Chimamanda Ngozi Adichie schrieb darüber einen Roman, der um die Welt ging und in Dutzende Sprachen übersetzt wurde, auch ins Deutsche. Der Titel ist in allen Sprachen derselbe: „Americanah“, so nennt man in Nigeria eine Frau, die in den USA gelebt hat und wieder in ihre Heimat zurückkehrt. Die weibliche Hauptfigur des Romans tut genau das. Chimamanda Ngozi Adichie selbst hat den USA hingegen nie den Rücken gekehrt. In einem Interview mit „Africa Web TV“ sagte sie: „Amerika ist meine zweite Heimat.“ Die nigerianisch-amerikanische Schriftstellerin erklärt auch, wie sich diese Zuneigung derzeit anfühlt: „So, wie man sich wegen etwas, das einem wichtig ist, Sorgen macht, weil es gerade zerbröckelt.“
„Ich bewundere das System der USA“
Auch Bombay, heute Mumbai, im Jahr 1947, war den USA sehr fern. Hier, im damaligen Britisch-Indien, kam Salman Rushdie zur Welt, auch er ein später hochdekorierter Bestseller-Literat. Gejagt von potenziellen Attentätern im Auftrag des iranischen Mullah-Regimes, das den Autor des 1988 erschienenen Romans „Die satanischen Verse“ wegen angeblicher Lästerung des Propheten Mohammed in einer islamischen Fatwa zur Tötung freigab, immigrierte Rushdie schließlich in die USA. Hier lebt er bis heute, trotz eines Messerattentats in Chautauqua im Bundesstaat New York im Jahr 2022, bei dem er lebensgefährlich verletzt wurde.
2025 erklärte Rushdie in der Talk-Sendung „Amanpour&Co“ des US-Senders PBS, warum ihn Amerika anzog, und er nannte als Erstes das „First Amendment“, den Ersten Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung. Dieser garantiert die Freiheiten der Rede, der Religion, der Presse und die Versammlungsfreiheit. Er bewundere das System der USA, sagte Rushdie, und er zitierte lächelnd einen Begriff aus der Unabhängigkeitserklärung von 1776. Darin heißt es, dass „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ („Life, Liberty and the Pursuit of Happiness“) unveräußerliche Rechte jedes Menschen seien, die von der Regierung geschützt werden müssten. Die Tatsache, dass den Amerikanern das Recht zugesprochen werde, nach Glück zu streben, sei „eine schöne Sache“, meinte Rushdie, und er fügte hinzu: „Es gibt viele Dinge in der Gründungsgeschichte der USA, die ich bewundere.“
Weder Adichie noch Rushdie – beide unbeugsame Kämpfer für die Redefreiheit – braucht man darüber aufzuklären, dass die Idealvorstellungen der Vereinigten Staaten von Amerika, wie sie in deren Gründungsdokumenten festgeschrieben sind, nie erreicht wurden. Der schlimmste Verstoß dagegen stand bereits am Anfang wie ein alles überschattendes Mahnmal gegen die eigene Mission: die Sklaverei. Mehr als eine halbe Million Afrikaner lebten als Leibeigene, die unbezahlt vor allem auf Plantagen schuften mussten, während in den „Declaration of Rights“ mehrerer Bundesstaaten feierlich festgehalten wurde, dass „alle Männer frei und gleich an Rechten geboren werden“.
Und doch. Mit der Unabhängigkeitserklärung wurden drei politische Ideen in Stein gemeißelt: politische Gleichheit, naturgegebene Rechte und die Souveränität des Volkes anstelle der eines Monarchen. Thomas Jefferson, der wichtigste Autor der Unabhängigkeitserklärung, selbst ein Sklavenhalter und 3. US-Präsident, nannte sie „these truths“ – diese Wahrheiten. Dies ist auch der Titel der maßgeblichen Abhandlung über die Geschichte der Vereinigten Staaten von der preisgekrönten US-Historikerin Jill Lepore aus dem Jahr 2018. In „Diese Wahrheiten“ geht sie der Frage nach, die Alexander Hamilton, ein weiterer Gründervater der USA, stellte: „Sind menschliche Gesellschaften wirklich dazu fähig, eine gute politische Ordnung auf der Grundlage vernünftiger Überlegung und freier Entscheidung einzurichten, oder sind sie für immer dazu verurteilt, bei der Festlegung ihrer politischen Verfassung von Zufall und Gewalt abhängig zu sein?“ Diese Frage aus dem Ende des 18. Jahrhunderts sei heute nicht weniger relevant als damals, meint Lepore in der Einleitung zu ihrem Buch.
