Stifte und Klöster haben viel Platz - aber nicht für Flüchtlinge

Stift Altenburg: Keine freien Zimmer für Flüchtlinge

Stift Altenburg: Keine freien Zimmer für Flüchtlinge

Die katholische Kirche ist die drittgrößte Immobilienbesitzerin des Landes. Doch Stifte und Klöster haben bisher kaum Flüchtlinge aufgenommen, meist mit fadenscheinigen Begründungen. Die öffentliche Kritik daran wird immer lauter – auch in der ÖVP.

„Wir sind kein leerstehendes Haus“, seufzt Abt Georg Wilfinger vom Benediktinerstift Melk: „Wir haben keinen Platz für Flüchtlinge. Soll ich sie etwa gar im Kaisersaal oder in der Bibliothek unterbringen?“

Im größten österreichischen Barockkloster, dessen Hauptachse sich über 320 Meter erstreckt, ist derzeit angeblich kein einziges Zimmer frei. Nach dem Bosnien-Krieg fanden dort noch 50 Flüchtlinge im ehemaligen Internat des Stiftgymnasiums Unterschlupf. Und jetzt: kein Platz. Nicht einmal in den Schulferien werden die Klassenzimmer zur Verfügung gestellt. „Kein Personal“, bedauert der Abt – und fügt eilig hinzu, dass das Stift Sozialprojekte in Rumänien, Sri Lanka und Afrika betreibe.

In Österreich hausen Asylwerber in Zelten und unter freiem Himmel.


Soll ich diese Menschen jetzt wegen der Flüchtlinge vor die Türe setzen? (Prior Erhard Rauch)

Auch im Salvatorianerkloster in der Wiener Innenstadt sind „alle Zimmer belegt oder längerfristig vermietet“, beteuert Ordens-Prior Erhard Rauch. Und: „Alle reden jetzt nur mehr von Flüchtlingen. Wir sind sozial tätig, kümmern uns um Obdachlose oder Alkoholiker. Soll ich diese Menschen jetzt wegen der Flüchtlinge vor die Türe setzen?“ Ordensgemeinschaften müssten sich zudem selbst finanzieren, sagt Rauch, da sie keinen Anteil von den Kirchenbeiträgen erhalten. Daher hätten die Salvatorianer ihre Wohnungen und Büros vermietet.

Wie sieht die Situation im Stift Göttweig in Niederösterreich aus, wo seit Herbst 2014 eine fünfköpfige Flüchtlingsfamilie aus Syrien lebt?

Derartige Erklärungen sind oft zu hören. Die katholische Kirche ist die drittgrößte Immobilienbesitzerin der Republik. Im „Klösterreich“ mit seinen derzeit 105 Frauenorden mit 3900 Ordensfrauen sowie 85 Männerorden mit 2000 Ordensmännern gibt es zwar ausgedehnte Latifundien und große Immobilien, aber die Aufnahmebereitschaft für Asylwerber hält sich in äußerst überschaubaren Grenzen. Wo bleibt die christliche Nächstenliebe?

Das fragte sich auch Innenministerin Johanna Mikl-Leitner und appellierte an Stifte und Klöster, sich verstärkt um die Aufnahme von Flüchtlingen zu kümmern. Der Ruf verhallte ungehört. Derzeit kann das Ministerium kein einziges Kloster als Asylquartier nutzen. Nur das Stift Klosterneuburg hat als neue Besitzerin der Magdeburg-Kaserne diese Liegenschaft kostenfrei zur Unterbringung von Asylwerbern zur Verfügung gestellt.

„Viel Potenzial nach oben“

Das sorgt zusehends für Unmut, gerade auch in der christlich-sozialen Volkspartei. Johann Rädler ist ÖVP-Integrationssprecher und Bürgermeister von Bad Erlach in Niederösterreich und hat sich schon oft über Absagen der Kirche geärgert, berichtet er: „Es gibt in unserer Region viele leerstehende Pfarrhöfe, aber das Stift Reichersberg als Eigentümer will dort keine Asylwerber unterbringen. Die Caritas und manche Pfarren leisten bei der Betreuung von Flüchtlingen vorbildliche Arbeit – aber bei den Klöstern sehe ich noch viel Potenzial nach oben.“

Selbst Papst Franziskus kritisierte bereits vor zwei Jahren die Umwandlung von leerstehenden Klöstern in Hotelanlagen für Touristen und rief dazu auf, stattdessen Flüchtlingen und anderen Bedürftigen Quartier in Klostertrakten zu geben: „Sie gehören nicht uns selbst, sie sind bestimmt für Christus, der in den Flüchtlingen lebt.“ Doch auch der dringende Appell des Kirchenoberhauptes blieb ohne Konsequenzen. Die Herbergssuche für Flüchtlinge endet oft an den Klostermauern.

