöst und ist 1968 aus der Bevölkerung verschwunden. Das heißt, jeder, der nach 1968 geboren ist, hatte nie Kontakt damit und hat daher keine Immunität. Das Virus kommt in Wildvögeln und in Geflügel vor. Einer der Brennpunkte sind Geflügelmärkte in New York City. Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Influenzaviren, die man beobachten sollte. Historisch betrachtet waren vier der letzten sechs Pandemien Influenza-Pandemien. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass wieder eine Pandemie von Influenza ausgelöst wird.
Woher stammen all diese Viren?
Krammer
Der Großteil zirkuliert in Vögeln. Viele davon verursachen bei ihnen keine Erkrankung, einige kommen auch in Schweinen vor oder springen gelegentlich von Vögeln auf Säugetiere über, auch auf Hunde oder Pferde.
Wie ist eigentlich der Stand der Dinge bei der Vogelgrippe, die fast ständig Ausbrüche verursacht und immer öfter Säugetiere erreicht?
Krammer
Momentan ist es recht ruhig, aber das ist normal. Während des Sommers gibt es auch in Vögeln weniger Infektionen, im Herbst und Winter nimmt das Geschehen wieder zu. In den USA zirkuliert die Vogelgrippe nach wie vor in Rindern. Die momentane Variante ist sehr fit und infiziert anscheinend Säugetiere leicht.
Vogelgrippe-Einsatz
Seit 2024 zirkuliert das Virus massiv in amerikanischen Rinderfarmen. Dabei können problematische Mutationen entstehen, wenn Menschen gleichzeitig mit saisonaler Influenza infiziert sind.
© AFP/APA/AFP/OSCAR DEL POZO
Vogelgrippe-Einsatz
Seit 2024 zirkuliert das Virus massiv in amerikanischen Rinderfarmen. Dabei können problematische Mutationen entstehen, wenn Menschen gleichzeitig mit saisonaler Influenza infiziert sind.
Wie weit ist theoretisch der Schritt zum Menschen?
Krammer
Vogelgrippeviren können Menschen infizieren, aber normalerweise braucht es weitere Veränderungen, bevor eine Pandemie entsteht. Die Vogelgrippeviren müssten mutieren, damit sie sich gut in den oberen Atemwegen des Menschen vermehren können.
Wie funktioniert das?
Krammer
Meistens vermischen sich Vogelgrippe- mit humanen Influenza- oder anderen Säugetierinfluenzaviren. Man nennt das Reassortierung. Influenzaviren haben acht Genomsegmente. Wenn zwei Virenstämme ein Schwein oder einen Menschen infizieren, liegt eine Doppelinfektion vor. Und wenn zwei Viren gleichzeitig vorhanden sind, können diese Genomsegmente austauschen. Dabei können viele Kombinationen herauskommen. So kann eine Kombination entstehen, bei der Oberflächenproteine vom Vogelgrippestamm kommen, die Replikationsmaschinerie, die bestimmt, wie gut das Virus in menschlichen Zellen wächt, vom humanen Stamm.
Es mixen sich zwei Viren im lebenden Organismus zu einem neuen Erreger?
Krammer
Das ist bei drei von vier historischen Influenza-Pandemien nachgewiesen. Das ist der Schritt, der wirklich gefährlich wäre. Infektionen in amerikanischen Milchkuhbetrieben sind so problematisch, weil sich Menschen mit Vogelgrippe angesteckt haben. In der Wintersaison besteht die Gefahr, dass jemand bereits saisonale Influenza hat, sich zusätzlich mit Vogelgrippe infiziert und es zu einer Vermischung der Grippestämme kommt.
Florian Krammer
„Mittlerweile sieht man im Sommer Dengue-Ausbrüche in Italien, Frankreich und Spanien.“
© APA/EVA MANHART
Florian Krammer
„Mittlerweile sieht man im Sommer Dengue-Ausbrüche in Italien, Frankreich und Spanien.“
Zunehmende Bedeutung dürften von Stechmücken übertragenen Erkrankungen haben. Werden uns tropische Viren künftig mehr beschäftigen?
Krammer
Diese Viren sind bereits in Europa. Was Stechmücken betrifft, geht es grundsätzlich um asiatische Tigermücken, die sich in Europa ausbreiten. Sie sind gute Vektoren für das Chikungunya- oder Dengue-Virus. Früher gab es nur Fälle von Rückreisenden, aber mittlerweile sieht man im Sommer Ausbrüche in Italien, Frankreich und Spanien, wo sich Leute direkt vor Ort infizieren.