In den 250 Jahren Geschichte jenes Staates, der als Zusammenschluss von 13 Kolonien begann, sich von da quer über den Kontinent ausdehnte und schließlich zur einzigen globalen Supermacht werden sollte, finden sich schreckliche Ereignisse und abstoßende Entwicklungen ebenso wie heldenhafte Momente und begeisternder Fortschritt. Eine objektive Bilanz über das Gelingen des amerikanischen Anspruchs zu ziehen, ist aussichtslos.
Dennoch unbestritten bleibt die Tatsache, dass der Blick vieler, die nach Freiheit strebten, in den zweieinhalb Jahrhunderten immer wieder auf die USA gerichtet war. Oftmals wurden die Hoffnungen enttäuscht, aber nicht so oft, dass die Marke der USA als „Leader of the Free World“ endgültig ruiniert wäre. Die amerikanischen Werte wurden und werden als universell gültig angesehen. In der Unabhängigkeitserklärung und der Bill of Rights, den ersten zehn Zusatzartikeln zur Verfassung, ist alles festgehalten, was man für den Freiheitskampf gegen eine autoritäre Regierung benötigt – auch gegen die der USA.
Die autoritären, verfassungsfeindlichen Tendenzen der aktuellen Präsidentschaft von Donald Trump sind der beste Beweis dafür, wie unverändert wirkmächtig das auf Basis von „vernünftiger Überlegung und freier Entscheidung“ (Alexander Hamilton) geschaffene Fundament der Vereinigten Staaten ist. Trumps Erlass, den in den USA geborenen Kindern illegaler Einwanderer das Recht auf die US-Staatsbürgerschaft vorzuenthalten, wurde in dieser Woche vor dem Obersten Gericht für ungültig erklärt. Trump scheiterte, obwohl ihm die Mehrheit des Richterkollegiums politisch nahesteht.
Das soll nichts beschönigen. Rechte von Einwanderern werden dieser Tage im Land of the Free mit Füßen getreten. Aber im Kampf gegen die Entrechtung stehen drei mächtige Institutionen an der Seite der Schwachen: Bürgerrechtsorganisationen wie die „American Civil Liberties Union“ (ACLU), die 1920 gegründet wurde, als die damalige Regierung (vermeintliche) Kommunisten im Land jagte; Gerichte, die sich Trumps Missachtung der Grundrechte auf ein faires Verfahren entgegenstellen; und schließlich: die öffentliche Meinung. Auch wenn es angesichts des anhaltenden Furors der Regierung gegen Migranten kaum auffällt, aber die Stimmung gegenüber Immigration hat sich bereits wieder gedreht. In einer repräsentativen Umfrage des Gallup-Instituts sagen erstaunliche 79 Prozent der Befragten, Immigration sei „eine gute Sache für das Land“. Selbst unter Republikanern sank der Wunsch nach weniger Einwanderung um 40 Prozentpunkte auf jetzt 48 Prozent.
Irrwege zu erkennen und – bald? – zu korrigieren, wäre ein Beleg dafür, dass die Frage, ob sich das Volk der USA vernünftig selbst regieren kann, mit ja zu beantworten ist. Phasen eklatanter Unvernunft und illiberaler Anwandlungen eines Möchtegern-Königs müssen zeitlich begrenzte Ausnahmen bleiben.
Die USA zu lieben, entspringt weder Nostalgie noch vagen Illusionen, sondern der Überzeugung, dass auch ein Donald Trump das Wesen Amerikas nicht ruinieren kann. Aus diesem Grund machen Leute wie Chimamanda Ngozi Adichie, Salman Rushdie und Millionen Namenloser die USA zu ihrer Wahlheimat. Sie wissen, dass es sich lohnt, für „diese Wahrheiten“ zu kämpfen. (Was fünf österreichische Persönlichkeiten aus der Kultur über die USA sagen, lesen Sie hier)
Und noch was: D-Day. Walt Whitman. Hollywood. Rosa Parks. Unerschütterlicher Fortschrittsglaube. Sitting Bull. Coca-Cola. Eleanor Roosevelt. Entrepreneurship ohne Netz. Madonna. Optimismus als Treibstoff. Bob Dylan. Das Internet. Fröhlicher Patriotismus. Martin Luther King. Ellis Island. Georgia O’Keeffe. Der Grand Canyon. Billie Eilish. Apollo 11. Yes We Can. American Football. L-O-V-E.