„Sperrig gegenüber weltlichen Probleme“

Nun überlegen manche Politiker, der Hilfsbereitschaft der Kirche ein wenig nachzuhelfen. Die Zeit drängt: Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer hat versprochen, dass bis Ende Juli die Flüchtlingszelte, die derzeit auf einem Sportplatz der Linzer Polizei stehen, verschwinden müssen. Immerhin sind die Fotos von Zeltlagern auch Wahlkampfmunition für die FPÖ.

Auch deshalb bedauert der Linzer Bürgermeister Klaus Luger (SPÖ), dass Ordensgemeinschaften „sich so sperrig gegenüber weltlichen Probleme verhalten“. Allein im Raum Linz gebe es viele leerstehende Klöster und kirchliche Einrichtungen, die man zur Aufnahme von Flüchtlingen nützen sollte. Luger nennt als Beispiel das seit Jahren leerstehende Kapuzinerkloster in der Innenstadt. Auch im Priesterseminar Petrinum müsste es freie Kapazitäten geben, ebenso im nahen Stift St. Florian, das schon einige Flüchtlinge aufgenommen hat.

Erste Effekte zeitigt der anschwellende öffentliche Druck bereits: Die Vereinigung der Ordensgemeinschaften lässt immerhin einmal erheben, wie viele Plätze in ganz Österreich für Asylwerber angeboten werden können und wie viele schon von den Orden aufgenommen worden sind. Nach einer ersten Schätzung sind es derzeit einige Hundert Personen. Insgesamt könnten heuer bis zu 70.000 Asylwerber nach Österreich kommen.

Kardinal Christoph Schönborn rief vor einem Monat dazu auf, Flüchtlinge auch menschenwürdig aufzunehmen. Er fügte hinzu, oft würden Angebote von Klöstern und kirchlichen Einrichtungen gar nicht genützt, „weil die Bürgermeister nicht wollen“.
Aber auch im Erzbischöflichen Palais in Wien wohnt derzeit kein einziger Flüchtling. Der Dompfarrer von St. Stephan, Toni Faber, kündigte an, dass dafür bald eine im Eigentum der Kirche stehende Innenstadtwohnung angeboten werde.


Die Klöster können nicht alleine ein Problem lösen, wozu Politiker auf europäischer und nationaler Ebene nicht imstande waren (Vorsitzende der Frauenorden in Österreich, Beatrix Mayrhofer)

Dort, wo es freie Zimmer gäbe, legen sich manchmal die Behörden quer. So könnten im Kloster Gleink bei Steyr in Oberösterreich 100 Flüchtlinge zusätzlich aufgenommen werden. Aber dies scheiterte laut Caritas bislang am Widerstand der Behörden, weil gleich daneben ein weiteres Asylheim stehe. Ähnliches geschah in der Waldviertler Stadt Horn. Dort wurde zwar ein leerstehendes Altersheim für Asylwerber geöffnet. Das benachbarte, leere Canisiusheim bleibt aber gesperrt, um die Bezirksquote an hier wohnenden Asylwerbern nicht zu hoch ansteigen zu lassen.

Die Vorsitzende der Frauenorden in Österreich, Beatrix Mayrhofer, verweist auf die Hilfsbereitschaft vieler Ordensgemeinschaften. „Doch die Klöster können nicht alleine ein Problem lösen, wozu Politiker auf europäischer und nationaler Ebene nicht imstande waren.“ Oft würden Klöster, wie zuletzt ein Haus der Kreuzschwestern in Lauffen, wegen Abgelegenheit als Unterkunft abgelehnt.