Woran liegt das?
Krammer
Das hat mit der Mückenpopulation zu tun. Beispiel: Ein Virus wird eingeschleppt von jemandem, der sich etwa in der Karibik mit Chikungunya infiziert hat. Diese Person wird in Italien von einer Mücke gestochen, die wiederum die nächste Person infiziert, und es folgt eine lokale Ausbreitung. Diese Stechmücken kommen inzwischen auch nördlich der Alpen vor. In Österreich sind vor allem Graz, Wien und Linz betroffen. Es ist denkbar, dass wir in Österreich in den nächsten Jahren autochthone, also lokal erworbene, Dengue- oder Chikungunya-Infektionen sehen werden. Es wäre jedenfalls nicht überraschend. In dem Fall müsste man überlegen, Kontrollmaßnahmen gegen die Mückenpopulationen einzuführen.
Es ist denkbar, dass wir in Österreich in den nächsten Jahren lokal erworbene Dengue- oder Chikungunya-Infektionen sehen werden. Es wäre jedenfalls nicht überraschend.
Florian Krammer
Ein weiterer dieser Erreger ist das West-Nil-Virus.
Krammer
West-Nil ist eine andere Geschichte. Dieses Virus ist schon länger in Europa und wird auch anders übertragen…
…von Hausgelsen.
Krammer
Genau. West-Nil ist problematisch, weil es keinen Impfstoff gibt. Und wir sehen eine interessante Altersverteilung: Wenn junge Leute sich infizieren, passiert meist gar nichts, aber bei alten Personen kann es zu neuroinvasiven Erkrankungen kommen. West-Nil ist in Europa relativ verbreitet und kommt auch in Österreich vor.
Was sind die Gründe für die Ausbreitung tropischer Stechmücken?
Krammer
Das hat klar mit der Klimaerwärmung zu tun, das Einschleppen der Viren mit Reisetätigkeit.
Und Mücken wie auch Viren sind gekommen, um zu bleiben?
Krammer
Über den Winter haben es Dengue und Chikungunya noch nie geschafft. Aber auch das wird wahrscheinlich irgendwann passieren.
Theoretisch können von Impfstoffen stammende Polioviren zurückmutieren, wieder pathogen werden und auch Erkrankungen verursachen.
Florian Krammer
Zuletzt gab es Berichte, wonach sich das Poliovirus wieder ausbreitet, das Kinderlähmung verursacht.
Krammer
Das weiß man schon länger. Es gibt ganz selten den Polio-Wildtyp. Man hat ja versucht, Polio auszurotten, was leider nicht gelungen ist. Aber Polio wurde weit zurückgedrängt. Was dabei allerdings passiert ist: Man hat in der Vergangenheit für die Schluckimpfung einen Lebendimpfstoff verwendet, der abgeschwächt war. Die Impfviren können jedoch gelegentlich zurückmutieren und wieder pathogen werden. Außerdem gibt es Leute, bei denen der Impfstoff persistiert. Das bedeutet, er wird über Jahre ausgeschieden, und Reste davon findet man im Abwasser, auch in Europa. Theoretisch können diese vom Impfstoff stammenden Polioviren, die zurückmutiert sind, auch Erkrankungen verursachen.
Sehen Sie darin Gefahren?
Krammer
Es gibt kein Problem, solange die Impfraten hoch sind. Aber sie fallen. In New York hatten wir vor ein paar Jahren einen Poliofall, da hat man in der Folge festgestellt, dass die Impfquten bei Kindern in manchen Altersgruppen unter 70 Prozent liegen, also deutlich zu niedrig.
Hantavirus-Ausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff
Solche Ereignisse sind spektakulär und gehen um die Welt. Doch die wahren Probleme machen andere Viren: zum Beispiel die Rückkehr der Masern.
© AFP/APA/AFP/JEFFREY GROENEWEG
Hantavirus-Ausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff
Solche Ereignisse sind spektakulär und gehen um die Welt. Doch die wahren Probleme machen andere Viren: zum Beispiel die Rückkehr der Masern.
Seit einigen Jahren sind wir auch ständig mit Masernepidemien konfrontiert. Machen Ihnen die Masern eigentlich mehr Sorgen als zum Beispiel Hantaviren?
