Allahaaaarm! Zu Besuch bei vermeintlichen Islamisten

KHALIL und AHMED

KHALIL und AHMED

Eine Gratiszeitung und die FPÖ warnen vor einer Terrorzelle in Wien. Zu Besuch bei zwei vermeintlichen Islamisten, die mit den Folgen der Angstmache leben.

Die blaue Botschaft ist in Blutrot gehalten. „Wussten Sie, dass in Ihrer Nachbarschaft Terroristen wohnen?“, steht auf dem Flugblatt der FPÖ in Wien-Margareten. Laut dem Zettel sei die Polizei mitten im fünften Wiener Gemeindebezirk auf eine „Terrorzelle“ gestoßen.

Die Freiheitlichen zitieren auf dem roten Blatt Papier einen Artikel der Gratiszeitung „Heute“. Am 18. Februar, so berichtete das Blatt, sei die Polizei in eine Wohnung zweier „Dschihadisten“ gestürmt. Man habe „IS-Fahnen“ und „Maschinenpistolen“ gefunden. Darauf beziehen sich die Freiheitlichen und fordern wieder einmal: „Gemeindebau nur für Österreicher.“

Flugblatt der FPÖ: Wussten Sie, dass in Ihrer Nachbarschaft Terroristen wohnen?“

Flugblatt der FPÖ: Wussten Sie, dass in Ihrer Nachbarschaft Terroristen wohnen?“

Allein: So stimmt das alles nicht. Was „Heute“ beschreibt und das Flugblatt wiedergibt, hat nur lose mit der Realität zu tun.
Ahmed* öffnet die Tür zur 61 Quadratmeter-WG der angeblichen Gotteskrieger. Im Vorraum reihen sich auf einer Kommode Duftwässerchen, daneben liegt ein Zierdolch. Es riecht nach Weihrauch. Ahmed kocht arabischen Kaffee mit Kardamom und Safran. An der Wand hängt ein mit Goldfäden gesticktes Bild aus Mekka, auf seinem Handy hat Ahmed Videos von seiner Pilgerfahrt gespeichert. Er habe sich „wie in einem Fluss“ gefühlt, als er in der Masse der Gläubigen die Kaaba umrundete. Über der Couch spannt sich ein schwarzes Tuch mit weißer, arabischer Schrift.

Es handelt sich um die vermeintliche „IS-Fahne“ aus dem „Heute“-Bericht, jenes Stück Stoff, das am besten den schmalen Grat zwischen radikalisierten Dschihadisten und jungen Männern symbolisiert, die in Zeiten tiefer Krisen im Islam Halt finden. Auf den ersten Blick sieht es der IS-Fahne tatsächlich ähnlich, doch fehlen ihm das Siegel des Propheten und der Zusatz ISIS (Islamischer Staat im Irak und in Syrien). Ein zweiter Blick verschafft Klarheit: Es ist das Glaubensbekenntnis der Muslime, diese Fahne hängen sich Muslime gerne in die Wohnung.

Fahne mit muslimischem Glaubensbekenntnis, Duftwässerchen, Ziersäbel

Fahne mit muslimischem Glaubensbekenntnis, Duftwässerchen, Ziersäbel

Khalil*, der Mieter der Wohnung, gesellt sich zur Runde. Die jungen Männer verbindet, dass sie sich mit Allahs Hilfe aus ihrem persönlichen Abgrund hochgezogen haben. Khalil wuchs im 10. Wiener Gemeindebezirk auf, behütet von der Mutter, mit harter Hand und religiösen Vorschriften traktiert vom ägyptisch-stämmigen Vater. Khalil provozierte den Vater mit Wodka und Speck und tauchte in eine Welt voller Partys, Drogen, Gaspistolen und Rap ab. Mit 22 kann er bereits auf „ziemlich viel Scheiße“ zurückschauen.

Wer weiß, was aus ihm geworden wäre, hätte es nicht vor vier Jahren diesen besonders finsteren Moment gegeben, in dem Khalil nicht mehr leben wollte. Er war dabei, Schluss zu machen, als ihm seine Eltern einfielen, die ihn immer aufgefangen hatten, ein paar Lehrer, denen er wichtig gewesen war: „Plötzlich habe ich den Islam, den mir mein Vater einbläuen wollte, mit dem Herzen gesehen. Das war meine Rettung, ehrlich.“ Er ließ sich einen Bart wachsen, pflegte ihn mit Duftölen, fühlte sich auf eine neue Art männlich, rappte. Vergangenen Herbst stutzte er den Bart. „So, wie du aussiehst fällst du genau in das Raster“, hatte ein Freund ihn gewarnt.


In den Medien wird das nie richtig dargestellt

Auch Ahmed, 21, hat eine bewegte Geschichte hinter sich: Er kam in Ungarn zur Welt, zog als Bub nach Kärnten. Man habe ihn jeden Tag spüren lassen, dass er hier „der Ausländer“ war. Also freundete er sich mit anderen Ausländern an, Muslimen, Orthodoxen und Christen, „richtige“ Österreicher waren nicht dabei. Religion war unter ihnen ein Dauerthema. Ahmed fing an, in die Moschee zu gehen, konvertierte zum Islam, lernte Arabisch und nahm einen muslimischen Namen an.

