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Wissenschaft
08/28/2021

Virologin von Laer: „Werden um einen Lockdown nicht herumkommen“

Dorothee von Laer hält ein härteres Vorgehen im Herbst für fast unausweichlich - aber ein Ende der Corona-Maßnahmen im Frühjahr für machbar.

von Franziska Dzugan

profil: Die Zahlen steigen wieder dramatisch . Sind wir schon in der vierten Welle?

Von Laer: Wir sind mitten im Anstieg der vierten Welle.

profil: Werden wir im Herbst und Winter um Lockdowns herumkommen?

Von Laer: Das kommt darauf an, wie gut wir die Menschen zum Impfen motivieren können. Um einen Lockdown zu vermeiden, müssten 85 Prozent geimpft oder genesen sein.

profil: Davon sind wir ein gutes Stück weit entfernt.

Von Laer: Das stimmt. Deshalb reichen die aktuellen Maßnahmen nicht aus, man wird sie Schritt für Schritt verschärfen müssen. Das nächste wird wohl die Verkürzung der Gültigkeit der Tests auch außerhalb Wiens sein. Wenn die Welle nicht bald abflacht, werden wir um einen Lockdown nicht herumkommen.

profil: Liegt das an der Delta-Variante?

Von Laer: Ja. Ich habe das selbst als unwahrscheinlich erachtet, aber Delta ist wirklich eine andere Nummer als das Ursprungsvirus. Die Variante ist ähnlich ansteckend wie Windpocken oder Masern. Deshalb brauchen wir einen wirklich hohen Durchseuchungsgrad.

profil: Bei den Hochbetagten liegen die Impfquoten bei 80 bis 90 Prozent. Könnte das nicht vor Lockdowns schützen?

"Insbesondere bei den Älteren ist jetzt mit Impfdurchbrüchen zu rechnen"

Von Laer: Das Problem ist, dass der Impfschutz bei den im Frühjahr Geimpften schon wieder nachlässt. Insbesondere bei den Älteren ist jetzt mit Impfdurchbrüchen zu rechnen.

profil: Im September beginnen die Alten- und Pflegeheime mit den Auffrischungen. Ist das zu spät, weil man ja inzwischen weiß, dass der Impfschutz nach sechs Monaten spürbar nachlässt?

Von Laer: Ich denke, September ist ausreichend.

profil: Werden manche Menschen eine neue Grundimmunisierung brauchen?

Von Laer: Die Immunantwort in den Gedächtniszellen ist langlebig. Sie müssen nur immer wieder gekitzelt werden, um nicht in den Tiefschlaf zu fallen. Eine Auffrischung nach sechs bis neun Monaten ist völlig in Ordnung.

profil: Die Weltgesundheitsorganisation plädierte dafür, mit den Auffrischungen zu warten, bis auch ärmere Länder ihre Bürger geimpft haben. Was halten Sie davon?

Von Laer: Das ist eine moralische Frage, keine virologische.

profil: Ist der dritte Stich für Österreich also der richtige Schritt?

Von Laer: Für Österreich auf jeden Fall. Weltweit sollte man die Produktion der Impfstoffe so ankurbeln, dass wir auch ärmere Länder rasch durchimpfen können.

profil: In den USA grassiert derzeit Delta Plus. Wie gefährlich ist diese Variante, und wird sie sich auch in Europa ausbreiten?

Von Laer: Delta entwickelt sich ständig weiter. Noch ist nicht klar, ob sich eine Subvariante durchsetzen wird. Wir wissen aber, dass die im Sommer in Peru gefundene Lambda-Variante keine Chance gegen Delta hat und sich kaum ausbreiten wird.

profil: Rechnen Sie in nächster Zeit mit Varianten, die der Impfung entkommen?

Von Laer: Mit Delta gehen wir stark in diese Richtung. Wir sehen, dass die Variante die Immunantwort bis zu einem gewissen Grad umgehen kann.

profil: Der US-Virologe Anthony Fauci versprach für Frühjahr 2022 einen "gewissen Grad an Normalität". Glauben Sie das auch?

Von Laer: Ja. Man wird an einen Punkt kommen, an dem man mit der Impfung nicht mehr weiterkommt und die Krankheit durchlaufen lässt, ohne das Gesundheitssystem zu gefährden.

profil: Wann ist dieser Punkt gekommen?

Von Laer: Wenn alle impfwilligen Erwachsenen aufgefrischt sind und der Impfstoff für unter Zwölfjährige zugelassen ist. Alle, die Covid nicht durchmachen wollen, sollten dann einen guten Immunschutz haben. Alle anderen werden sich früher oder später infizieren.

profil: Von welchem Zeithorizont sprechen Sie da?

Von Laer: Wir werden die Impfung für unter Zwölfjährige noch diesen Winter haben, dann dauert es etwa zwei Monate, um die Risikokinder zu impfen. Daneben sollten wir eine ausführliche Antikörperstudie machen, um zu wissen, ob 85 Prozent der Bevölkerung geschützt sind - entweder weil sie geimpft sind oder genesen. Man könnte also die Maßnahmen irgendwann im Frühling 2022 aufgeben und die Krankheit durchlaufen lassen.

