Scharia-Import: Türkei, Saudi-Arabien und andere Golfstaaten sponsern Hunderte Vereine in Österreich

Scharia-Import: Türkei, Saudi-Arabien und andere Golfstaaten sponsern Hunderte Vereine in Österreich

Die Radikalisierung des Islam ist hausgemacht. Jahrzehntelang hat sich Österreich um seine Muslime nicht gekümmert. Jetzt werden Hunderte Moscheevereine und Imame von der Türkei und arabischen Ländern gesponsert.

Auf der Website des Islamischen Kulturzentrums in Graz ist über eine Webcam der Baufortschritt der neuen Moschee in Graz zu beobachten. Ein moderner grüner Kubus mit einem schlanken, stilisierten Minarett, das in die Nacht leuchtet, soll es werden. Noch steht nur der Rohbau, ohne Dach. Die bosniakischen Muslime sind überaus stolz darauf. Vor 20 Jahren noch waren sie eine kleine Gruppe, der Club der armen Bosnier, Kriegsflüchtlinge. Heute sind sie eine gewachsene Gemeinschaft mit 800 Familien aus allen Balkan-Staaten, die für ihre Moschee aus eigener Kraft eineinhalb Millionen Euro aufgebracht haben. Ein Privatmann aus den Vereinigten Arabischen Emiraten spendete eine halbe Million Euro. Doch das wird nicht reichen. Mit dem geplanten Bildungszentrum, einer Veranstaltungshalle und Geschäften sind Kosten von insgesamt acht Millionen Euro projektiert. Aus öffentlichen Mitteln sind vorerst keine Gelder zu erwarten.

Dem Selbstbewusstsein der bosnischen Gemeinde in Graz hat das Projekt mächtigen Auftrieb gegeben, vor allem nachdem zwei andere Moscheen in Graz unter Radikalenverdacht stehen. Eine davon ist die "Tawhid“, die von Tschetschenen und eben auch Bosniern frequentiert wird. Die Finanzierung des Islamischen Kulturzentrums verläuft transparent; radikale Prediger, für welche die Werte des Westens eine Sache des Teufels sind, haben hier wohl keine Chance. Zu sehr steht das Vorhaben im Blickpunkt der Öffentlichkeit.

"Dir gehört das Fleisch, mir die Knochen"
Ein ganz anderes Bild ergibt sich in manchen Bezirken in Wien, wo man an jeder Ecke auf ein Souterrain-Lokal mit fremdländischen Aufschriften stößt. Hier sind sie noch zu finden, die Clubs der armen Araber, Bosnier, Ägypter, Tschetschenen, Pakistani, Bangladeshi, Nigerianer - traurige Freizeitorte für muslimische Migranten und Flüchtlinge aus allen Teilen der Welt. Freitags zur Gebetszeit beginnen diese Vereine zu leben, und sonntags bringen verschleierte Frauen ihre Kinder in die Korankurse und übergeben sie dem Imam mit den Worten: "Dir gehört das Fleisch, mir die Knochen", was so viel bedeutet wie: Ein ungehorsames Kind darf geschlagen, aber nicht verletzt werden.

Österreichweit gibt es rund 450 muslimische Vereine, die meisten bieten auch religiöse Dienstleistungen an. Die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ) spricht von 250 Moscheevereinen, die Dunkelziffer ist weit höher. Viele Hinterhofmoscheen und Gebetsräume sind nur für Eingeweihte zu erkennen. Keine Behörde weiß, was dort geschieht - auch nicht die IGGiÖ.

Ein solches Kellerlokal in der Venediger Au im Zweiten Wiener Gemeindebezirk, das "Altun Alem“, steht seit geraumer Zeit unter staatspolizeilicher Beobachtung. Der dort praktizierende Imam stammt aus dem serbischen Sandzak und ist in regem Austausch mit salafistischen Predigern und ehemaligen Mudschaheddin-Kämpfern in Bosnien. Auf YouTube-Videos lehrt er die jungen Menschen, dass es die individuelle Pflicht eines Muslim sei, in den Dschihad zu ziehen, wenn ein islamischer Staat von Ungläubigen angegriffen werde. In diesem Fall müsse man nicht einmal die Eltern um Erlaubnis bitten, denn auch diese unterlägen dieser Pflicht, selbst Frauen. In "Altun-Alem“ soll sich ein junger Wiener radikalisiert haben, der sich nun in Syrien bei der Terrormiliz "Islamischer Staat“ befindet. Ein Jugendbetreuer erzählt, einmal sei ein Vater bei ihm gewesen, den er nur mit Mühe davon habe abhalten können, die Bude anzuzünden - vor Angst und Wut, dass diese Leute ihm seinen Sohn wegnehmen.