Der Chef der Superiorenkonferenz über alle 85 Männerorden in Österreich, Abt Christian Haidinger, betont, die Klöster würden Hilfe „gern im Rahmen ihrer Möglichkeiten“ anbieten. Schließlich hätten seine Ordensbrüder, die Benediktiner, nach der Regel des Ordensgründers die Pflicht, jeden Gast „wie Christus“ aufzunehmen. Als Beispiele nennt er die Steyler Missionare in St. Gabriel bei Mödling, wo 130 Flüchtlinge, darunter viele unbegleitete Jugendliche, betreut werden. In der Steiermark habe das Stift Admont kürzlich ein ehemaliges Bundes-Erholungsheim gekauft, wo 70 Flüchtlinge unterkommen sollen.


Wir sind bis zum letzten Zimmer voll (Karl Wallner, Dekan der Theologie-Fakultät im Stift Heiligenkreuz)

In seinem Wohnsitz-Stift Altenburg, wo nur mehr zehn Mönche, die Hälfte über 70 Jahre alt, leben, gebe es aber keinen Platz für Asylsuchende. Die Räumlichkeiten würden für eine Ausstellung und Musikveranstaltungen genützt, und das Gästehaus mit 17 Zimmern sei auf Monate ausgebucht.

Gleiche Situation im Stift Heiligenkreuz im Wienerwald. „Wir sind bis zum letzten Zimmer voll“, sagt Pater Karl Wallner, Dekan der neuen Theologie-Fakultät im Stift. „Sogar unsere Studenten müssen vorerst in Containern wohnen.“

Im Stift Göttweig, wo derzeit 20 Mönche leben, ist seit acht Monaten eine syrische Flüchtlingsfamilie in einer eigens adaptierten Wohnung im Gästetrakt untergebracht. Die junge Frau, die mit zwei Kindern, Schwiegermutter und Tante über Kairo nach Österreich flüchten konnte, ist Christin und musste ihre Stadt nach heftigen Kämpfen sowie Anfeindungen durch muslimische Bewohner verlassen. Ihr Mann lebt noch in einem Flüchtlingslager im Libanon. Die Kinder besuchen die Volksschule im nahen Ort und sprechen schon gut Deutsch. Bald sollen sie in eine Wohnung des Stifts in Fürth umsiedeln. In die dann freie Wohnung soll eine neue Familie einziehen.

„Wir wollen keine Massenquartiere und sehen diese Familie auch als Bereicherung unserer Gemeinschaft“, erklärt Pater Maximilian Krenn. „Dass sie Christen sind, war ein Zufall. Wir nehmen natürlich auch Muslime auf.“ Nach dem Balkankrieg lebten über 40 Flüchtlinge im Stift, einige arbeiten noch heute hier. Doch diese Quartiere wurden später in ein Jugendgästehaus umgebaut. Würden dort Flüchtlinge einziehen, müsste das Stift mehrere Jugendgruppen wieder ausladen, womit ein Schwerpunkt der Stiftsarbeit wegfiele.

„Mit Gottes Hilfe wird das Unmögliche möglich“

Anderthalb Autostunden entfernt steht das Stift Kremsmünster in Oberösterreich. Hier leben seit fast zwei Jahren zehn Flüchtlinge aus Afghanistan. Zunächst heißt es auch hier, dass es keinen Platz für weitere Asylwerber gebe. Aber kurz darauf erklärt ein Mitarbeiter des Stifts, dass im riesigen Gebäudekomplex nun doch weitere Räumlichkeiten zur Unterbringung von Asylwerbern adaptiert werden sollen. Wie viele Plätze angeboten werden können, stehe noch nicht fest.

Eine profil-Umfrage in weiteren Klöstern und Stiften in anderen Bundesländern ergab ein durchgehendes Muster: zaudern, zögern, abwarten, auf voll belegte Zimmer verweisen.
Immerhin: Auf den wachsenden Druck, mehr Flüchtlingsquartiere anzubieten, reagierten nun die Verantwortlichen der Männer- und Frauenorden mit einem gemeinsamen Brief an alle Ordensgemeinschaften mit der Bitte, Aufnahmekapazitäten zu melden. In jeder Diözese ist dazu ein Koordinator eingesetzt worden. Wörtlich heißt es in dem Brief: „Wir wissen auch: Mit Gottes Hilfe wird das Unmögliche möglich.“

Vom ältesten Frauenkloster Österreichs, dem Benediktinerinnenstift auf dem Salzburger Nonnberg, wird trotzdem keine konkrete Antwort auf den Brief kommen. Schwester Veronika zieht es vor, das Schweigegebot einzuhalten – und sagt lediglich: „Wir tun, was wir können. Aber nicht in der Öffentlichkeit."