Er verabschiedete sich von Diskos, Schlägereien und Freunden, mit denen auch er „viel Blödsinn“ gemacht hatte: „Man könnte sagen, dass ich mich durch den Islam integriert habe.“ Man schimpfe ihn heute einen „Salafisten“, weil er eine weiße Kappe, kurze Hosen und ein langes Hemd trägt, er selbst bezeichne sich schlicht als „Muslim“. So wie Khalil, der sich an den Lehren der Altvorderen ausrichtet, aber das nicht mehr erklären will: „In den Medien wird das nie richtig dargestellt.“

Einen Tag später war klar: ein Fehlalarm

In diesem Fall stimmt das tatsächlich. Khalils Facebook-Foto wurde ungefragt von „Heute“ abgedruckt, beide sind in ihrem Gemeindebau nun als „Dschihadisten“ abgestempelt. Auf ihren Postkasten kritzelte jemand: ISS. Vermutlich sollte es ISIS heißen.
Wie kam es zu diesen Vorwürfen? Am 18. Februar hatte ein Gerichtsvollzieher frühmorgens geläutet, um Ahmeds Handy-Schulden einzutreiben. Durch die offene Tür hatte der Mann eine vermeintliche IS-Flagge, Reagenzgläser und Chemikalien erspäht. Kurz darauf stürmten vermummte Polizisten die Wohnung. Sprengstoff-Experten und Verfassungsschützer rückten an und durchsuchten jeden Winkel.

Einen Tag später war klar: ein Fehlalarm. Polizeisprecher Thomas Keiblinger beruhigte die Journalisten, die sogar aus Deutschland anriefen. Es wurden weder explosive Materialien noch Maschinengewehre sichergestellt, die „IS-Fahne“ erwies sich als muslimische Fahne. Nur eine Gaspistole, die jeder ab 18 kaufen kann, und zwei Ziersäbel hatte die Polizei gefunden, und einen Chemiebaukasten aus dem Kinderspielladen. Er gehört Khalil, dem gelernten Chemielabortechniker.

Auch mit dem „Heute“-Redakteur habe er mehrfach telefoniert, so Keiblinger. Während andere Zeitungen den Stand der Ermittlungen korrekt wiedergaben, legte das Gratisblatt nach: „60 Polizisten bei Sturm auf Dschihad-Wohnung“, war am 20. Februar zu lesen, es sei „Terrormaterial“ gefunden worden. Illustriert war der Artikel mit dem Facebook-Profilbild des betenden Khalil. Sein Gesicht war verpixelt, doch nicht nur enge Freunde erkannten ihn sofort.

„Das hätten wir sauberer hinkriegen müssen“

Die Website „Heimat ohne Hass“ berichtete als Erste über den aufgebauschten „Dschihadisten“-Einsatz. Auf profil-Anfrage räumt „Heute“-Chefredakteur Christian Nusser „handwerkliche Fehler“ ein: Man hätte aufklären müssen, dass doch keine Maschinenpistolen gefunden worden sind, der Titel sei irreführend gewesen. Nusser betont, dass sein Blatt keinen Verdächtigen namentlich nannte, auch nicht abgekürzt, meint aber: „Das hätten wir sauberer hinkriegen müssen.“

Die Staatsanwaltschaft befindet nun darüber, ob sich der Verdacht auf „Vorbereitung eines Verbrechens durch Kernenergie, ionisierende Strahlen oder Sprengmittel“ erhärtet oder das Verfahren einzustellen ist. Zweiteres ist wahrscheinlich, denn Sprengstoff wurde keiner gefunden; die Bauteile, die zur Zündung einer Bombe dienen hätten können, stellten sich als Unterbodenbeleuchtung für Mopeds heraus.


Ich wäre lieber als Retter der Nation in der Zeitung statt als vermeintlicher Staatsfeind

Obwohl die Polizei entwarnte und einige Medien die Falschmeldung im Internet berichtigten, leben Khalil und Ahmed mit den Folgen der medialen Hysterie. Seit den „Heute“-Berichten und den FPÖ-Flugblättern wichen die Bewohner des Gemeindebaus vor den jungen Männern zurück. Die Syrerin von nebenan schaue zu Boden, wenn sie ihr am Gang begegnen. Nachbarn grüßten nicht mehr. In der Moschee fingen sie schiefe Blicke auf. Ahmed sagt, er habe seine Rezeptionistenstelle verloren.

Nimmt man eine deutsche Studie zu „Lebenswelten junger Muslime“ ernst, treiben Rechtspopulisten und Boulevardmedien mit ihrer Angstmache ein gefährliches Spiel. „Gruppenbezogene Diskriminierung“ begünstige Abschottung und Gewalt und untergrabe die demokratische Gesinnung, konstatieren die Autoren. Auch die beiden vermeintlichen Dschihadisten aus Wien wandeln auf einem schmalen Grat.

Khalil versucht sich damit zu trösten, dass ein Rapper selbst schlechte Werbung brauchen könne: „Aber ich wäre lieber als Retter der Nation in der Zeitung statt als vermeintlicher Staatsfeind.“ Und: Es gehe um „Anerkennung“.

Das sagen auch alle Experten für Deradikalisierung.

* Namen von der Redaktion geändert