Nach dem Balkan-Krieg haben sich in Bosnien mit saudi-arabischen Spenden und der wahhabitischen Auslegung des Islam viele regelrechte Scharia-Dörfer entwickelt. Einer der Kontaktmänner des Imams in der "Altun-Alem“ wurde vor Kurzem bei einer Razzia in Bosnien-Herzegowina wegen Terrorverdachts verhaftet. Zuvor soll er in Norditalien versucht haben, junge Männer für Syrien zu rekrutieren. Vielleicht war er auch in Wien. Über Geldflüsse zwischen Wien und Bosnien gibt es nur Gerüchte.

Islamgesetz bekämpft nur ein Symptom
Das neue Islamgesetz soll nun die ausländische Finanzierung von Moscheevereinen, Imamen und Vorbetern eindämmen. Doch das kommt reichlich spät - und es bekämpft nur ein Symptom.

Der Islam ist heute nach der römisch-katholischen Kirche die zweitgrößte Religionsgemeinschaft des Landes. Ihre Religionslehrer an Schulen mit Öffentlichkeitsrecht, ihre Fachinspektoren, das religionspädagogische Institut an der Universität Wien und die Lehrer-Fortbildung werden von der Republik gezahlt. Doch das gilt für alle anerkannten Religionsgesellschaften. Darüber hinaus bezieht die Islamische Glaubensgemeinschaft aus staatlichen Töpfen keinen Cent - im Gegensatz zur Katholischen Kirche. Die römisch-katholische Religionsgemeinschaft wird pro Jahr aus Steuermitteln mit 53 Millionen Euro subventioniert.

Diese Bevorzugung hat historische Gründe. Sie geht zurück auf die Anti-Kirchenpolitik von Joseph II. und die Enteignung durch die Nationalsozialisten. Von den Entschädigungszahlungen für das erlittene Unrecht profitieren auch Protestanten, Altkatholiken und die Israelitische Kultusgemeinde (siehe Kasten).

Der Islam in Österreich hat eine andere Geschichte. An dem unkontrollierten Wildwuchs seiner Moscheevereine trägt er keine Schuld. Es ist ein Versäumnis der Vergangenheit, auch der IGGiÖ, dass heute salafistische Imame eine streng konservative Ausrichtung des Islam lehren, in privaten islamischen Kindergärten arabische Koransuren gedrillt werden und Jugendliche immer öfter in Moscheevereinen im Internet surfen, wo stets ein "Bruder“ zur Hand ist, der sie in das "richtige“ islamische Leben einführt. Diese Subkultur ist nicht verboten und von den Erwachsenen sogar oft gewünscht, weil sie glauben, ihre Halbwüchsigen würden auf diese Weise von Drogen und anderem jugendlichen Irrsinn ferngehalten - bis sie Sympathien für den IS entwickeln und sich über Nacht nach Syrien aufmachen.

Eine dem Salafismus nahestehende Moschee in Wien-Favoriten, die bei der IGGiÖ registriert ist, betreibt unter derselben Adresse einen Kindergarten, der auf seiner Website mit Arabisch und Koranstunden und einem kleinen Mädchen wirbt, das ein Kopftuch trägt. Die Einrichtung ist verlinkt mit einer islamischen Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht und einem islamischen Gymnasium. Als der deutsche Hassprediger Pierre Vogel vor einiger Zeit nach Wien kam, wurde er vom Betreiber der Einrichtung, Mohamed Ismail Suk, empfangen und durch den Kindergarten geführt.

Erste Moschee am Donaudamm
Es begann in den 1970er-Jahren. Muslimische Gastarbeiter aus der Türkei gründeten Clubs und Vereine, die einzigen Orte, wo sie sich in der Freizeit treffen konnten, ohne Geld ausgeben zu müssen. Die erste Moschee in Wien wurde mit Geldern aus Saudi-Arabien 1978 am Donaudamm eröffnet. Jahrzehntelang war der Leiter des Islamischen Zentrums ein Angehöriger der saudi-arabischen Botschaft. Einer der dortigen Imame wurde in einer Scharia-Schule in Medina ausgebildet. Die Muslim World Liga, eine NGO, die aus saudischen Geldern gespeist wird, hat dort großen Einfluss. Sie vergibt auch Stipendien für saudi-arabische Universitäten. Eine europäische Ausprägung des Islam wird man hier nicht erwarten können. Bei einem Sommerfest vor wenigen Monaten, das jedem Besucher offenstand, sah man fast nur langbärtige Männer in traditionellen Gewändern und keine einzige Frau ohne Kopftuch.