Krammer
Ja, natürlich, sie machen auch viel mehr Probleme als ein Hantavirus. Aber die Situation wäre leicht zu beheben, man müsste bloß die Durchimpfungsrate erhöhen. Doch im Moment sind Masern global ein Problem. Es gibt in den USA, in Mexiko und Südostasien relativ viele Fälle, Kanada hat den Status als masernfreies Land verloren. Auch Europa verzeichnet viele Fälle. Die Masern kommen zurück. Und sie sind hoch infektiös. Daher müssten die Durchimpfungsraten über 90 Prozent betragen, damit man sie aufhalten kann.
Viele Menschen betrachten Masern als harmlose Kinderkrankheit.
Krammer
Das Masernvirus kann schwere Erkrankungen auslösen, teilweise mit Todesfolge. Vielen Leuten ist nicht bewusst, dass man sich tödliche Lungenentzündungen einhandeln kann beziehungsweise sich das Virus über Jahre im Gehirn halten kann. Kleine Kinder können sich infizieren und dann Jahre später sterben. Das Masernvirus löscht außerdem kurzfristig das Immunsystem aus, weshalb man nach einer Maserninfektion sehr schwer an sonst recht harmlosen Erkrankungen erkranken kann.
Wer in Österreich kennt noch jemanden, der schwer an Masern erkrankt oder gestorben ist? Der Erfolg der Impfung hat das Problem der Impflücke verursacht.
Florian Krammer
Weshalb werden solche Komplikationen kaum ernst genommen?
Krammer
Wer in Österreich kennt noch jemanden, der schwer an Masern erkrankt oder gestorben ist? Fast niemand. Und warum nicht? Weil über Jahrzehnte alle geimpft waren und es keine Masern gab. Man könnte sagen: Der Erfolg der Impfung hat das Problem der Impflücke verursacht.
Was wurde eigentlich aus Mpox, vormals Affenpocken genannt?
Krammer
Mpox sind nach wie vor eine Herausforderung. Es gab vor einigen Jahren einen globalen Ausbruch mit einer Variante, der relativ milde war und mehr oder minder aufgehalten wurde. Doch in der Republik Kongo ist nach wie vor ein größerer Ausbruch mit einer anderen Variante am Laufen, und dort liegt die Mortalitätsrate um die zehn Prozent. Das ist ein Riesenproblem, das aber nicht sehr priorisiert wird.
Die klassische Pockenimpfung schützt nicht?
Krammer
Die Pockenimpfung verleiht Kreuzimmunität gegen Mpox und wird auch eingesetzt. Doch die meisten Leute, die ab den 1980er-Jahren geboren wurden, sind nicht mehr gegen Pocken geimpft, weil die echten Pocken ausgerottet waren. Ein großer Teil der Weltbevölkerung hat daher keinen Schutz gegen unterschiedliche Pocken-Varianten. Und das macht es für ein Virus wie Mpox leichter, sich auszubreiten. Daher könnte es durchaus wieder zu größeren Ausbrüchen mit unterschiedlichen zoonotischen Pockenviren kommen.
Es gab ja einst die Hoffnung, Infektionskrankheiten auszurotten. Im Moment sieht es nicht danach aus, als würde der Plan aufgehen.
Krammer
Nein, überhaupt nicht. Wir haben Viren, die massiv zurückkommen wie die Masern, wir haben neue Viren wie das Coronavirus, die Pandemien verursachen, und wir sehen Ausbrüche wie jenen durch Ebola oder durch die Andes-Variante des Hantavirus. Auf der anderen Seite gibt es ernsthafte Herausforderungen durch Antibiotikaresistenzen bei Bakterien und auch durch schwierig zu behandelnde Pilzinfektionen. Ich denke, Infektionskrankheiten werden uns noch lange beschäftigen.
Abgesehen von aller Tragik durch Epidemien ist es eigentlich spannend, welche Auswirkungen etwas so Minimalistisches wie ein Virus haben kann.
Krammer
Ja, oft sind es nur ein paar Gene, die wahnsinnigen Schaden anrichten können. Auch die Wandlungsfähigkeit ist faszinierend. Es kommt immer wieder zu Überraschungen, weil Viren mutieren. Viele Veränderungen kann man überhaupt nicht vorhersehen.
Alwin Schönberger
leitet das Wissenschafts-Ressort.