"Wenn sich alle impfen lassen würden, könnten wir die Maßnahmen in wenigen Monaten aufgeben"

profil: Aber ist dann nicht mit einem Anstieg der Long-Covid-Patienten und der Todesfälle zu rechnen?

Von Laer: Natürlich. Aber das ist eine Solidaritätsfrage. Wer sich impfen lässt, schützt sich und das Gesundheitssystem vor den Langzeitfolgen und vor der Intensivstation. Und eine gewisse Zahl an Todesfällen nehmen wir auch bei den jährlichen Grippewellen in Kauf.

profil: Sie haben sich vor einigen Wochen für eine Impfpflicht ausgesprochen. Bleiben Sie dabei?

Von Laer: Aus der Sicht der Virologin ist die Impfpflicht die einzig vernünftige Lösung. Ich finde die Opfer, die wir momentan bringen, enorm. Wenn sich alle impfen lassen würden, könnten wir die Maßnahmen in wenigen Monaten aufgeben. Aber das ist eine politische Frage.

profil: Die 1G-Regel kommt einer Impfpflicht relativ nah.

Von Laer: Die 1G-Regel ergibt aus virologischer Sicht überhaupt keinen Sinn. Man sollte eine 2G-Regel machen, bestehend aus Geimpften und Genesenen.

profil: Die Genesenen protestieren also zu Recht?

Von Laer: Absolut. Genesene haben einen Schutz vor Ansteckung von weit über 90 Prozent, er ist deutlich höher und wahrscheinlich auch langlebiger als bei den Geimpften. Natürlich gibt es hier das Problem des Nachweises, für den wir ein breites Angebot an Antikörpertests brauchen. Man sollte diese für sechs Monate in den Grünen Pass eintragen. Ich glaube, dass die Regierung an so einer Lösung arbeitet.

profil: In Israel ist etwa die Hälfte der Intensivpatienten doppelt geimpft. Wie ist das zu erklären?

Von Laer: Israel hat als erstes Land weltweit die Alten durchimmunisiert. Bei diesen lässt nun der Impfschutz nach. Deshalb müssen wir jetzt auffrischen.

profil: Wie sehen Sie dem Schulanfang im September entgegen?

Von Laer: Er wird die Zahlen weiter nach oben treiben. Man tut zwar, was man kann mit den regelmäßigen Tests, aber klar ist: Erwachsene, die sich nicht impfen lassen, treiben die Pandemie und hemmen die Kinder in ihrem Recht auf Bildung.

profil: Wie gut hat sich Österreich bisher in der Pandemie geschlagen?

Von Laer: Manchmal war Österreich Vorreiter: Es gab den harten Lockdown im vergangenen Herbst, als andere noch zögerten. Wir haben sehr früh die Teststrategie eingeführt, als man in Deutschland noch meinte, das könne unmöglich funktionieren. Damit kamen wir relativ gut in den Frühling. Tirol konnte zwei lokal aufgetretene Fluchtvarianten durch hervorragende Kontaktnachverfolgung in Schach halten.

profil: Was waren die größten Fehler?

Von Laer: Alle Staaten, nicht nur Österreich, haben das Virus lange unterschätzt. Dann kam Ischgl, da hätte man viel früher reagieren müssen. Danach stolperten wir von einer Welle in die nächste, weil die Politik es nicht schaffte, mit der Wissenschaft gemeinsam langfristig und strategisch zu denken. Aber auch hierbei war Österreich nicht allein.

profil: Hätte man diesen Sommer früher reagieren müssen?

Von Laer: Nein. Der derzeitige Weg ist richtig. 25 Prozent der Zwölf- bis 16-Jährigen sind geimpft, wir beginnen nächste Woche mit den Auffrischungen. Ich habe den Eindruck, dass im Kanzleramt jetzt eine größere Bereitschaft herrscht, längerfristig zu planen und nicht nur die nächsten drei Wochen im Blick zu haben.

profil: Sie sind Österreichs bekannteste Virologin und stehen seit 2020 permanent in der Öffentlichkeit. Genießen Sie das?

Von Laer: Wenn man im Mittelpunkt stehen möchte, wird man Herzchirurgin und nicht Virologin. Seit eineinhalb Jahren komme ich kaum zu meiner Leidenschaft, der Forschung, und noch weniger zu meinem Hobby, den Pferden. Aber ich sehe es als meine Pflicht, die Menschen aufzuklären. Schließlich wird meine Arbeit vom Steuerzahler mitfinanziert.

"Es lohnt sich, für die Wahrheit Kritik auszuhalten"

profil: Sie ernteten scharfen Gegenwind, als Sie die Corona-Politik in Ihrer Wahlheimat Tirol immer wieder kritisierten.

Von Laer: Als Wissenschafterin muss ich den Mund aufmachen, wenn die Politik einen Weg geht, der in die Katastrophe führt. Ich wurde geprägt durch meinen Vater, der als einer der ersten Klimaforscher vor der Erderwärmung warnte. Es lohnt sich, für die Wahrheit Kritik auszuhalten.

profil: Wie gehen Sie mit Shitstorms um?

Von Laer: Ich versuche, sie zu ignorieren. Die meisten unflätigen Nachrichten erreichen mich gar nicht, weil sie meine Sekretärin löscht. Alle drei Wochen überkommt mich die Wut, und ich schreibe jemandem zurück, dass er wohl keine Erziehung genossen hat.

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