Ende der 1980er-Jahre trat die türkische Regierung mit ihrem Auslandsverein "ATIB“ auf den Plan. Der Dachverband "türkisch-islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich“ umfasst heute mehr als 60 Moscheevereine. Er beschäftigt 65 Imane, die direkt von der türkischen Religionsbehörde bezahlt und wohl auch von ihr kontrolliert werden. Vor allem ATIB ist vom neuen Islamgesetz betroffen, denn in Zukunft müssen Imame aus dem laufenden Budget der Vereine bezahlt werden. Zuwendungen von Privaten und Stiftungen sind dagegen weiterhin erlaubt. Die zweitgrößte türkische Organisation mit 50 Imamen ist die "Islamische Föderation“, die dem politischen Islam von "Milli Görüs“ nahesteht, einer Organisation, deren Tätigkeit in Deutschland als "integrationshemmend“ gilt und unter Beobachtung des Verfassungsschutzes steht. Weitere türkische Vereine sind die traditionell antisemitische "Gülen“-Bewegung, die "Union islamischer Kulturzentren“ sowie die "türkische Föderation“, besser bekannt als "Graue Wölfe“, politisch rechtsextrem, in der religiösen Ausrichtung sehr konservativ. All diese Vereine werden mehr oder weniger aus der Türkei bezahlt und haben sich in den vergangenen Jahren, parallel zur Entwicklung der AKP unter Recep Erdogan, zu einer orthodoxen Ausrichtung des Islam - in Einzelfällen sogar mit salafistischen Tendenzen - hin entwickelt. In der IGGiÖ stellen sie die stärkste Fraktion.

Neuerdings versucht die türkische Regierung, über die Etablierung von türkischen Predigerschulen in Österreich (die sogenannten Imam-Hatip-Schulen, in denen man ein türkisches Abschlusszeugnis erwirbt), ihren Einfluss auszuweiten.

Eine indirekte Steuerung des Islam in Österreich erfolgt auch über die Religionsbehörde in Bosnien-Herzegowina, die bosnische Rijaset, die zuletzt ebenfalls in eine konservativere Richtung gerückt ist. 90.000 Bosnier flüchteten in den 1990er-Jahren nach Österreich. Viele wurden durch den Krieg islamisiert. Der Dachverband der Bosnischen Vereine, die größte muslimische Vereinigung nach den türkischen Vereinen, entstand im Jahr 2012. Bei der Anstellung von Imamen sind die Vereine auf die Zustimmung der Rijaset angewiesen.

Generell haben die meisten Imame ihre Ausbildung, wenn nicht in der Türkei, in arabischen Ländern, an Universitäten in Saudi-Arabien oder Ägypten genossen. Eine anerkannte theologische Ausbildung, die einen europäischen Islam befördern könnte, steckt erst in den Kinderschuhen.

"Was soll man da machen?"
Auch die Muslimbruderschaft, die in vielen Ländern als terroristische Organisation gilt, hat in Österreich ihre Ableger. Der italienische Terror-Experte Lorenzo Vidino findet es problematisch, dass die Muslimbrüder in Österreich vom Staat unterstützt werden. Seiner Expertise nach hat die "Muslimische Jugend Österreichs“, die derzeit mit ihrer energiegeladenen eloquenten Vorsitzenden Dudu Kücükgöl gegen das neue Islamgesetz durch die Medien geistert, starke Verbindungen zu Menschen, die von den Muslimbrüdern beeinflusst sind. Auch einer der Topberater von Ägyptens Ex-Präsident Mohammed Mursi lebte lange Zeit in Graz.

"Die Muslimbruderschaft verfügt im Bundesgebiet über keine deklarierte Organisation, doch finden sich ihre Anhänger in zahlreichen Moscheen, islamischen Vereinen und Organisationen“, heißt es im Bericht des Verfassungsschutzes aus dem Jahr 2005; in späteren Berichten wird sie namentlich nicht mehr erwähnt. Offiziell bekennt sich freilich kaum jemand zur Muslimbruderschaft - nicht einmal Amir Zaidan, der vor Jahren in seinem Asylantragsverfahren in Deutschland anführte, dass er deren Gedankengut teile. Zaidan kam 2003 auf Einladung der IGGiÖ nach Österreich, nachdem er in Deutschland wegen seiner Kamel-Fatwa scharf kritisiert worden war. Die Fatwa besagte, dass eine Frau ohne Begleitung eines männlichen Verwandten nicht allein reisen dürfe, jedenfalls nicht weiter als eine Kamelkarawane von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zurücklege. Zaidan betreibt das "Islamologische Institut“ in Wien und ist in der Fortbildung für islamische Religionslehrer aktiv.

Der Verein "Islamische Liga der Kultur“, der österreichweit zehn Imame beschäftigt, steht ebenfalls den Muslimbrüdern nahe. Er kooperiert mit der "Islamischen Vereinigung Österreichs“. In einer ihrer Moscheen in der Praterstraße in Wien, eine von der IGGIö anerkannte Moschee, liegen Broschüren von Pierre Vogel auf.

"Was soll man da machen?“, sagte der Vorsitzende der IGGiÖ, Fuat Sanac, vor wenigen Wochen in einem profil-Interview auf die Frage, wie die Radikalisierung der Jugend zu bekämpfen sei. Angeblich hatte er dem Islam-Gesetz schon die Zustimmung erteilt, ehe er von seinen Leuten zurückgepfiffen wurde.